Kapitel LXI.
De magistratibus ecclesiae
oder
Von der Kirchenobrigkeit

[246] So sind ja auch bei der Kirche gewisse Obrigkeiten und unterschiedene Sekten der Menschen, die sowohl zur Zierat der Religion, als zur Konservation dieser heiligen Ordnung dienlich sind, damit keine Konfusion daraus entstehe. Was aber bei der Kirche getan und gehandelt wird, es mag entweder zum Zierat oder zu Erbauung der Religion gehören, oder zur Wahl oder Einsetzung der Priester, so ist es alles eitel und böse, wann es nicht auf Anreizung des heiligen Geistes geschicht, welcher gleichsam die Seele der Kirchen ist. Denn wer nicht zu diesem grossen Apostelamt und Dignität durch den heiligen Geist berufen ist, wie Aaron, und wer nicht durch die Türe, welche Christus ist, eingangen, sondern wo anders in die Kirche eingestiegen ist wie durchs Fenster, entweder durch Gunst der Leute oder durch erkaufte Stimmen oder durch die Macht der Fürsten, der ist Christi Statthalter oder der heiligen Apostel Nachfolger nicht, sondern er ist ein Dieb und ein Mörder und vertritt die Stelle des Judae Ischarioth und des Simonis Samaritani. Daher ist es von den Altvätern der Prälatenelektion[246] wegen (welche der heilige Dionysius das Sacramentum nominationis oder das Sakrament der Ernennung nennet) so scharf geboten worden, dass diejenigen, welche zu Bischöfen oder Aposteln berufen werden, Leute sein sollten von guten Sitten, untadelhaftem Leben und mächtig in der Lehre. Aber wie ist man hernach davon abgewichen, und hat man bei dem neuen päpstlichen Rechte eine verdammte Gewohnheit eingeführet, indem wir sehen, dass die meisten Päpste, so auf den Stuhl Christi erhoben worden, solche Leute sind, wie die Schreiber und Pharisäer vor Zeiten gewesen, welche viel sagen, aber nichts tun; sie werfen die ganze schwere Last auf das Volk, und sie rühren es nicht mit einem Finger an.

Sie sind Heuchler und tun nichts als damit sie nur wollen angesehen sein; sie stellen sich gottesfürchtig, begehren die erste Stelle in Choro, in Schulen und allen Orten; auf den Gassen wollen sie Rabbi, Meister und Lehrer genennet sein; sie schliessen den Weg zum Himmel zu, können selbsten nicht hinein und wollen denselben darum andern auch verbieten; sie verzehren der Witwen Häuser, simulieren lange Gebete; sie durchwandern Wüsten und Meere, verführen und stehlen die Knaben, und wann sie so einen Proselyten bekommen, so mehren sie die Zahl der Verdammten, damit diese verfluchten Höllenbrände auch andere mit in die Hölle hineinreissen möchten. Mit ihren Erdichtungen und Traditionen violieren sie Gottes Gebot, verlassen den wahren Tempel Gottes, und das eigentliche Ebenbild Christi, und den Altar der gläubigen Seelen im Volke, bekümmern sich nur um ihren Geiz und machen liederliche neue Gesetze vom Zehnten, von Oblationen, von Kollekten und Almosen; lassen die Zeremonialgesetze genau befolgen; besteuern die Früchte, das Vieh, das Geld und auch wohl kleinere Sachen, als Krausemünze, Anis, Kümmel und sonsten andere Bagatellen und Lumpensachen mehr; sie bellen wie die Hunde von der Kanzel runter auf das Volk. Die wichtigen Sachen aber, als da sind die Werke[247] des Evangelii und des Gesetzes, die Barmherzigkeit, den Glauben, Recht und Gerechtigkeit, die negligieren sie ganz und gar; sie seigen die Mücken raus und verschlingen ein Kamel, sie straucheln über ein Steinchen und über die grossen Steine springen sie weg; sind blinde Führer; sind falsch und betrüglich, sind nichts als Schlangenbruten, blank gescheuerte Kelche, übertünchte Gräber, von aussen in Mitren, in Hüten, in Kleidung, in Habit und in Kappen stellen sie sich, als wann sie die Gottesfürchtigsten wären und denen Heiligen die Füsse abbeissen wollten. Inwendig aber sind sie voller Unflat, Heuchelei und Schalkheit, sie sind Hurer, Gaukler, Tänzer, Hurenwirte, Spieler, Schlemmer und Prasser, Vergifter und Trunkenbolde, welche etwan zuvor (wie Johannes Camotensis Episcopus wahrgenommen hat) nicht wegen ihrer Meriten, sondern wegen Gift und Geschenke, oder wegen Gunst grosser Herren oder durch Waffengewalt sind zu den Benefizien oder Bischofstümern gelanget; oder sie haben scheinheilig aus den Kirchengütern an sich gerissen, was vielleicht nichts anders als armer Leute saurer Schweiss und Blut gewesen ist und sammeln sich von den Almosen unserer armen Eltern grossen Reichtum und treiben Krämerei und Handlung damit; sie wendens oft an bei den Huren, bei dem Brettspiel oder zur Jagd oder zu andern Ausschweifungen und Unreinigkeiten.


