Kapitel XXXI.
De astrologia iudiciaria
oder
Von der Wahrsagerkunst

[124] Es ist noch übrig eine andere Art von der Astrologie, welche sie die wahrsagerische Kunst nennen, und die da von Rechnung der Jahre der Welt, von Nativitäten, von gewissen Fragen und Gedanken, von Wirkungen und andern zukünftigen Sachen, die doch der göttlichen Disposition allein auch eingestellet sind, den Ausgang wissen und zuvor sagen wollen; auch wie man sich dafür hüten könne und solle.

Dahero holen die Astrologi die Wirkung der himmlischen Gestirne, von undenklichen Jahren und weit über Menschengedanken, ja über Prometheus Zeiten, ja noch für der Sündflut her, und halten dafür, dass aller Tiere, Steine, Kräuter, kurz was unten auf Erden ist, ihre Wirkung und Kräfte der Sternen Influenz zuzuschreiben sei. Fürwahr recht abergläubische und gottlose Leute, welche nur dieses einige bedenken sollten, dass Gott die Kräuter, das Gewächse und Bäume schon vor dem himmlische Gestirn geschaffen hat; ja auch die vortrefflichsten Philosophi als der Pythagoras, Demokritus, Bion, Favorinus, Panaetius, Carneades, Possidonius, Timäus, Aristoteles, Plato, Plotinus, Porphyrius,[124] Avicenna, Averroes, Hippocrates, Galenus, Alexander Aphrodisäus, wie auch Cicero, Seneca, Plutarchus und andere mehr, welche mit einer sonderbaren Kunst und Wissenschaft der Sachen Ursachen zu erforschen bemühet gewesen, die haben uns niemals auf dies astrologische Wesen gewiesen und gesetzet; angenommen aber, die Bewegungen der Sterne wären solche wahre Ursachen, so können sie doch nichts Gewisses davon judizieren, weil sie den Lauf der Sterne und ihre Wirkung niemals recht innegehabt, welches von allen Weisen nicht anders dafür gehalten worden; so sind auch unter ihnen selbsten die erfahrensten Mathematici und viel andere neue berühmte Autores, die da bekennen müssen, dass es unmöglich sei, dass man hierinnen wegen der andern Ursachen, die mit dem Gestirne übereinkommen und zugleich mit in acht genommen werden müssen, was Gewisses finden könnte. Und dieses gebeut auch Ptolomäus, dieweil viel Ursachen im Wege stehen, als da sind die Gewohnheit, Sitten, Auferziehung, die Furcht, der Ort, die Geburt, das Geblüt, die Speise, der Menschen Libertät oder Zucht, indem die Gestirne, wie man zu sagen pfleget, nicht necessitieren, sondern nur inklinieren.

Die nun gewisse Reguln, wie man von dieser Sache zu judizieren, vorgeschrieben haben, die irren dermassen unter sich selbst, dass es unmöglich ist, dass der Wahrsager aus so vielen veränderlichen und wider sich selbst streitenden Meinungen etwas Gewisses statuieren könne, wenn er nicht innerlich einen Wahrsagergeist bei sich hat, oder vielmehr eine heimliche Eingebung von dem bösen Feinde, damit er eines und das andere unterscheiden, oder auf eine andere Art den Leuten seine Meinung beibringen kann. Welcher aber damit nicht begabet ist, der kann, wie Haly saget, kein Wahrsager in der Astrologie sein, dahero rühret solches nicht sowohl von der Kunst, als von einer verborgenen Zauberei her. Die Astrologie besteht in dem, dass man was zuvor sagen kann, und gleich wie[125] man gelegentlich ein Buch aufschlagen und zufällig auf einen Vers treffen kann, der wie eine richtige Prophezeiung aussieht, so geschiehts bisweilen, dass man dadurch ohngefähr was Wahres hersaget, und solches nicht aus der Kunst des Wahrsagers, sondern nur bloss aus dem Glücke. Das bezeuget auch Ptolomäus, wenn er spricht: Scientia stellarum, ex te et illis. Das ist: Die Wissenschaft der Sterne ist aus dir und aus ihnen.

