[46] Wir hielten uns in Landau nicht länger auf, als nötig war, die Schwierigkeiten zu beseitigen, die sich unserer Weiterreise in den Weg setzten. Die starkbefestigte Stadt, welche für Frankreich gegen die deutsche Seite hin als das wichtigste Bollwerk angesehen wurde, war mit Truppen überfüllt, die Nationalgarde tat den Dienst eifrig mit, und Bürger und Behörden offenbarten die heftigste Freiheits- und Kriegslust. Das Volk sammelte sich um unsern Wagen, die Verräter – hieß es – solle man nicht zum Feinde hinüberlassen, nur Aristokraten könnten jetzt das Land der Freiheit fliehen wollen. In der Tat weigerte sich der Postmeister, uns [47] Pferde zu geben, bevor wir nicht eine besondere Erlaubnis der Behörde beibrächten; der Maire wollte sich mit der Untersuchung nicht befassen, erst nach dringender freimütiger Ansprache gab endlich der Kommandant den verlangten Schein, daß die Papiere vollkommen richtig und die Reisenden unbedenklich zu befördern seien.
Ohne weiteres Hindernis gelangten wir nach Neustadt an der Hardt und darauf nach Mannheim. Hier hatte sich seit unsrem früheren Besuche die Stimmung auffallend erhöht. Französische Emigranten, zahlreicher als je, genossen der größten Gunst in den obern Kreisen und fachten überall die Glut des Hasses gegen das revolutionäre Frankreich an; sie arbeiteten im Übermute schon stark darauf hin, sich selber auch verhaßt zu machen, und manches Haus bereute schon, zu bereitwillig solche Gäste aufgenommen zu haben; allein politisch ließ man sich leicht von ihnen fortreißen, da sich als gewiß in Aussicht stellte, daß sie nächstens in Sieg und Glanz daheim die Meister sein würden; denn wie sollte doch das seiner ersten Häupter, seines besten Adels und seiner vornehmsten Offiziere beraubte Volk in Frankreich den vereinten Kriegsheeren des Kaisers, des Königs von Preußen und der französischen Prinzen widerstehen können? Der Kriegszug aber war unzweifelhaft und daher der Untergang der Revolution ganz nahe. So dachte nun freilich mein Vater keineswegs; er hielt die Revolution für fest gegründet, ihre Sache für unbesiegbar, die nationalen Truppen dünkten ihn kriegerischer als die heranrückenden fremden Heere. Doch dergleichen auszusprechen durfte man kaum wagen, die entgegengesetzte Meinung schien die allein erlaubte; da mein Vater aber sich dieser Tyrannei nicht unterwerfen wollte, sondern frei und wohl gar spöttisch den Hoffnungen und Aussichten der einen Seite die der andern gegenüberstellte, so entstanden Auftritte des Zorns, ja der Wut, die nicht fern von Gewalttat waren und auf der Stelle zu tückischer Angeberei führten. Die würdige Mutter meines Vaters, verwirrt und erschreckt, den Sohn in solchem Widerstreite zu sehen, [48] aus dem, wie sie wußte, hier nur Unheil für ihn erfolgen konnte, war nun selber froh, seine Weiterreise nahe zu wissen, gegen welche sie anfangs lebhaft und zärtlich Einspruch getan. Wir gingen wieder zu Schiff und fuhren gemächlich den Rhein hinab.
Die Gesellschaft auf dem Schiffe war gemischt und erwies sich bald in dieselben Bestandteile gespalten, in welche die ganze Welt sich entzweien zu sollen schien. Einige Emigranten führten das große Wort, und niemand bestritt es ihnen, obwohl ihre Ungebärde, ihr Schimpfen und Wüten den andern lästig wurde. Unvermutet fiel der Blick des einen auf ein an meiner Kleidung zufällig hervorblickendes Bändchen, es war unscheinbar, aber noch immer als dreifarbig zu erkennen. Als könne er seinen Augen nicht trauen, starrte er das Zeichen an, rief dann seine Gefährten herbei, und nun gab es einen verwünschten Lärm von Redensarten, die ich nicht verstand, die aber, wie ich wohl sah, meinen Vater hart angingen; er blieb den Gegnern nichts schuldig, allein sie hatten gegen den einzelnen die Übermacht und behaupteten, wir von der Revolution Angesteckte dürften nicht weiter mitfahren, sie befahlen den Schiffleuten, anzulegen und uns auszusetzen; indes hatten diese nicht die geringste Lust, einem solchen Ansinnen Folge zu leisten, und als die Emigranten nicht abließen, so veränderte sich die Szene plötzlich. Die übrigen Reisegefährten, welche bisher ruhig und schweigsam geblieben, deutsche Landsleute aus der Pfalz, aus Worms und Mainz, erhoben sich gleichzeitig in demselben Antriebe, traten auf die Seite meines Vaters und erklärten den Welschen, wenn sie nicht auf der Stelle das Maul hielten, so würden sie in den Rhein geworfen, wozu die Schiffleute herzhaft einstimmten. Was war zu tun? Die Franzosen mußten wohl schweigen, denn sie sahen, daß hier vom Drohen zum Tun nur ein Schritt war, und die Wasserwirbel des Rheins plätscherten mahnend an die Planken.
In Mainz, wo wir landeten, waren die Emigranten die ersten, welche das Schiff verließen, und wir verloren sie [49] gleich aus den Augen; nach einem Aufenthalt von ein paar Stunden schwammen auch wir schon wieder in einem andern Schiff und in anderer Gesellschaft den Rhein hinab. Die Stimmung in Mainz äußerte sich schon lauter gegen die Emigranten als die in Mannheim, und auf dem Wege nach Koblenz wurde mit offnem Hasse von ihnen gesprochen. Von ihrem Übermut, ihrer tollen Verschwendung, ihren empörenden Gewalttaten und lächerlichen Eitelkeiten erzählte man hundert Geschichten. Koblenz war von ihnen überschwemmt, sie hatten dort ihre Waffenstärke gesammelt und spielten in Stadt und Land völlig die Oberherren; der Kurfürst von Trier, der sie aufgenommen, hatte gar nichts mehr zu sagen, seine Behörden wurden von den Fremdlingen mißachtet, seine Truppen verdrängt, es wurden französische Gerichtshöfe errichtet und sogar die Einheimischen gewaltsam vor diese geschleppt, wenn französischerseits eine Klage anhängig gemacht wurde. Alle bürgerliche Ordnung war aufgelöst, die Hausrechte wurden verletzt, junge Edelleute quartierten sich willkürlich ein, wo eine artige Frau, ein hübsches Mädchen ihnen in die Augen fiel, die Galanterie schlug nicht selten in die roheste Dreistigkeit um, und die frechste Sittenlosigkeit wurde öffentlich zur Schau getragen. Die Einwohner klagten dem Kurfürsten ihre Not, und als er sich unfähig aller Abhülfe erklärte, verlangten sie nur seine Zustimmung, so wollten sie schon auf eigne Faust das fremde Gezücht aus dem Lande treiben; er aber bat sie um Gottes willen, doch nur noch Geduld zu haben. Dies war nun freilich ein verzweiflungsvoller Zustand, in welchem das Ansehen und die Ehre eines deutschen Fürsten bei dem eignen Volke schlimm fahren mußte. Die einzige Hoffnung war, daß der Krieg bald ausbrechen würde, da denn die lästigen Gäste insgesamt nach der Grenze vorrücken müßten. Ihnen selbst dünkte der unverzügliche siegreiche Einmarsch in Frankreich so gewiß, der Gewinn aller Macht und alles Reichtums so unfehlbar, daß sie nicht daran dachten, ihre Hülfsmittel irgend zu Rate zu halten, im Gegenteil, sie warfen [50] das Geld auf die leichtfertigste Weise weg, als müßten sie es loswerden, damit das neue, reichlichere nur Platz fände. Ich sah Übungen im Pistolenschießen, wobei die getroffenen Goldstücke jedesmal unter das Volk ausgeworfen wurden; ein Bauermädchen bot Blumensträuße zum Verkauf und empfing, weil sie hübsch war, Gold über Gold; man stellte die üppigsten Gastereien an und ergötzte sich, die Bürger in Champagner zu berauschen, ja die Schuljugend wurde aufgegriffen und betrunken nach Hause geschickt. Noch mehr aber als dieser Unfug empörte der Hohn, der gegen das Schwarzbrot verübt wurde; von ganzen Broten wurde die Krume zu großen Kugeln geknetet und mit diesen entweder Vorübergehende angeworfen oder Fenster beschädigt, die ausgehöhlte Kruste wurde zu Überschuhen gebraucht und darin herumgetanzt, bis sie auf den Steinen zerbrachen und sich im Schmutz verloren; alles öffentlich, von Marquis und Vicomtes und jungen Abbés ausgeführt, unter großem Zulauf und Gelächter. Diese Versündigung an der Gottesgabe, wie man es zu nennen pflegte, war derjenige Frevel, den die Deutschen am wenigsten verzeihen wollten; sie riefen die Rache des Himmels dawider an, und wo es geschehen konnte, legten sie auch wohl Hand an die Frevler selbst. Wurden Emigranten ins Wasser geworfen, zerprügelt oder sonst mißhandelt, so geschah es mehr um des Schwarzbrotes willen als aus jeder andern Ursache. Diese Einwirkung der Emigranten längs des ganzen Rheinstroms darf nicht übersehen werden bei Beurteilung der nachfolgenden Ereignisse, als die Waffen der Revolution in diese Länder vordrangen und hier teilweise so günstig aufgenommen wurden.
