Sechstes Kapitel.
Festliche Tage.

[181] Übergang. Mit einer Geschwindigkeit, als hätten die Dinge nur darauf gewartet, war mir eine Fülle neuer Betätigungen nach meinem Herzen, nämlich freiwillig und gern getane Arbeit am Kulturfortschritt nach dem Verzicht auf das akademische Amt entstanden, deren erste Fäden allerdings zum Teil noch während der Amtszeit angesponnen waren. Aber ich hätte mich keinenfalls an ihnen so weit in die Sachen selbst hineinziehen lassen können, wie das nun durch meine Freiheit ermöglicht war.

Es muß gleich bemerkt werden, daß die in den letzten Kapiteln erzählten Dinge keineswegs die einzigen derartigen waren; von den wichtigsten anderen wird hernach berichtet werden. Jedenfalls fand ich nun in Groß-Bothen meine Tage ebenso reich mit willkommener Arbeit ausgefüllt, wie seinerzeit in Dorpat, Riga und Leipzig.

Aber es war nicht Arbeit allein, was meine Tage füllte. Getreu Goethes »Zauberwort«: saure Wochen, frohe Feste wurde die Arbeit (die mir übrigens in Groß-Bothen nie sauer geworden ist) häufig genug durch Ereignisse festlicher Art unterbrochen, zu welcher jene Betätigungen Anlaß gaben. Da ich mit Goethe in der Vereinigung beider das Geheimnis dauernden Glücks sehe, so darf in einem Bericht über meinen Lebenslauf auch der zweite, kleinere Teil nicht fehlen.

[182] Theorie der Ehre. Von Orden und Titeln, die im Verlauf meiner wissenschaftlichen Amtsjahre nach Maßgabe des Dienstalters an mich gelangten, gedenke ich nicht zu berichten. Ebensowenig von anderen Orden, die mir wegen außeramtlicher Bemühungen ins Knopfloch oder an den Hals geflogen sind. Denn diese Dinge stehen nicht in unmittelbarem Verhältnis zu den wirklichen Leistungen des Beglückten, wie ich denn selbst durch allzu freiheitliche Betätigung meiner staatsbürgerlichen Rechte als Leipziger Professor mir eine merkliche Verzögerung dieses Glanzes zugezogen hatte. Anders steht es aber mit wissenschaftlichen Ehrungen. Wenn auch hier Zufall und äußere Beziehungen eine gewisse Rolle spielen, so beruhen sie doch in der Hauptsache auf dem unmittelbaren Urteile der sachverständigen Zeitgenossen und stellen einen wirklichen Wert dar.

Es ist vielfach üblich, die Freude an solchen Dingen als Eitelkeit zu verurteilen. Mancher ausgezeichnete Forscher empfindet eine unüberwindliche Abneigung gegen den persönlichen Empfang von öffentlichem Dank und Lob und vermeidet ängstlich solche Gelegenheiten. Es gibt eben eine Lobangst, wie es eine Platzangst gibt. In den meisten Fällen aber erwecken Erlebnisse dieser Art überaus angenehme Gefühle, und ich selbst gehöre zweifellos in diese Mehrheit.

Und wenn man die Frage genauer überlegt, so wird man diese Freude wohlbegründet finden. Es liegt hier ein Fall biologischer Gesetzlichkeit vor, die man nur zu verstehen braucht, um sie anzuerkennen. Alle Lebensnotwendigkeiten müssen sich bei jedem Wesen zum Lebensglück entwickeln, wenn dieses Wesen Bestand haben soll. Ein Tier, das Abscheu vor dem Fressen hat, geht notwendig zugrunde. Und mit den Angelegenheiten der Fortpflanzung haben sich, weil sie andererseits oft schwere Opfer bedingen, ungewöhnlich[183] starke Glücksgefühle verbinden müssen, um die Dauer der Geschlechter zu sichern.

In diese Gruppe gehört auch das Arbeitsglück, dessen biologische Entstehung unter unseren Augen erfolgt. Im ersten Buche Mosis lautet der Fluch, der über den ungehorsamen Adam ausgesprochen wird, nachdem er aus dem Paradiese des Nichtstuns vertrieben war: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! Hier wird also noch die Arbeit als das schlimmste Übel angesehen, das zur Strafe über die sündige Menschheit verhängt werden kann. Mich selbst und Millionen der Besten mit mir hätte umgekehrt kein härterer Fluch treffen können, als wenn man die Arbeit und ihr Glück aus unserem Leben fortgenommen hätte. Noch heute können wir bei Wilden und Barbaren beobachten, daß sie bezüglich der Arbeit ganz auf dem biblischen Standpunkt stehen. Und auch die unentwickelteren Angehörigen der Europäischen Kultur haben sich über diesen Standpunkt nicht wesentlich erhoben. Aber je höher der Einzelne innerlich und sozial entwickelt ist, um so stärker ist bei ihm die Fähigkeit zum Arbeitsglück vorhanden. Und man kann nicht ganz die Frage unterdrücken, wie die Menschen künftig einmal dies Bedürfnis befriedigen werden, wenn der Fortschritt der Technik die notwendigen Arbeiten zunehmend vermindern wird. Voraussichtlich wird auch hier die Wissenschaft hilfreich eintreten, deren Aufgaben unerschöpflich sind. Und für die Anderen bleibt das Spiel (im weitesten Sinne) übrig.

Zu den Lebensnotwendigkeiten, die als Lebensglück empfunden werden, gehört nun auch die soziale Anerkennung durch den Kreis der Menschen, innerhalb dessen sich das Leben des Einzelnen abspielt oder die Ehre im weitesten Sinne. Wenn man das angestrengte Leben einer Dame der Gesellschaft beobachtet, welche die gesellschaftlichen Verpflichtungen als so imperative[184] Forderungen empfindet, daß sie ihnen Ruhe und Behagen, große Stücke von Mutter- und Eheglück und noch manches andere ohne Zögern opfert, so muß man fragen, welches wohl die übermäßige Gewalt sein mag, die solche starke und weitverbreitete Wirkungen hervorbringt. Ich habe nichts entdecken können, als das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Auf welchem Felde diese gesucht wird, hängt natürlich von der geistigen und ethischen Höhe des einzelnen Menschen, sehr stark ferner von der Umwelt ab, in der er sich befindet, oder die er aufsucht. Zweifellos aber handelt es sich um einen der stärksten Triebe, von denen die heutige Menschheit bewegt wird.

Daß die soziale Anerkennung oder die Ehre eine Lebensnotwendigkeit ist, braucht nicht im einzelnen dargelegt zu werden. Unser ganzes Dasein ist auf Funktionsteilung aufgebaut und die erste Voraussetzung für Leben und Gedeihen jeder Zelle in dem verwickelten Organismus der Gesellschaft ist, daß sie ihren Lebensraum zwischen den anderen Zellen findet und von ihnen nicht unterdrückt, sondern mindestens auf dem Fuße der Gleichheit womöglich aber besonders gut behandelt wird. So ist es denn auch natürlichp, ja unvermeidlich, daß diese Notwendigkeit sich zum Lebensglück entwickelt, so wunderliche Formen das Streben nach diesem auch annehmen mag. Denn von Wunderlichkeiten sind auch Arbeit, Liebe und Hunger, die anderen großen Elemente der Lebensfreude keineswegs frei. Namentlich die Liebe nicht. Vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt ist das Bedürfnis der Ehre und das Glück darüber in der Dreiheit Hunger, Liebe und Ehre das letzte und daher das oberste Glied. Das erste und niedrigste Bedürfnis und Glück ist die Befriedigung des Hungers, denn sie bezieht sich unmittelbar auf das Einzelwesen. Die Liebe steht eine Stufe höher, denn sie hat bereits das Dasein der Gattung zum Zweck. Zur Entwicklung der Ehre[185] gehört aber mehr als der Einzelne und seine Nachkommen, denn sie ist ein Erzeugnis der gesellschaftlichen Verbindung einer Anzahl Einzelwesen und Familien. Tatsächlich findet sich das Bedürfnis nach sozialer Auszeichnung alsbald ein, nachdem die Gruppenbildung sich vollzogen hat, so daß sie auch bei primitiven Völkern nicht fehlt.

Was die Arbeit anlangt, so muß sie als ein Seitenzweig der Kultur angesehen werden, der sich dort entwickelt hat, wo nicht wie auf gewissen Tropeninseln die Natur dem Menschen seine Bedürfnisse ohne Arbeit liefert. Demgemäß wächst die Arbeitsnotwendigkeit und daher auch das Arbeitsglück mit der geographischen Breite. Die Tropenbewohner haben am wenigsten davon und selbst in verhältnismäßig kleinen Gebieten ist die nördliche Bevölkerung arbeitslustiger, als die südliche, wie man dies beim Vergleich der Süd- und Norddeutschen, der Süd- und Norditaliener, der Engländer und Schotten beobachten kann.

Und so will ich auch mir selbst die Rückblicksfreude nicht versagen, über Anerkennungen von sachverständiger Seite zu berichten, wie ich das schon früher reichlich getan habe. Vielleicht dient die vorausgegangene theoretische Erläuterung und das nachfolgende Beispiel dazu, bei diesem und jenem Schicksals- und Freudengenossen die inneren Widerstände gegen die Hingabe an solche Glücksgefühle zu beseitigen, falls er sich bisher durch das übliche Falschurteil darüber in ihrem Genusse hat stören lassen.

Natürlich ist eine solche allgemeine und tiefbegründete Sache auch von mannigfaltiger praktischer Bedeutung. Um nur ein Beispiel zu geben: wenn ich unter dem Schreiben dieses dritten Bandes fürchte, bei der Erörterung trockenerer Dinge nüchtern und langweilig zu werden, so blättere ich in der Sammlung freundlicher[186] Urteile über die beiden ersten Bände, die ich der Sorgfalt meines Verlegers verdanke, und gewinne daraus regelmäßig eine solche Erheiterung, daß deren Schimmer alsbald auf mein Schreibpapier fällt und auch auf den Inhalt ein bischen Sonne gelangen läßt.