Gaudent equis canibusque et aprici gramine campi.


Das ist: Sie haben ihre Lust an Pferden, Hunden und Jägereien. Sie erpressen dem Volk sein bisschen Habe, vexieren ganze Reiche, erwecken Krieg, verwüsten Kirchen, die heilige Väter aufgebauet haben; sie bauen selber grosse und prächtige Palatia auf, gehen daher im Purpur, Gold und Seiden, nicht ohne grossen Schaden des Volks und zu Schimpf und Schande der Religion, auch mit einer unerträglichen Last für das gemeine Wesen. Diese Leute hat der gottselige Bernhardus[248] von Clairvaux in seiner Rede ad Generalem Synodum Remensem, da der Papst selbst zugegen gewesen, also beschrieben: Non mercenarios pro pastoribus, non lupos pro mercenariis, sed pro lupis diabolos. Sie wären nicht Mietlinge anstatt Hirten, nicht Wölfe anstatt Mietlingen, sondern wahrhaftige Teufel anstatt Wölfen. Ja der römische Papst und höchste Priester selber (worüber eben jener h. Bischof Johannes geklagt hat), der ist unter allen der unerträglichste, dem an Pracht und Hochmut kein Tyranne jemals gleich gewesen ist. Und gleichwohl rühmen sich diese Leute und heilige Väter, dass bei ihnen alleine der ganze Bestand der Kirchen sei, trotzdem sie die eigentliche Last der Religion, das Wort des Evangelii, auf andere abwälzen. Aber was tun sie? Sie machen Gesetze zu ihren Gunsten, nehmen den Nutzen für sich und sind dabei müssig und skandalos; und weil, wie sie sagen, dieser päpstliche Stuhl Heilige aufnimmt oder heilige Leute machet, so meinen sie, es sei ihnen alles vergönnet, also, dass sie auch die christlichen Kirchenzeremonien, welche die heiligen Väter zu stetswährender Observation mit sonderlicher Devotion eingesetzet haben, mit ihren Wollüsten unverschämt und recht schmachvoll missbrauchen.

Dergleichen Exempel lesen wir an dem Papst Bonifacio Octavo, bei dem Crinito, der also spricht: »Dieses ist der grosse Bonifacius, weil er drei grosse und schröckliche Sachen getan hat. Erstlich hat er den Clementem durch ein falsch Oraculum betrogen und hat ihn überredet, dass er das Apostelamt abgetreten hat; zum andern hat er in Jure Canonico das sechste Decretale lassen ausgehen und hat darinnen den Papst zum Herrn über alles gemacht; zum dritten hat er das Jubiläum eingesetzet, den Kram des Ablasses erdacht und diesen zuerst auf das Fegfeuer ausgedehnt.«