Auch meinem Vater sollte hier wieder ein unangenehmes Abenteuer beschieden sein. Wir aßen abends im Gasthof an der von zahlreichen Emigranten besetzten großen Wirtstafel; ich war im verwirrenden Lärm ermüdet eingeschlummert, als auf einmal ein lauter Schrei neben mir mich aufweckt. Ich sehe meinen Nachbar, in der Gebärde der [51] Abwehr eine zusammengefaltete Serviette als Schild erhebend, und auf meiner andern Seite meinen Vater, der zornerfüllt ein Messer wie zum Stoß ergriffen hat. Sogleich sprangen die Nächstsitzenden auf, der Wirt kam herbei, und es gab viele Erklärungen und Verhandlungen, von denen ich nichts verstand, die sich aber doch endlich dahin beruhigten, daß man weiteraß, nur zuckte der Emigrant, sooft mein Vater sein Messer nahm, krampfhaft nach der Serviette, und dies Spiel wurde bald für die Zuschauer belustigend. Als die Tafel beendigt war, nahm der Bedrohte seinen Hut eilig zur Hand und dann, jede Blöße vermeidend, seinen Rückzug, worauf mein Vater einem emigrierten Elsasser deutsch den Anlaß des Vorfalls erzählte, den auf diese Art auch ich nun erfuhr. Jener Franzose hatte aus irgendeiner Angabe erkundet, daß mein Vater aus Straßburg käme, gab sich als Kammerdiener – versteht sich, daß nur ein Edelmann diesen Posten bekleiden konnte – des Grafen von Artois zu erkennen und meinte, der Prinz würde gern Erkundigungen einziehen, wie es dort stände, welche Truppen dort wären, welcher Geist in der Nationalgarde, und mein Vater dürfe nicht säumen, die Ehre eines solchen Verhöres zu bestehen. Auf die schnödeste Abweisung, die er empfing, wurde der Emigrant nur zudringlicher und wagte anzudeuten, man würde allenfalls auch Zwang anzuwenden wissen. Auf diese Drohung war mein Vater aufgefahren und hatte nach dem Messer gegriffen. »Hätten Sie den Kerl nur totgestochen«, sagte der Elsasser, nachdem er diesen Verlauf angehört; »die meisten von uns, die wir hier herum am Tische sitzen, hätten es ruhig geschehen lassen, er ist uns allen als ein übermütiger und feiger Schwätzer verhaßt; überhaupt tut dieser Anhang der Prinzen, als wären wir, die wir ein paar Monate später gekommen sind, nicht so gute Royalisten als die zuerst emigrierten, und wir haben vieles darum zu leiden; ich für mein Teil wünsche nur, daß wir bald ins Gefecht kommen, da werden wir doch dieser Höflinge ledig sein!« Wohl nicht ein zweites Mal hätte in Koblenz ein [52] solcher Handel so glimpflich ausgehen können, es gehörte das seltenste Glück dazu, die Parteisucht durch innern Zwist auf dieser Stelle just entwaffnet zu finden. Bei derartigen Umständen aber, unter solchen immerwährenden Begegnissen war die Reise wirklich gefahrvoll und wenig angenehm. Mein Vater wurde vorsichtiger, hüllte sich mehr und mehr in Schweigen und Unbekanntheit, und so kamen wir ohne weitere Anfechtung glücklich in Brüssel an.
Was meinen Vater eigentlich hieher führte, habe ich nie erfahren, doch ist mir dunkel erinnerlich, daß in Mannheim schon die Rede davon war, wie nötig und geraten es sei, dort eine Erbschaftssache zu verfolgen, bei welcher unsere Familie beteiligt war. Ich freute mich unsäglich des Wiedersehens der bekannten Orte, der teuren Personen, die uns mit Herzlichkeit aufnahmen. Wiederum lustwandelte ich in dem herrlichen Park, wiederum sah ich meinen alten Freund Manneken Pis, wiederum wurde ich mitgenommen zu allen Sehenswürdigkeiten und Genüssen, welche die Kindheit reizen. Nur die österreichischen Soldaten wollten mir nicht mehr wie sonst gefallen, die französischen dreifarbigen dünkten mich viel schöner, und ich hatte auch immer gehört, die Blauröcke würden die Weißröcke unfehlbar aus dem Felde schlagen, welches ich um so glaubhafter fand, als ja schon andere Blauröcke, die Preußen, früher dasselbe sollten getan haben. Daß die Freiheit in dem bevorstehenden Kampfe siegen würde, hörte ich auch hier öffentlich sagen, und die Brabanter, hieß es, würden nicht die letzten sein, den neuen Versuch zu wagen, auch ihre Freiheit zu erringen. Ich begriff nicht, warum mein Vater von diesen Dingen gar kein Heil erwartete und immer den Kopf ungläubig schüttelte, wenn von den Patrioten in Belgien die Rede war; er meinte, die Österreicher wären ihm lieber als diese und mit denen in Frankreich hätten sie nichts gemein als den Namen. Der Name ist aber allerdings in politischen Bewegungen ein mächtiges Einigungsmittel, und ungeachtet der in beiden einander scharf widerstreitenden Grundsätze kann [53] man sagen, daß die belgische Revolution der französischen trefflich vorgearbeitet habe.
Die frohen Tage dauerten nicht lange, eine unvermutete Wendung setzte unsrem Aufenthalt ein nahes Ziel. Ob die Briefe aus Straßburg, die mein Vater auf der Post abholte, vorher gelesen worden und Argwohn erweckt, ob trotz seiner vorsätzlichen Behutsamkeit dennoch mißfällige Reden ihm entschlüpft oder ob irgend sonst eine Verdächtigung stattgefunden, dies vermochte er selber nicht auszuforschen, aber soviel ist gewiß, er empfing die Weisung, Brüssel zu verlassen. Jeder Einspruch von seiner Seite sowie die angebotene Bürgschaft namhafter Männer, alles war erfolglos; man fabelte schon von revolutionärer Propaganda und gab zu verstehen, ein vermutliches Mitglied derselben könne man so nahe dem Schauplatze des bevorstehenden Krieges unmöglich dulden. Mir schien es, als sei mein Vater weniger unwillig und betrübt als ich, der Abschied kostete mich viele Tränen, und Brüssel stand lange Zeit vor meiner Einbildungskraft [54] als ein Ort voll Reiz und Befriedigung, dem ich ungerechterweise zu früh entrissen worden.