Auf Liebigs Spuren. An der neuen Universität in Liverpool war ein neues Institut für physikalische Chemie gegründet und einem meiner früheren Schüler zur Verwaltung anvertraut worden. Zur Eröffnung der Anstalt wurde ich eingeladen, und um mich zur Reise williger zu machen (was kaum nötig war), wurde mitgeteilt, daß die Universität mich bei dieser Gelegenheit zum Ehrendoktor zu promovieren wünsche.

Die Mittel zur Errichtung des Instituts waren von einem reichen Industriellen namens Muspratt hergegeben worden, der mir auch gastfreundliche Aufnahme in seinem Hause anbot. Ich nahm beide Einladungen gern an.

Der Name Muspratt ist in Deutschland wohl bekannt durch ein ausführliches Lehrbuch der technischen Chemie, das um 1854 erschienen war. Es war in Englischer Sprache geschrieben und schilderte fast nur Englische Methoden. Da aber damals die chemische Großindustrie fast allein dort ausgeübt wurde, war es vollständig genug. Deutsch wurde es alsbald von F. Stohmann herausgegeben, der später in Leipzig mein Kollege wurde und von diesem zu einem ausgedehnten Sammelwerk entwickelt, dem die älteren Chemiker ihre technische Bildung verdankten. Muspratt war in Gießen Liebigs Schüler gewesen, gründete dann eine Chemieschule in Liverpool, die er auch leitete und entwickelte gleichzeitig eine erfolgreiche Fabrikation von Schwefelsäure, Soda und Chlorkalk.

Als Liebig daran ging, die Ergebnisse seiner Entdeckungen über die unorganischen Nährstoffe der Pflanzen[187] wirtschaftlich durch Herstellung eines Mineraldüngers zu verwerten (Kunstmist nannten ihn die Holländer in ihrer drolligen Sprache), zeigte sich Muspratt willig, die Herstellung im Großen zu unternehmen. Liebig hat deshalb wiederholt bei Muspratt gewohnt. Dieser war 1871 gestorben und der Stifter des neuen Instituts war sein Sohn, der in seinem prachtvollen Hause außerhalb der Stadt pietätvoll die Andenken an den großen Freund seines Vaters aufbewahrte. Er zeigte Neigung, sein Verhältnis zu mir ähnlich aufzufassen und kam mir in wärmster Weise entgegen.

Er war ein magerer, etwas kränklich aussehender Mann, dessen Gesicht und Gebahren viel mehr an den Gelehrten gemahnte, als an den Großindustriellen. An seiner Person trieb er keinen Luxus. Er war unausgesetzt tätig, soweit ihm dies seine Kräfte erlaubten: ein weiteres Beispiel für jene erfreulichen Reichen, die es sich sauer werden lassen, reich zu sein. Mit den mir geläufigen Typen des Engländers hatte er keine Ähnlichkeit; am ehesten noch mit W. Ramsay. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen und habe ihn auch bei späterer Anwesenheit in England besucht. Er war vielleicht zehn Jahre älter als ich. Seine Frau war schwer beweglich und machte einen gütig-liebevollen Eindruck.

Die Promotion war auf den Jahrestag der Universität gelegt worden, der festlich begangen wurde; außer mir wurden noch einige Andere promoviert. Die Handlung vollzog sich ganz ähnlich, wie ich sie in Cambridge erfahren hatte. Auch damals waren auf der Galerie des Saals zahlreiche Studenten versammelt; sie hatten sich aber still verhalten. Hier beteiligten sie sich sehr hörbar an der Feier, indem sie die unten vorgenommenen Handlungen mit lauten Zurufen begleiteten. Man erklärte mir, das sei ein altes Studentenrecht und es bestehe ein großer Ehrgeiz, wer die witzigsten Schnödigkeiten zu[188] sagen wisse. Meine Person war ihnen wohl zu unbekannt für diese Übung; sie begnügten sich, mein Erscheinen vor dem Rektor zu beklatschen.

Von den zahlreichen Bekanntschaften, die ich machte, erinnere ich mich genauer an Colin Roß, den Erforscher der Malaria. Er legte mir dar, daß die blonden nordischen Rassen der Ansteckung viel stärker ausgesetzt seien, als die dunkelhaarigen Südländer und erklärte daraus den Niedergang sowohl der Griechen wie der Römer im Altertum. Die eigentlichen geistigen Führer seien blonde Langköpfe gewesen, die in vorgeschichtlicher Zeit ähnlich den Normannen von Norden her das Land erobert und die dunklen Einwohner unterworfen hätten. Diese Geschlechter seien aber im Laufe der Zeit durch Malaria vermindert und zum Aussterben gebracht worden, und übrig geblieben seien nur die Abkömmlinge der dunklen Ureinwohner sowie spätere dunkle Zugezogene, die weder zur Schaffung noch zur Aufrechterhaltung der Kultur fähig gewesen seien.

Um mir eine Anschauung von der Englischen chemischen Industrie zu geben, wurde ich nach Widnes geführt, einem in der Nähe belegenen Fabrikort, der so schwarz und schmutzig aussah, wie man sich das kaum vorstellen kann; es war außerdem ein trüber Tag voll Nebel. Die Anlagen, in denen Soda nach Leblanc hergestellt wurde, muteten mich merkwürdig vertraut an. Schließlich entdeckte ich, daß es die Bilder waren, die ich aus dem Lehrbuch der Chemie von Roscoe mir schon vor vielen Jahren eingeprägt hatte. Was ich sah, waren die Originale jener Bilder; die Einrichtungen hatten sich in den letzten zwanzig Jahren anscheinend nicht geändert. Auf meine Frage gab man mir die Auskunft, daß tatsächlich die alten Betriebe gegenüber der Solvay-Soda unrentabel geworden seien, doch würden sie aus kaufmännischen Gründen noch aufrecht erhalten. Ich[189] empfand hier den Gegensatz zwischen dem fortschrittlichen Deutschland und dem konservativen England sehr deutlich.

Aberdeen. Eine ähnliche Veranlassung führte mich nach der im Norden Schottlands belegenen Universität Aberdeen. Hier fand eine Feier der Begründung der eigentlichen Universität vor 50 Jahren aus den zwei bis dahin unverbunden gewesenen Colleges statt, wobei wieder eine Anzahl Ehrendoktoren kreiert wurden. Mir war zur Abwechslung statt des Doktors der (Natur-) Wissenschaften der juristische zugedacht. Die Schwesteruniversitäten auf dem Kontinent waren reichlich eingeladen worden, und ich hatte meinen Spaß an der kuriosen mittelalterlichen Aufmachung, in welcher die Kollegen von der Sorbonne (Paris) erschienen.

Sehr lehrreich war aus der Geschichte der Universität folgendes Ereignis: Bei der Vereinigung der bisherigen zwei Colleges wurden notwendig eine Anzahl Professoren abgebaut, um Doppelbesetzungen zu vermeiden. Unter denen, welche damals als entbehrlich entfernt wurden, befand sich auch der junge J.C. Maxwell, der bald hernach sich als einer der größten Physiker Englands und seiner Zeit erweisen sollte.

Zur Erhöhung des Glanzes der Feier hatte auch der König Edward VII. sein Erscheinen zugesagt. Zu seinem Empfang war eine Ehrenpforte aufgebaut und die Straße war reich geschmückt. So prangte auch mit Riesenbuchstaben ein Plakat: Willkommen dem König und der Königin. Im letzten Augenblick bemerkte man, daß es auf dem Gitter eines kleinen Kirchhofs angebracht war.

Um das Königspaar zu sehen, wurden die Gäste in einem großen Hof versammelt, der von einer Estrade begrenzt war. Hier erschienen beide Majestäten und ihnen wurde ein vielfach verkrüppelter Mann entgegengetragen.[190] Er hatte unter Opferung seiner Glieder eine Anzahl Menschen aus Todesgefahr gerettet und der König heftete ihm persönlich die Ehrenmedaille dafür an. Eine Feierlichkeit, die zur Universität in näherer Beziehung stand, wurde nicht vorgenommen, wenigstens wurden wir zu keiner hinzugezogen. Auch hier konnte ich einen starken Gegensatz zu Deutschland erkennen: Wissenschaft stand dort bei den maßgebenden Regierungsmännern sehr niedrig im Kurse, während sie bei uns hoch geehrt wird, wie es recht ist.

Eine Fahrt auf ein schönes Landgut in der Nähe zeigte uns schottisches Leben. Es gab allerlei Erinnerungen an Walter Scott und wir konnten einen nationalen Schwertertanz bewundern, der von einigen Schotten in ihrer alten Tracht zum Dudelsack getanzt wurde. Schon vorher waren wir bei einem Festessen mit diesem Nationalinstrument bekannt gemacht worden und hatten erkennen können, daß es den Erzeugern ausgezeichnet gelungen war, ihm einen so lauten Ton zu geben, daß er auch durch das heftigste Schlachtgetümmel (natürlich in der Zeit vor dem Schießpulver) hörbar bleiben konnte.

Bei dieser Gelegenheit traf ich auch einige Vertreter der Universität Toronto in Kanada. Sie überreichten mir das Doktordiplom ihrer Anstalt und den seidenen Bettelsack (hood) in ihren Farben und teilten mir mit, daß ausnahmsweise mein früherer Besuch (II, 406) als Äquivalentfür den persönlichen Empfang der Promotion angerechnet worden sei. Da es sich wieder in erster Linie um eine Anerkennung für die erfolgreiche Einführung der physikalischen Chemie an jener Universität durch zwei meiner Schüler handelte, so nahm ich die Auszeichnung mit freudigem Dank entgegen.