Ich will anjetzo die andern Ungeheuer der römischen Päpste nicht anführen, wie dergleichen Formosus Papa oder der schöne Papst, und nach ihm neune[249] gewesen sind, welche der Kirche schändlich vorgestanden haben; ich will auch die gar späteren verschweigen, als den Paulum, Sixtum, Alexandrum, Julium, alle berühmte Turbatores und Verwirrer der christlichen Welt. Ich will auch vorbeigehenden Eugenium, welcher wegen seines gebrochenen Eidschwures, den er dem Türken geleistet, die ganze Christenheit in viel traurige und blutige Kriege gestürzet, und gemeinet hat, man solle dem Feinde nicht sein Wort halten. Es ist bekannt, mit was für unsäglichen Schaden die Christenheit Alexander Sextus den Zizimum, des türkischen Bajazid Bruder, mit Gift vergeben hat. Ja auch die Gesandten der römischen Päpste, wie es Camotensis wahrgenommen und es die tägliche Erfahrung bezeuget hat, die treiben oft solchen Unfug in den Ländern, als wenn der böse Feind selber von dem Gesichte Gottes wäre ausgegangen, die Kirche zu peitschen. Sie wickeln den ganzen Erdkreis auf, nur dass sie ihn in ihre Kur bekommen, sie freuen sich, wanns böse zugehet und jubeln bei gefährlichen Zeiten, und können sich kaum des Weinens enthalten, wann sie nichts Weinenswertes anschauen. Sie fressen die Sünden des Volkes in sich nein, davon werden sie ernähret und gekleidet, und in denselben treiben sie Sünde und Schande; aber sie können ihre Laster mit trefflichen Mänteln bedecken und mit scheinbaren Tituln eine Farbe anstreichen, also, dass ihnen niemand kann was vorwerfen, dass sie nicht mit einem Exempel eines Heiligen könnten excusieren und verteidigen. Denn wann man ihnen vorrücken wollte, dass sie Idioten wären, das heisst nichts verstünden, da werden sie gleich zur Antwort geben: solche Leute hat Christus zu Aposteln erwählet, welche weder Meister des Gesetzes noch Schriftgelehrte gewesen, hätten auch niemals[250] Schulen und Synagogen frequentieret. Wirft man ihnen ihre schwere und barbarische Sprache vor, sagen sie: wäre doch Moses auch nicht fertiger Zunge gewesen, und Jeremias hätte nicht zu reden gewusst, ja Zacharias, ob er gleich stumm gewesen, wäre doch deswegen von dem Priestertum nicht ausgeschlossen worden. Saget man, sie wären der Heiligen Schrift nicht kundig, sie steckten voller Irrtümer und Ketzereien, so antworten sie: Ambrosius wäre noch nicht ein Christ gewesen, und doch schon als ein Katechismus-Schüler zum Bischofe er wählet worden, und Paulus wäre nicht nur als ein Unglaubiger, sondern als ein Verfolger zum Apostel-Amt berufen worden; auch der Augustinus wäre vor Zeiten ein Manichäer gewesen, und Marcellinus der Märtyrer, hätte im Papsttum nach dem Weihrauch des Götzendienstes gerochen. Wirft man ihnen den Ehrgeiz für, so werden sie gleich mit dem Exempel der Kinder Zebedäi zu Felde sein. Wirft man ihnen die Furchtsamkeit und Kleinmütigkeit für, so muss Jonas und Thomas darstehen; jener hat nicht zum Niniviten, dieser aber nicht zu den Indianern ziehen wollen. Wirft man ihnen die Treulosigkeit für, so werden sie des Petri Meineid vorschützen; die Hurerei, so werden sie sagen, dass Oseas eine Ehebrecherin und Samson eine Hure mit Liebe umfangen hat. Den Totschlag, Schlägerei oder andere grobe Sünden, da muss Petrus, wie er dem Malcho hat das Ohr abgehauen, herhalten, da muss Martinus, wie er unter dem Juliano gestritten, und Moyses, wie er den ägyptischen Mann umgebracht und im Sande verborgen gehalten, angeführet werden.