Wir wandten uns nach Aachen, und ich hörte, wir würden einstweilen hier bleiben. Die damalige düstre, schmutzige, von ihren Vorstädten noch durch Festungswälle und Tore und Zugbrücken getrennte Reichsstadt Aachen konnte am wenigsten für das heitre, prächtige Brüssel schadlos halten. Es war ein trauriger Ort und traurig auch bald meine Lebensart. Mein Vater war selten zu Hause, und hatte ich in Brüssel ihn fast immer begleiten dürfen, so geschah dies in Aachen höchst selten, ich war fast immer auf dem Zimmer allein oder auf einem engen Hofraum, der ein paar Bäume und einige Sträucher hatte, nur ausnahmsweise besuchte ich die guten, aber beschränkten Hausleute, die in großer Abgeschiedenheit lebten und deren Türe nach der Straße beständig verschlossen war. Ich konnte mich nur mit Ausschneiden beschäftigen und mit den einsamen Spielen, welche sich hieran knüpfen ließen; denn Lesen hatte ich noch nicht gelernt. Jetzt mir diese Hülfe zu eröffnen, fand mein Vater dringend nötig. Ich erinnere mich dieses Lernens kaum, so leicht ging es vonstatten; ich weiß nur, daß ich bald mit unendlichem Vergnügen las, Geschichten, Sprüche, Lieder, wie die gewöhnlichen Kinderbücher sie darboten. Auch die alten Kalender im Hause spürt ich auf und manchen kleinen Almanach, an dessen Bildern und Erzählungen ich mich ergötzte.
Als der Sommer verstrichen war und die Wintereinsamkeit doch allzu schreckhaft bevorstand, ereignete sich eine glückliche Veränderung; eine junge Dame mit einem Söhnchen zog in das stille Haus bei uns ein, und wiewohl sie ganz in dessen abgeschlossene Einsamkeit sich fügte, so begann doch für mich im Innern nun ein neues Leben. Mit dem Kinde zu spielen, ließ ich mich gern herab, dafür kam mir auch die Herablassung der Mutter zugute, als welche nicht müde wurde, lange Abende die schönsten Märchen zu erzählen, wobei ihr Söhnchen bald einschlief, ich aber bis [55] zur späten Nacht begierig zuhörte. Ich weiß noch genau die Physiognomie jener Abende, wie wir saßen, wie wir uns an die Erzählerin schmiegten, wie ganz befriedigt und glücklich meine Seele sich fühlte und nur die einzige Sehnsucht bisweilen nicht unterdrücken konnte, daß doch meine Mutter und Schwester auch dabeisein und besonders die Schwester mein Entzücken teilen möchte! In meine frühere Einsamkeit beide herbeizuwünschen war mir weit weniger eingekommen. Übrigens hörte ich leider fast nichts von ihnen, der Krieg war ausgebrochen und störte die Verbindungen, aller Briefwechsel stockte, und mein Vater berührte meine reizbare Empfindung ungern durch fruchtlose Erinnerung an die Entfernten, welche alle Gefahren und Greuel der schon beginnenden Jakobinerherrschaft in Straßburg mit bestehen mußten.
Von allen diesen Vorgängen des Kriegs und der Revolution, die mir zu Straßburg täglich und stündlich im Ohr und Auge gewesen, vernahm ich hier fast nichts, und wiewohl ich an den Nachrichten, für die ich nicht reif sein konnte, eigentlich nichts entbehrte, so fiel mir doch der Abstand auf, der hierin meine jetzigen Tage von den früheren unterschied. Mein Vater, durch unangenehme Begegnisse gewitzigt und bei der erhöhten Stimmung der Parteien hüben und drüben von mannigfacher ernsten Gefahr bedroht, diesseits als Revolutionär verschrien und jenseits auf die Emigrantenliste gesetzt, scheint alles sorgfältig gemieden zu haben, was politischer Deutung unterliegen konnte. Seine Sicherheit in Aachen fand er nur dadurch, daß er im verborgnen lebte, wie er denn auch nicht seinen, sondern einen angenommenen Namen dort führte; mich aber entzog er aller Berührung mit Fremden, weil es doch unmöglich gewesen wäre, mir für alle Verfänglichkeiten, denen meine eignen Einfälle oder die Fragen der andern mich bloßstellen konnten, die nötige Klugheit einzusprechen.
Diese Verhältnisse müssen sich plötzlich verändert haben; denn der Bann, worin ich bis dahin gehalten schien, hörte [56] eines Morgens völlig auf, ich durfte meinen Vater wieder begleiten, und er selber zeigte sich munter und zuversichtlich wie in frühern Tagen. Er führte mich vor die Tore in die schneeschimmernde Winterlandschaft, an öffentliche Lustorte, auf die Redoute, wo Emigranten große Spielbank hielten, und auch in das Theater kam ich nach langer Unterbrechung zum ersten Male wieder. Die vielfachen Zerstreuungen und heitern Ergötzlichkeiten nahmen mich doch nicht so sehr ein, daß ich der ruhigen Erzählungsabende, der traulichen Abgeschiedenheit des Hauswesens und der reichen Phantasiegebilde, die sich in jener Enge glänzend entfaltet, so leicht vergessen hätte, vielmehr blickt ich oft mit Sehnen auf die abgebrochenen stillen Freuden zurück, die nur ein paarmal noch sich erneuerten, aber auch dann leider schon von dem unruhigen Gefühl begleitet, daß ich wußte, sie dauerten nicht, seien von Zufällen und Launen abhängig.
All dieser Wechsel schwand bald vor einem größern: wir verließen Aachen noch mitten im Winter und reisten nach Köln; die Fastnachtslustbarkeiten waren eben im Schwange, und wir sahen gelegentlich manches Stück davon; an solchen Zusammenhang in den Anstalten und an solche große Prachtaufführung, wie die spätere Zeit sie hervorgebracht, war damals nicht zu denken, doch stand Köln schon immer vor allen rheinischen Städten im Rufe, den Faschingsfreuden den größten Spielraum zu gewähren, das Narrentum am allgemeinsten und öffentlichsten zu betreiben. Übrigens galt die Stadt für ein düstres, in Schmutz, Vorurteil und Aberglauben versunkenes Pfaffennest, dessen freireichsstädtisches Regierungswesen, veraltet und verwahrlost, nur noch Mitleid einflößte und dem jeder hellere Sinn als das beste Glück wünschte, unter die ordnende Hand eines aufgeklärten Fürsten zu kommen. Mir konnte der Ort unmöglich gefallen, es war mir überall unheimlich und bang, und in dem lärmenden Gewühle wie in der Öde so vieler wüsten Straßen und schaurigen Winkel, die mit jenem schroff abstachen, bot sich mir nirgends eine behagliche, stille Zuflucht. Auch [57] für die Sinne gab es wenig Anregendes. Von dem Wunderbau des Domes war kaum die Rede; so wert die Straßburger das Münster hielten, sich des herrlichen Besitzes unaufhörlich rühmten und freuten, so wenig machten die Kölner aus dem Dom, der auch in seiner Unausgeführtheit, Verabsäumung und Trübnis allerdings an unmittelbarer Wirkung des Anblicks dem Münster weit nachstand. Das Besehen des Bauwerks war auch nur Nebensache in Vergleich des Verweilens bei Dingen, für welche die Aufmerksamkeit hauptsächlich in Anspruch genommen wurde; die Kostbarkeiten aller Art, Reliquien, Meßgewänder und dergleichen, wollten kein Ende nehmen, und die Heiligengeschichten, welche dabei vorkamen, wurden so gemein und ungeschlacht erzählt, daß auch der Knabe merken mußte, man glaube nicht daran und wolle ihm Fabeln aufbinden. Mehr Behagen und Genuß als diese Kirchensachen gewährte mir die Besichtigung der berühmten Kunst- und Naturaliensammlung des Freiherrn von Hüpsch, wo sich ein helles Gebiet menschlichen Forschens und Bildens auftat, das jenen Wundern an Wunderbarkeit nichts nachgab und Sinn und Glauben immer willig fand, welche jenen erst erzwungen werden sollten.
