III. Zufall / Bewegung / Unendliches /Veränderung / Räumlichkeit

[225] Das Zweckmäßige findet sich in zweifacher Weise, erstens in dem was die Natur gestaltet, zweitens in dem was aus absichtlicher Veranstaltung hervorgeht. Ein zufälliges Zusammentreffen begegnet uns da, wo Zweckmäßiges beiläufig sich einfindet. Es ist nämlich mit der Ursache gerade so wie mit dem Sein überhaupt: es gibt Ursächliches was wesentlich, und solches was bloß zufällig ist. Ein zufälliges Zusammentreffen ist eine Verursachung, die Zweckmäßiges, was sonst mit bewußtem Vorsatz hergestellt wird, beiläufig ergibt. Zufälliges Zusammentreffen hat dann mit absichtlicher Veranstaltung das gleiche Ergebnis; denn bewußter Vorsatz findet sich nicht ohne absichtliches Verfahren. Die Ursachenreihe aber, aus der sich solch ein zufälliges Zusammentreffen ergeben kann, verläuft ins Unbestimmte; sie ist deshalb für menschliche Berechnung unfaßbar und bedeutet für irgend welchen Erfolg eine nur beiläufige, keine wesentliche Verursachung. Man nennt es ein glückliches oder unglückliches Zusammentreffen, je nachdem es günstige oder ungünstige Folgen hat; die größere oder geringere Bedeutung dieser Folgen bezeichnet man dann als Glück oder Unglück. Wie nun nichts was bloß begleitend und beiläufig auftritt, dem gegenüber was aus dem Wesen der Sache folgt, ein Höheres bedeutet, so gilt das auch bei der Verursachung. Und wenn daher das bloße Zusammentreffen oder das blinde Ohngefähr eine der Ursachen im Weltall bildet, so ist doch Vernunft und innere Anlage Ursache in weit höherem Sinne.

Es gibt solches, was bloß aktuell, anderes, was bloß potentiell, und wieder anderes, was beides, aktuell und potentiell zugleich ist, und zwar als bestimmtes Einzelwesen, oder als Quantitatives, und so weiter im Sinne der übrigen Kategorien; aber es gibt keine Bewegung, die noch neben den Gegenständen existierte. Denn wo Veränderung ist, da vollzieht sie sich im Sinne der Kategorien des Seienden; ein Allgemeines aber, was darüber schwebte und nicht einer der Kategorien angehörte, existiert nicht.[225]

Jegliche Bestimmung kann jeglichem Gegenstande in doppelter Weise zukommen. So bedeutet die Bestimmtheit als Einzelwesen das eine Mal die Form, das andere Mal die Formlosigkeit; so ist der Qualität nach das eine weiß, das andere schwarz, der Quantität nach das eine vollständig, das andere unvollständig, der Bewegung im Räume nach aber das eine oben, das andere unten, das eine leicht, das andere schwer. Mithin gibt es ebensoviele Arten der Bewegung und der Veränderung, wie es Kategorien des Seienden gibt.

Da nun der Unterschied des potentiell Seienden und des aktuell Seienden in jeder Kategorie vorkommt, so nenne ich Bewegung die Verwirklichung des Potentiellen als solchen. Daß diese Bezeichnung zutrifft, wird durch folgende Erwägungen klar werden. Gebaut wird dann, wenn das was das Vermögen hat ein Bau zu werden, sofern wir es rein als solches nehmen, zur Verwirklichung gelangt; und die Tätigkeit des Bauens bedeutet eben dieses Verwirklichen. Das gleiche gilt von der Tätigkeit des Lernens, des Heilens und des Umwälzens, das gleiche vom Gehen und Springen, vom Altem und Reifen.

