[351] Im düstern Schneewetter nahm sich die Stadt nicht erfreulich aus, aber nur um so großartiger; auf beiden Ufern der Moldau, Höhen und Tal überdeckend, ragten die Massen der Gebäude nur unbestimmt aus den stöbernden Wolken [352] hervor und regten die Phantasie mächtig zur Ergänzung des Bildes an, und als dieses bald darauf, bei hell gewordenem Himmel, in aller Klarheit vorlag, mußte der Sinn über die kolossalen Umrisse staunen, die er nach allen Seiten zu verfolgen hatte. Die Eindrücke von Wien, von Dresden, jenes als Hauptstadt, dieses um seiner ähnlichen Flußlage willen sich hier zur Vergleichung drängend, mußten gegen die von Prag weit zurückstehen. Dem Anblick, der sich auf der Moldaubrücke darstellt, wüßt ich keinen andern städtischen vorzuziehen; einerseits der Hradschin mit seinen Palästen, der Laurentiusberg mit seinen Klostergebäuden und Gärten, auf der andern Seite die aus der Niederung gedrängt emporsteigende Altstadt, in der Nähe das ungeheure Jesuitenkollegium, in der Ferne das Felsenschloß Wischerhad, gradaus der strömende Fluß mit seinen bepflanzten Inseln, dazu die Brückentürme, die großen Heiligenbilder auf dem Brückengeländer, alles vereinigt sich zu einem mächtigen Eindruck; die ganze Örtlichkeit, an welcher die größten Geschichtsereignisse haften, hat zugleich etwas Wundervolles, Zauberhaftes, das in die frühste Märchenwelt zurückführt und von dieser selbst den neuesten Vorgängen einen Anhauch gibt.
Wenn ich solche Eigenheiten und Vorzüge des neuen Schauplatzes, auf dem mein nächstes Leben nun angewiesen war, lebhaft fühlte, so erhöhte dies doch fürerst nur den Gegensatz, welchen das Gefühl meiner selbst mir auf die traurigste Weise hier aufnötigte. Uns war Wohnung in einem gräflichen Palaste gegenüber dem Jesuitenkollegium angewiesen, schöne große Zimmer, die aber leer standen, wie das ganze Haus, in welchem nur ein alter Dienstmann waltete und weder Aushülfe noch Ansprache zu finden war; den Obersten überfiel gleich eine Masse der verdrießlichsten Geschäfte; Rechnungsführer, Auditeur und Adjutant belagerten ihn an einem kleinen Tische, der für die Papiere, die sich häuften, kaum Platz hatte; ich stand am Fenster und blickte in die schmutzige, menschenleere, von dem [353] Riesenbau gegenüber beengte und verdüsterte Straße; das Denkmal früherer Macht und Größe, jetzt kleinen Zwecken anheimgefallen, konnte auch nur trübe Gedanken wecken. Ich kannte in der großen Stadt noch keinen Gang, keinen Men schen, die Offiziere ausgenommen, von denen diejenigen, welche ich zuerst zu sehen bekam, das Bild des Mißmuts und der Gedrücktheit waren! Doch sie alle hatten ihren erwählten Zweck vor Augen, den meisten war die Stadt oder wenigstens der Dienst Heimat, aus den augenblicklichen Nachteilen sahen sie mit Hoffnung in künftige Vorteile, jeder Tag half die ersehnte Förderung nähern, und irgendein mäßiges Vergnügen half über den Tag hinweg. Das alles war nicht für mich; meinem Sinn widersprach hier alles. Ich mußte nur immer die Betrachtung anstellen, was mit mir sei und was mit mir werden solle. Meine früheren Studien hatte ich aufgegeben, die neue Laufbahn war mit dem Frieden erloschen; für den Drang, gegen die Franzosen zu fechten, konnte ich nicht die Liebhaberei am österreichischen Wachtdienst