Womit er anzeigen wollen, dass die Wahrsagung der verborgenen und zukünftigen Sachen nicht sowohl herkomme aus der Observation der Sterne, als aus des Gemütes Affekten. Derowegen bleibet es dabei, dass bei dieser Kunst keine Gewissheit sei, sondern sie kann nach Befindung auf alle Sachen gedrehet werden, welche entweder aus den Mutmassungen oder aus des Teufels unerforschlichen Eingeben, oder aus dem abergläubischen Schicksal herkommen. Derowegen ist diese Kunst nichts anders, als eine abergläubische und betrügliche Mutmassung, welche nach langem Gebrauch der Zeit sich eine Wissenschaft von Ungewissen Dingen zugeeignet, dadurch deren Meister die Ungelehrten ums Geld putzen, und sie selbsten werden zugleich mitbetrogen. Denn wenn ihre Kunst wahr wäre und von ihnen recht verstanden würde, so kämen nicht in ihren Wahrsagen soviel Irrtümer herfür; weil es aber nun also ist, so ist es ja umsonst, närrisch und ungeräumet von solchen Ungewissen Sachen, und welche sie nicht verstehn eine Wissenschaft zu profitieren. Aber diejenigen, die unter ihnen vorsichtig gehen wollen, die bringen alle zukünftige Sachen ganz obskur für und also, dass sie es auf eine jedwede Sache, auf jedwede Zeit, Fürsten und Land applizieren können, welches sie mit einem zweifelhaften, wahrsagerischen, künstlichen Betrug artlich zu praktizieren wissen. Wenn es nun geschieht, dass onngefähr was eintrifft, so sammeln sie deswegen die Ursachen zusammen und stabilieren ihre alten Weissagungen mit neuen Rationibus, aber post factum, damit sie dafür gehalten[126] werden möchten, als wenn sie es zuvor gesehen hätten; wie die Ausleger der Träume, wenn sie den Traum gesehen haben, und verstehen doch nichts Gewisses, wenn aber hernach ihnen etwas widerfahren ist, so muss das, was ihnen widerfahren, der Traum bedeutet haben.

Über dieses, weil es ja unmöglich ist, in einer solchen Menge nicht Sterne zu finden, welche böse oder gut gesetzet stehen, so nehmen sie daher Gelegenheit zu sagen was sie wollen, und wem sie wohl wollen, dem sagen sie mehr, nämlich Leben, Glück, Ehre, Reichtum, Macht, Sieg, Gesundheit, Kinder, Freunde, Ehestand, priesterlich und oberkeitlich Amt oder andere Sachen mehr. Denen aber, denen sie übel wollen, Tod, Galgen, Schande, Elend, Verlust und lauter Unglück, und solches nicht sowohl aus dieser betrüglichen Kunst als aus leichtfertigen Affekten, und setzen also die gottlosen, kuriosische und abergläubische Leute vollends ins Verderben, ja dass sie unter Fürsten und Herren, Land und Leuten oftermals nur schädlichen Krieg und Aufruhr erwecken. Wenn nun ihnen das Glück wohl will, dass eines oder das andere ohngefähr eintrifft, da siehet man Wunder, wie sie den Kamm in die Höhe heben und wie sie sich mit ihren Wahrsagen so stolz gebärden; wenn sie aber lügen und werden der Lügen überzeuget, so wollen sie eine Lüge mit der andern zudecken und bemänteln und sagen: der Weise herrschet über das Gestirne; da doch fürwahr weder die Gestirne über den Weisen, weder der Weise über das Gestirne, sondern Gott über beides herrschet; oder sagen, die Ungeschicklichkeit des Empfängers hätte der himmlischen Influenz oder Einfluss widerstanden; wenn man nun Glauben und Gewähr von ihnen fordert, so werden sie zornig. Und finden doch wohl diese Landstreicher bei Fürsten und Obrigkeit Glauben, und die beschenken sie noch darzu stattlich, da doch fürwahr in einer Republik keine schädlicheren Leute gefunden werden können, als welche aus dem Gestirne, aus der Hände Zeichen, aus den Träumen[127] und aus andern Wahrsagerstücken zukünftige Dinge zu wissen versprechen und Wahrsagungen aussprengen; und sind doch Leute, die Christo, und allen die an ihn glauben, feind sind, über welche Cornelius Tacitus geklaget hat, wenn er saget: Mathematici, genus hominum principibus infidum, credentibus fallax, a civitate nostra semper prohibentur sed expelluntur nunquam. Das ist: Die Mathematici, denn also nennet man sie, ist eine Art der Leute, welche den Fürsten untreu, den Leichtgläubigen betrüglich, denen unsere Stadt verboten, aber daraus niemals getrieben werden.

