1. Uddâlaka belehrt den Çvetaketu über die Entstehung der Elemente und des Menschen.

[96] Chândogya-Upanishad 6,1–7.


1,1. Çvetaketu war der Sohn des [Uddâlaka] Âruṇi. Zu ihm sprach sein Vater: »Çvetaketu! ziehe aus, das Brahman zu studieren, denn einer aus unsrer Familie, o Teurer, pflegt nicht ungelehrt und ein [blosses] Anhängsel der Brahmanenschaft zu bleiben.« –

2. Da ging er, zwölf Jahre alt, in die Lehre, und mit vierundzwanzig Jahren hatte er alle Veden durchstudiert und kehrte zurück hochfahrenden Sinnes, sich weise dünkend und stolz. Da sprach zu ihm sein Vater: »Çvetaketu! dieweil du, o Teurer, also hochfahrenden Sinnes, dich weise dünkend und stolz bist, hast du denn auch der Unterweisung nachgefragt, durch welche [auch] das Ungehörte ein [schon] Gehörtes, das Unverstandene ein Verstandenes, das Unerkannte ein Erkanntes wird?« –

3. »Wie ist denn, o Ehrwürdiger, diese Unterweisung?« – »Gleichwie, o Teurer, durch[96] einen Tonklumpen alles, was aus Ton besteht, erkannt ist, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, Ton nur ist es in Wahrheit; –

4. gleichwie, o Teurer, durch einen kupfernen Knopf alles, was aus Kupfer besteht, erkannt ist, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, Kupfer nur ist es in Wahrheit; –

5. gleichwie, o Teurer, durch eine Nagelschere alles, was aus Eisen besteht, erkannt ist, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, Eisen nur ist es in Wahrheit, – also, o Teurer, ist diese Unterweisung.« –

6. »Gewiss haben meine ehrwürdigen Lehrer dieses selbst nicht gewusst; denn wenn sie es gewusst hätten, warum hätten sie mir es nicht gesagt? Du aber, o Ehrwürdiger, wollest mir solches nunmehr auslegen!« – »So sei es, o Teurer!

2,1. Seiend nur, o Teurer, war dieses am Anfang, eines nur und ohne zweites. Zwar sagen einige, nichtseiend sei dieses am Anfang gewesen, eines nur und ohne zweites; aus diesem Nichtseienden sei das Seiende geboren.

2. Aber wie könnte es wohl, o Teurer, also sein? Wie könnte aus dem Nichtseienden das Seiende geboren werden? Seiend also vielmehr, o Teurer, war dieses am Anfang, eines nur und ohne zweites.[97]

3. Dasselbe beabsichtigte: ›Ich will vieles sein, will mich fortpflanzen‹; da schuf es die Glut (tejas). Diese Glut beabsichtigte: ›Ich will vieles sein, will mich fortpflanzen‹; da schuf sie die Wasser (âpas). Darum wenn ein Mensch die Glut des Schmerzes fühlt oder schwitzt, so entstehet aus der Glut das Wasser [der Tränen, des Schweisses].

4. Diese Wasser beabsichtigten: ›Wir wollen vieles sein, wollen uns fortpflanzen‹; da schufen sie die Nahrung (annam). Darum, wenn es regnet, so entstehet reichliche Nahrung, denn aus den Wassern eben entstehet die Nahrung, die man isset.

3,1. Fürwahr, diese Wesen hier haben dreierlei Samen [d.h. Ursprung]: aus dem Ei Geborenes, lebend Geborenes und aus dem Keim Geborenes.

2. Jene Gottheit beabsichtigte: ›Wohlan, ich will in diese drei Gottheiten [Glut, Wasser, Nahrung] mit diesem lebenden Selbste [der individuellen Seele] eingehen und auseinanderbreiten Namen und Gestalten;

3. jede einzelne von ihnen aber will ich dreifach machen.‹ – Da ging jene Gottheit in diese drei Gottheiten mit diesem lebenden Selbste ein und breitete auseinander Namen und Gestalten;

4. jede einzelne von ihnen aber machte sie dreifach.[98]

Wie nun, o Teurer, von diesen drei Gottheiten jede einzelne dreifach wird, das sollst du von mir erfahren.

4,1. Was an dem Feuer die rote Gestalt ist, das ist die Gestalt der Glut, was die weisse, das der Wasser, was die schwarze, das der Nahrung. Verschwunden ist das Feuersein des Feuers, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, drei Gestalten nur sind in Wahrheit.

2. Was an der Sonne die rote Gestalt ist, das ist die Gestalt der Glut, was die weisse, das der Wasser, was die schwarze, das der Nahrung. Verschwunden ist das Sonnesein der Sonne, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, drei Gestalten nur sind in Wahrheit.

3. Was an dem Monde die rote Gestalt ist, das ist die Gestalt der Glut, was die weisse, das der Wasser, was die schwarze, das der Nahrung. Verschwunden ist das Mondsein am Monde, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, drei Gestalten nur sind in Wahrheit.