Ich wußte nicht anders, als wir würden bald wieder nach Aachen reisen, so hatte ich sagen hören, so schien es angenommen. Allein mit dem Frühjahr eröffnete sich unerwartet eine andere Richtung. Wir setzten uns in den Reisewagen, und ich erfuhr, es ginge nach Düsseldorf! Ich erhob ein Freudengeschrei bei dem Namen, mir schien, als müsse sich dort für mich alles Wünschenswerte zusammenfinden. Ich sah, daß auch mein Vater innig froh war und an meiner Freude sein Wohlgefallen hatte. Was ihn zu dieser Rückkehr bestimmte, mag etwa durch folgende Verknüpfung anzugeben sein. Bei dem Versuch einer Übersiedlung nach Straßburg hatten sich seine persönlichen Erwartungen getäuscht gefunden, die allgemeinen Aussichten aber, welche für jene hätten Ersatz oder Trost bieten können, sah er in noch schlimmerer Verdunkelung. Wenn das gewählte Vaterland [58] nicht mehr den Sympathien entsprach, welche das angeborne hatte vermissen lassen, so trat letzteres wieder in sein natürliches Vorrecht, und nur die Schwierigkeit, heimzukehren ohne scheinbare Verleugnung der fortbestehenden Gesinnungen und unveränderten Grundsätze, hatte die unmittelbare Rückkehr noch verhindert. Die Zwischenzeit beinah eines Jahres, in Zurückgezogenheit und Ruhe verlebt, wirkte vermittelnd ein, das Waffenglück der Franzosen hatte im allgemeinen die Folge, daß die feindlichen Stimmen kleinlauter wurden, die Freigesinnten kühner auftraten; letztere, meines Vaters Freunde, waren zahlreich und tätig, sie riefen ihn heftig und ungestüm in ihre Mitte zurück. Er erfuhr, daß die Staatsbehörde ihn nicht anfechten würde, der ehrwürdige Kanzler Graf von Nesselrode benachrichtigte ihn sogar, er könne um so sicherer zurückkehren, als ja der Kaiser alle Deutschen, die sich von der Revolution in Frankreich hätten verlocken lassen, durch öffentliche Kundmachung von dort abrufe und ihnen jede Verantwortung erlasse sowie allen Schutz in der Heimat zusage. Mein Vater wünschte und bedurfte, wieder tätig zu sein; der Ruf seiner Mitbürger war ihm ehrenvoll und schmeichelhaft, er gab diesem und dem Zuge seines Herzens willig nach.
Die Freunde begrüßten ihn mit freudigem Jubel, und es fehlte nicht an Gastmahlen, Landpartien und Abendmusiken, die zu seinen Ehren angestellt wurden. Er war in der Tat allgemein beliebt; der höheren Klasse durch französischen Geist und Scherz angenehm, durch Biederkeit und hellen gesunden Sinn den aufstrebenden Bürgern vertraut, hatte er doch seinen stärksten und treuesten Anhang im untern Volke, dem er stets als ein uneigennütziger Helfer oder doch als freundlicher Tröster erschien. Ich war Zeuge manches rührenden Ausdrucks von dieser Seite, sowohl der Dankbarkeit als des Zutrauens, die ihm bezeigt wurden; ich hörte arme Leute sagen, jetzt hätten sie wieder ihren Arzt, die ganze Zeit seiner Abwesenheit hindurch hätten sie gar keinen gehabt. Es war bekannt, daß er zu einer Bettelfrau [59] hinter der Ratinger Mauer mitten in der Nacht und im schlechtesten Wetter zu Fuß ebenso beeifert eilte, als er in den Wagen stieg, der ihn zu einer kranken Gräfin abholte. Auch mir persönlich wurde dies gute Verhältnis in vielem Schmeichelhaften fühlbar, das, wie ich wohl erkannte, mir um meines Vaters willen erwiesen wurde, und nicht ohne Stolz und jedesmal mit bester Wirkung nannte ich seinen Namen, wenn ich gefragt wurde, wem ich angehörte.
Diese für einen Knaben doch nicht weitreichende Befriedigung war aber fast die einzige, die mir diesmal zuteil wurde. Alle andern Glückseligkeiten, die ich von der Rückkehr in die Vaterstadt gehofft, die mir bei deren bloßen Namen vorgeschwebt, blieben aus oder schwanden in Dunst dahin. Wie fand ich den Ort in der kurzen Zeit verändert! Die Straßen und Gebäude waren noch dieselben, aber mir war der Maßstab verändert und alles in andre Verhältnisse gerückt. Das Haus am Rhein, das liebe Gärtchen war mir fremd geworden, auch zeigte sich mir ja darin weder Mutter noch Schwester, deren Vorstellung sich mir unauflöslich mit der jener Räume vereinigt hatte; unbekannte Menschen walteten in diesen, und wir wohnten in einer mir früher kaum bekannten Straße bei Leuten, die mich eher abschreckten als anzogen. Das schlimmste war, daß mein Vater gerade jetzt am wenigsten Zeit hatte, sich viel mit mir abzugeben oder mich nur bei sich zu haben, denn die Anforderungen seiner neuen ärztlichen Beschäftigung und der sonstigen Verhältnisse des Tages nahmen alle seine Stunden in Beschlag.
Der Krieg gegen die Franzosen dauerte inzwischen fort und entwickelte sich immer nachteiliger für die deutsche Seite; der Eifer und Haß, in welchem sich die beiden Hauptparteien, nämlich die der Revolution feindliche und die ihr günstige, in unsren Bürgerkreisen gegenüberstanden, trat sichtbarer hervor, je mehr die Kämpfe sich näherten. Hatten die Gegner der Franzosen in unsern Ländern noch [60] alle Vorteile der Macht und Formen, so war doch die große Mehrzahl der Einwohner den Franzosen oder vielmehr ihrer Sache geneigt, und die Siege und Fortschritte der letztern galten auch uns zum Gewinn; der Augenblick schien nicht fern, wo die Waffen der Freiheit bis zu uns vordringen und die alten Zustände in sich zusammenbrechen würden. Jede neue Nachricht vom Kriegsschauplatze, jedes Näherrücken desselben war sogleich in den Gesichtern zu lesen, und dem Gange der Ereignisse nach war fast immer die Reihe an den Vornehmen, den Regierungsbeamten und Geistlichen, Bestürzung und Verlegenheit zu zeigen. In dem geringen Kreise, auf den ich beschränkt war, hörte ich keine eigentlichen Erörterungen, man begnügte sich, auf die Vorgänge zu schimpfen und zugleich Nutzen von ihnen zu ziehen. Für letzteres war durch Flüchtlinge und Emigranten vielfacher Anlaß gegeben, sie mußten sich unterbringen, sich weiterschaffen, und neben dem baren Gelde war schon mancher Gegenstand von Wert, manches aufgesparte Kleinod hiebei vorteilhaft in die Taschen meiner Hausleute geschlüpft. Sie beherbergten ab und zu einige Emigranten, und wenn diese ordentlich zahlten, so stieg wohl gar ein Dankgebet zum Himmel, der den Seinen etwas Gutes zufließen lasse. Bald aber nahm dieser Zug der Dinge so überhand, daß auch das Beten darüber vergessen wurde. Bisher nämlich waren die Emigranten nur truppweise erschienen, ihre Anzahl war noch zu übersehen, im Guten und im Schlimmen machte sich der einzelne bemerkbar; plötzlich aber, infolge eines unerwarteten scharfen Andranges französischer Heeresmacht, flutete die Hauptmasse vom linken Rheinufer herüber, und der ganze Schwall warf sich nach Düsseldorf, wo er sich zunächst wieder in Sicherheit glaubte. Die Stadt war wie überschwemmt, alles wimmelte von Emigranten, zu Hunderten zogen sie durch die Straßen, spazierten sie auf dem Markt, am Rhein, und sprechen hörte man fast nur Französisch. Meine Hausleute waren schnell bei der Hand, jede Bodenkammer wurde als Zimmer vermietet, jeder kleinste Dienst [61] angerechnet, an Eßwaren und andern Sachen oft der sechsfache Wert gewonnen. Um noch größern Vorteil zu ziehen, richteten sie einen Mittags- und Abendtisch ein, und so groß war die Überfüllung der Stadt, daß Herren und Damen von höchstem Stande und üppigster Gewöhnung sich in den engsten Hinterstuben, bei schlechtem Gerät und geringer Küche, zusammenpferchten und behalfen und ihr Mißbehagen nur dadurch etwas zu lindern suchten, daß sie darüber lachend scherzten.