Genf. Wiederum eine Ehrenpromotion führte mich 1909 nach Genf, wo gleichfalls eine Jahrhundertfeier[191] (350 Jahre) stattfand. Hier war Freund Ph. A. Guye die treibende Kraft gewesen. Ich hatte die Stadt und den schönen See noch nicht gesehen und ging gern dahin. Ohnedies hatte ich noch eine andere Beziehung, die ich gern aus dem Brieflichen in das Persönliche übersetzen wollte. Bei meinem Studien über die großen Männer war ich auf einen Vorgänger von größter Bedeutung gestoßen, Alphonse de Candolle von Genf. Ich hatte sein Buch darüber ins Deutsche übersetzt und als zweiten Band der Reihe »Große Männer« herausgegeben, die inzwischen um eine Anzahl weiterer Bände vermehrt worden ist. Um die Erlaubnis dazu hatte ich mich an seinen Sohn Casimir de Candolle gewendet, der die Tradition der Familie, die schon zwei sehr hervorragende Botaniker hervorgebracht hatte, fortsetzte und das wissenschaftliche Erbe gewissenhaftest verwaltete. Er war gern einverstanden gewesen und hatte auf jede Entschädigung verzichtet.

Als ich ihn in seiner Wohnung aufsuchte, fand ich einen ziemlich alten, kleinen, mageren Herrn mit blassem Gesicht und Haar, anscheinend von kränklicher Natur, doch lebhaft und überaus freundlich und entgegenkommend. Auch die vierte Generation war durch einen erwachsenen Sohn vertreten, der dem Vater ähnlich sah. Sie wohnten in dem alten Familienhause am Petersplatz und zeigten mir ein Fenster, welches ein Ahne ganz gegen die architektonische Symmetrie hatte anbringen lassen, um rechtzeitig zu erkennen, wann die unruhigen Genfer wieder einmal Revolution machten.

Das ganze Haus war in den Dienst des vom Großvater Augustin-Pyramus de Candolle begründeten Herbariums mit zugehöriger Bücherei gestellt worden und der jedesmalige Besitzer sah es als seine Pflicht an, es als einen Mittelpunkt der beschreibenden Botanik zu erhalten. Es stand jedem Wissenschafter offen, der die vorhandenen[192] Forschungsmittel für seine Arbeit benutzen wollte. Mit aufrichtigem Denk für reiche Belehrung schied ich von diesem lebendigen Stück Wissenschaftsgeschichte.

Natürlich besuchte ich auch Guye und sah mir sein Laboratorium an, das ganz eigenartig war. Es wurden dort Atomgewichtsbestimmungen mit Hilfe von Gaswägungen gemacht: ein äußerst schwieriges Verfahren, das in diesem Maßstabe sonst nirgend ausgeführt wurde und unter Guyes geschickten Händen sehr gute Resultate gab.

Vom Promotionsakt ist mir nichts im Gedächtnis geblieben. Vermutlich beschränkte er sich auf die feierliche Verkündigung der Ernennungen in der Festsitzung.

An dem schönen Ufer sah ich nahe beieinander die Rousseauinsel, welche dem Andenken jenes hochbegabten aber krankhaften Mannes gewidmet ist, und das pompöse Denkmal des Herzogs von Braunschweig, eines üblen Lumpen, der die seinerzeit durch den Verkauf der Braunschweigischen Untertanen aufgehäuften Millionen der Stadt Genf unter der Bedingung vermacht hatte, daß ihm an schönster Stelle jenes Denkmal errichtet wurde. Die Stadt hat die Bedingung erfüllt und die Millionen geerbt.

Gern benutzte ich die Gelegenheit, den Dank für die erfahrene Ehrung dadurch abzustatten, daß ich in der Universität auf amtlichen Wunsch einen Vortrag hielt. Als Gegenstand diente mir das Problem der großen Männer, und ich durfte ohne Schmeichelei den Genfern allerlei Gutes im Zusammenhange mit dem Thema nachrühmen, da sie den Artikel in verhältnismäßig großer Zahl erzeugt hatten, namentlich in früheren Zeiten, wie ich damals nicht hinzufügte.

Stockholm. Als höchste wissenschaftliche Auszeichnung, die ich erhalten habe, muß ich den Nobelpreis nennen. Er ist wohl auch die höchste überhaupt, da die[193] Anzahl der Ernennungen in jedem Fache auf jährlich eine beschränkte ist und zuweilen noch darunter bleibt, wenn der Preis nicht erteilt wird, was in letzter Zeit mehrfach geschehen ist.

Bekanntlich beruht die Einrichtung auf einer Stiftung der Erfinders des Dynamits, Alfred Nobel, der sein ganzes sehr bedeutendes Vermögen für Preisverteilungen zur Förderung der physikalischen, chemischen und medizinischen Wissenschaft bestimmt hatte; ein vierter Preis gilt denen, die erfolgreich um die Förderung des Weltfriedens bemüht gewesen waren und ein fünfter bezieht sich auf literarische Werke. Zufolge juristischer Schwierigkeiten konnte die Anordnung nur etwa zur Hälfte ausgeführt werden. Doch war der für die Stiftung verbleibende Anteil immer noch so groß, daß nach Abzug der Kosten für Verwaltung und andere Arbeiten jedem Preisträger eine Summe von rund 140000 Mark zufällt.

Die Preisverteilung wird mit großer Sorgfalt bearbeitet. Die Vorschläge gehen von den früheren Preisträgern, den Mitgliedern der schwedischen Akademien, einer Anzahl hervorragender Institutionen und einzelnen ausgezeichneten Personen aus, die hierzu besonders eingeladen werden. Sie werden durch besondere ständige Ausschüsse bearbeitet, die ihre Ergebnisse der Stockholmer Akademie der Wissenschaften, der Akademie für Literatur und dem Norwegischen Storthing vorlegen, welche die Wahlen zu bewerkstelligen haben. Alljährlich am 10. Dezember, dem Todestage A. Nobels, findet die feierliche Verteilung der Preise durch den König von Schweden statt.

Mir war der Preis im Jahre 1909 für meine Forschungen über Katalyse (II, 258) zuerkannt worden. In einer Besprechung der Bedingungen, von denen die Schnelligkeit und Stärke wissenschaftlicher Erfolge abhängt,[194] hatte ich auf das große Mißverhältnis hingewiesen, das oft zwischen dem inneren Wert der Leistung und dem Betrag allgemeiner Anerkennung besteht, mit dem sie aufgenommen wird. Zunächst ist es einleuchtend; daß je mehr eine Entdeckung oder Erfindung ihrer Zeit voraus ist, um so länger sie auf Anerkennung warten muß. Denn diese kann ja nicht eher erfolgen, als nachdem die Zeit bis zu jenem vorausgenommenen Punkt nachgerückt ist. Hierbei besteht noch ein weiterer Unterschied darin, ob es sich um ein altes oder ein neues Problem handelt. Liegt der Fortschritt in einem geläufigen Gedankenkreis, so kann er leicht aufgenommen werden, und umgekehrt. Endlich hängt noch sehr viel von der Verfügung über den Lieferanten der öffentlichen Meinung, die Tagespresse, ab. Je nachdem der Entdecker einem Kreise angehört, der diese zu beeinflussen vermag, oder nicht, entstehen die stärksten Verschiedenheiten. Einerseits vermag sie auch ganz abstrakte und unzugängliche Fortschritte durch Anheftung eines Schlagwortes populär zu machen, andererseits kann sie in ärgster Weise hemmend gegen Dinge wirken, die mit Ansichten im Widerspruch stehen, welche zurzeit als »selbstverständlich« betrachtet werden. In Deutschland macht sich außerdem die Knechtseligkeit allem Ausländischem gegenüber geltend, die trotz unserer schweren Erfahrungen eher schlimmer geworden ist, als besser. Die albernsten »wissenschaftlichen« Nachrichten werden vom Ausland bereitwillig übernommen und finden weiteste Verbreitung, während ein regelmäßiger Pressedienst über Deutsche Leistungen anscheinend sich noch immer nicht finanziell lohnt.

Aber auch innerhalb der Wissenschaft kann man Unterschiede beobachten, die mehr gefühlsmäßig als sachlich begründet sind. Ich werde oft an die Verachtung meiner alten Lehrer Schmidt und Lemberg gegen[195] das Bücherschreiben erinnert, wenn ich beobachte, wie sehr viel schwerer sich eine begriffliche Entdeckung durchsetzt, als die Entdeckung einer konkreten Einzeltatsache. Dies liegt zunächst daran, daß der zweite Fall so sehr viel leichter zu beurteilen ist, als der erste. Ob ein neues Ding neue unerwartete Eigenschaften hat, wie der Entdecker angibt, ist bald geprüft. Sehr schwer ist dagegen zu erkennen, ob ein neuer Begriff neue, wesentliche Leistungen ermöglicht, was sein Anspruch auf Wert und Bedeutung ist. Denn solche Anwendungen sind ja erst zu machen und zu erproben.

Diese Überlegungen drängen sich mir auf, wenn ich an die Schicksale der Katalyse denke, deren begriffliche Erfassung (II, 261) meine selbständigste und folgenreichste chemische Leistung ist. Ich habe schon erwähnt, daß erst auf Grund der Erkenntnis, daß das Wesen der Katalyse in der Beschleunigung eines chemischen Vorganges durch die Anwesenheit eines Stoffes besteht, der nicht als Bestandteil der Produkte des Vorganges erscheint, die wissenschaftliche Beherrschung dieses Gebietes möglich und wirklich geworden ist. Eine Unzahl katalytischer Vorgänge waren bis dahin bekannt gewesen, da man kaum chemisch experimentieren kann, ohne auf solche zu stoßen, sogar ausgedehnte technische Anwendungen hatten sie erfahren, wie die Schwefelsäurebildung durch Stickstoffoxyde bei der gewöhnlichen Herstellung dieser Säure, aber niemand war imstande, sich ihrer bewußt zu bedienen. Die chemischen Vorgänge der Lebewesen werden überall katalytisch (durch Enzyme) geregelt: das war nur ein Geheimnis mehr zu den vielen Geheimnissen des Lebens. Erst nachdem man sie als Beschleunigung an sich möglicher Vorgänge zu betrachten gelernt hatte, wußte man, wo und wie man sie zum Zweck wissenschaftlicher Erforschung anzufassen hatte. Heute arbeitet die technische und physiologische Chemie bewußt mit diesem[196] Begriff und das Ergebnis ist eine unübersehbar große Erweiterung unseres Wissens und Könnens.

