Das wahre und das falsche Selbst.

[114] Chândogya-Upanishad 8,7–12.


7,1. »Das Selbst (âtman), das sündlose, frei vom Alter, frei vom Tode und frei vom Leiden, ohne Hunger und ohne Durst, dessen Wünschen wahrhaft, dessen Ratschluss wahrhaft ist, das soll man erforschen, das soll man suchen zu erkennen; der erlangt alle Welten und alle Wünsche, wer dieses Selbst gefunden hat und erkennt!« – Also sprach Prajâpati. 2. Das vernahmen beide, die Götter und die Dämonen. Und sie sprachen: »Wohlan! lasst uns nach diesem Selbste forschen, dem Selbste, durch[114] dessen Erforschung man alle Welten erlangt und alle Wünsche!« – Da machten sich auf von den Göttern Indra und von den Dämonen Virocana, und beide, ohne voneinander zu wissen, kamen mit dem Brennholze in der Hand [d.h. als Schüler] zu Prajâpati. 3. Und sie verweilten als Brahmanschüler zweiunddreissig Jahre. Da sprach zu ihnen Prajâpati: »Was begehrt ihr, darum ihr als Schüler hier gewohnt habt?« – Und sie sprachen: »›Das Selbst, das sündlose, frei vom Alter, frei vom Tode und frei vom Leiden, ohne Hunger und ohne Durst, dessen Wünschen wahrhaft, dessen Ratschluss wahrhaft ist, das soll man erforschen, das soll man suchen zu erkennen; der erlangt alle Welten und alle Wünsche, wer dieses Selbst gefunden hat und erkennt‹. Dies verkündigen sie, o Ehrwürdiger, als deinen Ausspruch. Dies begehren wir, darum wir hier als Schüler gewohnt haben.«

4. Und Prajâpati sprach zu ihnen beiden: »Der Mann (purusha), der so in dem Auge gesehen wird, der ist das Selbst«, so sprach er, »der ist das Unsterbliche, das Furchtlose, der ist das Brahman.« – »Aber derjenige, o Ehrwürdiger, der so im Wasser, und der so im Spiegel erblickt wird, was ist denn der?« – »Er ist einer und derselbe, der in diesen allen erblickt wird«, sprach er.

8,1. »Betrachtet euer Selbst«, so fuhr er fort, »in einem Gefässe voll Wasser, und was[115] ihr von eurem Selbste nicht wahrnehmt, das sagt mir an!« – Da betrachteten sie sich in einem Gefässe voll Wasser; und Prajâpati sprach zu ihnen: »Was sehet ihr?« – Sie aber sprachen: »Wir sehen, o Ehrwürdiger, dieses unser ganzes Selbst bis zu den Härchen, bis zu den Nägeln, im Abbilde.« – 2. Und Prajâpati sprach zu ihnen: »Nun schmückt euch schön, zieht schöne Kleider an und putzt euch aus, und dann schaut wieder in das Gefäss voll Wasser.« – Da schmückten sie sich schön, zogen schöne Kleider an und putzten sich aus und schauten dann in das Gefäss voll Wasser. Und Prajâpati sprach zu ihnen: »Was sehet ihr?« – 3. Sie aber sprachen: »Ganz wie wir hier, o Ehrwürdiger, schön geschmückt, angetan mit schönen Kleidern und ausgeputzt stehen, ebenso sind, o Ehrwürdiger, diese dort schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und ausgeputzt.« – Und er sprach: »Das ist das Selbst, das ist das Unsterbliche, das Furchtlose, das ist das Brahman.« – Da zogen sie zufriedenen Herzens von dannen. 4. Prajâpati aber blickte ihnen nach und sprach: »Da ziehen sie hin, ohne das Selbst wahrgenommen und gefunden zu haben! Welche von beiden (yatare) aber dieser Lehre (upanishad) anhängen werden, seien es die Götter oder die Dämonen, die werden unterliegen.«

