Kapitel LX.
De ceremoniis
oder
Von den Zeremonien und Gebräuchen

[239] Es bestehet aber nicht der geringste Teil der Religion in Zeremonien und Gebräuchen der Kleider, der Gefässe, der Lichter, der Glocken, der Orgeln, der Musik, des Räucherns, des Opferns, der Gesten, der schönen Gemälde, der Auswahl der Fastenspeisen und Ähnlichem, welches von dem gemeinen Mann und von den Leuten, die nichts merken, was sie nicht vor Augen sehen, mit grosser Verwunderung und Veneration in acht genommen wird. Numa Pompilius hat am ersten bei den Römern die Zeremonien eingeführet, nur bloss zu dem Ende, damit er das grobe und unbändige Volk, welches mit Gewalt und Unrecht das Regiment zu sich gezogen hatte, zur Gottesfurcht, zum Glauben, zur Gerechtigkeit und Religion anmahnen und dadurch glücklicher regieren könnte. Dieses bezeugen die Ancilia und das Palladium, als heilige Pfänder des Reichs; ferner Janus, der zweistirnichte Herr über Krieg und Friede; das Feuer der Vestae, deren Flammen von der Hüterin des Reiches beständig in acht genommen wurden. Er selber teilete das[239] Jahr aus in Fest- und Werktage durch zwölf Monate, setzte die priesterliche Obrigkeit zu Päpsten ein und teilete sie in gewisse Pontifices und Wahrsager, führete unterschiedene Gebräuche und Wallfahrten ein, davon der grösste Teil hernach (wie Eusebius Zeuge ist) von unserer Religion ist angenommen worden.

Aber Gott selbsten, der keinen Gefallen hat am Fleische und an fühlbaren Zeichen, der verachtet diese äusserlichen Zeremonien. Denn Gott will nicht mit solchem körperlichen Tun, mit fleischlichem Cultus geehret sein, sondern im Geist und in der Wahrheit durch Jesum Christum; denn er ist ein Prüfer des Glaubens und betrachtet den innerlichen Geist und das Verborgene des Menschen; er ist ein Herzenskündiger und siehet den innerlichen Menschen an, derowegen können diese äusserliche und fleischliche Zeremonien den Menschen zu Gott nicht befördern, bei welchem nichts angenehm ist, als der Glaube an Jesum Christum, mit einer inbrünstigen Nachahmung in der Liebe und festen Zuversicht des Heils und der Belohnung.

Und dieses ist der rechte, wahre und mit keinen äusserlichen Zeremonien befleckte, sondern unbefleckte Gottesdienst, welchen uns Johannes weiset, wann er spricht: Spiritum esse Deum, et eos, qui volunt adorare, in Spiritu et veritate oportet adorare. Das ist: Gott ist ein reiner Geist, und wer ihn will anbeten, der muss ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Dieses haben auch etliche heidnische Philosophi wahrgenommen; dahero befiehlet Plato, dass man bei Ehrung des höchsten Gottes alle äusserliche Zeremonien soll wegtun.

Es ist wie ein Sacrileg, wenn man Weihrauch anzündet; denn demjenigen mangelt nichts, der alles ist, und gebühret nur mit Danksagungen ihn anzubeten. Denn das ist das höchste Verlangen Gottes, wann ihm von den sterblichen Menschen Dank gesaget wird; über dieses, so haben wir ja nichts, und das Gott mehr angenehm wäre, als wann wir sein[240] Lob und Ehre mit Danksagung ausbreiten. Wollte aber etwan einer uns die Opfer des mosaischen Gesetzes entgegensetzen, so ist es weit gefehlet, dass Gott an ihren Gebräuchen und Zeremonien soll ein Gefallen gehabt haben; denn Gott hat das Volk nicht deswegen aus Ägypten geführet, dass sie ihm Opfer bringen und Weihrauch anzünden sollten, sondern dass sie des ägyptischen Götzendienstes vergessen, die Stimme Gottes hören und ihm in Glauben und Gerechtigkeit zu ihrer Seelen Seligkeit gehorchen sollten. Dass ihnen aber Moyses Opfer und Zeremonien eingesetzet hat, das hat er darum getan, dass er ihre Schwachheit und Ihres Herzens Härtigkeit in etwas hat gebrochen, und bei solcher Beschaffenheit dem Irrtum etwas nachgeben wollen, damit er sie dadurch desto besser von verbotenen Dingen abrufen könnte, und sie nicht nach Art und Weise der blinden Heiden dem Teufel und nicht Gott Opfer bringen möchten. Denn diese Gebräuche und Zeremonien sind nicht so schlechter Dinge für sich selbsten, sondern nur per consequentiam und wegen sonderbaren Ursachen vergönnet gewesen; und hat dieses Gesetz nicht anders binden können, als nur so ferne es von dem Volke ist gebilliget worden. Ja Moyses selber, als er diese Ceremonialgesetze gegeben hat, so hat er der Altesten und des Volkes Suffragia und Stimmen darüber eingeholet, damit sie denselben mehr unterwürfig sein sollten. Derowegen hat dieses Gesetze nach Gelegenheit und Veränderung der Zeit können geändert oder einmal gar abgeschaffet werden.

