2. Uddâlaka belehrt den Çvetaketu über Schlaf, Hunger und Durst und über das geheimnisvolle Prinzip in den Erscheinungen der Natur (Tat tvam asi).

[103] Chândogya-Upanishad 6,8–16.


8,1. Uddâlaka Aruṇi sprach zu seinem Sohne Çvetaketu: »Lass dir von mir, o Teurer, den Zustand des Schlafes erklären. Wenn es heisst, dass der Mensch schlafe, dann ist er mit dem Seienden, o Teurer, zur Vereinigung gelangt. Zu sich selbst ist er eingegangen, darum sagt man von ihm ›er schläft‹ (svapiti), denn zu sich selbst eingegangen (svam apîta) ist er. –

2. Gleichwie ein Vogel, der an einen Faden gebunden wurde, nach dieser und jener Seite fliegt, und nachdem er anderweit einen Stützpunkt nicht gefunden, sich an der Bindungsstelle niederlässt, so auch, o Teurer, fliegt das Manas nach dieser und jener Seite, und nachdem es anderweit einen Stützpunkt nicht gefunden, so lässt es sich in dem Prâṇa nieder, denn der Prâṇa, o Teurer, ist die Bindungsstelle des Manas.

3. Lass dir von mir, o Teurer, den Hunger und den Durst erklären. Wenn es heisst, ein[103] Mensch hungert, so kommt das, weil die Wasser das von ihm Gegessene hinwegführen (açitam nayante). Und wie man von einem Kuhführer, Rossführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Wasser als ›Nahrungführer‹ [açanâyâ der Hunger, spielend zerlegt in aça-nâyâ]. Hierbei [beim Hinwegführen der Nahrung durch die Wasser zum Aufbau des Leibes] erkenne dieses [d.h. diesen Leib], o Teurer, als den daraus entsprungenen Schössling [als die Wirkung]; derselbe wird nicht ohne Wurzel [Ursache] sein;

4. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in der Nahrung? Und in derselben Weise, o Teurer, gehe von der Nahrung als Schössling zurück zu dem Wasser als Wurzel, von dem Wasser, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage.

5. Ferner, wenn es heisst, ein Mensch dürstet, so kommt das, weil die Glut das von ihm Getrunkene hinwegführt. Und wie man von einem Kuhführer, Rossführer, Menschenführer spricht, so bezeichnet man dann die Glut als ›Wasserführer‹ [udanyâ der Durst, zerlegt in uda-nyâ]. Hierbei [beim Hinwegführen des Wassers durch die Glut zum Aufbau[104] des Leibes] erkenne dieses [diesen Leib], o Teurer, als den daraus entsprungenen Schössling [als die Wirkung]; derselbe wird nicht ohne Wurzel [Ursache] sein;

6. aber wo anders könnte dessen Wurzel sein als in dem Wasser? Von dem Wasser, o Teurer, als Schössling gehe zurück zu der Glut als Wurzel, von der Glut, o Teurer, als Schössling gehe zu dem Seienden als Wurzel; das Seiende, o Teurer, haben alle diese Geschöpfe als Wurzel, das Seiende als Stützpunkt, das Seiende als Grundlage.

Wie aber, o Teurer, von diesen drei Gottheiten, wenn sie in den Menschen gelangen, jede einzelne dreifach wird, das ist vorher auseinandergesetzt worden [oben 6,5,1–4].

Bei diesem Menschen, o Teurer, wenn er dahinscheidet, geht die Rede ein in das Manas, das Manas in den Prâṇa, der Prâṇa in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit. – Was jene Feinheit [Unerkennbarkeit] ist,

7. ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« sprach er. – »So sei es«, sprach er.

9,1. »Wenn, o Teurer, die Bienen den Honig bereiten, so sammeln sie die Säfte von mancherlei Bäumen und tragen den Saft zur Einheit zusammen.

2. Sowie in dieser jene Säfte keinen Unterschied[105] behalten des bestimmten Baumes, dessen Saft sie sind, also, fürwahr, o Teurer, haben auch alle diese Kreaturen, wenn sie [in Tiefschlaf und Tod] in das Seiende eingehen, kein Bewusstsein davon, dass sie eingehen in das Seiende.

3. Selbige, ob sie hier Tiger sind oder Löwe, oder Wolf, oder Eber, oder Wurm, oder Vogel, oder Bremse, oder Mücke: was sie immer sein mögen, dazu werden sie wiedergestaltet. –

4. Was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« sprach er, – »So sei es«, sprach er.

10,1. »Diese Ströme, o Teurer, fliessen im Osten gegen Morgen und im Westen gegen Abend; von Ozean zu Ozean strömen sie [sich vereinigend], sie werden lauter Ozean.

Gleichwie diese daselbst nicht wissen, dass sie dieser oder jener Fluss sind,

2. also, fürwahr, o Teurer, wissen auch alle diese Kreaturen, wenn sie aus dem Seienden wieder hervorgehen, nicht, dass sie aus dem Seienden wieder hervorgehen. Selbige, ob sie hier Tiger sind oder Löwe, oder Wolf, oder Eber, oder Wurm, oder Vogel, oder Bremse, oder Mücke: was sie immer sein mögen, dazu werden sie wiedergestaltet. –

3. Was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus[106] dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« sprach er. – »So sei es«, sprach er.