eintauschen; ich trug andre Sehnsucht, andre Wünsche im Herzen. Heimat war mir, wo ich mit Rahel frei und würdig leben konnte; die Erringung dieses Zieles und die Sache des Vaterlandes lagen aber fest verknüpft. Mehr als je fehlte uns der Boden; alle deutschen Länder standen unter Herrschaft oder Einflüssen des Feindes, alle deutschen Verhältnisse waren zerrüttet, kraftlos. Hier im Binnenland in dürftiges Geschick eingeklemmt, das mir keinerlei Verheißung in sich trug, mußte ich mit Neid auf die meerentlegne Ferne blicken, wo noch Kampf und Hoffnung war und wohin andre gelangten, mir aber der Weg durchaus verschlossen lag. Solange ich noch den Sinn mit neuen Weltanschauungen, mit Aussicht auf Reisen, mit romantischen Genüssen nähren durfte, hatten meine Tage wenigstens einen Inhalt, der ihnen noch zum Ertrag werden konnte; aber dies war alles nun verschwunden, und ich mußte in Prag dem fruchtlosesten Abmühen in langweiligem Einerlei entgegensehen, ja, in Kummer und Not! Denn ich [354] konnte mir nicht verhehlen, meine Geldmittel waren auf weithinaus erschöpft, die Offizierseinkünfte aber zeigten sich durch die noch stets zunehmende Verschlechterung des Papiergeldes so gering und armselig, daß man nicht begriff, wie mit ihnen auszukommen sei. Die Verhältnisse Bentheims, wie glänzend sie auch erschienen, wußt ich in ihrem Bestande höchst unsicher, und konnte es ihm auch glücken, sein Fahrzeug zwischen allen Klippen noch leidlich durchzuschiffen, so wäre es doch Torheit gewesen, auch mein Geschick hier auf gleichen Glücksfall setzen zu wollen.
Inzwischen war aus Wien, anfangs in leichten, zitternden Funken, die man ungläubig mißachtete, unmittelbar darauf in hoch auflodernder, unbestreitbarer Flamme, die ungeheure Nachricht in Prag eingelaufen, daß der Kaiser Napoleon sich mit der Tochter des Kaisers Franz vermählen werde. Der plötzliche Ausbruch eines ungeahndeten Vulkans hätte nicht wunderbarer überraschen können; aller Sinn war betäubt, alle bisherigen Vorstellungen lagen umgestürzt, die verwirrten Begriffe rangen nach neuer Fassung und Folge. Man fragte erstaunt, was dies Ereignis bedeute, woher es stamme, wohin es ziele, ob neue Schlachten verloren worden, ob die äußerste Gefahr abgewendet oder ob Deutschland und Italien als Gewinn versprochen sei. Daß alle Hoffnungen, in welchen die moralische Kraft und der Stolz und Trost der Edlen sich noch zusammenhielt, plötzlich gesprengt und da, wo noch eben mutiges Harren und Mühen gewaltet, nur unabsehbares Aufgeben und Verleugnen übrig war, diese Vorstellung ergriff manche Gemüter mit Schrecken und Verzweiflung. Noch gab es Wunden von Wagram und Znaim, die nicht völlig geheilt waren, es schien jetzt ein Spott, dort geblutet zu haben! Die Kreise des höchsten Adels waren am meisten in Aufruhr; freilich waren hier Männer wie der Freiherr vom Stein und die beiden Grafen von Stadion, Friedrich und Philipp, schon immer scharfe Wortführer, aber diesmal hatten sie wenig voraus, der ganze Stand äußerte sich mit gleicher Heftigkeit, [355] von allen Seiten widerhallte ein Schrei des Unmuts und der Zerknirschung. Nur noch einmal in meinem Leben, in späterer Zeit und unter ganz andern Umständen, habe ich solch plötzliche und gewaltsame Aufwallung in der vornehmen Gesellschaft wiedergesehen!