Gottes Gesetze aber, welches auf steinernen Tafeln ist dem Volke übergeben worden, das bleibet ewig. Denn also hat Gott der Herr durch den Jeremiam geredet: Quo mihi thus de Saba affertis, et cinnamomum de terra longinqua? Holocaustomata et sacrificia vestra non delectaverunt me. Holocaustomata vestra colligite cum Sacrificiis vestris et manducate carnes, qui non sum locutus ad patres vestros, nec de holocaustomatibus, nec de sacrificiis praecepi eis, qua[241] die eduxi vos de Aegypto; sed sermonem hunc praecepi eis dicens: Audite vocem meam et ero Deus vester et vos eritis populus meus. Ambulate in omnibus viis meis, quaecunque praecepero vobis, ut bene sit vobis. Das ist: Was frage ich nach dem Weihrauch, der aus dem Reich Arabia, und nach den guten Zimmetrinden, die aus fernen Landen kommen? Eure Brandopfer sind mir nicht angenehm und eure Opfer gefallen mir nicht. Denn, so spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israel: Tut eure Brandopfer und andere Opfer zu Hauf, und fresset Fleisch, denn ich habe euren Vätern des Tages, da ich sie aus Ägyptenland führete, weder geboten noch gesaget von Brandopfern und andern Opfern, sondern das gebot ich innen und sprach: Gehorchet meinem Worte, so will ich euer Gott sein und ihr sollet mein Volk sein; und wandelt auf allen Wegen, die ich euch gebiete, auf dass es euch wohlgehe. Und wiederum spricht der Herr bei dem Esaia: Non obtulisti mihi oves holocaustomatis tui, nec in sacrificiis tuis clarificasti me. Non servisti mihi in sacrificiis, nec aliquid laboriose fecisti in thure, nec mercatus es mihi argento incensum; nec adipem sacrificiorum tuorum concupivi, sed in peccatis tuis ante me stetisti. Super quem igitur, ait, aspiciam, nisi in humilem et quietum et trementem sermones meos? Non enim adipes et carnes pingues auferent a te injustitias tuas. Hoc enim est jejunium, quod ego elegi, dicit Dominus. Salve omnem nodum injustitiae; dissolve connexus violentorum commerciorum, dimitte quassatos in requiem, et omnem conscriptionem injustam conscinde, frange esurienti panem tuum ex animo, et peregrinum sine tecto induc in domum tuam; si videris nudum, adoperi eum, et domesticos seminis tui ne despicias, tunc erumpet matutinum lumen tuum, et sanitates tibi cito orientur et praecedet ante te justitia et gloria dei circumdabit te; et adhuc te loquente dicam: Ecce adsum. Das ist: Mir hast du nicht bracht Schafe deines Brandopfers, noch mich geehret mit deinen Opfern; mich hat deines Dienstes nicht gelüstet[242] im Speiseopfer, habe auch nicht Lust an deiner Arbeit im Weihrauch; mir hast du nicht um Geld Kalmes gekauft, mich hast du mit dem Fetten deiner Opfer nicht gefüllet. Ja mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden, und hast mir Mühe gemacht in deinen Missetaten. Zu wem soll ich denn mein Antlitz kehren, als nur zu den Demütigen und Geringen, die mein Wort fürchten? Denn so spricht der Herr, das ist das Fasten, das ich erwählet; lass los, welche du mit Unrecht gebunden hast; lass ledig, welche du beschwerest; gib frei, welche du drängest; reiss weg allerlei Last. Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so im Elend sind, führe ins Haus. So du einen nackend siehest, so bekleide ihn, und entzeuch dich nicht von deinem Fleisch. Alsdann wird dein Licht herfürbrechen wie die Morgenröte und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird für dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird dich zu sich nehmen. Dann wirst du rufen, so wird dir der Herr antworten, wann du wirst schreien, wird er sagen: Siehe hie bin ich.

