Kapitel LXX.
De plebejis aulicis
oder
Von gemeinen Hofschranzen

[314] Es sind nun auch gemeine Hofleute, Menschen unredlichen Gemütes, welche nicht frei, sondern stets Subjekt und andern unterworfen sein wollen; diese gehen in die adelichen Häuser und schmarutzen da, und leben von fremden Tischen.


Et bona summa putant, aliena vivere quadra.


Das ist: Sie halten vor ihre höchste Glückseligkeit, dass sie sich mit Fuchsschwänzen behelfen und lassen sich gerne mit der Naschparte werfen. Allen sind sie gehorsam, bei allen werden sie schmeicheln und fuchsschwänzen, wollen Allen in Allem gefällig sein und wissen sich auf allerhand Art und Manier zu stellen, damit sie die Gunst der Grossen erlangen möchten. Was über dem Tische geschwätzet wird, das tragen sie an dem zu; nach derjenigen Wesen und Tun, welche miteinander uneins sind, fragen sie wie ein Fuchs listig nach, damit sie auf beiden Achseln tragen, und bei beiden[314] sich beliebet machen können; und weil sie beiden untreu sind, so sind sie desto besser zur Verräterei geschickt. Weil nun kein Laster schändlicher ist als die Verräterei, also ist auch keines geschickter und besser, bei Hofe Geld verdienen zu machen, als dieses; diese Leute sind den Hofleuten und den Fürsten selbst angenehm, und deswegen gehen sie bei ihnen aus und ein; denn


Carus erit Verri, qui Verrem tempore quovis

Accusare potest.


Das ist: Der ist allda lieb und wert gehalten, welcher einen andern wacker kann zur Bank hauen.

Deswegen sind sie mit den Edelleuten gemein und familiair, damit sie zu demselben, was sie verlangen, desto eher kommen können. Erstlich begehren sie, dass sie in die Matricul der Hofleute möchten eingeschrieben werden, wann sie gleich keine Besoldung haben; denn durch die Inskription können sie sich auch ohne Besoldung einen Gewinst machen, denn sie wissen ihren Raub wohl. Darnach müssen sie sehen, dass sie die Mächtigsten zu Hofe gewinnen können, entweder mit schmeichelnden Worten oder mit Untertänigkeit und Gehorsam, mit Geschenken oder mit einer andern Arglistigkeit; sie müssen auf sich nehmen, was andre nicht wagen, sie dürfen keine Gefahr scheuen, keine Mühe und Arbeit sich verdriessen lassen; sie müssen vigilant sein, sie müssen Reisen, Briefe oder Botschaften auf sich nehmen, und alles vertragen können.


Audent quid brevibus Gyaris et carcere dignum.


Das ist: Es ist ihnen nichts zu schwer, dessen sie sich nicht unterstehen, und sollten sie darüber in die grösste Gefahr geraten. Bis sie durch ihre Verdienste einem oder dem andern Amte vorgesetzet worden, dass sie entweder Aufsicht über das Aerarium bekommen oder Urkunden ausfertigen oder Zoll, Steuer und Schatzungen einnehmen. Wann sie nun also übern[315] Berg weg sind, müssen sie niemand mehr umsonst dienen, sondern sich ihre Dienste fein teuer bezahlen lassen, und mit dem neuen Ehrenamt müssen sie auch neue Sitten an sich nehmen; was vorhergegangen ist, daran müssen sie nicht mehr gedenken, sie müssen nach höhern Dingen streben, sie müssen mit dem Geiz einen Bund machen und müssen all ihr Tun auf den Raub und auf den Gewinst richten, Treu und Glauben zu halten müssen sie sparsam tun, grosse Promessen tun, schmeichelnder Reden sich gebrauchen, jedoch dieselben gleich als aus einem Oraculo fein dunkel fürbringen; was sie sehen, was sie hören, was geschicht, das müssen sie allezeit aufs ärgste auslegen. Sie müssen niemand trauen als sich selbsten, sie müssen alleine sich selbst lieben, auf sich allein etwas halten, sie müssen sich nicht auf eines andern Freundschaft verlassen, sie müssen es auch mit keiner Gesellschaft nicht halten, wann sie nicht Gewinst davon haben, ihren Eigennutzen müssen sie den andern Sachen allen vorziehen; Freunde, Gäste, nahe Anverwandten, Kameraden, welche nicht Nutzen bringen, dieselben müssen sie wie unfruchtbare Bäume nicht ansehen, sondern verachten; bei den alten Gesellen müssen sie, wann sie ihnen begegnen, fürüber gehen und tun, als wann sie dieselben nicht kenneten.

