10. Die Religion als Offenbarung der Weltordnung

[33] Der Meister sprach: Der König Wu und der Herzog von Dschou verstanden sich doch wirklich auf die Kindesehrfurcht! Der Ehrfürchtige ist geschickt, die Absichten seiner Vorfahren fortzusetzen; er ist geschickt, die Taten seiner Vorfahren bekanntzumachen. Im Frühling und Herbst wurden die Ahnentempel instand gesetzt, die Opfergeräte aufgestellt,[33] die Gewänder und Obergewänder ausgebreitet und die zeitgemäßen Speisen dargebracht. Die Sitten des Ahnentempels dienten dazu, die Reihenfolge der hellen und der dunklen Generationen zu regeln7; die Reihenfolge nach dem Adelsrang diente dazu, zwischen Vornehmen und Geringen zu unterscheiden; die Reihenfolge der Geschäfte (beim Opfer) diente dazu, die Würdigen auszuzeichnen; beim Danksagungsmahl durften die Unteren den Oberen die Becher reichen, das diente dazu, die Geringen auch ankommen zu lassen; das Mahl für die Greise diente dazu, die Reihenfolge des Alters zu bestimmen. An die Stelle der Hingegangenen zu treten, ihre Sitten zu befolgen, ihre Musik aufzuführen, zu ehren, was sie wert gehalten, zu lieben, an was sie anhänglich waren, den Toten zu dienen, wie man den Lebenden dient, den Hingegangenen zu dienen, wie man den Anwesenden dient: das ist die höchste Art der Sohnesehrfurcht8.

Die Sitte des Opfers auf dem Anger9 und dem Altar des Bodens diente dazu, den höchsten Gott zu verehren. Die Sitten im Ahnentempel dienen dazu, den Ahnen zu opfern. Wer die Sitte des Opfers auf dem Anger klar erkennte und den Sinn der Großen und der Regelmäßigen Ahnenopfer, der verstünde es, des Reichs zu walten, als läge es auf seiner flachen Hand.

7

Schon Konfuzius hat den königlichen Ahnenopfern die größte Bedeutung zugeschrieben und ihre Darbringung und Kenntnis in Zusammenhang gebracht mit der Beherrschung der Welt. Vgl. Lun Yü III, 2 (Diederichs Gelbe Reihe 22, S. 49). Das altchinesische Opfer war eine heilige Kommunion, ein Abbild des gesamten menschlichen Gesellschaftsorganismus unter den Augen der Ahnen und Gottes. Der Opfernde und seine Frau waren dazu mit der ganzen Familie und einer Schar geladener Gäste anwesend. Erwähnung verdient, daß auch die Frauen Anteil hatten; das wirft ein Licht auf die damalige Stellung der Frau im Familienleben. Die regelmäßigen Opfer wurden im Lauf des Jahres viermal dargebracht (Frühling und Herbst im Text stehen zugleich für Sommer und Winter). Vorbereitenderweise wurden die Gebäude baulich instand gesetzt und geschmückt. Die Wertstücke der Familie, hauptsächlich die Opfergeräte, die von Geschlecht zu Geschlecht als Symbole des Familienbesitzes vererbt wurden, (daher Bewahrung der Opfergeräte identisch mit Bewahrung des Thrones), wurden aufgestellt. Die Feierkleider der Ahnen wurden hervorgeholt. Da jenen Zeiten die Herstellung von Götterbildern fernlag, wurden die Ahnen durch Kinder aus der Familie repräsentiert, denen die Kleider der Verstorbenen angezogen wurden. Hierbei mußte streng darauf geachtet werden, daß die Generationenfolge eingehalten wurde. Wie die Ahnen rechts und links verteilt waren in die aufeinanderfolgenden Generationen der Dunklen (Mu) und Hellen (Dschan), so mußten auch die Repräsentanten der Ahnen derselben Reihe angehören. Der Sohn konnte nicht seinen Vater repräsentieren, sondern dazu bedurfte es des Enkels. Die Zahl der zu verehrenden Ahnen war beschränkt. Der Kaiser verehrte sieben Generationen in besonderen Tempeln, die Landesfürsten fünf usw. bis herunter auf den gewöhnlichen Mann, der die Ahnen im eignen Haus verehrte. Von hier aus bekommt die Generationenfolge ihre Erklärung.