Ja auch Varro, ein trefflicher Autor, bezeuget, dass die Vanität des Aberglaubens aus dem Schoss der Astrologie herkommen wäre. In Alexandria war ein gewisser Zoll, den die Astrologi geben mussten, Bla cenominon, von der Torheit so genannt, weil sie durch diese sinnreiche Narrheit Gewinst suchten; es pflegen auch nichts als närrische Leute sie zu konsulieren und um Rat zu fragen. Denn, kommt des Menschen Leben und Glück von dem Gestirne her, was fürchten oder bekümmern wir uns dann? So lasset uns ja vielmehr dieses Gott, welcher nicht irren noch Böses tun kann, anheim stellen, und weil wir Menschen sind, so lasset uns doch über menschliche und nicht über hohe, obere und göttliche Sachen, und über unsere Kräfte und Vermögen klug sein.

Ja weil wir auch Christen sind, so lassen wir billig Christo die Stunden, und Gott dem Vater alle Zeiten und Augenblicke, welche er zu seiner Macht und Gewalt gesetzet hat. Wenn aber unser Glück und Leben nicht von dem Gestirne kommt, so läuft ja alle Astrologie auf nichts hinaus.

Aber es ist die Art der Menschen so furchtsam und abergläubisch, die, wie die Kinder, für die Fabelgespenster[128] sich mehr fürchten als für was Wahres, und glauben alles, es mag wahr sein oder nicht, halten auch mehr von demjenigen, was unmöglich, als was der Wahrheit ähnlich ist; und die Astrologen müssten Hungers sterben, wenn nicht diese Leute wären. Dieser närrischen Leute Leichtgläubigkeit vergisset das Vergangene, verachtet das Gegenwärtige, und ist begierig auf das Zukünftige. Also sind sie günstig ihren Betrügern, dass, wenn etwa eine Unwahrheit bei andern Leuten mit unterläuft, so meinen sie, es wäre alles erlogen; dahingegen, wenn bei diesen Lügenmeistern ja was Wahres sich ohngefähr befindet, so messen sie im übrigen allen ihren Lügen Glauben bei; die sind fürwahr, welche ihnen allzusehr trauen, unter allen Leuten die Unglückseligsten, und pflegen endlich durch solche abergläubische Geschwätze ihren Untergang zu holen.

Welches an dem Zoroastre, Pharaone, Nabuchodonosore, Caesare, Crasso, Pompejo, Diotharo (?), Nerone und Juliano Apostata die Alten bezeugen, die, gleich wie sie dem unnützen Wesen sind ergeben gewesen, also haben sie durch diese ihre Confidenz ein unglücklich Ende genommen; und denen sie alles Fröhliche prognostizieret haben, denen ist das allertraurigste widerfahren, wie dem Pompejo und dem Cäsari geschehen ist, denen sie durch ihre Astrologie versichert, dass sie beide alt und mit höchster Ehre sterben sollten, da sie doch beide geschwind und elend sind umkommen.

Fürwahr ein recht halsstarrig und betrügerisch Volk, die da zukünftige Sachen wissen wollen, da sie doch nicht wissen, was geschehen oder gegenwärtig ist, und indem sie von allem Verborgenen Profession machen, so wissen sie oft nicht, was in ihrem eigenen Hause oder in ihrem Ehebette geschieht, wie einen dergleichen Astrologurn der Engelländer Morus mit diesen Versen artlich beschrieben hat:


Astra tibi aethereo pandunt sese omnia vati,

Omnibus et quae sint fata futura, monent.[129]

Omnibus ast uxor quod se tua publicat id te

Astra (licet videant omnia) nulla monent.