Aber da so wenig Menschen gewohnt sind, mit Begriffen zu arbeiten – sie benutzen an ihrer Stelle Anschauungen – sind so wenige fähig, den praktischen Erfolg einer solchen Begriffsbildung zu sehen, auch wenn er ihnen vor Augen gehalten wird.

So erklärt sich, daß u.a. seitens der Deutschen chemischen Gesellschaft vor wenigen Jahren eine Vortragsreihe über Katalyse veranstaltet wurde, ohne daß man jener begrifflichen Grundlegung überhaupt gedachte.

Man kann sich daher denken, in wie hohem Maße ich erfreut war, als ich im November 1909 aus Stockholm die Nachricht erhielt, mir sei der chemische Nobelpreis für meine Forschungen über Katalyse erteilt worden.

Amtlich wird der Plan festgehalten, daß erst am 10. Dezember die erfolgten Nennungen bekannt gemacht werden dürfen. Da die Preisträger sich auf die Reise nach Stockholm vorbereiten müssen, wird ihnen die Mitteilung etwa vier Wochen früher unter dem Siegel der Verschwiegenheit gemacht, welches wohl auch meist gewahrt wird. Da aber bei dem Vorgang eine ganze Menge Kanzleiarbeit nötig ist, erwies es sich immer als schwierig, das Geheimnis völlig zu wahren. Zu meiner Zeit bemühte man sich noch sehr darum. Die Zeitungen, welche die Nachricht sobald wie möglich zu bringen bestrebt waren, hatten daher nur zweifelhafte Quellen und brachten auch nicht selten irrtümliche Namen. Inzwischen hat es sich wohl als zweckmäßiger herausgestellt, unter der Hand richtige Mitteilungen ausgehen zu lassen, um irrtümlich genannten Personen solche Peinlichkeiten zu ersparen. Denn es handelt sich ja in jedem Falle um hervorragende Menschen. Ich hatte in jenen vier Wochen bis zur Reise nach Stockholm einige Geschicklichkeit nötig, um der Schweigepflicht zu genügen, ohne zu lügen.[197]

Endlich kam der Tag der Abreise; meine Frau begleitete mich. In Stockholm konnte ich zahlreiche Freunde begrüßen, die ich bei meinen wiederholten Besuchen der schönen Stadt seit dem Jahre 1885 kennen gelernt hatte. Gastfreundschaft erwies uns Freund Arrhenius, der als Leiter eines neuerbauten Nobelinstituts für physikalische Chemie die Dauerform seines Daseins gefunden hatte, zumal er glücklich verheiratet war. Die Anstalt war etwas außerhalb der Stadt an landschaftlich reizvoller Stelle gelegen und bestand aus einem wohlgebauten Wohnhaus und damit verbundenem Laboratoriumsbau, wo bequem eine kleine Anzahl freiwilliger Mitarbeiter untergebracht werden konnte. Lehrverpflichtungen oder andere Einschränkungen seiner wissenschaftlichen Freiheit waren mit der Stellung nicht verbunden – kurz, es war alles vorhanden, was ein dauernd glückliches Dasein sicherte. So hat es sich denn auch bis heute bewährt.

Meine Genossen bei der diesjährigen Preisverteilung waren Marconi und F. Braun (I, 262), die den Physikpreis für ihre Arbeiten über drahtlose Telegraphie gemeinsam erhielten. Eben klingt von meinem Lautsprecher gute Musik in mein Schreiben hinein und ich denke daran, daß ich diese Bereicherung meines ländlichen Daseins jenen Männern mitverdanke, welche die wissenschaftlichen und praktischen Grundlagen des Rundfunks geschaffen haben. Je kleiner der Anteil des Tages wird, den mit ernster Arbeit auszufüllen meine Kräfte reichen, um so wertvoller wird mir dieses Mittel, die leeren Stunden ohne Stumpfsinn zu füllen.

Den medizinischen Preis empfing der Schweizer Kocher für seine grundlegenden Untersuchungen über Kropf und Basedowkrankheit. Mir bereitete es eine besondere Freude, aus seinen Darlegungen zu ersehen, daß es sich auch in diesem Falle um das Wechselspiel[198] entgegengesetzter Katalysatoren handelt, von denen der eine die von der Schilddrüse aus geregelten Vorgänge beschleunigt, der andere verzögert, und durch deren wohlbemessene Gegenwirkung der Organismus die richtige Geschwindigkeit einstellen kann. Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß hier ein ganz allgemeines Prinzip gefunden war, nach welchem der Organismus einen großen Teil seiner physiologischen Angelegenheiten regelt.

Der Literaturpreis war der schwedischen Dichterin Selma Lagerlöf zuerkannt worden. Wie es schon fast die Regel geworden war, erwies sich auch diesmal der Anteil der Deutschen Wissenschaft als der stärkste.

Die Feste begannen mit der feierlichen Überreichung der Urkunden und Denkmünzen an die Preisträger in Gegenwart des Hofes und des ganzen geistigen Stockholm. Über jeden einzelnen wird von einem Mitglied des Nobelausschusses eine Rede gehalten, leider in Schwedischer Sprache, so daß der Gepriesene gleichsam vor dem vollen Glase sitzt und nicht daraus trinken kann. Doch wird ihm wenigstens zum Schluß in seiner Muttersprache ein kurzer Auszug aus der Rede mitgeteilt; dann empfängt er Urkunde und Denkmünze aus den Händen des Königs.

Am Abend geht es zum Festessen, auf welchem wieder jeder Erwählte einzeln gepriesen wird, doch in mehr heiterer Form, worauf er sein Danksprüchlein sagen darf. In den folgenden Tagen haben die Preisträger je einen Vortrag zu halten, welcher sich auf den Gegenstand des Preises bezieht. Dazwischen ist königliche Tafel im Schloß, wonach der König sich mit den Preisträgern unterhält. Die höfischen Vorgänge vollziehen sich ohne Steifheit, da ja das Schwedische Königtum mit mehr als einem Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist.

Insgesamt zählten diese Festtage zu den angenehmsten und heitersten, die ich erlebt habe.

[199] München. Zu meinen erfreulichen Festen, die regelmäßig in jedem Jahre wiederkehrten, gehörten die Versammlungen des Vorstandes und der Mitglieder des Deutschen Museums in München. Sie brachten mich regelmäßig in Berührung mit den besten unter den schöpferischen und organisatorischen Köpfen Deutschlands, und zwar im Rahmen einer heiteren, künstlerisch gehobenen Geselligkeit, welche die persönliche Annäherung erleichterte und jeden einzelnen veranlaßte, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Da es sich außerdem um eine wichtige Angelegenheit unserer Kultur handelt, so wird eine ausführlichere Darstellung willkommen sein.

Als die elektrochemische Gesellschaft 1897 in München jene folgenreiche Tagung abhielt, von der ich früher (II, 241) erzählt habe, trat ich meinem chemischen Kollegen an der Münchener technischen Hochschule, Wilhelm von Miller, näher, da er mir mit größter Herzlichkeit entgegenkam. Er hatte, wohl beeinflußt durch seinen Bruder Oskar von Miller, einen der Führer der damals aufblühenden Elektrotechnik, sich schon seit Jahren eifrig mit Elektrochemie beschäftigt, wobei er sich durch den chaotischen Zustand dieses Gebietes, den er vorfand, sehr behindert gefühlt hatte. Deshalb war ihm die gute Ordnung, in der ich dank den jüngsten Fortschritten der Wissenschaft die Elektrochemie in der zweiten Auflage meines Lehrbuches darstellen konnte, eine Erlösung und er übertrug die entsprechenden Gefühle auf den Verfasser.

Oskar von Miller. Seinem Einfluß war es zu verdanken, daß auch sein Bruder Oskar sich um die Organisation der Versammlung bemüht und ihr zu ihrem großen Erfolg verholfen hatte. Hierdurch trat ich in ein dauerndes persönliches Verhältnis zu diesem ausgezeichneten Manne, das ich zu den wertvollsten Bestandteilen meines Lebens rechnen darf.[200]

Die Brüder von Miller waren Abkömmlinge eines alten und hervorragenden Münchener Geschlechtes; ihr Vater war der berühmte Erzgießer Ferdinand von Miller gewesen. Oskar hatte, als ich ihn kennen lernte, bereits eine glänzende Laufbahn als Elektrotechniker und Organisator hinter sich und fühlte, wie er mir später erzählte, ein wachsendes Bedürfnis, über den wesentlich von wirtschaftlichen Faktoren bestimmten technischen Beruf hinaus zu einem höheren Lebensinhalt zu gelangen. Daraus entstand in ihm der Plan zu seinem großen Lebenswerk, dem Deutschen Museum. Er sprach darüber mit mir und fand bereitwillige und warme Resonanz, so daß er mich bald in die Arbeiten einführte, durch welche der Gedanke in die Wirklichkeit übersetzt werden sollte.