Also lieget bei ihnen nichts daran, wer zu priesterlichen Ehren erhoben wird, und muss ein jedweder seinen Nacken dem Schwert solcher Leute unterlegen, dem Schwerte, sage ich, nicht dem Schwerte Gottes Wortes, dessen sie Bewahrer und Diener sein sollen, sondern dem Schwerte des Ehrgeizes, dem Schwerte des Geizes, dem Schwerte der Strafe und des Auspressens, dem Schwerte des bösen Exempels, dem[251] Schwerte des Blutes und des Totschlages; damit rüsten sie sich wider alle Wahrheit, Gerechtigkeit und Ehrbarkeit.


Sceptrorum vis tota perit, si pendere justa

Incipit, evertetque aras respectus honesti.

Libertas scelerum est, quae regna invisa tuetur,

Sublatusque modus gladii facere omnia saeve.


Das ist: Wann man allenthalben sollte in acht nehmen, was Recht und Billigkeit mit sich brächte, würde es bald um alle ihre Herrschaft geschehen sein. Aber so lässet man die Laster frei und ungestraft hingehen, damit wird ihre Herrschaft noch etwas erhalten, weil sie nicht alles so genau und scharf abstrafet.

Da darf niemand ungestraft ihren Satzungen widersprechen, niemand darf ihren Lüsten widerstehen, er müsste denn parat sein, die Marter eines Ketzers auszustehn, wie auf solche Art Hieronymus Savonarola, ein Prediger-Mönch und zugleich ein prophetischer Mann, zu Florenz ist verbrennet worden.

Weil aber alle obrigkeitliche Macht gut ist, nachdem sie von Gott ist, von welchem Alles und alles Gutes kommt, ob sie schon wegen des Missbrauches den privat Leidenden übel scheinet, so ist sie doch der ganzen Gemeine allezeit gut. Denn, wegen der Menge der Delinquenten hat Gott Tyrannen kommen lassen, und die Sünde des Volkes machet es, dass die Heuchler regieren. Wer derowegen von dem Herrn zum Bischofe der Kirchen ist gesetzet worden, dem soll man gehorchen und nicht widersprechen, denn wer dem Bischof oder dem Priester nicht gehorchet, der verachtet nicht ihn, sondern Gott selbsten. Gleich wie er selber von den Verächtern Samuelis geredet hat: Non te spreverunt, sed me. Sie haben nicht dich verachtet, sondern mich. Und Moses spricht zu dem murrenden Volk: Non adversus nos murmurastis, sed adversus Dominum Deum. Das ist: Ihr habet nicht wider uns gemurret, sondern wider Gott den Herrn. Und den wird der Herr nicht ungerochen lassen, der sich wider seinen Bischof oder Prälaten setzet. Dathan und Abiram[252] haben sich Moysi widersetzet, und die Erde verschlunge sie lebendig. Viel haben mit Chore wider Aaron konspirieret und sind vom Feuer verzehret worden. Achab und Jezabel haben die Propheten verfolget, und die Hunde haben sie gefressen. Die Knaben sind ausgangen, dass sie Helisäum verspotteten, und die Bären haben sie zerrissen; Osias der König hat wider die Priester sich des Priestertums angemasset und ist aussätzig worden. Saul, weil er wider Samuelen, den Fürsten der Priester, zu opfern sich vorgesetzet hatte, ist von Gott der königlichen Salbung und zugleich auch prophetischen Geistes beraubet und dem bösen Geist übergeben worden.

Es ist unglaubisch und heidnisch, der Heiligen Schrift nicht glauben, gottlos aber, die Priester verachten. Die Priester sind gut, der Bischof besser, über alle aber der heilige Papst, der Fürst der Priester, dem vertrauet sind die Schlüssel des Himmelreichs und befohlen worden die Heimlichkeiten des Reichs Gottes. Er ist ein Fürst gegen Gott, ein Hohepriester gegen Christum; und wer den ehret, der wird von Gott wieder geehret, wer ihn verachtet, den verachtet Gott wieder und wird der Rache nicht entgehen.[253]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 1, S. 246-254.
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