Saturnus procul est, jamque olim coecus, ut ajunt,

Nec prope discernens a puero lapidem.


Luna verecundis formosa incedit ocellis,

Nec nisi virgineum virgo videre potest.

Juppiter Europen, Martem Venus, et Venerem Mars,

Daphnen Sol, Hercen Mercurius recolit.

Hinc factum, Astrologe, est, tua cum capit uxor amantes,

Sidera significentur nihil inde tibi.


Das ist: Du gibest vor, die Sterne zeigen und erinnern einem alles dessen, was ihnen begegnen solle. Wie kommt es aber, dass dir die Sterne nicht kund tun, wenn deine Frau mit andern ihrer Lust pfleget, ob sie es gleich alle sehen? Allein, der Saturnus ist zu weit davon, und schon vorlängst nach gemeiner Aussage gar blind gewesen. Der Mond ist allzu schamhaftig, solches an Tag zu geben. Der Jupiter aber pfleget selbst seiner Lust mit der Europa. Die Venus liebet den Martern, und der Mars die Venerem; die Sonne die Daphnen und der Mercurius die Hercen; dahero kommt es, mein lieber Sternseher, dass dir die Sterne nichts davon anzeigen, wenn gleich deine Frau ungehindert andere aus und einlässet.

Überdies so ist ja allen bekannt, wie die Jüden, Chaldäer, Ägyptier, Persier, Griechen und Araber voneinander in den Reguln dieser Kunst dissentieren, und wie Ptolomäus alle der Alten ihre Astrologie verworfen, und diesen der Abenroda defendieret. Also hat Albumasar diesen wieder angegriffen, alle diese aber hat Abraham Avenazre, ein Hebräer, vernichtet.

Endlich ist Dorothäus, Paulus Alexandrinus, Ephestion, Messahalla und fast alle die andern in der Meinung, dass, was in dieser Wissenschaft gelehret wird, für wahrhaftig nicht kann gesaget werden, indem sie sich alleine auf die Experienz fundieren, und kommen doch auch in diesem nicht alle überein; wie sie dann nicht wenig von Eigenschaften der astrologischen[130] Häuser daraus sie die Wahrsagung aller Begebnisse erhaschen wollen, untereinander uneinig sind, denn anders judiziert davon Ptolomäus, anders Heliodorus, anders Paulus, anders Manlius, anders Porphyrius, anders Abenragel, anders die Ägyptier, anders die Araber, anders die Griechen und Lateiner, anders die Alten und anders die Neuen.