Der Urahn des Geschlechts stand im Hintergrund. Zu seiner Rechten standen die Tafeln der Generationen der Dunklen (Mu), die nach Norden schauten; zu seiner Linken die Generationen der Hellen (Dschan), die nach Süden sahen.

Von den fürstlichen Ahnen wurde mit jedem Aufrücken eines neuen Familienmitglieds eins der dem Ahnherrn zunächststehenden Geschlechter entfernt und in die hintere, allgemeine Ahnenhalle gebracht, und zwar je nach der Generation des jeweiligen Repräsentanten das eine Mal einer von den Dunklen, dann einer von den Hellen usw. Nur besonders verdienstvolle Herrscher wie König Wen wurden dauernd an ihrem Platz belassen.

Das eigentliche Opfer zerfiel in drei Abteilungen. Die erste war die eigentliche Darbringung. Auf der östlichen Seite standen die Familienangehörigen, abwechselnd nach den Generationenfolgen der Dunklen und Hellen. Dieser Unterschied diente dazu, daß die Geschlechterfolge und die darauf beruhende Organisation der Familie eine göttliche Sanktion erhielt. Die Organisation der Familie unter dem Gesichtspunkt gegenseitiger Liebe war auf diese Weise verwirklicht. Hier ist die religiöse Wurzel der Familienordnung deutlich.

Auf der westlichen Seite standen die geladenen Gäste, nach ihrem Rang geordnet. Die Geladenen beim Kaiser sind die Fürsten, bei Fürsten die Beamten usw. Hier erhielt die staatliche Organisation der Rangstufen ihre religiöse Weihe.

Bei den verschiedenen Handlungen wurde nach der Tüchtigkeit ausgewählt, so daß hierdurch die Bevorzugung der Würdigen und ihrer Verdienste religiös begründet war.

An das eigentliche Opfer schließt sich der Umtrunk; dabei wurde der Becher in der Weise herumgegeben, daß der Kredenzende jeweils erst selbst einen Becher trank und dann einen Becher dem über ihm Stehenden darreichte. Alle Anwesenden bis herunter zu den Dienern wurden in diese Kommunion eingeschlossen. Die Gäste standen dann auf. Die ihnen vorgelegten Anteile der Opferspeisen, soweit sie sie nicht aufaßen, wurden ihnen nach Hause nachgeschickt. Die Repräsentanten der Ahnen zogen sich ebenfalls zurück, und nun hielt die Familie von den Resten der Opfer ein Mahl in den hinteren Gemächern, bei dem das Alter den Vorsitz führte. Durch dieses Mahl kam die dem Alter gebührende Ehrung zum Ausdruck.

Auf diese Weise waren in der Gegenwart der Ahnen alle Beziehungen der menschlichen Gesellschaft geheiligt. Die Liebe zu den Menschen ist so religiös motiviert. Indem ich liebe, was meine Ahnen liebten, dehnt sich meine Liebe auf die ganze Familie aus. Je höher hinauf die Ahnen geehrt werden desto weitere Kreise werden in die Liebe miteinbezogen, bis endlich die Anbetung Gottes Liebe zu allen Menschen nach dem Willen Gottes bedingt.

Außer den gewöhnlichen Opfern, von denen am Schluß des Abschnitts das Herbstopfer (Tschang) als Beispiel gewählt ist, wird auch von den besonders festlichen Opfern für die entferntesten Ahnen der Dynastie (Di und Ho) das eine (Di) erwähnt. Über dieses Opfer und seinen Mißbrauch in Lu hat der Kanzler sich des öfteren geäußert.

8

Der Unterschied zwischen den Toten und den Abgeschiedenen ist, daß die Toten noch da sind, wenn auch nicht mehr am Leben; es ist die Bezeichnung, die vor der Beerdigung gebraucht wird. Die Abgeschiedenen sind die Begrabenen, nicht mehr Vorhandenen.

9

Die Opfer für den Himmel werden auf dem runden Altar vor der Hauptstadt vollzogen. Der Altar für die Land- und Kornopfer (Schê Dsi) war westlich vom Palast, der Ahnentempel östlich davon.

Quelle:
Li Gi. Düsseldorf/Köln 1981, S. 33-34.
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