Für mich war der Schlag eine harte Zugabe zu den Schwierigkeiten meiner Lage; der Boden, auf dem ich stand, wurde vollends unsicher, und jeder nächste Tag konnte mich zu einer raschen Entscheidung drängen, für welche nichts vorbereitet, nichts verabredet war. Nach Freiheit, nach dem Ziele der innersten Wünsche mit schwacher Aussicht strebend, stand ich in Gefahr, jeden Augenblick in völlige Knechtschaft der Umstände zu verfallen. Denn mit der Nachricht von der Heirat verbreitete sich zugleich die eines mit Frankreich schon geschlossenen Bündnisses und eines sofort gemeinschaftlich gegen die Türken zu unternehmenden Feldzuges, ja, man bezeichnete schon die Regimenter, welche zum Marsche nach Ungarn bestimmt seien. Die Sache klang wahrscheinlich genug und mochte für manchen tröstlich sein; mir war sie nur düstres Unheil, ich mochte sie aus freiem allgemeinen oder aus engem persönlichen Gesichtspunkt betrachten. Von solchen Qualen der Ungewißheit, die Besorgnisse der Nötigungen, wie uns damals täglich und stündlich bedrängten, haben die Späteren jetzt kaum einen Begriff. Wie dunkel sah uns die Welt aus, wie verschlossen! Wie sparsame nur und gefahrvolle Pfade zeigten sich für den Wanderer, wie seltne Stätten des sichern Verweilens, des Ausharrens, wenn man nicht mit dem Feinde Gemeinschaft haben, der Unterdrückung nicht sich beugen wollte!
Ich bekam in dieser Zeit Briefe von Justinus Kerner aus Wien. Er sprach in seiner humoristischen Weise nur schwermütige Stimmung aus. Stoll versank immer mehr in Armut und Narrheit. Friedrich Schlegel hatte Vorlesungen über neuere Geschichte begonnen, die wohl Teilnahme fanden, aber bei dem Tagesereignis um so mehr zurücktraten, als sie unmöglich in der Richtung desselben sein konnten. [356] Kerner schrieb: »Die Wiener sind toll wegen der Heirat; Napoleon ist nun ein Gott, man betet für ihn in den Kirchen; die Besiegung ist Gewinn; sie betrachten jetzt mit Entzücken die Ruinen von Wien; die zerriebenen Steine der Festungswerke streuen die Kaufleute zum süßen Angedenken an den göttlichen Mann in ihre Zimmer als Bodensand, auch sandeln sie die Briefe damit und mischen ihn unter den Marocco.« Der Bericht über die Stimmung in Wien war niederschlagend, aber bald konnten wir ähnliche Erscheinungen auch in unsrer Nähe wahrnehmen. Die Tatsache war zu gewaltig, ihre Übermacht zu fortreißend; vor so großen Befugnissen und Weihen, welche durch zwei Kaisernamen hier ausgesprochen waren, beugte sich bald die wankelmütige Menge; die neue Richtung war entschieden, es galt nun zu sehen, was in ihr für neue Glücksfälle und Vorteile lägen; die Dreistigkeit der Schwäche fehlte auch hier nicht, und mit unglaublicher Raschheit, von Stunde zu Stunde fast, ging die völligste Umstimmung vor sich. Der Oberstburggraf Graf von Wallis war einer der ersten, die den neuen Bund laut zu preisen wagten, die mit Wohlgefallen im Rock vom neuesten Grün, das zu Napoleons Ehren in Wien sogleich Mode geworden, sich in den Straßen zeigten; wer heute noch tadelte, ahmte morgen schon nach; es war die völlige Gegenbewegung der früheren. Allerdings blieben genug Männer übrig, die zu solcher Umkehr unfähig waren und die tief trauerten über den Gang, den jetzt die Dinge zu nehmen hatten; aber sie waren die Minderzahl und hatten die Aufgabe, sich den Zeiten mit der würdigen Haltung zu fügen, die wohl trägt, aber deshalb nicht einwilligt. Ich brauche wohl nicht erst anzumerken, daß Bentheim zu diesen Männern gehörte sowie der ganze Kreis unsrer nähern Bekanntschaft; die höhern Militärpersonen insgesamt hielten an der alten Gesinnung fest, und an der Spitze derselben standen Krieger wie die Generale Hieronymus Graf von Colloredo, Graf von Klebelsberg, Graf von Murray, der Oberst Freiherr von Scheibler, der Oberstlieutenant [357] Graf von Leiningen, der Major Fürst von Reuß-Köstritz, der Graf von Paar und noch viele andre, die alle in dem späteren Kriege zu hohem Rang und Ruhm emporgestiegen sind. Meyern, durch Erfahrung schon gewitzigt, versicherte mich, der Anblick der menschlichen Wandelbarkeiten sei zwar widerlich und besonders in diesem gegenwärtigen Falle ab scheulich, allein man dürfe die Sache nicht zu wichtig nehmen, die Leute wendeten sich auch ebenso leicht wieder, und mit stärkerem Drange sogar, dem Rechten und Guten zu, und aus denen selbst, die jetzt den Franzosen zuliefen, würden sich auch die Reihen der Unsern wieder rekrutieren.