Denn gleich wie unter ihnen noch auf keinem gewissen Fusse stehet, wie der Ursprung oder der Anfang und das Ende der Häuser, und auf was für Art es muss gesetzet werden, indem solches anders die Alten, anders Ptolomäus, anders Campanus, anders Johannes de Regio Monte, formiert haben; daher geschiehts, dass sie oftmals selbst ihren Observationibus nicht trauen, wenn sie mit den Ortern ihnen ganz unterschiedene Eigenschaften, Anfang und Ende zuschreiben. Fürwahr eine gottlose Art der Menschen, welche das, was Gottes alleine ist, dem Gestirne zuschreiben, und die uns, als Freigeborne, zu Knechten und Sklaven der Gestirne machen wollen; und da wir doch wissen, dass Gott alles gut erschaffen hat, so wollen sie doch schädliche und böse Sterne, welche Urheber der bösen Influenzien wären, uns für die Augen malen, und tun Gott und dem Himmel unrecht, wenn sie statuieren, dass droben in dem himmlischen Rat böse Sach zu tun wäre beschlossen worden, und was von uns durch unsern eigenen bösen Willen begangen wird, oder sonsten uns Böses begegnet, das schreiben sie alles dem Gestirne zu; ja sie bekennen auch mit einer leichtfertigen Unbesonnenheit die Ketzereien und den Unglauben, dass das Geschenke der Prophezeiung, die Kraft der Religion, Heimlichkeit des Gewissens, Gewalt über die Teufel, Wirkung der Wunderwerke und des Gebets, ja der ganze[131] Stand des zukünftigen Lebens von den Sternen herkomme und aus den Sternen erkennet werden könnte. Denn sie sagen, wann das Gestirn, der Zwilling genannt, aufsteiget und sich mit dem Saturno und Mercurio unter dem Wassermann konjungieret, so würde droben in der neunten Himmelsplaga ein Prophet geboren, dahero, wäre Christus der Herr der Tugend so voll, weil er an seinem Hause den Saturnum in den Zwillingen gehabt hat; auch den Gott Jupiter machen sie zu dem vornehmsten Patron über alle Religionen und Sekten, durch Vermischung und Konjunktion der andern Sterne; also gebe dieser, der Jupiter mit dem Saturno die jüdische Religion, mit dem Marte die chaldäische, mit der Sonne die ägyptische, mit der Venus die sarazenische, mit dem Mercurio die christliche, mit dem Monden aber diejenige, welche die Antichristen sagen, dass sie noch zukünftig wäre; auch dass Moyses den Jüden den Sabbath zu heiligen aus der Astrologie und deren Gründen gewiesen hätte; daher irreten die Christen gar sehr, dass sie den Sonnabend nach jüdischer Art nicht feiern wollten, da dieses doch der Tag Saturni wäre. Sie meinen, dass die Treue gegen Gott und Menschen, die Religion und die Geheimnisse des Gewissens von der Sonne, und also von des Himmels dritten, neunten und elften Wohnungen könnte hergenommen werden; und dass sie zu dem Erkennen von des Menschen Intention, wie sie sagen, viel Reguln geben, auch die wunderbare Werke göttlicher Allmacht, nämlich die Sündflut, die Gesetze Moses, das Gebären einer reinen Jungfrau auf die Wirkung der Sterne zurückführen; ja sie schwatzen so leichtfertig, dass Christi Tod ein Werk des Martis gewesen sei, und dass Christus selbst bei seinen Wunderwerken sich des Unterscheids der Stunden gebrauchet hätte, in welcher ihn die Jüden nicht hätten angreifen oder verletzen können, indem er nach Jerusalem gegangen und zu seinen Jüngern gesaget hat: sind nicht zwölf Stunden des Tages? Ferner sagen sie, wenn einem der Planete Mars im neunten Hause des[132] Himmels glücklich stehet, derselbe kann mit seiner Gegenwart die Teufel von den Besessenen austreiben, derjenige aber, der den Monden und den Jupiter mit dem Kopfe der Schlange mitten in seinem Hause beisammen gesetzet hat, der kann alles erhalten, warum er Gott anrufen wird. Ferner sagen sie, dass dem Menschen die Glückseligkeit seines künftigen Lebens von dem Jupiter und Saturno mitgeteilet würde; wiederum, wenn einer in seiner Nativität den Saturnum im Löwen glücklich beisammen gesetzet hätte, dessen Seele würde nach diesem sterblichen Leben frei von vielen Plagen in den Himmel, und wiederum in vorigen Stande, da sie erst gewesen, gesetzet.

Und gleichwohl finden sich ihrer noch, welche diesem verfluchten Geschwätze und abscheulichen Ketzereien nicht ohne Schande und Sünde beipflichten, als da ist Petrus Apponensis, Rogerius Bacon, Guido Bonatus, Arnoldus de Villa nova, alles Philosophi, ferner Alyacensis ein Theologus und Kardinal und viel andere Doctores des christlichen Namens, welche bezeugen, dass sie dieses alles wahr befunden hätten und defendieren solches aufs Äusserste. Aber wider diese Astrologos hat jüngsten Johannes Picus Mirandola zwölf Bücher geschrieben, mit einem solchen Nachdruck, dass kein einig Argument vergebens, sondern von solcher Wirkung ist, dass noch bis dato Lucius Bellancius, sonsten der ärgste Streiter für die Astrologie, noch sonsten ein anderer, der diese Kunst defendieret, diese des Pici rationes hat übern Haufen werfen können; denn dieser beweiset mit stattlichen Grundsätzen, dass diese Kunst nicht eine Erfindung der Menschen, sondern der bösen Geister sei, und eben dieses saget auch Firmianus, dass durch diese Kunst bei ihme alle Philosophie, Medizin, Gesetze und Religion verjaget worden wäre.