Mir war der Plan, auf solche Weise das noch vielfach mangelnde technische Denken im Deutschen Volke, vor allem in der Deutschen Jugend zu entwickeln und zu stärken, überaus willkommen. Denn die Leipziger Verhältnisse hatten mich schon erkennen lassen, welch unerwartet großen Anteil die Scholastik, das Wissen um des Wissens willen, ohne Rücksicht auf seinen Wert, an unseren höchsten Lehranstalten einnimmt, und es war nicht schwer, in dieser Scholastik die Quelle vielfacher Übel und Rückständigkeiten in unserem Kulturbetrieb zu erkennen. Andererseits hatten die Erfahrungen an meinen Söhnen mich von der unvergleichlichen erziehlichen Kraft praktischer Wissenschaft überzeugt, soweit ich es noch nicht durch meine eigene Entwicklung war. So nahm ich mit Freude und Hingabe teil an der Entstehung dieser Unternehmung, von der außer dem Urheber wohl niemand vorausgesehen hat, zu welchen riesenhaften Abmessungen es sich ausgestalten würde.

Oskar von Miller war, als ich ihn kennen lernte, etwa 50 Jahre alt (er ist zwei Jahre jünger als ich). Von etwas über mittlerer Größe und kräftigem Körperbau[201] hatte er ein rotes Gesicht, umgeben von reichlichem, tiefschwarzem etwas krausen Haar- und Bartwuchs, mit dicken schwarzen Augenbrauen und vorstehenden schwarzen Augen. Das Gesicht war etwas aufgetrieben und erweckte die Vorstellung eines beständig unter höchstem Druck stehenden Dampfkessels, wie denn die unbändige Energie, ohne die er sein Werk nicht hätte vollbringen können, in seinem Wesen deutlich zum Ausdruck kam. Doch verhinderte der sehr ausgeprägte Münchener Humor durchaus den Eindruck des Fanatikers, den er sonst vielleicht mit den stark entwickelten roten Adern im Weiß seiner Augen hätte erwecken können. Er gab sich dem Augenblicke restlos hin, mochte es sich um Arbeit oder Freude handeln und spottete gelegentlich über meine Nachdenklichkeit: »wenn Ostwald eine Maß Bier trinken will, so muß er sich erst über die Beziehung dieses Ereignisses zur Weltordnung klar werden«.

Die Jahresversammlungen. Dem Verhältnis zum Deutschen Museum und seinem Schöpfer verdanke ich eine Fülle persönlicher Freude und Förderung. Es findet alljährlich eine Versammlung des Vorstandes, der Mitglieder und Freunde des Museums statt, bei welcher der geschäftliche Teil mit dem geselligen in glücklichster Weise verbunden wird. Der Kreis war in den ersten Jahren noch klein, doch von ausgezeichneter Zusammensetzung, denn neben Miller bildeten Karl Linde, der Erfinder der Luftverflüssigung und der Mathematiker Dyck den Vorstand. Dazu kamen die nahen Beziehungen Millers zum bayrischen Königshause; Prinz Ludwig der Sohn des Prinzregenten Luitpold, war ein regelmäßiger Teilnehmer an den Versammlungen und ein unermüdlicher Förderer des Museums, dessen Bedeutung für München, Bayern und Deutschland er mit Sicherheit voraussah. Auch als er nach dem Tode seines Vaters König wurde, blieb seine Teilnahme unverändert rege.[202]

Mit ungewöhnlich großem organisatorischem Geschick verstand Miller in wenigen Jahren, alles, was es in Deutschland an schöpferisch tätigen Köpfen gab, in den Dienst des Museums zu stellen, so daß es bald als eine besondere Auszeichnung angesehen wurde, zu dem wissenschaftlichen Vortrag auf der Jahresversammlung eingeladen zu werden. Ich selbst mußte mir leider die Ehre entgehen lassen, einen der ersten Vorträge in dieser Reihe zu halten, zu welchem Miller mich aufgefordert hatte, denn der Zeitpunkt fiel mit einer Reise nach Amerika zusammen, und ich mußte den schon übernommenen Auftrag zurückgeben. An meiner Stelle hielt van't Hoff eine Rede, die einigermaßen enttäuschte. Er hatte in seiner Gewissenhaftigkeit die ähnlichen, wenn auch unter engeren Gesichtspunkten organisierten Anstalten in Leiden, London und Paris aufgesucht, und was er dort gesehen hatte, gab ihm wenig Hoffnung auf eine erhebliche Wirksamkeit der Deutschen Unternehmung, was er auch zum Ausdruck brachte. Hierbei hatte er den persönlichen Faktor unterschätzt, der den sehr viel größeren Erfolg des Deutschen Museums bewirkt hat.

Durch die Anwesenheit fast aller führenden Männer des tätigen Lebens unter Ausschluß des scholastischen Ballastes, der sonst auf den Sinn und Gehalt anderer Veranstaltungen zu drücken pflegt, wurden mir die Münchener Jahresversammlungen zu geistigen Festtagen, denen ich mit Verlangen entgegensah und an die ich mit Freude zurückdachte. Denn eine solche Gelegenheit, alle gescheiten Leute Deutschlands anzutreffen und mit ihnen in einer Atmosphäre heiterer Geselligkeit und geistiger Regsamkeit zutraulich und zwanglos zu verkehren, gab es sonst nicht.

Graf Zeppelin. Eine der interessantesten derartigen Begegnungen war die mit dem Grafen Zeppelin, den[203] ich früher einmal in einer für ihn besonders schweren Zeit gesehen hatte (II, 297). Mit seiner überlegenen Politik hatte Miller es fertig gebracht, die führenden Männer des damaligen Luftschiffwesens, insbesondere Zeppelin und Parseval, zwischen denen etwas gespannte Beziehungen entstanden waren, nicht nur gelegentlich einer Jahresversammlung zusammenzubringen, sondern die zwischen ihnen bestehenden Reibungen soweit zu glätten, daß sie freundlich miteinander verkehrten und sich gemeinschaftlich den Anderen zeigten, die dies mit endlosem Jubel begrüßten. Dann wurden diese Männer stundenlang von jungen Damen um gemeinsame Unterschriften auf Postkarten geplagt, die selig waren, persönlich ein solches Friedenssymbol zu besitzen.

Die Festlichkeiten pflegten mit einem Abendempfang beim Prinzen, nachmals König Ludwig zu schließen; von dort begab sich eine kleine Anzahl in die Künstlerkneipe Allotria, um die Festtage auf gut Münchnerisch beim Bier ausklingen zu lassen. Zufällig fand ich meinen Sitz neben dem Grafen Zeppelin und wandte mich an ihn mit der Bitte, mir zu erzählen, wie er auf den Gedanken gekommen war, seine hohe militärische Stellung mit der dornenvollen eines Deutschen Erfinders zu vertauschen. Es sei erinnert, daß er zu Beginn des Krieges von 1870/71 als junger Reiterleutnant durch sein ebenso geschicktes wie verwegenes Verhalten mit wenigen Leuten das Vordringen der Französischen Vorhut in die Pfalz so lange aufzuhalten gewußt hatte, bis die Deutsche Armee vorgerückt war. Er erhielt die wohlverdiente Auszeichnung, rückte schnell bis zum kommandierenden General auf und nahm dann verhältnismäßig jung plötzlich seinen Abschied. Ich fügte entschuldigend hinzu, daß mich nicht leere Neugier treibe, sondern daß ich mit wissenschaftlichen Untersuchungen über den Werdegang großer Männer beschäftigt sei und deshalb authentisches[204] Material aus seinem eigenen Munde für mich einen sehr großen Wert habe.

Graf Zeppelin errötete und lehnte durchaus ab, in diese Klasse eingerechnet zu werden. Als ich bat, in dieser Frage meine Einordnung gelten zu lassen, da mir der fragliche Begriff einen ganz bestimmten, methodischen Inhalt darstelle, gab er nach, indem er mich verpflichtete, von seiner Mitteilung vor seinem Tode nichts an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Diese Bedingung übernahm ich (und habe sie auch streng eingehalten), worauf er mir folgendes erzählte.

Für die Ausbildung und Entwicklung seiner Waffe, der Reiterei, hatte der Graf neuartige Gedanken unter Zustimmung des Generalstabs in dem von ihm kommandierten Teil der Armee eingeführt. In der Durchführung dieser Pläne wurde er mehrfach empfindlich durch das unvorhergesehene Eingreifen des Kaisers bei den großen Manövern gestört, der seine Neigung zu glänzenden Schaustellungen auf Kosten des Manöverplans betätigte. Der Graf sah darin eine so schwere Verkennung des Ernstes seiner Aufgabe, daß er es auf einen Konflikt ankommen ließ, der mit seinem Entlassungsgesuch mitten aus der Arbeit endete.

Er sah sich in voller Manneskraft genötigt, einen neuen Lebensinhalt zu finden, und besann sich auf das Interesse, welches er in seinen jungen Jahren für die Frage eines lenkbaren Luftschiffes gehegt hatte. Auf meine Zwischenfrage, wie er bei der üblichen Erziehung der Deutschen Jugend, bei welcher technische Ideale keine Rolle spielen, zu solchen Gedanken gekommen sei, schaltete er erklärend ein, daß er glücklicherweise niemals Schüler eines Lateingymnasiums gewesen war. Er hatte den größten Teil seines Schulunterrichts zu Hause durch Privatlehrer erhalten und dann nach dem Abiturium an einem Realgymnasium einige Semester auf einer[205] technischen Hochschule (Stuttgart, wenn ich mich recht erinnere) zugebracht, bevor er die militärische Laufbahn einschlug. Während dieser Studienjahre hatten ihn verschiedene technische Aufgaben lebhaft beschäftigt, am lebhaftesten aber das lenkbare Luftschiff. Und so war es eine alte Jugendliebe, zu der er nun zurückkehrte. Schließlich müsse er dem Kaiser fast dankbar sein, daß er ihn in das neue Arbeitsgebiet gezwungen hatte.

