Kapitel XI

Über Schafgarbenstengel, Zeichen und Linien

§ 1

[292] Der Meister sprach: Die Wandlungen, was tun sie denn? Die Wandlungen eröffnen die Dinge, vollenden die Sachen und umfassen alle Wege auf Erden. Dies und nichts anderes. Deshalb benützten sie die Heiligen und Weisen, um alle Willen auf Erden zu durchdringen und alle Wirkungsfelder auf Erden zu bestimmen, um alle Zweifel auf Erden zu entscheiden.


Auch hier ist wieder ein Wort des Meisters vorangestellt, das in einem längeren Aufsatz variiert und ausgeführt wird.


§ 2

Darum ist die Art der Schafgarbenstengel rund und geistig. Die Art der Zeichen ist winkelrecht und weise. Der Sinn der sechs Linien ist wandelnd, um Auskunft zu liefern.

Die Heiligen und Weisen haben auf diese Weise ihr Herz gereinigt, sich zurückgezogen und ins Geheimnis verborgen. Um Heil und Unheil kümmerten sie sich gemeinsam mit den Menschen. Göttlich waren sie, so daß sie die Zukunft kannten; weise waren sie, so daß sie die Vergangenheit bewahrten. Wer ist es, der das alles kann? Nur die Vernunft und Klarheit der Alten, ihre Erkenntnis und Weisheit, ihre göttliche Kraft ohne Nachlassen.


Hier ist durchgängig die Dreiteilung des vorigen Paragraphen weitergeführt. Die Durchdringung aller Willen wird verglichen mit der Geistigkeit der Schafgarbenstengel; sie sind rund als Symbol des Himmels und des Geistes. Die Zahl, die ihnen zugrunde liegt, ist die Sieben, 7 × 7 = 49 ist ihre Zahl. Die Zeichen bedeuten die Erde, ihre Zahl ist die Acht, 8 × 8 = 64 ist die Summe der Zeichen. Sie dienen, um das Wirkungsfeld zu bestimmen. Die Einzellinien endlich sind beweglich und veränderlich (ihre Zahlen sind 9 und 6), um Auskunft zu geben und die Zweifel der Einzellage zu entscheiden.

Diese Erkenntnis hatten die Heiligen und die Weisen. Sie zogen sich in die Verborgenheit zurück und pflegten ihren Geist, so daß sie aller Menschen Gesinnung durchdringen konnten[293] (Durchdringung), daß sie Heil und Unheil bestimmen konnten (Wirkungsfeld) und Vergangenheit und Zukunft kannten (Entscheidung der Zweifel). Das konnten sie vermöge ihrer Vernunft und Klarheit (Durchdringung der Willen), ihrer Erkenntnis und Weisheit (Bestimmung des Wirkungsfelds) und ihrer göttlichen Kraft (Entscheidung der Zweifel). Diese göttliche Kriegskraft (chin. Schen Wu) wirkt, ohne sich abzuschwächen (dies die bessere Lesart statt: ohne zu töten).


§ 3

Darum durchschauten sie den SINN des Himmels und verstanden die Verhältnisse der Menschen. So erfanden sie diese göttlichen Dinge, um dem Bedürfnis der Menschen entgegenzukommen. Die Heiligen und Weisen fasteten darum, um ihre Art göttlich klarzumachen.


Weil jene Weisen die Gesetze des Weltverlaufs und das, was den Menschen not tat, in gleicher Weise erkannten, erfanden sie den Gebrauch der Orakelstengel – dies die göttlichen Dinge –, um auf diese Weise die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. So konzentrierten sie sich in heiliger Meditation darauf, ihrem Wesen die hierfür nötige Kraft und Fülle zu geben. Dementsprechend ist das Verständnis des Buchs der Wandlungen auch an entspre chende Konzentration und Meditation geknüpft.