Von den Gelehrten in Prag kannt ich niemand, und ich wollte dem Zufall überlassen, ob ich einem oder dem andern begegnen würde; der Name des Abt Dobrowsky stand mir in hohen Ehren, ich war einigermaßen angewiesen auf den Professor Meinert, doch am liebsten hätte ich den Exjesuiten Ignaz Cornova getroffen, der als Verfasser böhmischer Geschichtsbücher geschätzt, mir aber durch überkommne Kunde persönlicher Beziehungen merkwürdig war, denn der ansehnliche, wohlausgestattete Mann hatte düstre Leidenschaften und mancherlei Novellenstoff in sich verarbeitet.
Die traurigen Aschenreste einer andern Glut, die einst in edler Brust geflammt, kamen mir zufällig vor Augen in einer Jammergestalt, mit der ich im Buchladen zusammentraf. Ein schmächtiger, abgezehrter Greis mit ganz weißen Haaren, gramvollen Zügen, feurigen, aber dabei schüchternen Augen durchmusterte mit Hast die angekommenen Neuigkeiten und warf dazwischen ängstliche Blicke umher, ob man auf ihn merke, ob man wohl beachte, welcherlei Bücher ihn anzögen. Bei solchem Verdacht legte er wohl eines schnell weg, als sei es ihm gleichgültig, das er eine Minute später, wenn er sich unbemerkt glaubte, heimlich wieder aufnahm und begierig durchblätterte. Man sagte mir, der Mann sei ein böhmischer Abbé, der in seiner Jugend von den Ideen der Französischen Revolution ergriffen worden [358] und als begeisterter Prediger der Menschenrechte aufgetreten, darüber in Untersuchung geraten und dann als Staatsverbrecher auf eine Festung nach Ungarn gekommen sei. Lange Jahre habe er dort in einsamem Kerker zugebracht und müsse die größten Qualen des Körpers und der Seele ausgestanden haben; denn als er endlich, man wisse nicht, auf welche hohe Fürsprache, in Freiheit gesetzt worden, sei er als ein abgelebter und gebrochener Mann wieder erschienen, unkenntlich für seine Freunde, mißtrauisch und verzagt, erschreckt von jeder Anrede und gleichsam noch jetzt in elender Gefangenschaft fortlebend; denn er habe schwören müssen, von allem, was mit ihm vorgegangen, nicht das geringste zu sagen; dieses Versprechen aber quäle ihn immerfort, denn obwohl er das Schweigen selbst sei, so fürchte er doch stets, er möchte etwas gesagt haben, und zittere, man werde ihn wieder in den Kerker sperren. Dabei versicherte man, unzweifelhaft zu wissen, daß er vollkommen noch ebenso denke wie vorher, daß er die frühsten Überzeugungen heilig bewahre und allen Trost und alle Hoffnung in ihnen habe, daß aber grade dies Bewußtsein ihm auch stets die Furcht erneuere, in neue Strafe zu fallen. Ich wagte ihn anzureden, aber meine gleichgültige Frage wegen eines vor uns liegenden Buches erschreckte ihn. Der Buchhändler wollte ihn beruhigen und sagte lächelnd: »Oh, Herr Abbé, mit diesem Herrn können Sie ohne Scheu alles reden!« Der Unglückliche sah mich prüfend an, sagte aber nur: »Ja, ja, das glaub ich wohl!«, nahm seinen Hut und Stock und ging zur Tür hinaus, indem er unwillkürliche Tränen aus den Augen wischte. Ein tragisches Wahrzeichen des dunkeln, willkürlichen Gewaltverfahrens einer Zeit, die wir weit hinter uns glaubten und die uns noch so nahe stand, ja, deren Wiederkehr noch stets möglich war!