Eigentlich sah ich die Emigranten als meine Feinde an, fand mich aber unwillkürlich zu ihnen hingezogen. Ihre freundliche Lebhaftigkeit ergänzte zuvorkommend meine dürftigen Worte und halben Redensarten, wegen deren ich für einen völlig französisch Redenden erklärt wurde, und mit einigen Knaben wußt ich mich in der Tat bald leidlich zu verständigen. Gesellig unter allen Umständen, suchten sie sogleich Anknüpfungen und fanden sie besonders bei hübschen Mädchen und Frauen, auch wo die Vermittlung der Sprache fehlte. Der Übermut, der in Koblenz widerwärtig auffiel und empörte, war hier wenig mehr zu sehen, grausam getäuschte Hoffnungen und andringende Not hatten ihn nur zu sehr schon niedergebeugt; um so mehr traten wieder einschmeichelnde Artigkeit, gefällige Sitte und muntrer Scherz hervor. Mir gewährte das ganze Wesen die angenehmste Zerstreuung, und ich lernte mancherlei dabei, sowohl in Sprache als in Manieren, ich sah Waffen und Kostüme aller Art, prächtige Hofkleider, elegante Jagdanzüge, Uhren, Dosen, Kreuze und Ringe, deren man sich größtenteils um ein billiges zu entledigen wünschte; ich sah mit Erstaunen von feinen Herren Speisen bereiten und Betten überziehen, in einer freilich so ausgesuchten und sorgfältigen Weise, daß kein andrer es ihnen zu Dank tun konnte. Mein Vater sah mich in diesem Verkehr und ließ mich gewähren, er selber war in dieser Zeit sehr beschäftigt, und auch die Emigranten gaben ihm zu tun; denn sosehr ihm der Grund ihrer Sache zuwider war, so gern war er den einzelnen förderlich, [62] und die Anlässe zum Vermitteln, zur Fürsprache und zum Verständigen erneuerten sich immerfort, weil die Kenntnis der französischen Sprache in Düsseldorf, mit Ausnahme des Adels, noch eine Seltenheit war und sogar die Behörden sich bei der Überzahl welscher Fremdlinge nicht mehr zu helfen wußten. Für mich ergab sich hierin die schlimme Erfahrung, daß übertriebenes Lob eine mißliche Gabe sei, indem meine gepriesene Kenntnis des Französischen von den Hausleuten nur allzu eifrig in Anspruch genommen wurde; immerfort sollte ich das Gesagte erklären, das zu Sagende dolmetschen, und nie wollte das fließen, oft mißriet es in ärgster Art; da war denn kein Zweifel an meinem Können, sondern einzig an meinem Wollen; ich sei boshaft, hieß es, verstockt, und wenig fehlte, so hätte man mich bei meinem Vater deshalb verklagt.
Einen gewaltigen Eindruck machte in der ganzen damaligen Welt die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs des Sechzehnten. Unter den Emigranten herrschte Schrecken und Wut. Ich sah deren, welche sich die Haare rauften, Gesicht und Hände mit den Nägeln aufrissen, Fluch und Verwünschung über die Mörder, über die ganze Nation, als des Mordes mitschuldig, ausriefen. Andre lachten krampfhaft, ließen Ludwig den Siebzehnten hochleben, wollten aufbrechen, wenigstens diesen jungen König den Henkern und der Haft entreißen. Es gab aber auch Wütende, die das Ereignis priesen, das Los des Königs ein verdientes nannten; er habe doch die meiste Schuld an allem Unglück Frankreichs, er habe die Revolution gebilligt, ihr nachgegeben, die Sache der Krone und des Adels verraten; jetzt würde alles gut gehen, jetzt würden die Prinzen in ihren Unternehmungen nicht mehr gelähmt sein, jetzt die Verbündeten keine falsche Schonung mehr üben. So, während einige das Bild des Königs weinend küßten, warfen andre es auf die Erde und zertraten es mit Füßen, in demselben Zimmer, in derselben Familie! Das Entsetzen, einen König auf dem Schafotte sterben zu sehen, ergriff die Deutschen nicht weniger tief als die [63] Franzosen, und besonders mein Vater betrauerte den unglücklichen Ludwig mit innig menschlicher Teilnahme. Die Sache der Emigranten trennte sich von der des Königs ganz, und es fehlte nicht an Beschuldigungen, daß er als Opfer ihrer tollen Anschläge gefallen sei.
Unser Wohnen in diesem Hause dauerte nur noch kurze Zeit. Man konnte für unsre Zimmer, wenn man sie wochen- oder tageweise vermietete, dreimal soviel bekommen und ließ deutlich merken, daß man durch unsre Anwesenheit Schaden leide; mein Vater willigte ein, vor der bestimmten Zeit auszuziehen, wozu mancherlei Ungebühr, die er aus meinen Erzählungen nebenher vernahm, nicht wenig mitwirken mochte. Er hatte sich in den Leuten, wie er nun einsehen mußte, gänzlich getäuscht, sie waren ihm als frommeifrige und abergläubische bekannt, aber er hatte sie als redliche und ehrbare vorausgesetzt, jetzt entdeckte er schamlose Gewinnsucht und niedrige Prellereien, und außerdem hatte er allen Grund, meine Sitten, die glücklicherweise noch bewahrt geblieben, bei längerem Aufenthalt in Gefahr zu glauben. Unser Umzug wurde daher leicht beschlossen und rasch ausgeführt. Ich war im Innersten erfreut, denn so schlecht hatte ich mich noch nie befunden als unter diesen Leuten.
Wir zogen in eine Wohnung, die vom Grunde eines tiefen Hofes her nach dem Markte sah. Unser Hauswirt war ein Tanzmeister, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, seine bejahrte Frau besorgte unsre Aufwartung und Kost. Diese Leute waren auch nur ganz gewöhnliche, aber ohne Verderbnis und falsche Ansprüche. Ich fühlte mich wie befreit, als ich der Spannung und der immer neuen Zerrungen ledig war, in denen mich jene Gemeinheit gehalten hatte und deren ich mir jetzt erst recht bewußt wurde. Die Ordnung und Ruhe um mich her wirkte günstig, meine Aufgaben wurden mir leichter, und mein Lehrer war eine Zeitlang sehr zufrieden. Er riet nun, die Stunden zu verdoppeln, und da ich so gute Fortschritte machte, so hoffte er noch bessere zu erzwingen. Bei mehr Talent und Einsicht von seiner Seite wäre dies [64] vielleicht gelungen, doch seine stumpfe Pedanterei konnte einer so gewagten Anstrengung nicht vorstehen. Es geschah mir, was nachmals mir sich im Leben oft genug wiederholte, daß ich schnell und auch wohl mit Überspringung einiger Stufen ein gewisses Ziel erreichte, dann aber, anstatt ebenso fortzufahren, auch nicht einmal mit gewöhnlichem Schritte weiterkam. Meine Fassungskraft verlangte Muße, um sich auf der gewonnenen Stufe zu erholen und für neue zu reifen, und weil ihr diese nicht gewährt wurde, so versagte auch die Ausdauer.
Einen neuen Schwung erhielt mein erwecktes romantisches Interesse durch die statthabende Wiedereröffnung des Theaters. Die Seitenmauer des Schauspielhauses lief längs unsres Hofraumes hin, und nichts zur Bühne Gehöriges konnte sich meinen Augen entziehen. Aber das Theaterwesen rückte mir noch ganz anders nah. Unter den umherziehenden Truppen war eine von dem Direktor Nuth gebildete und beherrschte, die aus Kindern bestand. Er hatte aus dem untersten Volke teils arme Waisen, teils von ihren Eltern aus Not ihm überlassene Kinder in hinreichender Anzahl zusammengebracht, sie für die Bühne und ganz besonders für den Tanz abgerichtet und führte mit diesen zugestutzten, mitunter wirklichen, meist aber nur erzwungenen Talenten alle möglichen Schauspiele und Ballette auf. Von den Knaben war keiner über zwölf Jahre, von den Mädchen nur zwei etwa vierzehn, die andern Kinder jünger, bis zu sechs Jahren hinab. Nuth und seine Frau stellten die Eltern dieser großen Familie vor, aber gleich im Äußern von ihr sehr unterschieden, denn die kolossalen, wohlgenährten Figuren stachen gegen die blassen, magern, meist auch im Wachstume zurückgebliebenen Kleinen auffallend ab. Eiserne Zucht und unbedingter Gehorsam waren die Triebfedern, welche das Ganze in Ordnung und Tätigkeit hielten; der Direktor vereinigte in seiner Person wirklich alle Arten von Gewalt, jeder Wink war ein Gebot, der Schüler zugleich ein Knecht, ein Sklave. Natürlich sollte die Schar soviel als möglich [65] verdienen, sowenig als möglich kosten, sie wurde daher so karg und eng zusammengehalten, als es bei der Notwendigkeit, beide Geschlechter doch zu trennen, nur irgend geschehen konnte. Nuth faßte das nächst am Theater so bequem und vorteilhaft gelegene Haus ins Auge, unternahm es, sich mit seiner Gesellschaft in dem wenigen Raume, der noch nicht genommen war, mit Hülfe zweier großen Bodenkammern einzurichten, und der Wirt, erstaunt und froh, ein bisher gar nicht vermietbar erachtetes Gelaß mit anzubringen, nahm die ganze Schar von mehr als dreißig Köpfen auf. Mein Vater war unwillig, konnte jedoch die Sache nicht hindern; ich dagegen freute mich lebhaft des jungen Völkchens, das meine Neugier reizte und von dem ich mir außerordentliche Dinge versprach.