§ 4

Darum nannten sie das Schließen der Pforten das Empfangende, und das Öffnen der Pforte nannten sie das Schöpferische. Den Wechsel zwischen Schließen und Öffnen nannten sie Veränderung. Das Hin- und Hergehen ohne Aufhören nannten sie das Durchdringen. Was sichtbar sich zeigt, nannten sie Bild, was körperlich gestaltet ist, nannten sie Ding. Was festgesetzt ist für den Gebrauch, nannten sie Gesetz. Was fördernd ist beim Aus- und Eingehen und wovon die Menschen alle leben, das nannten sie das Göttliche.


Hier sind die Verhältnisse des SINNS des Himmels und die Zustände der Menschen gezeigt, wie sie die Heiligen und Weisen erkannten. Das Schließen und Öffnen der Pforten ist der Wechsel von Ruhe und Bewegung. Es sind zugleich zwei Zustände der Yogapraxis, die persönlicher Übung allein zugänglich sind. Das Durchdringen ist der Zustand, wenn man die souveräne Herrschaft auch in der psychischen Sphäre erreicht hat und auch in[294] der Zeit sich hin und her bewegen kann. Die nächsten Sätze zeigen die Entstehung der körperlichen Welt. Erst liegt ein Bild, eine Idee zugrunde; nach diesem Urbild formt sich das Abbild als körperliche Gestalt. Der Hergang, der die sen Vorgang des Nachbildens regelt, ist das Gesetz; und die Kraft, die diese Vorgänge erzeugt, ist das Göttliche. Man kann zu diesen Ausführungen bei Laotse viele Parallelen finden.


§ 5

Darum gibt es in den Wandlungen den großen Uranfang. Dieser erzeugt die zwei Grundkräfte. Die zwei Grundkräfte erzeugen die vier Bilder. Die vier Bilder erzeugen die acht Zeichen.


Der große Uranfang (Tai Gi) spielt in der späteren Naturphilosophie eine große Rolle. Ursprünglich ist Gi der Firstbalken, also ein einfacher Strich als Symbol der Setzung einer Einheit: ―. Durch diese Setzung wird nun aber die Zweiheit mitgesetzt: ein oben und unten entsteht zugleich mit der Erscheinung dieser Setzung. Das Bedingende wird nun weiterhin als ungeteilter Strich bezeichnet, während das Bedingte durch einen geteilten Strich dargestellt wird: . Dies sind die beiden polaren Grundkräfte, die später als Yang, das Lichte, Yin, das Dunkle, bezeichnet werden. Durch Verdoppelung entstehen dann die vier Bilder:

Kapitel XI das alte oder große Yang Kapitel XI das alte oder große Yin

Kapitel XI das junge oder kleine Yang Kapitel XI das junge oder kleine Yin,

die den vier Jahreszeiten entsprechen. Durch weitere Hinzufügung einer Linie entstehen dann die acht Zeichen:


Kapitel XI

Dies ist derselbe Hergang, der in Laotse Kap. 42 erwähnt ist.


§ 6

Die acht Zeichen bestimmten Heil und Unheil. Heil und Unheil erzeugen das große Wirkungsfeld.


Das große Wirkungsfeld sind die Ordnungen und Regeln, die von den Heiligen und Weisen erlassen wurden, um für die Menschen Heil zu erlangen und Unheil zu vermeiden.


§ 7

Darum: Es gibt keine größeren Urbilder als Himmel und Erde. Es gibt nichts Beweglicheres und Zusammenhängenderes als die vier Jahreszeiten. Es gibt unter den am Himmel hängenden Bildern keine leuchtenderen als Sonne und Mond. Es gibt in Beziehung[295] auf Verehrung und hohe Stellung keinen größeren als den, der Reichtum und Vornehmheit besitzt. In Beziehung auf die Vorbereitung von Dingen zum Gebrauch, auf Herstellung von Geräten, die für die ganze Welt von Nutzen sind, gibt es niemand Größeres als die Heiligen und Weisen. Um die wirren Mannigfaltigkeiten zu begreifen und das Geheime zu erforschen, um das Tiefe zu erreichen und in die Ferne zu wirken und so Heil und Unheil auf Erden festzusetzen und alle Anstrengungen auf Erden zu vollenden, gibt es nichts Größeres als das Orakel.


