Kapitel IV

Die tieferen Beziehungen des Buchs der Wandlungen

§ 1

[271] Das Buch der Wandlungen enthält das Maß von Himmel und Erde; darum kann man damit den SINN von Himmel und Erde umfassen und gliedern.


Dieses Kapitel geht von den geheimnisvollen Zusammenhängen aus, in denen die Nachbildungen des Buchs der Wandlungen mit der Wirklichkeit stehen. Eben weil im Buch der Wandlungen ein vollkommenes Abbild von Himmel und Erde, ein Mikrokosmos aller möglichen Beziehungen gegeben ist, vermag man alle Bewegungen der entsprechenden Beziehungskomplexe daraus zu berechnen.

Die Frage, inwiefern das Buch der Wandlungen ein solches Abbild des Kosmos sein könne, beantwortet sich dadurch, daß es das Werk von Menschen mit kosmischer Intelligenz ist, die ihre Weisheit in den Symbolen dieses Buchs niedergelegt haben. Somit enthält dieses Buch den Standard von Himmel und Erde.

In dem folgenden Paragraphen wird ausgeführt, wie der Umstand, daß im Buch der Wandlungen das Maß, der Standard von Himmel und Erde enthalten ist, es er möglicht, daß man an der Hand dieses Buches die Gesetze der Welt erforschen kann, während der dritte Paragraph aus der Ähnlichkeit der Wandlungen mit Himmel und Erde die restlose Darstellung der inneren Anlagen folgert und der vierte Paragraph daraus, daß die Wandlungen alle Gestalten in sich befassen, zeigt, wie man schließlich zur Beherrschung des Schicksals kommen kann.


§ 2

Indem man emporblickend mit seiner Hilfe die Zeichen am Himmel verständnisvoll betrachtet und niederblickend die Linienzüge der Erde untersucht, erkennt man die Verhältnisse des Dunkeln und Hellen. Indem man an die Anfänge zurückgeht und die Dinge bis zu Ende verfolgt, erkennt man die Lehren von Geburt und Tod. Die Vereinigung von Samen und Kraft wirkt die Dinge; das Entweichen der Seele bewirkt die Veränderung: daraus erkennt man die Zustände der ausgehenden und rückkehrenden Geister.


Das Buch der Wandlungen beruht auf den beiden Grundprinzipien des Lichten und des Dunkeln. Die Zeichen sind aufgebaut aus diesen Elementen. Die einzelnen Linien sind entweder ruhig[272] oder in Bewegung. Indem sie ruhig sind (das sind die Linien, die durch die Zahl 7 = fest und 8 = weich dargestellt werden), bauen sie die bestimmten Zeichen auf. Indem sie sich bewegen (das ist der Fall, wenn die Linien durch die Zahl 9 = fest und 6 = weich dargestellt werden), lösen sie das Zeichen wieder auf und verwandeln es in ein anderes. Diese Vorgänge sind es nun, die den Blick eröffnen in die Geheimnisse des Lebens.

Wenn man diese Prinzipien anwendet auf die Zeichen am Himmel (Sonne = Licht, Mond = dunkel) und die Linienzüge auf Erden (Himmelsrichtungen), so erkennt man die Verhältnisse des Dunkeln und Hellen, d.h. die Gesetze, die dem Lauf der Jahreszeiten und ihrem Wechsel zugrunde liegen, der das Hervortreten und Zurückgehen der vegetativen Lebenskraft bedingt. Auf diese Weise erkennt man durch Beobachtung der Anfänge und Endpunkte des Lebens, daß Geburt und Tod nichts anderes ist als ebenderselbe Kreislauf. Geburt ist das Hervortreten in die Welt der Sichtbarkeit, Tod ist das Zurückkehren in die Gebiete des Unsichtbaren. Beide bedingen ebensowenig einen absoluten Anfang oder ein absolutes Ende, wie das bei den Erscheinungen des Jahres in ihrem Wechsel der Fall ist. Nicht anders verhält es sich mit den Menschen. Wie die konstanten Linien die Zeichen aufbauen und, wenn sie in Bewegung kommen, eine Veränderung bewirken, so wird das körperliche Dasein aufgebaut durch die Vereinigung »ausgehender« Lebensströme des (männlichen) Samens und der (weiblichen) Kraft. Dieses körperliche Dasein ist verhältnismäßig konstant, solange die aufbauenden Kräfte im Ruhezustand des Gleichgewichts sich befinden. Geraten sie in Bewegung, so entsteht der Abbau. Das Seelische entweicht – das höhere Seelische steigt aufwärts, das niedrige Seelische sinkt zur Erde –; der Leib löst sich auf. Die geistigen Kräfte, die Aufbau und Abbau des sichtbaren Daseins bewirken, sind ebenfalls entweder dem lichten oder dem dunkeln Prinzip angehörig. Die lichten Geister (Schen) gehen aus, das sind die wirkenden, die auch neue Verkörperungen eingehen können; die dunkeln Geister (Gui) kehren heim, das sind die sich zurückziehenden, die den Ertrag des Lebens erst verarbeiten. Es liegt in dieser Auffassung von rückkehrenden und ausgehenden Geistern keineswegs der Gedanke von guten und bösen Wesen, sondern nur der Unterschied des sich ausstreckenden und sich zusammenziehenden Substrats der Lebenskraft. Es sind Wechselzustände im großen Meer des Lebens.