Wir wohnten Wand an Wand und Tür an Tür mit den Fremden, die Nähe schien unerträglich werden zu müssen. Allein die verschiedenen Erwartungen schlugen gänzlich fehl; wir merkten nicht, daß wir Nachbarn hatten, mein Vater empfand keine Störung, und für mich zeigte sich kein Gewinn; selten daß man auf der Treppe oder in der Haustüre sich einen Augenblick in flüchtiger Eile sah, und kaum tauschte man einen Gruß dabei. Hatte mein Vater vorsichtig mir jeden Verkehr mit den Ankömmlingen untersagt, so war auf der andern Seite, aus begreiflicher Klugheit, ein gleiches Verbot erlassen. Es bestand also die vollkommenste Absonderung, und hüben und drüben blieb jeder ruhig in seinen Grenzen. Die Stille war musterhaft; bisweilen wurde wie von fernher Musik gehört, welche den Tanz begleitete, bisweilen einiges Klirren von Fechtübungen, selten ein gedämpftes Deklamieren. Die ununterbrochene Aufsicht und nie nachlassende Strenge ersparten die Anwendung außerordentlicher Zucht- und Strafmittel. Das abenteuerlichste, leichtfertigste Gewerbe war solchergestalt von starker Faust an der Kehle gepackt, und aus dem starren klösterlichen Zwange ging doch abends wieder die bunteste, fröhlichste Erscheinung hervor.
[66] Das Vergnügen, diese jugendlichen Schauspieler auftreten zu sehen, gehörte nicht zu denen, die mein Vater mir hätte versagen wollen. War er selber verhindert oder nicht gelaunt, das Theater zu besuchen, so gab er mir die wenigen zum Einlaß nötigen Stüber, und ich durfte auf eigne Hand hineingehen. Die Ansicht, daß die Schaubühne eine Schule der Bildung und Sitte sei, war damals gäng und gäbe; Autoren und Schauspieler suchten das Publikum in dieser guten Meinung zu erhalten, die aufgeführten Stücke dienten größtenteils einer moralischen Absicht, den Zwecken der Aufklärung, der Menschenliebe. Die Nuthsche Truppe hatte besonders Ursache, sich dieses vorteilhaften Scheines nicht zu entäußern, und man sagte laut, daß diese Jugend nichts aufführe, was nicht die Jugend auch sehen dürfe. Eine umsichtige Kritik hätte vielleicht doch manches gegen diese Behauptung einwenden mögen, denn man gab eigentlich alles durcheinander, aber die Leute beruhigten sich bei den vorausgeschickten Grundsätzen, und es war ganz in der Ordnung, daß man der Jugend ein so fruchtbares Vergnügen gönnte. Ich war nicht wenig stolz auf meine Selbständigkeit und genoß die Theaterlust in vollen Zügen. Vollkommnere Schauspieler als diese Kinder glaubte ich nicht möglich, und ihre handgreiflich eingelernten, von eignem Verständnisse selten begleiteten, aber in ihrer Äußerlichkeit allerdings beinahe fehlerlosen Leistungen dünkten mich der Gipfel der Kunst. Mich diesen ausgezeichneten Menschen häuslich so nahe zu wissen und sie dabei nur von der Bühne zu kennen schien mir so unleidlich als verkehrt; ich suchte und fand einige Annäherung und hatte sie in keiner Weise zu bereuen. Besonders zwei Brüder Gerstel wurden mir bald vertraut, sie waren gut und brav, und unsere mit einiger Vorsicht geführte Bekanntschaft erlitt keine Trübung. Mein Vater sprach wohl selbst mit den Kindern, und das mir gegebene Verbot erlosch nach und nach; Nuth war seinerseits geschmeidig und meinte scherzend, seine Truppe stände mir gern offen. Mit Neugier und Staunen blickte ich in das [67] Innere dieser Wirtschaft, die Kinder waren streng und kurz gehalten, aber doch sehr vergnügt und sogar lustig. Nuth war im Grunde ein guter Mann, und weil er sich in seinem Reiche als unbedingter Herrscher fühlte, so gestattete er auch manche Freiheit. Nur seine Frau flößte immer Furcht und Schrecken ein, auch mir, und ihr scharfer Geierblick schmerzte mich im Innersten. Jetzt wurde mir auch die Bühne selber zugänglich, anstatt im Parterre sitzend bequem zu sehen und zu hören, stand ich viel lieber im Hintergrunde der Kulissen oder hinter den Dekorationen, wo mir die Vorstellung größtenteils verlorenging, ich aber den höheren Reiz empfand, den geweihten Ort selber zu betreten und die Spielenden bei ihren Ein- und Abgängen dicht neben mir zu sehen. Nur einmal gab es Verdruß, ich neckte einen der ältern Knaben wegen der Worte, mit denen er eben abgegangen war, das wollte er nicht dulden und meinte, was er draußen vor dem Publikum sage, darauf gelte hinter der Kulisse keine Anspielung, und als er im Ärger mich verklagte, mußte ich mein Unrecht bestätigt hören. Übrigens hatten die Kinder all ihre Aufmerksamkeit zusammenzuhalten, denn sie spielten immer ohne Souffleur; sie mußten folglich im Auswendiglernen das Unglaubliche leisten, und ihr Beispiel diente mir zum Sporn, auch meine Aufgaben frischer und zuverlässiger zu lernen, so daß mein Lehrer in dieser Zeit mein Gedächtnis und meinen Fleiß mehr als sonst zu loben fand.
Die Gefahren des Krieges hatten sich wieder etwas abgewendet, dagegen drangen seine Forderungen überall fühlbar ein. Jedermann klagte über die Teurung, die schweren Abgaben, über die Stockung der öffentlichen Zahlungen. Eine Abteilung pfälzischer Truppen verließ uns, um zu dem Reichsheere zu stoßen, man wehklagte über diesen Abmarsch und meinte, warum nicht lieber die Emigranten gegen den Feind geschickt würden, ihre Sache sei es doch eigentlich, für die der Krieg angefangen sei, und auf ihre falschen Versprechungen [68] hin habe man ihn unternommen. Man sah sie täglich auf dem Markte zusammenkommen, in langen Frontreihen auf und nieder wandeln und oft die ganze Breite des Platzes einnehmen, wobei sie Kinder, Mägde, und wer sonst hier gehen wollte, schnöde zurückwiesen und zum Umwege nötigten. Doch solchem Trotze begegneten die Bürger bald mit entschiedenem Übergewicht; es gab harte Zusammenstöße, mehrere Emigranten wurden übel zugerichtet, einige waren in Gefahr, in den Rhein geworfen zu werden. Sie benahmen sich hierauf etwas bescheidener, doch dies hinderte nicht, daß die Stimmung gegen sie täglich übler wurde. Die meisten hatten ihre Geldmittel schon erschöpft, lebten höchst eingeschränkt, blieben schuldig oder suchten mehr sinnreich als löblich ihren Tagesunterhalt zu fristen. Die Stadtbehörde fing schon an, manche auszuweisen, einige wurden wegen Unfugs, den sie im Innern von Familien angestiftet, durch Polizeibeamte über die Grenze gebracht, wobei der Ruf einheimischer Namen notwendig mit zu leiden hatte. Alles dies wirkte günstig für die Freiheitspartei, welche das Haupt mehr und mehr emporhob. Wie früher Lafayette und Dumouriez, so wurde jetzt Pichegru gefeiert, an öffentlichen Orten sein Wohl getrunken, das Heil der französischen Freiheit ausgebracht. Vergebens eiferten die Aristokraten, widersetzten sich die Beamten, ergingen Verbote von seiten der Behörden: die freie Meinung war zu lebenskräftig, empfing aus den Umständen immerfort zu reichliche Nahrung, als daß sie so leicht einzuschüchtern gewesen wäre. Dies zeigte sich auffallend bei Herstellung einer Schützengesellschaft, die in jener Zeit erneut zusammentrat; sie bestand aus den angesehensten, vermögendsten und rüstigsten Männern, und als ihre Uniformierung zur Sprache kam, durfte der Vorschlag gemacht werden, Blau, Rot und Weiß dafür anzuwenden! Mein Vater, der nicht zu der Gesellschaft gehörte, aber mit den meisten Teilnehmern befreundet war und ihren Versammlungen gern beiwohnte, hatte den Einfluß, jenen Vorschlag zu vereiteln, und zur Uniform wurden [69] blaue Leibröcke mit gelben Unterkleidern gewählt, worin eine frühere deutsche Zeitstimmung, die doch auch etwas revolutionäre Epoche von »Werthers Leiden«, noch so spät sich abbildete. Nun hatte die Freiheitspartei gleichsam ihre Bewaffneten, deren öffentliche Auszüge und Übungen im Scheibenschießen dem Volke so wert als bedeutend waren.