Bekanntlich hatte Graf Zeppelin seinen ersten großen Überlandflug von Friedrichshafen in der Richtung auf Berlin unternommen. Unterwegs waren zahlreiche telegraphische Nachrichten über die ungestörte Erledigung der Reise nach Berlin gelangt und der Kaiser hatte sich mit großem Gefolge auf dem voraussichtlichen Landeplatz eingefunden, um den Grafen zu begrüßen. Dieser aber landete in Bitterfeld, eine oder zwei Stunden vor Berlin und trat von dort aus alsbald die Heimreise an. Die Erklärungen, welche die Tagespresse über die technische Notwendigkeit dieser Landung verbreitete, klangen lahm und befriedigten niemand, doch wurde die Sache unter Stillschweigen begraben.

Zufällig befand ich mich an jenem denkwürdigen Tage in Weimar und saß allein im Freien, mit Gedanken an Goethe beschäftigt. Ein unbekanntes Geräusch in der Höhe ließ mich aufsehen und ich erblickte zum ersten Male in meinem Leben das gelenkte Luftschiff über mir. Goethes unsterbliche Verse kamen mir in den Sinn:


Doch ist es einem jeden eingeboren,

Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,

Wenn über uns, in blauem Raum verloren,

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,

Wenn über schroffen Fichtenhöhen

Der Adler ausgebreitet schwebt,

Und über Flächen, über Seen

Der Kranich nach der Heimat strebt.
[206]

An dieser Stelle hat er resigniert geklagt: Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen, und nun, nach hundert Jahren sah ich mit meinen Augen den Dichtertraum erfüllt. Und nicht der Künstler hatte die Erfüllung gebracht, sondern der Techniker.

Gipfelmenschen. Von den vielen anderen bedeutenden Männern, die ich bei diesen Gelegenheiten kennen lernte, will ich nur noch einige nennen.

Sehr sympathisch war mir Rudolf Diesel, der Erfinder des nach ihm benannten grundwichtigen Motors. Er war von zierlich-eleganter Gestalt unter Mittelgröße, hatte ein lebhaftes, hübsches Gesicht, kleines Schnurrbärtchen und kurzes dunkles Haar; im Verkehr gab er sich zutraulich und heiter. Mir war er dadurch besonders interessant, daß er seine Erfindung völlig bewußt gemacht hatte. Die Anregung hatte er aus seinen Studienjahren an der Technischen Hochschule mitgebracht, wo ihn die Darlegung des zweiten Hauptsatzes gefesselt hatte, aus der er entnahm, daß der Nutzwert eines Motors um so größer wird, je höher die obere Temperatur des Kreislaufs ist. Er hatte sich alsbald vorgenommen, einen Verbrennungsmotor mit möglichst hoher Anfangstemperatur zu gestalten. Als er hernach in die Lage kam, eine Versuchsmaschine nach seinen Plänen zu bauen, mußte er sie lange Zeit durch einen Hilfsmotor drehen, weil die Verbrennung nicht richtig einsetzen und die Maschine keine Arbeit leisten wollte. Nach unsäglichen Mühen und unzähligen Abänderungen, welche Diesels Geduld auf das äußerste in Anspruch nahmen, bemerkte einmal der bedienende Arbeiter, daß der Riemen, welcher beide Maschinen verband, nicht mehr auf der oberen Seite gespannt war, wo er Arbeit von dem Helfer auf den »Diesel« übertrug, sondern auf der Unterseite: der Diesel zog endlich selbst und gab Arbeit aus! Schweigend[207] nahm er seine Mütze ab und wies dem Erfinder die erste Verwirklichung seines Gedankens. Hernach war die Ausarbeitung eine verhältnismäßig leichtere Angelegenheit.

Diesel war lebhaft an sozialen Fragen interessiert und wir hatten wiederholt Gespräche, die von dort ausgingen und mannigfaltige Wege nahmen. Ich hatte ihn lieb gewonnen und sein rätselhafter Tod im Kanal auf einer Fahrt nach England war mir ein empfindlicher Verlust.

Eine ganz andere Persönlichkeit war Emil von Behring, der Entdecker des Diphterieserums. Er war durch seine Entdeckung über Nacht sehr reich und berühmt geworden und hat es wohl in der ersten Zeit hernach etwas an Selbstbeherrschung in seiner neuen Lage fehlen lassen. Als ich ihn kennen lernte, gab er mir zu erkennen, daß jene Dinge für ihn längst abgetan seien. Ihn beschäftigten neue, grundsätzliche Gedanken zur Biologie und Heilkunde, für die er nach einem sachgemäßen Ausdruck suchte, ohne ihn zu seiner Befriedigung finden zu können. Er schien das Vertrauen zu haben, daß ich ihm dabei behilflich sein könnte, schickte mir seine letzten Schriften und redete mich bei unserem nächsten Zusammentreffen auf ihren Inhalt an. Ich fürchte, daß ich ihm die gewünschte Hilfe nur sehr unvollkommen habe zukommen lassen können, denn es war mir nicht gelungen, den Kern herauszuschälen.

Der persönliche Eindruck war der eines Mannes, der eine ungeheure Anstrengung überstanden hatte und sich nachher noch nicht ganz zusammenfinden kann. Er sprach nervös und aufgeregt, beruhigte sich aber zusehends, wenn man ihn längere Zeit nicht unterbrach.

Eine bemerkenswerte Mischung in seinem geistigen Aufbau zeigte der Generaldirektor der Kontinentalen Gasanstalten (Dessau) W. von Öchelhäuser. Er war einerseits ein sehr erfolgreicher Techniker, Organisator[208] und Geschäftsmann, andererseits ein feingebildeter Liebhaber der Kunst und Literatur mit ausgeprägt klassischen Neigungen und einer fast lyrischen Empfindungsfähigkeit für ästhetische Werte, die auch in seiner äußeren Erscheinung und seiner Sprache sich auswirkte. Trotz meiner gegensätzlichen Einstellung in dieser Beziehung gefiel er mir gut, da seine Begeisterungen ehrlich und keineswegs oberflächlich waren. Tatsächlich war er einer der sehr wenigen Menschen solcher Geistesrichtung, an denen ich eine ungetrübte Freude empfand und wir haben manche angeregte Stunde gemeinsam oder im kleinsten Kreis zugebracht. Sein hochentwickeltes technisches Denken schützte ihn offenbar gegen das leere Gerede, dem die Anhänger dieser Geistesrichtung so leicht verfallen.

Das letztemal habe ich ihn in Berlin gesehen, wo wir mit dem Leiter der Borsigwerke, Krause, einem typischen Berliner von der guten Sorte gemeinsam zu Mittag aßen. Es war im vierten Kriegsjahr und das Essen war knapp; auch drückte die schwindende Hoffnung eines günstigen Ausganges auf unsere Stimmung. Doch klangen die drei so sehr ungleichen Instrumente dieses Trios, denen nur die Gewohnheit weiter Horizonte gemeinsam war, bald so gut zusammen, daß wir nach zwei heiteren Stunden nur zögernd und ungern uns wieder dem grauen Tag ausliefern mochten.

Mit Georg Hirth, dem Begründer der »Jugend«, hatte ich mehrfache Beziehungen. Er hatte als erster den Gedanken ausgesprochen, daß es neben der erblichen Belastung auch eine vererbbare Steigerung gibt, daß also jeder geistige und körperliche Fortschritt, den der Einzelne an sich entwickelt, seinen Nachkommen den Weg aufwärts erleichtert. Meinem entschlossenen Optimismus war dieser Gedanke höchst willkommen; ich hatte mich in solchem Sinne mit Hirth ausgesprochen und ihm auch öffentlich Anerkennung bezeugt.[209]

Sehr unbequem wurde mir aber das Verhältnis, als er irgendwie auf mein altes Steckenpferd, die Lehre von den freien Ionen geraten war und auf Grund wissenschaftlich unzulänglicher Ansichten diesen ungeheure biologische Kräfte zuschrieb. Er veröffentlichte darüber mehrere Drucksachen, die er mir schickte und wünschte, daß ich ihn in der Verbreitung seiner vermeintlichen Entdeckungen mit meinem Einfluß unterstützen sollte. Es kostete mir nicht geringe Mühe, dies abzulehnen, ohne ihn zu verletzten, was ich jedenfalls vermeiden wollte. Denn ich schätzte ihn aufrichtig wegen des ungeheuren Umfanges seiner Arbeiten zur Geschichte der angewandten Kunst, die ihn nicht, wie die meisten Kunsthistoriker, unfähig gemacht hatte, das gesunde Kunstleben unserer Zeit zu verstehen und zu fördern.

Zur Zeit unserer Bekanntschaft stand er sichtlich schon am Ende seiner Laufbahn. Er hatte ein gutgeschnittenes, etwas breites Gesicht mit reichlichem aufrechtstehendem eisgrauem Haar, vollem wagerechtem Schnurrbart und lebendigen Zügen. Aber sein etwas beleibter Körper war schon ziemlich schwer beweglich geworden und er bedurfte einer Stütze beim Gehen. Auch geistig machte er einen übermüdeten oder erschöpftunruhigen Eindruck. Er ist nach wenigen Jahren gestorben.

Mit dem hervorragenden Architekten Gabriel von Seidl, der die Pläne zum Museum geschaffen hat, war ich oft zusammen. Er war ein richtiges Münchener Kind, voll lebhaften Humors und die heimische Sprechweise nicht verleugnend. Von Wuchs war er klein und mager, mit weißem Haar und Schnurrbart. Wie fast alle Menschen, die mit dem Auge arbeiten, fand er die Worte zum Ausdruck seines Schauens nur schwer. Dieser Gegensatz zu meiner Beanlagung hat ein näheres Verhältnis verhindert, trotz des guten Willens, den wir beiderseits dazu mitbrachten.[210]

Besonders gern gedenke ich der Gelegenheit, welche die Versammlungen mir zum Verkehr mit Karl Linde, dem Erfinder der Luftverflüssigung und Schöpfer der darauf beruhenden sehr ausgedehnten Industrie verschafften. Er erwies sich unter Mittelgröße, mit braunem, schlichten Haar und Bart und von ungemein anspruchslos freundlichem Verhalten im Verkehr, so daß man ihn unversehens lieb gewann. Um die Entwicklung des Museums hat er sich sehr erhebliche Verdienste erworben.