Daß etwas bewegt wird, das tritt da ein, wo die Verwirklichung selber eintritt, nicht früher, noch später. Die Verwirklichung also des Potentiellen, wenn es als aktuell Seiendes in Wirksamkeit tritt, und zwar noch nicht als solches, sondern erst als ein für Bewegung Empfängliches, das heißt Bewegung. Mit diesem »als« ist folgendes gemeint. Das Erz ist potentiell eine Bildsäule; aber gleichwohl äst die betreffende Bewegung nicht die Verwirklichung des Erzes, das Erz als solches genommen. Denn Erz sein und etwas dem Vermögen nach sein, bedeutet nicht dasselbe. Wäre es begrifflich schlechthin dasselbe, so würde allerdings die Verwirklichung des Erzes eine Art von Bewegung sein; es ist aber nicht dasselbe. Man sieht das, wo es sich um Gegensätze handelt. Das Vermögen gesund und das Vermögen krank zu sein ist nicht dasselbe; sonst würde auch gesund sein und krank sein dasselbe bedeuten. Dagegen das Substrat, dem das Gesundsein wie das Kranksein zukommt, sei es sonst eine Flüssigkeit, sei es das Blut, dieses ist eins und dasselbe. Weil aber jenes nicht dasselbe ist, wie auch die Farbe und der Gegenstand, der vermittelst ihrer sichtbar wird, nicht dasselbe sind, so ist Bewegung die Verwirklichung des Potentiellen als Potentiellen. Daß sie wirklich dies bedeutet, wird dadurch klar geworden sein, und ebenso auch dies, daß die Erscheinung, daß etwas in Bewegung ist, dann eintritt, wenn die Verwirklichung selber eintritt, und nicht früher noch später. Denn jedes[226] Ding hat die Möglichkeit das eine Mal wirklich zu werden, das andere Mal nicht, wie es bei dem der Fall ist, was das Vermögen hat ein Bau zu werden, sofern es im Zustande des bloßen Vermögens ist. Die Verwirklichung dessen, was ein Bau zu werden die Möglichkeit hat, sofern es diese Möglichkeit hat, ist eben die Tätigkeit des Bauens. Denn Verwirklichung bedeutet entweder dieses, die Tätigkeit des Bauens, oder das Gebäude. Aber wenn das Gebäude fertig dasteht, so hat der Zustand des Vermögens ein Bau zu werden aufgehört; das dagegen, woran noch gebaut wird, ist eben das, was noch im Zustande des Vermögens sich befindet. Mit hin muß die Verwirklichung notwendig die Tätigkeit des Bauens bedeuten, und diese Tätigkeit ist eine Bewegung. Ganz ebenso ist es in den anderen Fällen der Bewegung auch.

Daß diese Ausführungen zutreffen, ersieht man aus dem, was sonst von anderen über den Begriff der Bewegung vorgebracht worden ist; da zeigt es sich, daß eine andere begriffliche Bestimmung darüber zu geben keineswegs so leicht ist. Zunächst, die Bewegung läßt sich nicht wohl unter eine andere Gattung einreihen. Man sieht das an den verschiedenen Versuchen, die man gemacht hat um sie zu bezeichnen; der eine meint, sie sei ein Anderssein, der andere, sie sei eine Ungleichheit, der dritte, sie sei das Nichtsein: lauter Bestimmungen, die ganz wohl auch ohne den Begriff der Bewegung gedacht werden können, bei denen aber auch die Veränderung weder als Veränderung in dieselben, noch als Veränderung aus denselben, in höherem Maße mitgedacht wird, als bei dem was ihnen entgegengesetzt ist. Der Grund, weshalb man die Bewegung unter diese Begriffe einreiht, ist wohl der, daß sie den Eindruck macht, etwas Unbestimmtes zu sein, wie die Prinzipien, die in der der positiven Reihe gegenüberstehenden Reihe von Begriffen vorkommen, ja gleichfalls unbestimmt sind, weil sie eine Privation bedeuten. Denn Bewegung läßt sich nicht als ein bestimmter Gegenstand noch als eine Qualität noch sonst unter einer der übrigen Kategorien fassen. Daß aber die Bewegung den Anschein der Unbestimmtheit an sich trägt, davon ist der Grund der, daß man sie weder zu dem potentiell noch zu dem aktuell Seienden zu rechnen vermag. Daß es in Bewegung sei, ist weder bei dem notwendig, was potentiell ein Quantum ist, noch bei dem, was aktuell ein Quantum ist. So macht denn die Bewegung zwar den Eindruck ein Aktuelles zu sein, aber doch nur ein unvollendetes Aktuelles; und der Grund dafür ist der, daß das Potentielle, dessen Verwirklichung sie bedeutet, eben noch ein Unvollendetes ist. Gerade deshalb ist es so schwer zu erfassen, was[227] sie ist. Man ist gezwungen sie entweder unter den Begriff der Privation oder unter den der Potentialität oder unter den der Aktualität ohne weiteres einzureihen, und doch ist augenscheinlich keiner von diesen Begriffen geeignet, sie unter sich zu befassen. Es bleibt daher nur übrig, die Bewegung so zu bestimmen, wie wir sie gefaßt haben, als Wirklichkeit und auch nicht als Wirklichkeit, als ein schwer zu Verstehendes, aber doch als ein solches, was immerhin einen Platz im Dasein einnehmen kann.