Meinen Vater sah ich gewöhnlich schwarz gekleidet, in Schuh und Strümpfen, mit gepuderter Frisur und einem Haarbeutel, bei manchen Anlässen auch mit silbernem Degen an der Seite; jetzt, um der Freunde willen, trug er auch bisweilen jene Schützenkleidung, obschon er, wie gesagt, zu der Körperschaft nicht gehörte. Ein solch freier Anteil war seiner Sinnesart am meisten gemäß; er war ein Gegner von geheimen Gesellschaften, aber auch schon allen geschlossenen abgeneigt; er haßte Ränke und Listen, welche sich so leicht in jenen ansiedeln, und er fürchtete den Zunftgeist, der in diesen heimisch zu werden pflegt; offne und selbständige Wirksamkeit war seine Losung. Er hatte sich in der Tat von allen Einflüssen des Parteisinnes, der Genossenschaft und Verabredung frei erhalten und konnte jeden Tag rücksichtslos der Überzeugung folgen, welche der Tag brachte, mochte es nun dieselbe von gestern oder eine ganz neue sein, die aus neuen Nachrichten oder Überlegungen hervorging. Da jedoch in den Hauptsachen seine Meinung nicht wechselte, sondern im Gegenteil mit seltener Treue beharrte, so gab ihm seine Selbständigkeit ungemeines Ansehen, und sein Urteil hatte bei seinen Mitbürgern außerordentliches Gewicht. Er konnte in dieser Stellung als ein Mann des Volkes wirken und wirkte in der Tat so. Hätte er Haß und Unwillen gegen jemanden aufregen wollen, so wäre ihm das leicht geworden, gleichwie er auch gegen jene schützen konnte. Ein vornehmer Mann, der schon lange in seiner Amtsführung zweideutig erschien und Ausbrüche der öffentlichen Meinung fürchtete, wußte kein besseres Mittel, als sich möglichst an meinen Vater anzuklammern, ihn häufig einzuladen, sich mit ihm zu zeigen, er hoffte auf diese [70] Weise den Widerwillen abzustumpfen, das Urteil stutzig zu machen; auch sein Söhnchen mußte mich fleißig aufsuchen, und ich staunte nicht wenig, den stolzen, vornehm gekleideten, mit goldner Uhr und Kette prangenden Knaben, dem zu Hause die Fülle der Spielsachen und Leckereien war, sich zu unsern dürftigen Spielen einfinden zu sehen; noch mehr aber setzte mich in Verwunderung, als mein Vater den Besuchen ein Ziel setzte und mir erklärte, dieser Umgang sei zu schlecht für mich! Ein schönes Zeichen der Liebe seiner Mitbürger wurde meinem Vater auch zuteil, als einst ein Emigrant Gefahr lief, das Opfer eines Auflaufs zu werden, den er unvorsichtig gegen sich aufgereizt hatte; mein Vater drang durch die Menge vor, wechselte mit dem Geängsteten einige Worte, sprach darauf zu dem Volke beruhigend und führte den Franzosen an der Hand unter Beifalls- und Leberuf sicher von dannen. Von einem solchen Manne war kein ungesetzliches Beginnen, keine Teilnahme an Umtrieben und Verschwörungen zu fürchten. Aber freilich schärfte diese Tadellosigkeit nur den Haß, den man che Leute seinem Einflusse hegten. Durften am Orte selbst seine Feinde nicht wagen, jetzt offen gegen ihn zu wirken, so wußten sie doch Wege, ihm von anderwärts beizukommen, und versäumten nicht, ihre Sache gehörig anzubringen.
Über München und Mannheim wurden die Fäden gespannt, mit denen man in Düsseldorf ziehen und fangen wollte. Von der kurpfälzischen Oberbehörde gelangte unerwartet ein Befehl nach Düsseldorf, gegen meinen Vater von Amts wegen eine Untersuchung zu eröffnen, inwiefern er in Straßburg sich einer Teilnahme an den revolutionären Bewegungen schuldig gemacht habe. Die erste Mitteilung hiervon empfing er mit Gleichgültigkeit und meinte, die Sache würde nicht viel auf sich haben. Aber einige seiner Freunde, denen der Zusammenhang vermöge ihrer Stellung genauer bekannt wurde, gaben ihm Winke, daß ein mächtiger Einfluß im Spiele und namentlich der Minister von Oberndorff sein entschiedener Feind sei, daher alle Vorsicht [71] und Klugheit nötig werde, dem wohlberechneten Angriffe zu begegnen; ja sie rieten dringend an, ebenfalls in München und in Mannheim auf Nebenwegen zu wirken, wozu die Mittel teils dargeboten, teils zu finden waren. Zur letztern Aushülfe war mein Vater schlechterdings nicht zu bereden; er schrieb vielmehr seine Verteidigung mit aller Wahrheit und Offenheit eines Mannes, der sich nicht fürchtet, zugleich aber mit einer Schärfe und Derbheit, die den Gegner nicht bloß abweist, sondern auf dessen eignes Gebiet zu verfolgen wagt. Die Freunde hatten an der Schrift großes Wohlgefallen, hielten aber eine solche Sprache nicht für ratsam, sondern drangen auf Mäßigung und auf Benutzung der Vorteile, welche sich aus den Zeitumständen ziehen ließen; der alte Graf von Nesselrode gab selber wohlwollend die Punkte an, auf welche er die Verteidigung hauptsächlich zu stützen riet. Mein Vater gab nach, aber nicht genug, er mäßigte seine Verantwortung, ließ indes noch immer zuviel Scharfes darin stehen, reichte sie der Behörde ein und lebte nach seiner Weise fort, ohne weiter an den schwebenden Handel viel zu denken. Ich hörte viel von der Sache reden, sie wurde oft in meiner Gegenwart auch von Fremden besprochen, und ich stellte mir anfangs die schrecklichste Verfolgung, Gefangenschaft und selbst Todesstrafe vor, weil immerfort erzählt wurde, daß politischer Haß die trefflichsten Männer um Leben und Freiheit bringe und die Macht keine Schonung kenne. Als ich aber meinen Vater wohlgemut sah und er auf meine ängstlichen Fragen erwiderte, ihm werde kein Haar gekrümmt werden, ließ auch ich mich gern wieder beruhigen.
Meine Aufmerksamkeit war ohnehin während dieser Zeit in anderer Richtung sehr in Anspruch genommen. Die Nuthsche Gesellschaft machte ihre letzten Anstrengungen und räumte dann das Feld, welches durch die Koberweinsche Truppe alsbald wieder besetzt wurde. Die erwachsenen, geübten Schauspieler, unter denen schätzbare Talente waren, ließen mich nun doch den ungeheuren Abstand gewahr werden,[72] der zwischen jener erzwungenen, schülerhaften Dressur und einer freien, fertigen Ausübung bestand, und ich schämte mich, daß ich jene so sehr bewundert, mich von ihr so lange hatte betören lassen. Ganz andere Stücke kamen nun auf die Bühne, Ritterschauspiele in aller Pracht der Rüstungen und mit allem Sturm der Gefechte, die Familiengemälde von Iffland und Kotzebue rührten das innerste Herz, und Ballette und Pantomimen entzückten durch raschen Zauber und großartige Kühnheit; durch letztere glänzte vor allen der Krafttänzer Horschelt, dessen Name sich auf der Wiener Bühne, wie auch der Koberweinsche, rühmlich forterhalten hat.