Als dicken und gewichtigen Schlußpunkt dieser Reihe setze ich den damals allmächtigen Prälaten und Zentrumsführer Daller her, neben dem ich einmal zufällig zu sitzen kam. Offenbar kannte er meinen Namen nicht, denn er unterhielt sich würdevoll-zutraulich mit mir. Es war eben für das Museum das riesige Modell eines modernen Walzwerkes gestiftet worden, und der Erklärer hatte auf die Reihen der Walzen hingewiesen, die nacheinander das Formstück bearbeiten, bis es beim Verlassen dieser »Walzenstraße« als wohlgestaltete Schiene ausgestoßen wird. Daller bemerkte dazu: ich verstehe den Mann nicht. Er hat immer wieder Walzenstraße gesagt und es heißt doch Straßenwalze!

Der sechzigste Geburtstag. Es ist freundlich von den Menschen, daß sie in dem Maße, als die Lebenslinie sich zum Nullpunkt senkt, Gelegenheit nehmen, dem Betroffenen den abnehmenden Lebensmut aufzufrischen. Während mein fünfzigster Geburtstag unbemerkt von allen, ja fast von mir selbst im Eisenbahnwagen zwischen San Franzisko und Chicago verlaufen war, wurde aus dem sechzigsten eine große Sache gemacht.

Im Vordergrunde stand dabei der Monistenbund. Noch war der Glanz der Hamburger Tage nicht verblaßt, über welche im folgenden Kapitel berichtet werden wird, und die mancherlei Betätigungen, mit denen ich das[211] Dasein des Bundes lebendig zu machen mich bemühte, hatten noch nicht einen offenen Widerspruch hervorgerufen. Aber vielleicht bestand doch schon ein halb unterbewußtes Vorgefühl, daß solchen heiteren Zeiten niemals Dauer beschieden ist und daß hier und da schon die Spalten knackten, die sich hernach zu Rissen erweiterten. In solchen Zeiten zeigen sich viele Wohlmeinende besonders beflissen, sich und Andere zu überreden, daß Alles in schönster Ordnung ist und allezeit sein wird.

Ich hatte eingewilligt, mich keiner Operation zu widersetzen, welche meine Familie und meine Freunde mit mir vornehmen würden und so hatten sie freie Hand.

Am Morgen wurde ich durch ein Streichquartett geweckt. Haydns op. 76, Nr. 4, B-dur, der »Sonnenaufgang«, wo die erste Geige gleich anfangs mitten im B-dur-Dreiklang so prachtvoll mit e einsetzt, brachte mir zahllose glückliche Stunden seit meinen Studentenjahren lebendig in das Bewußtsein und leitete den Tag ein, der durchgängig vom schönsten Frühherbstwetter (Anfang September) begünstigt war.

Ich trat meinen gewohnten Morgenspaziergang an, brauchte aber diesmal viel längere Zeit, ihn zurückzulegen. Denn immer wieder waren neben dem Wege Tafeln an den Bäumen befestigt, auf denen die mancherlei Stationen oder vielmehr Wege meines Lebens in Versen dargestellt waren, die von meinem ältesten Sohne herrührten. Weil sie tatsächlich die besten Gefühle und Gedanken ausdrücken, die mich dabei beschäftigt und beglückt hatten, lasse ich sie folgen. Eindringlicher wurden sie gemacht durch mannigfaltige symbolische Zeichnungen von der Hand meiner ältesten Tochter. Wie man bemerken wird, hat Arno Holz bei der Form der Verse Pate gestanden.
[212]

1. Feuerwerk.


Lasset die feuhrigen Bomben erschallen!

Laßt die erschröcklichen Böller knallen!

Knattert ihr Frösche, kracht ihr Rakehten,

Zu feuhrigen Sträußen, zu Feuerbeehten!

Sollt wie vor fünfzig (nicht sechzig!) Jahren

Uhngemein stolz in die Lüfte fahren,

Als wärt ihr sälbstgemacht vom Papa!

Biff, baff, bummh, sch-sch-sch-knattrattatah!


2. Liebe.


Helengen hieß das lihbe Mädgen

Das ihn umbspann mit Zauberfädgen.

Wie ist ein Forscher gut geborgen,

Nimbt ihm sein Weib des All-Tags Sorgen.

Und nichts ist für ein Weib so schön,

Als in den Embach für ihn zu gehn.

»Nun lief nicht unsere Lebensbahn

Auch sambft und glücklich, lihber Hahn?«


3. Musik.


Spürst Du einmal in Dihr Disharmonie

Nimmb ein Fagott gleich zwischen Deine Knie!

Du wirst mit seinen schluchzenden – ohhh!!! – Tönen

Dich mit Dir sälbst, Dich mit der Welt versöhnen!

Viel schöner aus dem Götterrohr, als auf der Leier,

Erbebt ein wortlos Lied, späziell von Mendelmeier.


4. Chemie.


O Chymia, edle Wissenschaft,

Dir gab ich meine beste Kraft!

Hab neue Wege für dich gefunden,

Hab dich mit der Physik verbunden.[213]

Half dir, o Physikochemie

Hinauf mit Kunst und Energie!

Du wuchsest empor mit des Wildquells Gewalt,

Ich gab dir in meinem Lehrbuch Gestalt.

Was hab ich dir nicht noch geschenkt!

Für dich gedacht, geschrieben, gelenkt,

Gelehrt, gesprochen, organisiert,

Wie viele Schüler dir zugeführt!

Die Kunde von den freien Ionen

Ich schickte sie in die fernsten Zonen.

Ja, und die Zeitschrift, das Institut!

Wie reich war dies Leben, wie voll, wie gut!


Und dann die große »Elektrochemie«,

Die »Anorganische Chemie«.

»Verbindungen und Elemente«,

»Prinzipien« (wer die kapieren könnte!)

»Die Schule« dann für Jedermann,

Draus beinah ein Schafskopf Chemie lernen kann.

Der »Kleine Ostwald«, der »Werdegang«,

O je, wie ist die Liste lang!

»Grundlagen der Analysis«

Und nicht zuletzt Katalysis,

Et caetera, et caetera –

Ja, Wandrer, stehst verwundert da! –


Und mußte doch Dich lassen stahn,

Mußt meine Wege weitergahn.

Komm, Wandrer, neige dich mit mir

Und mach ein Reveränzgen IHR!


5. Malerei.


Kannst du nicht mehr weiter wandern,

Duht zu weh dihr dein Capet,[214]

Ei, so greifst du zu was anderm,

Courtesier Calliope!

Nimmbst darumb ein Hasenpfötgen

Und ein Bastehll-Dreierbrötgen:

Damit wirst du deine Qualen

Ganz und gar heruntermalen.


6. Philosophie.


Ich liebte dich, Philosophie,

Und machte dich wieder jung;

Ich schenkte dir die »Energie«,

Gab neue Frische, gab Schwung!

Blies manchen Gipfel übern Hauf,

Doch baute ich auch neue auf.

Drum Wandrer, eile weiter,

Auch du energisch und heiter.


7. Internationalismus.


Ich bin ein Internazionalist.

Du weißt gewiß nicht, Wandrer, was das ist!

Ein Internazi ist ein solcher Mann,

So wo's nicht gibt auf dem Balkan.

Weltsprache, Weltrecht und Weltgeld,

Das ist, was diesem Mann gefällt.

Weltfrieden, Weltformat, Weltformelzeichen,

Auch das sucht solch ein Nazi zu erreichen.

Philatelie, das ist ein Graus vor ihm;

Dafür ist er mit Berta1 sehr intim.


8. Technik.


O Technik und o Industrie,

Mit euch, da gehts man weiß nie wie.

Ihr seid dazwischen stachlig anzufassen[215]

Und Schlaf und Nerven muß man an euch lassen!

Jenun – auch Igel singen zeitweis Liebeslieder

Und auch Kakteen blühen hin und wieder.


9. Monismus.


Monismus, das ist ein Handwerkszeug

Zur Beherrschung der Welt in und um euch. –

Du dachtest wohl, er sei ein Ruhekissen,

Gemacht zu dogmatischen Schlummergenüssen?

Nein, Wandrer, fest sollst du die Pflugschar ergreifen

Und immer von neuem blitz-blank sie schleifen!


10. Die Brücke.


Von Inseln, zueinander fremd und fern gelegen,

Da führen Brücken jetzt in schönen, schlanken Bögen.

Noch immer baust Du Brücken als beschwerte nie

Des Alters Last den Rücken, der so viel schon trug,

Und jede Brücke ist ein Denkmal Deinem Spruch:

»Vergeude keine Energie, verwerte sie«!

So schenktest Du der Welt Brücken in reicher Lese

Und Deine schönste Kraft, es ist die der Synthese!


Die rätselhaften letzten Zeilen im Gedicht 2 beziehen sich auf einen alten, aus Dorpat stammenden Familienscherz, der hier nicht erklärt zu werden braucht.

So ergab dieser Morgenspaziergang einen Spaziergang durch mein ganzes bisheriges Leben. Ich war nie ein Erinnerungsmensch gewesen, denn ich hatte täglich so viel Neues vor mir, daß mir zu Rückblicken keine Zeit blieb, am wenigsten zu gefühlvollen. Aber an diesem Tage ließ ich mich doch gern von liebe- und verständnisvoller Hand durch die alten und neuen Wege leiten und konnte mich dabei dessen erfreuen, daß auch in Zukunft, wenn ich nirgend mehr selbst Hand anlegen konnte, die[216] Arbeit nicht verloren sein, sondern den kommenden Zeiten gemäß fortgesetzt werden würde.

Fünf Kinder, davon drei verheiratet und fünf Enkel sicherten neben der geistigen auch die leibliche Nachfolge. Sie waren alle zu diesem Tage um mich versammelt und erfreuten mich mit einer Fülle von Gaben.