§ 3

Indem der Mensch dadurch dem Himmel und der Erde ähnlich wird, kommt er nicht in Widerspruch mit[273] ihnen. Seine Weisheit umfaßt alle Dinge, und sein SINN ordnet die ganze Welt. Darum macht er keinen Fehler. Er wirkt allenthalben, aber er läßt sich nirgends hinreißen. Er freut sich des Himmels und kennt das Schicksal. Darum ist er frei von Sorgen. Er ist zufrieden mit seiner Lage und ist echt in seiner Gütigkeit. Darum vermag er Liebe zu üben.


Hier wird gezeigt, wie mit Hilfe der Grundsätze des Buchs der Wandlungen die restlose Darstellung der inneren Anlagen möglich ist. Diese Entfaltung beruht darauf, daß der Mensch in sich innere Anlagen hat, die Himmel und Erde ähnlich sind, daß er ein Mikrokosmos ist. Indem nun im Buch der Wandlungen die Gesetze von Himmel und Erde nachgebildet sind, gibt es zugleich die Hilfsmittel an die Hand, die eigne Natur zu bilden, so daß die innersten guten Anlagen rein zur Darstellung kommen. Hierbei kommt ein Doppeltes in Betracht: die Weisheit und das Wirken, Intellekt und Wille. Indem Intellekt und Wille richtig zentriert sind, kommt auch das Gefühlsleben in die richtige Harmonie der Stimmung. Es sind vier Sätze, die man auf Weisheit und Liebe, Gerechtigkeit und Sitte zurückführen kann, wobei dann wieder die Kombination mit den vier Worten des Zeichens »das Schöpferische«: »Erhabenes Gelingen, fördernd ist Beharrlichkeit« naheliegt. Die Wirkung von Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit zeigt sich im ersten Satz. Auf der Grundlage umfassender Weisheit können die Anordnungen, die der Liebe zur Welt entspringen, so getroffen werden, daß für alle das Rechte herauskommt und kein Fehler gemacht wird. Das ist das Fördernde. Der zweite Satz zeigt Weisheit und Liebe, die sich nichts und niemandem versagt, geordnet durch die Sitte, die zu nichts Ungehörigem, Einseitigem sich hinreißen läßt und dadurch Gelingen hat. Der dritte Satz zeigt die Harmonie des Innern in vollendeter Weisheit, die sich des Himmels freut und seine Fügungen versteht. Das gibt die Grundlage für die Beharrlichkeit. Der letzte Satz endlich zeigt die Liebe, die sich vertrauensvoll in jede Lage fügt und aus dem Schatz der innern Gütigkeit sich im Wohlwollen gegen alle Menschen zeigt und dadurch die Erhabenheit, die Wurzel alles Guten, erreicht.


§ 4

In ihm sind die Formen und Bereiche aller Gestaltungen des Himmels und der Erde, so daß nichts ihm entgeht. In ihm sind alle Dinge ringsum vollendet, so daß ihrer keines fehlt. Darum kann man durch ihn den[274] SINN von Tag und Nacht durchdringen, so daß man ihn versteht. Darum ist der Geist an keinen Ort gebunden und das Buch der Wandlungen an keine Gestalt.


Hier wird gezeigt, inwiefern man durch das Buch der Wandlungen zur Beherrschung des Schicksals kommen kann. Die Prinzipien des Buchs der Wandlungen enthalten die Kategorien aller Dinge, wörtlich die Gußformen und den Umfang aller Umgestaltungen. Diese Kategorien sind im Geist des Menschen; alles, was geschieht und sich umgestaltet, muß den durch den Menschengeist vorgeschriebenen Gesetzen gehorchen. Erst durch das Inkrafttreten dieser Kategorien werden die Dinge zu Dingen. Indem diese Kategorien im Buch der Wandlungen niedergelegt sind, ermöglicht es, die Bewegungen des Lichten und des Dunklen, des Lebens und des Todes, der Götter und der Dämonen zu durchdringen und zu verstehen. Diese Erkenntnis ermöglicht aber die Beherrschung des Schicksals. Denn das Schicksal kann gestaltet werden, wenn man seine Gesetze kennt. Der Grund, warum man dem Schicksal entgegentreten kann, ist der, daß die Wirklichkeit immer bedingt und durch diese räumlich- zeitlichen Bedingungen beschränkt und bestimmt ist. Der Geist aber ist an diese Bestimmungen nicht gebunden und kann sie daher herbeiführen, wie es durch seine Zwecke erfordert wird. Das Buch der Wandlungen ist deshalb so umfassend in seiner Anwendungsmöglichkeit, weil es nur diese rein geistigen Beziehungen enthält, die so abstrakt sind, daß sie in jedem Gefüge von Wirklichkeit ihren Ausdruck finden können. Sie enthalten nur den SINN, der dem Geschehen zugrunde liegt. Darum lassen sich alle zufälligen Konstellationen nach diesem SINN gestalten. Die bewußte Anwendung dieser Möglichkeiten aber gewährt die Herrschaft über das Schicksal.

Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 271-275.
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