Ich leugne es nicht, gleich wie vor Zeiten in der Jüden Schule Moyses und Aaron, und hernach andere Hohepriester, Richter und Propheten bis zu den Schriftgelehrten und Pharisäern, also hernach in der Kirche, von den Aposteln, Evangelisten, Päpsten, Priestern und Lehrern geschehen ist, dass sie die Kirche mit gewissen andächtigen Zeremonien und schönen Gebräuchen und Einsetzungen gleichsam als wie eine gezierte Braut ihrem Bräutigam zubringen möchten; denn die Nachkömmlinge haben viel Statuta und Decreta nach der Menschen Schwachheit rausgegeben; aber welches oft pfleget zu geschehen, dass dasjenige, was zum Nutzen abgesehen gewesen, ist hernachmals zum Schaden nausgeschlagen. Also hat sich's begeben, dass wegen der Menge dieser Zeremonialgesetze die Christen mit mehrern Konstitutionen und Verordnungen sind beschweret worden, als die Jüden; und ist solches rechtschaffen zu bejammern, dass diesen[243] Gesetzen, welche doch an sich selbsten weder böse noch gut sind, das Volk mehr Glauben beimisset und sie genauer observieret, als denen von Gott selbsten rausgegebenen Geboten, weil die Bischöfe und Priester, die Äbte und Mönche durch die Finger sehen, und nur ihren dicken Wänsten dadurch gar schön geraten ist.

Und obgleich diese Zeremonien sonderlich wider den Glauben keine Ketzerei eingeführet haben, so sind doch dadurch unzählige Sekten in die Kirche eingeführet worden, und haben nicht wenig Samen gestreuet zu grossen Spaltungen. Daher ist erstlich die griechische Kirche von der unsern abgesondert worden, weil jene nicht mit ungesäuertem Brote konsekrieret hat, sondern mit Sauerteige, da wir doch bekennen müssen, dass jene recht konsekrieren; hernach ist auch der Böhmen ihre Kirche von der unsern abgesondert und separieret worden, weil sie das Abendmahl unter beiderlei Gestalt ausgeteilet; denn wie der Apostel spricht: Circumcisio nihil est, et praeputium nihil est, sed observatio mandatorum Dei. Das ist: Die Beschneidung ist nichts und die Vorhaut auch nichts, sondern den Befehl des Herrn halten. Also sind auch die Zeremonien nichts, wann sie nicht die Gebote der Kirchen in acht nehmen; derowegen ist es überall eine Schande, wann man beiderseits wegen so geringer Sachen und die dem christlichen Glauben keinen Schaden bringen, die Einigkeit der Kirchen aufheben und den Leib Christi teilen will; und das hat unser Heiland und Seligmacher den Pharisäern vorgeworfen: das hiesse Mücken seigen und ein Kamel verschlucken, den Kirchenfrieden stören, und nur unnützen Zank anfangen; und auf solche Art schadet die Spaltung mehr, als was die Aufsicht und die Strafe Nutzen bringet.

Die römischen Päpste hätten viel Übel aus dem Wege räumen und die Kirche friedlich und ungeteilt erhalten können, wann sie der Griechen Sauerteig, und der Böhmen Kelch tolerieret und unangetastet gelassen hätten. Und dieses sind nicht grössere Sachen,[244] als welche der Innocentius Octavus (wie Volaterranus Zeuge ist) den Norwegern vergönnet hat, nämlich, dass ihnen beigelassen worden, ohne Wein den Kelch zu administrieren.[245]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 1, S. 239-246.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Barfüßele

Barfüßele

Die Geschwister Amrei und Dami, Kinder eines armen Holzfällers, wachsen nach dem Tode der Eltern in getrennten Häusern eines Schwarzwalddorfes auf. Amrei wächst zu einem lebensfrohen und tüchtigen Mädchen heran, während Dami in Selbstmitleid vergeht und schließlich nach Amerika auswandert. Auf einer Hochzeit lernt Amrei einen reichen Bauernsohn kennen, dessen Frau sie schließlich wird und so ihren Bruder aus Amerika zurück auf den Hof holen kann. Die idyllische Dorfgeschichte ist sofort mit Erscheinen 1857 ein großer Erfolg. Der Roman erlebt über 40 Auflagen und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon