Dritter Teil,

genannt Advaitam, »die Zweiheitlosigkeit«.

[587] 1. Verehrung das Gebot fordert

Des Brahman als Gewordenen,

Eh' es ward, war es noch nicht da,

Drum armselig Verehrer sind.


2. Was nicht armselig, hört jetzo,

Ungeboren, gleich allerwärts,

Und warum nichts entsteht irgend,

Obwohl entstehend überall.


3. Der Âtman gleicht dem Weltraume,

Der Jîva gleicht dem Raum im Topf,

Die Töpfe sind die Leibstoffe,

Was »entstehn« heisst, dies Gleichnis zeigt.
[587]

4. Wenn die Töpfe zugrund gehen,

Was wird dann aus dem Raum im Topf?

Er zergeht in dem Weltraume, –

So der Jîva im Âtman auch.


5. Wie, wenn in einem Topfraume

Staub sich vorfindet oder Rauch,

Nicht alle Räume dies teilen,

So die Jîva's nicht Lust und Leid.


6. Ja, Formen, Wirkungen, Namen

Sind verschieden nach ihrem Ort,

Doch der Raum, den sie einnehmen,

Ist sich gleich, – so die Jîva's auch.


7. Wie der Topfraum vom Weltraume

Kein Produkt ist und auch kein Glied,

So ist der Jîva vom Âtman

Kein Produkt, auch kein Glied von ihm.


8. So wie der Himmelsraum Kindern

[Obwohl farblos,] als blau erscheint,

So scheint behaftet mit Flecken

Unerfahrnen der Âtman auch.


9. Was Sterben und Entstehn angeht,

Fortgehn und Wiederherkommen

Und alle Körper Durchsetzen, –

Ist dem Raume vergleichbar er.


10. Doch traumgleich alle Leibstoffe

Als Trug der Âtman breitet aus;

Weder als gleich, noch als ungleich

An Rang lassen sie denken sich.


11. Als Seele (jîva) in den fünf Hüllen,

So lehrt das Taittirîyakam (Taitt. Up. 2),

Der höchste Âtman verstockt ist,

Er, den dem Raum verglichen wir.


12. Im Honigteile (Bṛih. 2,5) wird paarweis

Das höchste Brahman aufgezeigt, –

Wie in der Erd' und im Leibe, –

Er, den dem Raum verglichen wir.
[588]

13. Wenn die Schrift Jîva und Âtman

Durch Gleichsetzung für eins erklärt,

Verwerfend alles Vielheitsein,

So ist das wahr in vollem Sinn.


14. Doch wenn auch vor der Weltschöpfung

Sie beide auseinander hält (Chând. 6,3,2),

So gilt das bildlich, nicht wörtlich,

Und nur von dem, was werden soll.


15. Und wenn sie überhaupt Schöpfung

Im Bild von Ton, Erz, Funken lehrt (Chând. 6,1,3. Bṛih. 2,1,20),

So dient dies nur als Lehrmittel (vgl. 1,18),

Denn »nicht ist Vielheit irgendwie« (vgl. Bṛih. 4,4,19).


16. Schüler gibt es in drei Stufen,

Schwache, mittlere, treffliche;

Um ihrer willen, aus Mitleid

Verehrungsobjekt Brahman wird.


17. Auf ihrer Sätze Standpunkt stehn

Zuversichtlich die Zweiheitler,

Doch widersprechen sie selbst sich,

Bei uns fehlt dieser Widerspruch.


18. In Wahrheit ist die Unzweiheit,

Zweiheit nur in der Spaltungswelt;

Sie lehren beiderseits Zweiheit,

Bei uns fehlt solcher Widerspruch.


19. Als Blendwerk nur besteht Spaltung

Jenes Einzigen, Ewigen,

Denn wäre Spaltung in Wahrheit,

Sterblich würde, was ewig ist.


20. Vom ungewordnen Sein nehmen

Jene Lehrer ein Werden an, –

Was ungeboren, unsterblich,

Wie könnte sterblich werden das!


21. Was unsterblich, kann nicht sterblich,

Was sterblich, nicht unsterblich sein,

Kein Ding kann anders sein jemals,

Als es seiner Natur nach ist.
[589]

22. Wenn ein unsterbliches Dasein

Überginge in Sterblichsein,

Nur scheinbar wär' es unsterblich,

Wo bliebe seine Ewigkeit?


23. Von Wahrheit oder Schein redend,

Stets von der Schöpfung Gleiches lehrt

Die Schrift, sicher und grundhabend,

Ist's, wie sie sagt, und anders nicht.


24. »Nicht ist hier Vielheit« so heisst es (Bṛih. 4,4,19),

»Durch Blendwerk vielfach Indra geht« (Bṛih. 2,5,19),

»Als ungeboren wird vielfach« (Vâj. Samh. 31,19)

Durch Blendwerk nur geboren er.


25. Durch Bestreitung der Sambhûti (Îçâ 12)

Wird ein Entstehen abgewehrt;

»Wer könnte ihn hervorbringen?«

Dies Wort (Bṛih. 3,9,28) zeigt ihn als ursachlos.


26. Das Wort: »er ist nicht so, nicht so« (Bṛih. 4,2,4),

Absprechend alles Sagbare,

Kann, wie die Unerkennbarkeit

Zeigt, auf Ihn sich beziehen nur.


27. Das Seiende kann nicht werden,

Es wäre denn durch Blendwerk nur;

Wer es in Wahrheit lässt werden,

Lässt werden, was schon war vorher.


28. Nicht in Wahrheit, noch als Blendwerk

Kann je entstehn Nichtseiendes;

Ein Sohn der Unfruchtbaren wird

Nicht in Wirklichkeit, noch im Schein.


29. Wie im Traume der Geist regt sich,

Als viel scheinend durch Täuschung nur,

So im Wachen der Geist regt sich,

Als viel scheinend durch Täuschung nur.


30. Als viel erscheint, der nur eins ist,

Im Traum der Geist, – das ist ja klar;

Als viel erscheint, der nur eins ist,

Der wache Geist, – auch das ist klar.
[590]

31. Alles wird nur im Geist sichtbar,

Was als Vielheit hier geht und steht;

Und wenn der Geist von sich selbst kommt,

Ist die Vielheit nicht sichtbar mehr.


32. Sobald der Geist nicht mehr vorstellt,

Weil ihm aufging das Âtman-sein,

Nimmt, als Nichtgeist, er nicht wahr mehr,

Weil nichts mehr wahrzunehmen bleibt.


33. Als ewig wandellos Wissen,

Vom Gewussten verschieden nicht,

Das Brahman wird gewusst allzeit,

Vom Ew'gen Ew'ges wird gewusst.


34. Dieser Vorgang besteht darin,

Dass zwangweis alle Regungen

Des Geistes unterdrückt werden, –

Anders ist es im tiefen Schlaf.


35. Der Geist erlischt im Tiefschlafe,

Nicht erlischt er, wenn unterdrückt,

Sondern Brahman, das furchtlose,

Wird er, ganz nur Erkenntnislicht,


36. Das ew'ge, schlaf- und traumlose,

Das ohne Namen und Gestalt,

»Mit eins aufleuchtend« (Chând. 8,4,1), allwissend, –

Ihm gilt keine Verehrung mehr.


37. Von ihm weicht alle Wehklage,

In ihm ist keine Sorge mehr,

Ganz befriedigt, mit eins Licht, ist

Festes, furchtloses Sinnen es.


38. Kein Nehmen ist da, kein Geben,

Wo keine Sorge mehr besteht,

Dann ist nur in sich selbst ruhend

Das ew'ge Wissen, selbst sich gleich.


39. Das heisst der Ungefühl-Yoga,

Schwer zu schauen dem Yogin selbst,

Da auch selbst Yogin's ihn scheuen,

Vor dem Furchtlosen fürchtend sich.
[591]

40. Der Geist muss unterdrückt werden,

Damit zuteil dem Yogin wird

Das Furchtlose, das Schmerzlose,

Die Erweckung, die ew'ge Ruh.


41. Wie wenn zerfliesst im Weltmeere1

Der Tropfen, der am Grashalm hing,

So des Geistes Unterdrückung

Erfolgt ohne Beschwerlichkeit.


42. Man unterdrücke methodisch

Den Geist, den Wunsch und Lust zerstreut,

Ganz ruhig wird er dann schwinden,

Sein Schwinden ist wie Liebeslust.


43. Man weiss, dass alles voll Schmerzen,

Und wendet sich von Wunsch und Lust;

Man weiss, dass alles nur Brahman,

Und sieht nicht das Gewordne mehr.


44. Weckt den Geist, will er nichts werden (einschlafen),

Sammelt ihn, will er sich zerstreun;

Beides wisse man als sündhaft;

Ward er brahmangleich, stört ihn nicht!


45. Freilich schmeckt er dann nicht Lust mehr,

Keiner Begierde sich bewusst;

Sein Denken, ungestört wirkend,

Strebe eifrig zur Einheit hin.


46. Wenn dann weder im Schlaf schwindet

Der Geist, noch auch Zerstreuung sucht,

Dann tritt hervor er als Brahman,

Regungslos und vom Scheine frei.


47. Als frei, beruhigt und leidlos,

Als unaussprechlich höchste Lust,

Als ewig, ewigen Objekts

Allbewusst, schildern Kenner es.
[592]

48. Keine Seele entsteht jemals,

Kein Entstehn ist der ganzen Welt,

Das ist die höchste Heilswahrheit,

Dass es nirgend ein Werden gibt!


Fußnoten

1 Vielleicht ist udadhau zu lesen. Zur Auffassung des Scholiasten kann ich mich nicht entschliessen.

Quelle:
Sechzig Upanishads des Veda. Darmstadt 1963 [Nachdruck der 3. Aufl. Leipzig 1921], S. 587-593.
Lizenz:

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