Die einzelnen Linien

[113] Anfangs eine Neun bedeutet:

Du läßt Deine Zauberschildkröte fahren

und blickst nach mir mit herabhängenden Mundwinkeln.

Unheil!


Die Zauberschildkröte ist ein Wesen, das keiner irdischen Nahrung bedarf, sondern solche Zauberkraft besitzt, daß es von der Luft leben kann. Das Bild besagt, daß man seiner Art und Stellung nach ganz gut frei und unabhängig aus sich selbst heraus leben könnte. Statt dessen verzichtet man auf diese innere Selbständigkeit und blickt mit Neid und Unmut zu andern empor, die es äußerlich besser haben. Dieser niedrige Neid ruft aber bei dem andern nur Hohn und Verachtung hervor. Das ist vom Übel.
[113]

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:

Nach dem Gipfel sich wenden um Ernährung.

Vom Wege abweichen, um von dem Hügel

Ernährung zu suchen:

Wenn man so fortmacht, bringt es Unheil.


Das Normale ist, daß man für seine Nahrung selbst sorgt oder sich von denen, die Pflicht und Recht dazu haben, auf rechtmäßige Weise ernähren läßt. Wenn man durch innere Schwäche nicht imstande ist, für seine Ernährung zu sorgen, so zeigt sich leicht eine Unruhe, indem man unter Umgehung des rechtmäßigen Erwerbs durch Gunst sich seinen Lebensunterhalt von höher Gestellten schenken läßt. Das ist unwürdig, denn man weicht von seiner Art ab. Das führt, dauernd betrieben, zu Unheil.


Sechs auf drittem Platz bedeutet:

Abweichen von der Ernährung.

Beharrlichkeit bringt Unheil.

Zehn Jahre handle nicht danach. Nichts ist fördernd.


Wer Nahrung sucht, die nicht nährt, der taumelt von Begierde zu Genuß, und im Genuß verschmachtet er nach Begierde. Leidenschaftlicher Taumel, um die Sinne zu befriedigen, führt nie zum Ziel. Nie (zehn Jahre ist eine vollendete Periode) darf man so handeln. Es kommt nichts Gutes dabei heraus.


Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Nach dem Gipfel sich wenden um Ernährung bringt Heil.

Mit scharfen Augen wie ein Tiger umherspähen

in unersättlichem Begehren. Kein Makel.


Anders als bei der Sechs auf zweitem Platz, die einen Menschen bedeutet, der geschäftig nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, bedeutet diese Linie einen Menschen, der von hoher Stelle aus bestrebt ist, sein Licht leuchten zu lassen. Dazu braucht er Hilfskräfte, weil er allein sein hohes Ziel nicht erreichen kann. Begierig wie ein hungriger Tiger ist er darauf aus, die rechten Leute zu finden. Aber weil er nicht für sich, sondern für die Allgemeinheit sorgt, ist solcher Eifer kein Fehler.


Û Sechs auf fünftem Platz bedeutet:

Abweichen vom Weg.

Bleiben in Beharrlichkeit bringt Heil.

Man soll nicht das große Wasser durchqueren.


[114] Man ist sich eines Mangels bewußt. Man sollte für die Ernährung der Menschen sorgen, aber man hat nicht die Kraft dazu. So muß man vom gewohnten Weg abweichen und sich von einem geistig überlegenen, aber äußerlich unscheinbaren Menschen Rat und Hilfe erbitten. Wenn man diese Gesinnung beharrlich hegt, so hat man Erfolg und Heil. Nur muß man sich seiner Abhängigkeit bewußt bleiben. Man darf nicht mit seiner eigenen Person hervortreten und große Werke, wie das Durchqueren des großen Wassers, unternehmen wollen.


Û Oben eine Neun bedeutet:

Die Quelle der Ernährung.

Bewußtsein der Gefahr bringt Heil.

Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.


Es ist hier ein Weiser höchster Art, von dem alle Einflüsse ausgehen, die für die Ernährung der andern sorgen. Eine solche Stellung bringt schwere Verantwortung. Bleibt er sich deren bewußt, so hat er Heil und mag auch große und schwere Werke, wie das Durchqueren des großen Wassers, getrost unternehmen. Sie bringen allgemeines Glück für ihn und alle.


Die einzelnen Linien
Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 113-115.
Lizenz:

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