11,1. »Wenn man, o Teurer, hier diesen grossen Baum an der Wurzel anschneidet, so trieft er, weil er lebt; wenn man ihn in der Mitte anschneidet, so trieft er, weil er lebt; wenn man ihn an der Spitze anschneidet, so trieft er, weil er lebt; so stehet er, durchdrungen von dem lebendigen Selbste, strotzend und freudevoll.

2. Verlässt nun das Leben einen Ast, so verdorrt dieser; verlässt es den zweiten, so verdorrt dieser; verlässt es den dritten, so verdorrt dieser; verlässt es den ganzen Baum, so verdorrt der ganze. Also auch, o Teurer, sollst du merken«, so sprach er,

3. »dieser [Leib] freilich stirbt, wenn er vom Leben verlassen wird, nicht aber stirbt das Leben. – Was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« sprach er. – »So sei es«, sprach er.

12,1. »Hole mir dort von dem Nyagrodhabaume eine Frucht.« – »Hier ist sie, Ehrwürdiger.« – »Spalte sie.« – »Sie ist gespalten, Ehrwürdiger.« – »Was siehest du darin?« – »Ich sehe hier, o Ehrwürdiger,[107] ganz kleine Kerne.« – »Spalte einen von ihnen.« – »Er ist gespalten, Ehrwürdiger.« – »Was siehest du darin?« – »Gar nichts, o Ehrwürdiger.« –

2. Da sprach er: »Die Feinheit, die du nicht wahrnimmst, o Teurer, aus dieser Feinheit fürwahr ist dieser grosse Nyagrodhabaum entstanden.

3. Glaube, o Teurer, was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« – »So sei es«, sprach er.

13,1. »Hier dieses Stück Salz lege ins Wasser und komme morgen wieder zu mir.« – Er tat es. Da sprach er: »Bringe mir das Salz, welches du gestern abend ins Wasser gelegt hast.« – Er tastete danach und fand es nicht, denn es war ganz zergangen.

2. »Koste davon von dieser Seite! – Wie schmeckt es?« – »Salzig.« – »Koste aus der Mitte! – Wie schmeckt es?« – »Salzig.« – »Koste von jener Seite! – Wie schmeckt es?« – »Salzig.« – »Lass es stehen und setze dich zu mir.« – Er tat es [und sprach]: »Es ist immer noch vorhanden.« – Da sprach jener: »Fürwahr, so nimmst du auch das Seiende hier [im Leibe] nicht wahr, aber es ist dennoch darin. –[108]

3. Was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« – »So sei es«, sprach er.

14,1. »Gleichwie, o Teurer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandhârer mit verbundenen Augen hergeführt und dann in der Einöde losgelassen haben, nach Osten, oder nach Norden, oder nach Süden verschlagen wird (pradhmâyîta), weil er mit verbundenen Augen hergeführt und mit verbundenen Augen losgelassen worden war,

2. aber, nachdem jemand ihm die Binde abgenommen und zu ihm gesprochen: ›dort hinaus liegen die Gandhârer, dort hinaus gehe‹, von Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verständig zu den Gandhârern heimgelangt, – also auch ist ein Mann, der hienieden einen Lehrer gefunden, sich bewusst: ›diesem [Welttreiben] werde ich nur solange angehören, bis ich erlöst sein werde, darauf werde ich heimgehen‹. –

3. Was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« – »So sei es«, sprach er.

15,1. »Um einen todkranken Mann sitzen seine Verwandten herum und fragen ihn: ›Erkennst du mich? Erkennst du mich?‹ – Solange[109] noch nicht seine Rede eingegangen ist in das Manas, sein Manas in den Prâṇa (Leben), sein Prâṇa in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit, solange erkennt er sie;

2. aber nachdem seine Rede eingegangen ist in das Manas, sein Manas in den Prâṇa, sein Prâṇa in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit, alsdann erkennt er sie nicht mehr. –

3. Was jene Feinheit ist, ein Bestehen aus dem ist dieses Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

– »Noch weiter, o Ehrwürdiger, belehre mich!« – »So sei es«, sprach er.

16,1. »Einen Menschen, o Teurer, führen sie heran mit geknebelten Händen und rufen: ›Er hat geraubt, hat einen Diebstahl begangen! macht das Beil für ihn glühend!‹ – Wenn er der Täter ist, so machet er sich selbst unwahr; Unwahres aussagend hüllt er sich selbst in Unwahrheit, fasst das glühende Beil an, verbrennt sich und wird hingerichtet;

2. aber wenn er nicht der Täter ist, so machet er sich selbst wahr; Wahres aussagend hüllt er sich selbst in Wahrheit, fasst das glühende Beil an, verbrennt sich nicht und wird losgelassen [d.h. aus der Unwahrheit folgt Bindung, aus der Wahrheit Erlösung, Brahmasûtra p. 103,9. 447,6].

3. Das, wodurch jener sich nicht verbrannte [die Wahrheit], ein Bestehen aus dem ist dieses[110] Weltall, das ist das Reale, das ist die Seele, das bist du, o Çvetaketu!«

Also wurde er von ihm belehrt, – von ihm belehrt.

Quelle:
Die Geheimlehre des Veda. Leipzig 1919, S. 103-111.
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