Die einzelnen Linien

[119] Anfangs eine Sechs bedeutet:

Wiederholung des Abgründigen.

Man gerät im Abgrund in ein Loch. Unheil.


Gewohnheit des Gefährlichen bewirkt leicht, daß die Gefahr ins eigne Wesen eingeht. Man weiß Bescheid und gewöhnt sich ans Böse. Damit hat man den rechten Weg verloren, und Unheil ist die natürliche Folge.
[119]

Û Neun auf zweitem Platz bedeutet:

Der Abgrund hat Gefahr.

Man soll nur Kleines zu erreichen streben.


Innerhalb der Gefahr darf man nicht ohne weiteres danach trachten, unter allen Umständen herauszukommen, sondern muß sich zunächst zufrieden geben, wenn man von der Gefahr nicht überwunden wird. Man muß ruhig die Zeitumstände in Erwägung ziehen und sich mit Kleinem begnügen, da zunächst ein großer Erfolg nicht zu erreichen ist. Eine Quelle fließt auch erst spärlich, und es dauert eine Zeit, ehe sie sich einen Weg ins Freie bahnt.


Sechs auf drittem Platz bedeutet:

Vorwärts und rückwärts, Abgrund über Abgrund.

In solcher Gefahr halte zunächst inne,

sonst kommst du im Abgrund in ein Loch.

Handle nicht so.


Jeder Schritt vorwärts und rückwärts bringt in Gefahr. An ein Entkommen ist nicht zu denken. Darum darf man sich nicht zum Handeln verleiten lassen, durch das man nur noch tiefer in die Gefahr geriete. Sondern man muß, so unangenehm das Verweilen in solcher Lage ist, zunächst innehalten, bis ein Ausweg sich zeigt.


Sechs auf viertem Platz bedeutet:

Ein Krug Wein, eine Reisschale als Zugabe, Tongeschirr,

einfach zum Fenster hineingereicht.

Das ist durchaus kein Makel.


In Zeiten der Gefahr hören die umständlichen Formen auf. Die Hauptsache ist die wahrhaftige Gesinnung. Ein Beamter braucht für gewöhnlich, ehe er eingestellt wird, bestimmte Einführungsgeschenke und Empfehlungen. Hier ist alles aufs äußerste vereinfacht. Die Geschenke sind dürftig, ein Empfehlender ist nicht da, man stellt sich selber vor, und dennoch braucht man sich alles dessen nicht zu schämen, wenn man nur die ehrliche Absicht hat, einander zu helfen in der Gefahr.

Ein anderer Gedanke wird noch nahegelegt: Das Fenster ist der Ort, durch den Helle ins Zimmer kommt. Wenn man in schwierigen Zeiten jemand aufklären will, so muß man mit dem anfangen, was ohne weiteres klar und hell ist, und von da aus ganz einfach weitergehen.

[120] Bemerkung: Es wurde die gewöhnliche Übersetzung »zwei Reisschalen« auf Grund von chinesischen Kommentaren verbessert.


Û Neun auf fünftem Platz bedeutet:

Der Abgrund wird nicht überfüllt,

er wird nur bis zum Rand gefüllt.

Kein Makel.


Die Gefahr entsteht daraus, daß man zu hoch hinaus will. Das Wasser in der Schlucht häuft sich nicht auf, sondern geht nur bis an den niedersten Rand, um herauszukommen. So braucht man in der Gefahr auch nur in der Linie des geringsten Widerstandes vorzugehen, dann erreicht man das Ziel. Große Werke können in solchen Zeiten nicht vollbracht werden; es ist genug, wenn man aus der Gefahr kommt.


Oben eine Sechs bedeutet:

Mit Stricken und Tauen gebunden,

eingeschlossen zwischen dornumhegten Kerkermauern;

drei Jahre findet man sich nicht zurecht.

Unheil!


Ein Mensch, der in der äußersten Gefahr den rechten Weg verloren hat und unverbesserlich in seine Sünden verstrickt ist, hat keine Aussicht, aus der Gefahr herauszukommen. Er gleicht einem Verbrecher, der gefesselt hinter dornumhegten Kerkermauern sitzt.


Die einzelnen Linien
Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 119-121.
Lizenz:

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