Suchet jemand Hilfe bei ihnen, den müssen sie mit Worten und Zusagungen abspeisen, und mehr zusagen als halten; bringet er nichts mit, so müssen sie ihn gar hilflos und die Sache fahren lassen; ihre Gunst und Gnade müssen Allen feil sein; die Tugend ist ihnen ohne Wert; das Lob anderer müssen sie unterdrücken, und hintern Rücken ihm nichts als Böses nachreden; sie müssen ohne Unterscheid niemand loben, gleichwie jener Redner von Einem gesaget hat: Ich muss bekennen, er ist ein wackerer Mann, und der viel wackere Taten getan hat; aber auf welche Art er der Verurteilung wegen Raubes entgehen konnte, wäre mir unverständlich, wenn ich nicht von seiner Beredsamkeit gehört hätte. Und wie ein anderer gesaget:[316]


Felix et nato felix et conjuge Proteus

Et cui, si demas jugulati crimina Phoci,

Omnia contigerant.


Das ist: Der Proteus ist samt Weib und Kind recht glückselig und ist ihm sein Lebtag alles glücklich vonstatten gegangen, ohne das einzige, dass er den Phocum hat umgebracht.

Überdieses muss ein Hofmann wie ein Stossvogel auf das Geschenke erpicht sein, rauben, wo er nur kann und weiss; ja er muss dem Phineo die Speisen, wie die Harpyen aus dem Rachen reissen. Er wird sich freuen, wann's denen übel gehet, die ihm nach seinem Dienste trachten; er wird mit niemand Mitleiden haben; er wird keinem etwas Dank wissen oder, die ihm wohlgewollt, einige Vergeltung geschehen lassen; er wird alle Wohltaten in Vergessenheit stellen oder niemand derselben würdig schätzen, sondern dieselben vielmehr mit Hass und Verfolgung belohnen. Im beharrlichen Hass wird er Gnade simulieren; niemand wird er ehren oder in acht nehmen als den Fürsten oder den König, und zwar auch diese nicht als nur aus Furcht oder seines eigenen Nutzens wegen.

Wenn er nun also bis in sein graues Alter hinein mit Verräterei, mit Betrug und andern dergleichen schmutzigen Arbeiten grosse Ehre erlanget und viel Geld und Gut zusammen gescharret, da wird er das Fas und Nefas übern Haufen werfen, dass er seine Kinder nicht sowohl zu Erben seiner Ehren als seines Raubes und unbilligen Reichtums machet.

»Es pfleget ein Storch seine Jungen mit Schlangen und andern, was er auf dem Felde hin und wieder kann davon bringen, zu ernähren, bis sie selbst können ausfliegen; also pflegen auch die starken Raubvögel, die Adler, denen Hasen und Gemsen nachzustellen, und sie zu fangen, welche sie in ihre Nester tragen und sich zusamt ihren Jungen davon ernähren.«

Und das sind die Kunststücke der gemeinen Hofleute, dadurch viel aus der untersten Hefe auf hohe Ämter, Schösser-Dienste und andere Dignitäten mehr[317] noch heutiges Tages steigen, und nächst den Königen und Fürsten sich das grösste Ansehen, auch wohl bisweilen gleichen Reichtum machen, und königliche Palatia aufbauen, da inzwischen die adelichen Höflinge alles das ihrige auf Huren, aufs Brettspiel, auf die Jagd, aufs Reiten, auf Gastereien, auf Kleidung, Hoffart und Pracht wenden, und verdestillieren ihre Güter, Schlösser, Häuser und ganzes Patrimonium. Und deren Güter kaufen dann diese plebejischen Hofschranzen an sich, und mit ihren arglistigen Tausendkünsten und schändlichen Betrügereien nehmen sie der Edlen Stelle und Örter ein.[318]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 1, S. 314-319.
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