Dann begann der Besuch von auswärts hereinzuströmen. Hauptsächlich aus dem Monistenbunde. Dieser hatte in erster Morgenfrühe einen Erinnerungsbaum pflanzen lassen, als ein lebendiges Zeichen seiner Anhänglichkeit. Er ist einige Jahre später trotz aller Pflege eingegangen.

Die österreichischen Monisten hatten eine Festschrift hergestellt. Ein Jahr vorher hatte ich auf der Durchreise die Wiener Monisten besucht und die Ortsgruppe dem Tode nahe gefunden. Einige durchgreifende Personaländerungen hatten sie dann zu einer unserer tätigsten und erfolgreichsten Gruppen umgewandelt und sie hatte in dieser ausdrucksvollen Weise ihren Dank ausgesprochen. Die Schrift enthielt Beiträge von Rudolf Wegscheider, Ernst Haeckel, Friedrich Jodl, Paul Kammerer, Wilhelm Exner und Rudolf Goldscheid, die sich gegenseitig überboten hatten, das Freundlichste über mich zu sagen, was sich noch einigermaßen mit der Wahrheit vertragen wollte, wobei sie den Eindruck der Aufrichtigkeit durch gelegentliche freundschaftliche Hinweise auf Punkte abweichender Meinung noch bedeutend verstärkten. Wenn ich einer gemütlichen Auffrischung bedarf, so bin ich sicher, sie beim Blättern in diesem liebevollen Büchlein zu finden.

Am Nachmittag vollzog ich durch einen Redeakt die Aufnahme meiner beiden jüngsten Enkel in die monistische Gemeinschaft.

In der Erinnerungsschrift an diesen Tag, welche für die Familie und die nächsten Freunde gedruckt wurde,[217] findet sich die Nachricht, daß ich bereits angefangen hatte, mich mit der Aufgabe der Messung und Ordnung der Farben zu beschäftigen.

Der siebzigste Geburtstag. Der Herbst 1923 fiel in die Zeit schneller Entwertung der deutschen Mark, welche unsere Ersparnisse zerstörte, das Leben schwierig, die Zukunft bedenklich und die Stimmung trübe machte. Trotzdem wurde der Tag für mich um so mehr zu einem Feste, weil er viel einfacher verlief, als der sechzigste Geburtstag zehn Jahre früher.

Am Abend vorher wurden wir, meine Frau und ich, ersucht, uns ans offene Fenster zu stellen. Ferner Gesang ließ sich hören, der immer näher kam: ein Dutzend kräftige Jungen aus der Leipziger Oberrealschule, die drei meiner Enkel besuchten, sangen unter der Führung ihres Kantors. Der Chor war ausgezeichnet; er steht in erfolgreichem Wettbewerb mit dem altberühmten Thomanerchor. Sie stellten sich singend unter dem Fenster auf, ebenso wie meine Söhne und Töchter. Diese erzählten später, es sei wie ein Bild von Spitzweg gewesen: das alte Paar im hellen Fenster, draußen die dunklen Gestalten und darüber ein klarer Sternhimmel. Ein Lied nach dem anderen erklang; am schönsten war »In stiller Nacht« von Brahms.

Am anderen Morgen, es war Sonntag, ging die Sonne strahlend auf und der ganze Tag blieb schön: große weiße Wolken auf reinblauem Himmel, welche fliegende Schatten über die Landschaft führten. Wir wurden durch einen Gesang des Knabenchors geweckt und als ich den gewohnten Morgenrundgang antreten wollte, wurde meine Frau veranlaßt, sich mir anzuschließen, was sonst nicht geschah. Aus den Büschen vor der Tür grüßte uns wieder Gesang und wie wir langsam weiter gingen, klang uns neuer Gesang von unerwarteten Orten entgegen. Die Jungen waren vorausgelaufen und hatten neue Aufstellungen[218] genommen. Besonders wirksam klang aus der Halle des alten Steinbruchs, der den Park nach Westen abschließt, Mendelssohns O Täler weit, o Höhen.

Dann besuchten mich die Jungen im Laboratorium und wurden mit Tuschkästen und Buntpapierheften nach der Farbenlehre beschenkt. Den größeren zeigte ich einige von meinen Arbeiten. Sie dankten durch Wiederholung des Brahmsliedes und zogen fröhlich ab, nachdem sie von den Frauensleuten gehörig abgefüttert waren.

Meine fünf Kinder nebst Ehegatten waren sämtlich gekommen, ebenso die auf neun vermehrten Enkelkinder, darunter nur zwei Mädel. Wir, die Großeltern, wurden in die Mitte gesetzt, an den Wänden ordnete sich die zweite Generation und die neun Enkelkinder, in die acht Hauptfarben plus Weiß gekleidet, zogen nacheinander auf, ein Steckenpferd reitend, das durch Aussehen und Ausstattung eines von meinen Arbeitsgebieten darzustellen hatte. Nach einem gemeinsamen Chor führte jedes einzelne sein Steckenpferd vor und sang einen zugehörigen Vers mit klarer Stimme und richtig; sie sind wirklich alle genügend musikalisch. Nur das letzte, das kleine fünfjährige Gretelein mußte erbärmlich weinen. Der Dichter hatte ihr zufolge der gesetzmäßigen Anordnung seines Werks kein Steckenpferd zugeteilt und sie empfand dies als eine ganz unverdiente Zurücksetzung und ließ sich nur langsam trösten.

Inzwischen hatten Briefträger und Boten allerlei Festgrüße und -gaben abgegeben. Auch waren mit der Eisenbahn einige alte Freunde von der Universität und auch Professor Bodenstein von Berlin angekommen, der durch lange Jahre mein Assistent gewesen war. Das ergab eine Anzahl Grüße und Ansprachen: Leipziger Akademie, Bunsen-Gesellschaft, Verein deutscher Chemiker usw. Die früheren Schüler hatten ein Album mit[219] ihren Bildnissen gestiftet. Besonders hat mir dabei die Bemerkung des Vertreters der Chemischen Gesellschaft gefallen, daß sie sich den Wunsch der würdevollen Altersruhe, otium cum dignitate, für meinen neunzigsten Geburtstag vorbehalte. In meiner Antwort bemühte ich mich, nach angemessener Aussprache meiner dankbaren Gefühle, die Würde dieses Vorganges etwas ins Heitere zu leiten. Ich erzählte, daß heute die erste Gratulantin die Hauskatze Mia gewesen war, die den Tag besonders ausgezeichnet hatte, indem sie nicht weniger als sechs zierliche Kätzchen zur Welt gebracht hatte. Es sollten aber wie immer nur zwei aufgezogen werden.

Nach dem Essen nahmen sich meine Söhne und Töchter der Gäste an, die sich im Garten und Wald ergingen, während wir ein Ruhestündchen hielten. Heitere Gruppen beim Kaffee im Grünen begrüßten uns, um sich bald darauf zu verabschieden. Die Familienangehörigen blieben zurück, um die mannigfaltigen Briefe, Telegramme und Festaufsätze zu lesen. Der Abend schloß stimmungsvoll mit einigen Gesängen für drei Frauenstimmen, die mein ältester Sohn gedichtet und vertont hatte. Sie wurden von seiner Frau, deren Schwester und Nichte gesungen, die sie wiederholen mußten. Denn sie waren im Sinne der neuen Tonkunst geschaffen und mir deshalb nicht unmittelbar zugänglich. So wies auch dieser künstlerische Schluß des schönen Tages sinngemäß in die Zukunft.

Auch in anderem Sinne regte der Tag Zukunftsgedanken an. Meine drei Söhne hatten, jeder in seinem Beruf bis zum Übermaß beschäftigt, sich lange nicht gleichzeitig gesehen und fanden bei dieser Zusammenkunft, daß ihre Arbeiten sich noch enger zusammenordnen ließen, als dies bisher geschehen war. Mir aber wurde klar, daß in diesen Zeiten, wo das bisherige Vertrauen in den Verband des Staates und der Gemeinde[220] schwer erschüttert war, wir die Familie als den Urzusammenhang, als einen Verband empfanden, innerhalb dessen Jeder sich auf den Anderen unbegrenzt verlassen darf. Wir bildeten zusammen eine Gemeinde von zwanzig Köpfen, darunter mehrere recht gute, und durften darauf rechnen, aneinander Halt zu finden, wenn die größeren Gruppen versagten. Ich hatte eben die sehr günstigen Erfahrungen hinter mir, die ich während einer längeren Zeit durch tägliche Besprechungen mit meinem zweiten Sohn Walter hatte machen können, dem ich mancherlei Arbeitshilfe verdankte, die er mir unter erheblichen Opfern von Zeit und Kraft geleistet hatte.

Amtliche Glückwünsche waren nicht gekommen. Wohl aber war der Oberbürgermeister Dr. Hübschmann von Chemnitz persönlich erschienen, um mir den Dank der dortigen Industrie für die Förderung auszusprechen, die sie durch die Farbenlehre erfahren hatte. Dort war durch den von mir sehr hoch geschätzten führenden Farbchemiker Professor Ristenpart ein Mittelpunkt der Arbeit und Lehre geschaffen worden, der bei weitem am vollständigsten meine Bestrebungen verwirklicht, durch die Anwendung der Wissenschaft zur Erzeugung von Edelgütern mitzuwirken.

Inzwischen hat das Deutsche Volk trotz seiner mangelhaften, durch das unsinnige Prinzip der Listenwahlen im engsten Parteiwesen festgehaltenen Regierung seinen Wiederaufstieg begonnen und darf ein zunehmendes Vertrauen in seine innere Gesundheit beanspruchen.

1

von Suttner.

Quelle:
Ostwald, Wilhelm: Lebenslinien. Eine Selbstbiographie. Berlin 1926/1927, S. 221.
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