4. Was an dem Blitze die rote Gestalt ist, das ist die Gestalt der Glut, was die weisse, das der Wasser, was die schwarze, das der Nahrung. Verschwunden ist das Blitzsein des Blitzes, an Worte sich klammernd ist die Umwandlung, ein blosser Name, drei Gestalten nur sind in Wahrheit.[99]

5. Dieses fürwahr war es, was die Altvordern, die Grossen an Reichtum, die Grossen an Schriftkunde, wussten, wenn sie sprachen: ›Nunmehr kann keiner uns etwas vorbringen, was wir nicht [schon] gehört, nicht [schon] verstanden, nicht [schon] erkannt hätten!‹ Dies wussten sie aus jenen [Glut, Wasser, Nahrung];

6. denn was gleichsam ein Rotes war, das wussten sie als die Gestalt der Glut, und was gleichsam ein Weisses war, das wussten sie als die Gestalt der Wasser, und was gleichsam ein Schwarzes war, das wussten sie als die Gestalt der Nahrung;

7. und was gleichsam ein Unbekanntes war, das wussten sie als eine Zusammensetzung eben jener Gottheiten [Glut, Wasser, Nahrung].

Wie nun, o Teurer, von diesen drei Gottheiten, wenn sie in den Menschen gelangen, jede einzelne dreifach wird, das sollst du von mir erfahren.

5,1. Die Nahrung, wenn sie genossen worden, zerlegt sich in drei Teile; was an ihr der gröbste Bestandteil ist, der wird zu Faeces, was der mittlere, der zu Fleisch, was der feinste, der zu Manas.

2. Die Wasser, wenn sie getrunken worden, zerlegen sich in drei Teile; was an ihnen der gröbste Bestandteil ist, der wird zu Urin, was der mittlere, der zu Blut, was der feinste, der zu Prâṇa.

3. Die Glut, wenn sie genossen worden, zerlegt sich in drei Teile; was an ihr der[100] gröbste Bestandteil ist, der wird zu Knochen, was der mittlere, der zu Mark, was der feinste, der zu Rede.

4. Denn aus Nahrung bestehend, o Teurer, ist das Manas, aus Wasser bestehend der Prâṇa, aus Glut bestehend die Rede.«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« sprach er. – »So sei es«, sprach er.

6,1. »Was an der Milch, o Teurer, wenn sie gequirlt wird, das Feine ist, das strebt nach oben hin, das wird zu Butter.

2. Ebenso, o Teurer, was an der Nahrung, wenn sie genossen wird, das Feine ist, das strebt nach oben hin, das wird zu Manas.

3. Und was an dem Wasser, o Teurer, wenn es getrunken wird, das Feine ist, das strebt nach oben hin, das wird zu Prâṇa.

4. Und was an der Glut, o Teurer, wenn sie genossen wird, das Feine ist, das strebt nach oben hin, das wird zu Rede.

5. Denn aus Nahrung bestehend, o Teurer, ist das Manas, aus Wasser bestehend der Prâṇa, aus Glut bestehend die Rede.«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« sprach er. – »So sei es«, sprach er.

7,1. »Aus sechzehn Teilen, o Teurer, besteht der Mensch. Fünfzehn Tage lang sollst du jetzt nichts essen; aber Wasser trinke, soviel du willst. Der Prâṇa (der Lebensodem), da er aus Wasser besteht, wird, wenn du trinkst, nicht aus dir entweichen.«[101]

– 2. Und er ass nicht fünfzehn Tage hindurch. Darauf nahte er jenem und sprach: »Was soll ich hersagen, o Herr?« – »Sage die Ṛigverse her, o Teurer, die Opfersprüche, die Ṡâmalieder«, sprach er. – »Ei, sie wollen mir nicht einfallen, o Herr«, sprach er. –

3. Und jener sprach zu ihm: »Gleichwie, o Teurer, von einem grossen angelegten Feuer zuletzt nur noch eine Kohle, so gross wie ein Leuchtkäfer, übrig bleibt, und es durch diese dann weiter nicht mehr sehr brennt, also, o Teurer, ist auch an dir von den sechzehn Teilen nur noch ein Teil übrig geblieben, und durch diesen kannst du dich jetzt auf die Veden nicht besinnen. Iss jetzt,

4. nachher sollst du mehr von mir hören.« – Da ass er und trat dann wieder zu ihm. Da konnte er auf alles antworten, was jener ihn fragte. Und der Vater sprach zu ihm:

5. »Gleichwie, o Teurer, von einem grossen angelegten Feuer zuletzt nur noch eine Kohle, so gross wie ein Leuchtkäfer, übrig bleibt, und man diese dann durch Stroh, indem man es darauf legt, wieder zum Flammen bringt, und es durch dieses dann weiter sehr brennt,

6. also, o Teurer, war an dir von den sechzehn Teilen ein Teil übrig geblieben, und dieser ist durch die Nahrung, mit der er versehen wurde, wieder zum Flammen gebracht worden; durch diesen kannst du dich jetzt wieder auf die Veden besinnen; denn aus[102] Nahrung bestehend, o Teurer, ist das Manas, aus Wasser bestehend der Prâṇa, aus Glut bestehend die Rede.«

Also wurde er von ihm belehrt, – von ihm belehrt.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 96-103.
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