Und der eine, Virocana, kam zufriedenen Herzens zu den Dämonen und verkündigte[116] ihnen diese Lehre: »Seinen Leib (âtman Selbst, hier: Leib) muss man hienieden erfreuen, seinen Leib pflegen; und wer hienieden seinen Leib erfreut, seinen Leib pflegt, der erlangt damit beide Welten, die diesseitige und die jenseitige [d.h. er geniesst die himmlischen Freuden schon hienieden].« – 5. Darum auch jetzt noch, wenn hier einer nicht freigebig, nicht gläubig, nicht opferfreudig ist, so sagt man: »O welch ein dämonischer Mensch!« Denn dieses ist die Lehre der Dämonen. Und wenn einer gestorben ist, so putzen sie seinen Leichnam mit allerlei Plunder (bhikshâ), mit Kleidern und Schmuck aus. Sie glauben wohl, damit die jenseitige Welt zu gewinnen! –

9,1. Hingegen Indra, ehe er noch bei den Göttern angelangt war, hatte dieses Bedenken: »Ebensowohl wie, wenn dieser Leib schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und ausgeputzt ist, auch dieses [im Leibe bestehende] Selbst schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und ausgeputzt ist, ebensowohl ist auch dieses Selbst, wenn der Leib blind ist, blind, wenn er lahm ist, lahm, wenn er verstümmelt ist, verstümmelt; auch gehet es, mit dem Untergange des Leibes, zugleich mit zugrunde. Hierin kann ich nichts Tröstliches erblicken.« – 2. Und er kam abermals mit dem Brennholze in der Hand heran. Aber Prajâpati sprach zu ihm: »Dieweil du, o Maghavan, zufriedenen Herzens zusammen mit[117] Virocana von hinnen gezogen bist, was begehrest du, dass du abermals herankommst?« – Und er sprach: »O Ehrwürdiger! ebensowohl wie, wenn dieser Leib schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und ausgeputzt ist, auch dieses Selbst schön geschmückt, mit schönen Kleidern angetan und ausgeputzt ist, ebensowohl ist auch dieses Selbst, wenn der Leib blind ist, blind, wenn er lahm ist, lahm, wenn er verstümmelt ist, verstümmelt; auch gehet es, mit dem Untergange des Leibes, zugleich mit zugrunde. Hierin kann ich nichts Tröstliches erblicken.« – 3. »Freilich steht es so damit, o Maghavan«, sprach er; »ich will dir aber dasselbe noch weiter erklären; verweile andre zweiunddreissig Jahre als Schüler!« – Und er verweilte andre zweiunddreissig Jahre als Schüler. Da sprach er zu ihm:

10,1. »Jener [Geist], der im Traume fröhlich umherschweift, der ist das Selbst«, so sprach er, »der ist das Unsterbliche, das Furchtlose, der ist das Brahman.« – Da zog er zufriedenen Herzens von dannen. Aber ehe er noch bei den Göttern angelangt war, hatte er dieses Bedenken: »Allerdings ist dieses [Selbst], wenn auch der Körper blind ist, nicht blind, wenn er lahm ist, nicht lahm; allerdings wird es von des Leibes Gebrechen nicht mitbetroffen, 2. es wird nicht getötet, wenn jener ermordet wird, es wird nicht lahm, wenn jener gelähmt wird, – aber es ist doch, als wenn[118] es getötet würde, es ist doch, als wenn sie es bedrängten, als wenn es Unliebes erführe, und es ist, als wenn es weinte, – hierin kann ich nichts Tröstliches erblicken.« – 3. Und er kam abermals mit dem Brennholze in der Hand heran. Aber Prajâpati sprach zu ihm: »Dieweil du, o Maghavan, zufriedenen Herzens von hinnen gezogen bist, was begehrest du, dass du abermals herankommst?« – Und er sprach: »Allerdings, o Ehrwürdiger, ist dieses [Selbst], wenn auch der Körper blind ist, nicht blind, wenn er lahm ist, nicht lahm; allerdings wird es von des Leibes Gebrechen nicht mitbetroffen, 4. es wird nicht getötet, wenn jener ermordet wird, es wird nicht lahm, wenn jener gelähmt wird, – aber es ist doch, als wenn es getötet würde, es ist doch, als wenn sie es bedrängten, als wenn es Unliebes erführe, und es ist, als wenn es weinte, – hierin kann ich nichts Tröstliches erblicken.« – »Freilich steht es so damit, o Maghavan«, sprach er; »ich will dir aber dasselbe noch weiter erklären; verweile weiters zweiunddreissig Jahre als Schüler!« – Und er verweilte weitere zweiunddreissig Jahre als Schüler. Da sprach er zu ihm:

11,1. »Wenn einer so eingeschlafen ist ganz und gar und völlig zur Ruhe gekommen, dass er kein Traumbild erkennt, das ist das Selbst«, so sprach er, »das ist das Unsterbliche, das Furchtlose, das ist das Brahman.« – Da zog er zufriedenen Herzens von dannen. Aber ehe[119] er noch bei den Göttern angelangt war, hatte er dieses Bedenken: »Ach, da kennt doch nun einer in diesem Zustande sich selber nicht und weiss nicht, dass er dieser ist, noch auch kennt er die andern Wesen! In Vernichtung ist er eingegangen; hierin kann ich nichts Tröstliches erblicken.« – 2. Und er kam abermals mit dem Brennholze in der Hand heran. Aber Prajâpati sprach zu ihm: »Dieweil du, o Maghavan, zufriedenen Herzens von hinnen gezogen bist, was begehrest du, dass du abermals herankommst?« – Und er sprach: »Ach, da kennt doch nun einer, o Ehrwürdiger, in diesem Zustande sich selber nicht und weiss nicht, dass er dieser ist, noch auch kennt er die andern Wesen! In Vernichtung ist er eingegangen; hierin kann ich nichts Tröstliches erblicken.« – 3. »Freilich steht es so damit, o Maghavan«, sprach er, »ich will dir aber dasselbe noch weiter erklären; doch ist es nicht anderswo als in diesem zu finden. Verweile weitere fünf Jahre als Schüler!« – Und er verweilte weitere fünf Jahre als Schüler. Das macht zusammen einhundertundeines. Darum heisst es: »Einhundertundein Jahre, fürwahr, weilte Maghavan bei Prajâpati als Brahmanschüler.« – Und er sprach zu ihm:

12,1. »O Maghavan, sterblich, fürwahr, ist dieser Körper, vom Tode besessen; er ist der Wohnplatz für jenes unsterbliche, körperlose Selbst. Besessen wird der Bekörperte von[120] Lust und Schmerz; denn weil er bekörpert ist, ist keine Abwehr möglich der Lust und des Schmerzes. Den Körperlosen aber berühren Lust und Schmerz nicht. – 2. Körperlos ist der Wind; die Wolke, der Blitz, der Donner sind körperlos. So wie nun diese aus dem Weltraume [in welchem sie, wie die Seele im Leibe, gebunden sind] sich erheben, eingehen in das höchste Licht und dadurch hervortreten in ihrer eignen Gestalt, 3. so auch erhebt sich diese Vollberuhigung [d.h. die Seele im tiefen Schlafe] aus diesem Leibe, gehet ein in das höchste Licht und tritt dadurch hervor in eigner Gestalt: das ist der höchste Geist, – der dort umherwandelt, indem er scherzt und spielt und sich ergötzt, sei es mit Weibern, oder mit Wagen, oder mit Freunden und nicht zurückdenkt an dieses Anhängsel von Leib, an welches der Prâṇa angespannt ist wie ein Zugtier an den Karren. – 4. Wenn das Auge sich richtet auf den Weltraum, so ist er der Geist im Auge, das Auge [selbst] dient [nur] zum Sehen; und wer da riechen will, das ist der Âtman, die Nase dient nur zum Geruche; und wer da reden will, das ist der Âtman, die Stimme dient nur zum Reden; und wer da hören will, das ist der Âtman, das Ohr dient nur zum Hören; 5. und wer da verstehen will, das ist der Âtman, der Verstand ist sein göttliches [Vergangenheit und Zukunft umspannendes] Auge; mit diesem[121] göttlichen Auge, dem Verstande, erschaut er jene Genüsse und freut sich ihrer. – 6. Ihn verehren jene Götter in der Brahmanwelt [die von Indra die Belehrung erhalten werden] als das Selbst; darum besitzen sie alle Welten und alle Wünsche. – Der erlangt alle Welten und alle Wünsche, wer dieses Selbst gefunden hat und kennt.«

Also sprach Prajâpati, – sprach Prajâpati.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 114-122.
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