2. Die Inschriften

[297] Als der König die Worte des Buches vernommen hatte, da erschrak er und ward bedenklich; er zog sich zurück und machte Warnungssprüche. Auf die vier Ecken seiner Matte schrieb er eine Inschrift, auf seinen Tisch schrieb er eine Inschrift, auf seinen Spiegel schrieb er eine Inschrift, auf seine Waschschüssel schrieb er eine Inschrift, an die Säulen schrieb er eine Inschrift, an seinen Stab schrieb er eine Inschrift, an seinen Gürtel schrieb er eine Inschrift, an seine Schuhe schrieb er eine Inschrift, an seine Becher und Schüsseln schrieb er eine Inschrift, an seine Tür schrieb er eine Inschrift, an sein Fenster schrieb er eine Inschrift, an sein Schwert schrieb er eine Inschrift, an seinen Bogen schrieb er eine Inschrift, an seinen Speer schrieb er eine Inschrift.

1. Die Inschrift der vorderen linken Ecke der Matte hieß:

In Sicherheit und Freude sei stets vorsichtig.

2. Die Inschrift der vorderen rechten Ecke hieß:

Tu nichts, das du bereuen mußt.[297]

3. Die Inschrift der hinteren linken Ecke hieß:

Auch wenn du dich rückwärts und seitwärts wendest, sollst du dich nicht vergessen.

4. Die Inschrift der hinteren rechten Ecke hieß:

Der Spiegel ist nicht fern, schau, was das Nahe bedeutet.

5. Die Inschrift des Tisches hieß:

Erhaben sei dir die Sorgfalt, der Mund kann Schmach erzeugen, der Mund kann den Mund verletzen.

6. Die Inschrift des Spiegels hieß:

Du siehst, was vor dir ist; bedenke, was hinter dir ist.

7. Die Inschrift der Waschschüssel lautete:

Lieber ertrinken in Meerestiefe

Als ertrinken in Menschen.

Ertrinkst du in Meerestiefen,

Kannst du durch Schwimmen dich retten;

Ertrinkst du in Menschen,

So gibt es keine Rettung.

8. Die Inschrift der Säulen hieß:

Sag nicht: was macht es,

Sonst kommt das Unheil her;

Sag nicht: was schadet es,

Sonst droht das Unheil sehr;

Sag nicht: was tut es,

Sonst droht das Unheil schwer.

9. Die Inschrift des Stabes hieß:

Was bringt Gefahr?

Die Übertragung des Zorns.

Wodurch verliert man den Weg?

Durch Genuß und Lüste.

Wo verirrt man sich?

In Reichtum und Ehren.

10. Die Inschrift des Gürtels3 hieß:

Feuer zerstört auch das schönste Gesicht.

Darum vergiß Achtung und Mäßigkeit nicht.

Achtung läßt zu hohem Alter kommen.

11. Die Inschrift der Schuhe hieß:

Vorsicht in Mühsal,

Mühsal macht reich.[298]

12. Die Inschrift der Becher und Schüsseln hieß:

Sorg, daß nach dem Mahl du selber noch stehn kannst.

Sorg, daß nach dem Mahl du selber noch gehn kannst.

Hüt dich vor Hochmut,

Hochmut bringt Unmut!

13. Die Inschrift der Tür hieß:

Der Name ist schwer zu erlangen und leicht zu verlieren.

Ohne Eifer und Vorsatz

Sagst du: ich weiß schon.

Ohne Eifer und Vorsatz

Sagst du: ich kann's schon,

Und gerätst dadurch in den Schlamm.

Wenn der Wind aufkommt,

Rüttelt er erst an der Tür.

Da kann dann ein Weiser

Auch nichts mehr dran ändern.

14. Die Inschrift des Fensters4 hieß:

Folge stets des Himmels Zeiten,

Nütze stets der Erde Gaben!

Ehre opfernd du den Himmel,

Fastend erst die Zeit erwartend!

15. Die Inschrift des Schwertes hieß:

Trag es zur Wehr,

Brauch es zur Ehr!

Ehrlich bringt Siegen,

Ehrlos Unterliegen.

16. Die Inschrift des Bogens hieß:

Bald ist er schlaff und bald gespannt,

Bald kommt die Not, bald kommt das Glück.

Vergiß nie deine eigne Schuld.

17. Die Inschrift des Speers hieß:

Mach einen Speer, mach einen Speer,

Doch bedenke:

Eines Augenblickes Jähzorn

Kann das ganze Leben schänden.

Dies habe ich vernommen, um damit Söhne und Enkel späterer Geschlechter zu warnen.

3

Beim Ablegen des Gürtels vor dem Schlafengehen die Warnung vor Unmäßigkeit im Liebesgenuß.

4

Unter dem Fenster ist der Ort des Fastens und Opferns.

Quelle:
Li Gi. Düsseldorf/Köln 1981, S. 297-299.
Lizenz:

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