Denn erstlich benimmet sie den Glauben zur Religion, machet alle Wunder gering, verachtet die göttliche Vorsehung, indem sie lehret, dass alles von der Wirkung der Konstellation und von der Notwendigkeit[133] des Gestirns dependire, ferner entschuldiget diese Kunst die Laster, und als wenn es dem Menschen so von dem Gestirne eingegeben worden wäre; sie verachtet und verkehret andere Wissenschaften, und absonderlich die Philosophie, und weiset uns von den wahren Ursachen der Dinge auf nichts anders als auf Fabeln und Geschwätze, führt die Medizin von natürlichen Mitteln nichts als auf eitele Observationes der Gestirne, und auf leichtfertige und sowohl dem Leibe als der Seele schädliche Superstitiones.

Ferner suchen sie zu verkehren und zu vertilgen die Gesetze, gute Gebräuche und was sonsten die Vernunft weislich geordnet hat, indem sie sagen, dass man alles nach Influenz der Gestirne in gewisser Zeit und durch sonderliche Mittel tun, und deswegen die Astrologie um Rat fragen solle, welche eine Herrscherin und Regiererin unseres Lebens und Wandels und aller gemeiner Privatsachen wäre; da suchen sie alle die ganze Autorität her und meinen, dass alle das andere, was nicht diese Kunst für ihren Patron erkenne, lauter Phantasie wäre. Es ist fürwahr eine so würdige Kunst, welche vor Zeiten die Teufel die Menschheit zu betrügen und der Gottheit Gewalt zu tun, profitieret haben. Woher kommt der Manichäer Ketzerei, die allen freien Willen aufgehoben hat? Aus nichts anders als aus dieser astrologischen Wahrsagung und aus ihrer falschen Meinung und Lehre. Aus diesem Brunnen ist auch des Basilides Ketzerei entsprungen, welcher, dass dreihundertfünfundsechzig Himmel nach und nach, und die einander ähnlich gemachet worden wären, dafür gehalten, und dass nach der Zahl der Tage einem jedweden ein Prinzip, eine Kraft und ein Engel müssen assignieret werden; darunter aber ist der, welchen man den Abraxas nennet, der Vornehmste, welcher Name nach[134] dem Griechischen die dreihundertfünfundsechzigste Zahl in sich hält, denn soviel sind Orter und Plagae im Himmel von ihnen erdichtet worden. Dieses erzähle ich zu dem Ende, damit ihr sehet, was die Astrologie für eine Gebärerin der Ketzerei ist; ferner aber beruhet die Astrologie nur im blossen Mutmassen und Raten, welches die vornehmsten Philosophi wahrgenommen. Also hat auch Moses, Esaias, Job, Jeremias und andere Propheten diese Kunst verfluchet, und hält St. Augustinus aus den katholischen Lehrern dafür, dass sie gar bei der christlichen Religion soll ausgetan und vertrieben werden.

Hieronymus hält es für eine Art der Idolatrie, Basilius, Cyprianus, Chrysostomus, Eusebius, Lactantius, Gregorius, Ambrosius und Severianus verlachen dieselbe, und das heilige Konzil zu Toledo verdammet sie; so ist auch dieselbe in dem Synodo Martini und von Gregorio dem Jüngern und Alexandro Tertio den Päpsten anathemazieret und in den Kaiserl. weltlichen Rechten verworfen, bei den alten Römern unter dem Tiberio, Vitellio, Diocletiano, Constantino, Gratiano, Valentiniano und Theodosio den Kaisern aus der Stadt verbannt, und von dem Justiniano selbsten, welches wir aus seinem Codice sehen, capitaliter gestrafet worden.[135]

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 1, S. 124-136.
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