Ähnlich wie in Laotse Kap. 25, wo von den vier Großen im Weltraum gesprochen wird, wird hier die Größe in der Natur und in der Menschenwelt zusammen genannt. Das nachzuahmende Urbild ist Himmel und Erde. Das Beweglichste und Zusammenhängendste sind die Zeiten, das Leuchtendste Sonne und Mond. So ist auf Erden der Höchste der Menschenkönig, der Weise auf dem Thron, der, reich und vornehm zugleich, die Quelle von Reich tum und Adel ist. Ihm zur Seite stehen der wirkende Weise, der Ordner und Erfinder, und – den leuchtenden Bildern von Sonne und Mond entsprechend – das Orakel, das alle Verhältnisse auf Erden aufklärt und beleuchtet.


§ 8

Darum: Der Himmel erzeugt göttliche Dinge: der Heilige und der Weise nehmen sie als Muster. Himmel und Erde ändern und gestalten sich: der Heilige und der Weise ahmen ihnen nach. Am Himmel hängen Bilder, die Heil und Unheil offenbaren: der Heilige und der Weise bilden sie ab. Der Gelbe Fluß brachte einen Plan hervor, und der Lo- Fluß brachte eine Schrift hervor: die Heiligen nahmen sie als Muster.


Es wird hier weiter der Parallelismus zwischen den Vorgängen im Makrokosmos und dem Wirken der Heiligen und Weisen ausgeführt. Die göttlichen Dinge, die Himmel und Erde erzeugen, sind wohl die Naturerscheinungen, die von den Heiligen in den acht Zeichen nachgebildet wurden. Eine andere Auffassung ist, daß es sich um Schildkröten und Schafgarben handelt. Die Veränderungen und Umgestaltungen, die sich in Tag und Nacht und in den Jahreszeiten zeigen, sind in der Art der Wandlungen der Striche nachgemacht. Die Zeichen am Himmel, die[296] Glück und Unglück bedeuten, sind Sonne, Mond und Sterne nebst Kometen, Finsternissen und dergleichen. Sie sind abgebildet in den beigefügten Urteilen über Heil und Unheil.

Der letzte Satz, der auf zwei sagenhafte Vorgänge unter FuHi und Yü hindeutet, ist späterer Zusatz und hat bei der Exegese des Buchs der Wandlungen viel Unheil angerichtet. Eine Abbildung der beiden Zeichen ist in der Erklärung von Kap. IX, § 1 gegeben. Daß der Zusatz hier später ist, ergibt sich daraus, daß §§ 7, 8, 9 alle auf den dreiteiligen Parallelismus zwischen Natur und Menschenwelt angelegt sind, der in § 1 angeschlagen ist, ein Zusammenhang, der durch diesen Zusatz unterbrochen wird.


§ 9

In den Wandlungen sind Bilder, um zu zeigen; es sind Urteile beigefügt, um zu erläutern; es wird Heil oder Unheil bestimmt, um zu entscheiden.


Im Text steht »vier« Bilder; das ist aus Irrtum von § 5 übernommen. Hier sind unter den Bildern die acht Zeichen zu verstehen, die die Verhältnisse in ihrem Zusammenhang zeigen. Dies entspricht den Urbildern des Himmels. Die beigefügten Urteile (zu den einzelnen Strichen) deuten die Veränderungen an. Dies entspricht den Veränderungen der Jahreszeiten. Die Entscheidungen von Heil und Unheil entsprechen dann den Zeichen am Himmel.

Quelle:
I Ging. Köln 141987, S. 292-297.
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