Mittlerweile war die Untersuchung gegen meinen Vater vorgeschritten, und schneller, als es der sonst langsame Geschäftsgang vermuten ließ, erfolgte der Schluß, der dahin lautete, daß meinem Vater, weil er an der Französischen Revolution teilgenommen und den französischen Bürgereid geschworen, in den kurpfalz-bayerischen Staaten kein Aufenthalt zu gestatten sei. Dies war also eine Landesverweisung, und zwar eines Heimischen aus seinem Geburtsort; die Maßregel war in den Gesetzen nicht begründet und den kaiserlichen Erlassen geradezu entgegen, daher mein Vater mit allem Nachdruck dawider einsprach; allein von Mannheim erfolgte die Bestätigung und die strenge Vorschrift, den Spruch ohne Zögern auszuführen. Die Freunde waren außer sich, wollten heftige gemeinsame Schritte tun, es erfolgten Drohungen. Der Graf von Nesselrode beklagte den Ausgang, welchen die Sache genommen, und versicherte, er habe alles getan, um ihn abzuwenden; allein die Verteidigung, welche mein Vater eingereicht, habe in den höchsten Regionen nur noch mehr erbittert und es sei zu verwundern, bei der Stimmung, die dort herrsche, daß der Spruch auf Verbannung nur einfach bestätigt und nicht noch Haft und Gefängnis angeordnet worden, wenigstens habe man großen Tadel ausgesprochen, daß das Verfahren nicht gleich von Anfang schärfer gewesen sei. Hier wäre nun jeder weitere [73] Widerstand nur töricht und fruchtlos gewesen, mein Vater sah es ein und beredete seine Freunde, von allen Schritten abzustehen, die für ihn doch nichts mehr ändern, ihnen selbst aber nur Nachteil bringen könnten. Als er aber nun wirklich scheiden sollte und man ihm sogar einige Tage Frist unbillig versagte, fühlte er den sonstigen Mut doch erschüttert, und ein Abschiedsblatt an seine Mitbürger, welches er drucken ließ, sprach seine bewegte Stimmung lebhaft aus. Nicht ohne tiefe Wehmut ging er, von zahlreichen Freunden begleitet und mich an der Hand führend, dem Rheinufer zu, wo wir das Brückenschiff betraten, das uns bald am jenseitigen Ufer absetzte. Hier waren wir schon in fremdem Gebiet, in kurkölnischem, und ein bereitgehaltener Wagen, dem mehrere von Freunden besetzte folgten, brachte uns rasch nach Neuß.
In dieser heitern kleinen Stadt fanden wir den besten Empfang; es waren Freunde vorausgeeilt und hatten ein Gastmahl bestellt, viele achtbare Bürger von Neuß nahmen daran teil, mein Vater schien den meisten wohlbekannt, und die Meinungen und Ansichten, um derentwillen er den Haß und die Verfolgung der Mächtigen trug, waren allgemein so geehrt und beliebt, daß wir auch aus diesem Grunde nur Zuvorkommenheit und Beeiferung erfuhren. In dem besten Gasthofe herrlich bewirtet und von allen Seiten gepriesen und geliebkost zu werden dünkte mich kein übles Los, und wenn dies Verbannung heiße, dachte ich, so dürfe man sich nicht so sehr beklagen.
Ungeachtet dieses guten Anscheins befand sich aber mein Vater in wirklich peinlicher Lage. Außer den schmerzlichen Gefühlen, die ihn durchdringen mußten, der Schmach, der Beschämung, des Unwillens, hatte er die Schwierigkeiten zu bekämpfen, welchen seine Zukunft, ja schon der nächste Augenblick bloßgestellt war. Das Ereignis hatte ihn überrascht, und er sah sich plötzlich aus allen Verhältnissen herausgerissen, ohne daß er die geringste Fürsorge hatte treffen können. Er stand in mancherlei Verpflichtungen, hatte Zahlungen [74] zu empfangen und zu leisten; sich mit den nötigen Geldern zu versehen erforderte Zeit, erforderte persönliche Gegenwart, die nicht gestattet war. Wohin er sich weiterhin wenden, was er beginnen sollte, war eine Frage von nicht leichter Lösung. Auf der einen Seite beengten die Fortschritte der Franzosen, in deren Schutz er sich nicht begeben wollte, sosehr seine Gegner dies auch erwarteten, ja wünschen mochten, auf der andern lag die verschloßne Heimat; sein Auge mußte sich auf die Ferne richten, aber vorher war in der Nähe noch vieles abzutun. Um Geschäfte und Freunde bequemer abzureichen und zugleich wohlfeiler zu leben, vertauschte er den Aufenthalt in Neuß mit dem in Heerdt, einem Dorfe zwischen Neuß und Düsseldorf. Von hier führte ein leichter Spaziergang nach den Dörfern Ober- und Niederkassel, wohin die Düsseldorfer täglich in großer Anzahl zu kommen pflegten, und ein zweiter Gang bis an den Rhein, wo die fliegende Brücke den Verkehr zwischen beiden Ufern immerfort unterhielt.
Die Besuche der Freunde aus Düsseldorf wiederholten sich täglich; an den schönen Nachmittagen strömten ohnehin die Städter zahlreich über den Rhein und ließen sich in den ländlichen Gastwirtschaften zu Oberkassel nieder, so daß der nähere Verkehr mit meinem Vater nicht einmal besonders merkbar zu werden brauchte, was manchen Ängstlichen allerdings lieb war, obschon die Mehrzahl keine Zurückhaltung bewies, sondern sich offen und trotzig als seine Freunde zeigten. Mit den Vertrautern fand auch eifrige Beratung statt in betreff der Entschlüsse, welche mein Vater zu nehmen hätte. Den Gedanken, irgendwie den Franzosen sich zuzuwenden oder auf sie zu hoffen, schloß er sogleich aus, und hieraus folgte, daß er auch seinen Aufenthalt in Köln, Bonn oder sonst einer nahen Stadt nicht nehmen mochte, weil hier über kurz oder lang dieselben Mißverhältnisse zu befürchten waren, die er schon in Straßburg von der einen und in Düsseldorf jetzt von der andern Seite erfahren hatte. Die verschiedenen Meinungen und Ratschläge [75] vereinigten sich zuletzt dahin, er solle nach Hamburg gehen, als welche Stadt in jeder Art alles darbiete, was ihm wünschenswert sei, deutsches und großweltliches Leben, freies Bürgertum und völlige Sonderung von allen Widrigkeiten und Ränken der bisherigen engen Kreise.
Bald traten wir die große Reise nach dem Norden an. Das nächste Ziel war Duisburg, wo mein Vater einige Freunde zu besuchen hatte; wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, so war unter ihnen der späterhin von Goethe erwähnte Professor Plessing. Im Duisburger Walde zeigte man mir Pferde, die sich aus dem Dickicht hin und wieder hervorwagten, und ich wurde belehrt, hier seien die einzigen in Deutschland noch vorhandenen wilden Pferde aus der germanischen Urzeit; sie blieben ziemlich fern, soviel ich aber erkennen konnte, waren sie unansehnlich, von schmutziggrauer, etwas ins Bläuliche spielender Farbe; wegen ihres geringen Ansehns und ihrer Unbändigkeit gab man sich wenig Mühe, sie einzufangen; sie verminderten sich aber von Jahr zu Jahr, und man sah ihr nahes Erlöschen voraus. Der Krieg, der im folgenden Jahre sich in diese Gegenden zog, beschleunigte ihr Verschwinden, und bald nachher war keine Spur mehr von ihnen übrig. Mir aber blieb die Erinnerung, diese Spätlinge Germaniens zuletzt noch gesehen zu haben, in der Folgezeit immer wert. Wir setzten unsre Reise nach Münster fort, von hier nach Osnabrück, dann nach Nienburg, wo wir überall einen oder mehrere Tage weilten, und kamen endlich ohne weiteres Abenteuer glücklich an der Elbe in Harburg an.