Soviel jedenfalls ist klar, daß Bewegung nur da ist, wo die Möglichkeit der Bewegung vorhanden ist. Denn sie ist die Verwirklichung dieser Möglichkeit vermittelst dessen, was die Kraft besitzt etwas in Bewegung zu setzen. Die Wirksamkeit aber dessen was die Bewegung setzt, ist nicht etwas Fremdes gegenüber jener Möglichkeit; sie muß vielmehr die Wirksamkeit von beiden zusammen sein. Daß es in Bewegung setzen kann, das hat es durch sein Vermögen; daß es wirklich in Bewegung setzt, darin besteht seine Wirksamkeit; diese Wirksamkeit aber hat es in bezug auf das, was die Möglichkeit hat bewegt zu werden. Und so ist es denn eine Wirksamkeit, die beiden gleichmäßig angehört. Wie der Abstand von eins zu zwei derselbe ist wie der von zwei zu eins, oder wie der Weg nach oben und der Weg nach unten derselbe Weg, und doch der Begriff nicht in beiden Fallen einer und derselbe ist, ganz so ist es auch mit dem Verhältnis zwischen dem was bewegt und dem was bewegt wird.

Das Unendliche ist das, bei dem es nicht möglich ist zu einem Ende zu kommen, entweder weil es seiner Natur nach ein Ende nicht zuläßt, etwa in dem Sinne, wie es die Natur des Tones mit sich bringt, daß man ihn nicht sehen kann, oder es ist das, was nur tatsächlich immer weiterzugehen gestattet ohne Ende, oder was zu Ende zu kommen nur in bedingter Weise gestattet, oder was ein Gelangen ans Ende und eine Grenze nicht zuläßt, obwohl es eigentlich in seiner Natur läge, es zuzulassen. Es kann ferner etwas ein Unendliches sein dadurch, daß es ein immer weiteres Hinzufügen, oder dadurch, daß es ein Hinwegnehmen, oder dadurch, daß es beides zuläßt.

Unmöglich nun ist es, daß solches Unendliche selber als abgetrennt für sich und daß es als sinnlicher Gegenstand existiere. Denn wenn es weder eine Ausdehnung noch eine Vielheit ist und das Unendliche selber sein Wesen und nicht bloß eine ihm zufallende Bestimmung ausmacht, so müßte es ein Unteilbares sein, weil, was teilbar ist, entweder eine Ausdehnung oder eine Vielheit ist es aber unteilbar, so ist es wieder nicht unendlich;[228] es könnte das nur sein in dem Sinne, wie der Ton unsichtbar ist; aber nicht in diesem Sinne spricht man vom Unendlichen, und nicht in diesem Sinne suchen wir es zu erfassen, sondern nur wie ein solches was nicht zuläßt, daß man an sein Ende gelange. Wie sollte ferner ein Unendliches an und für sich existieren können, wenn solche Existenz doch für Zahl und Ausdehnung, an denen die Unendlichkeit als Bestimmung vorkommt, ausgeschlossen ist? Und soll es nur als Bestimmung an anderem existieren, so könnte es doch als Unendliches in keinem Falle ein Element des sonst Existierenden bilden, ebensowenig wie das Unsichtbare ein Element der Sprache bildet, obwohl doch der Ton tatsächlich unsichtbar ist.

Damit ist denn auch ausgemacht, daß es überhaupt kein Unendliches geben kann, das aktuell wäre. Müßte doch jeder Teil desselben, den man herausgreift, auch wieder unendlich sein. Denn existierte das Unendliche als selbständiger Gegenstand und nicht bloß an einem Substrat, so wäre der Begriff der Unendlichkeit und der unendliche Gegenstand eines und dasselbe, und dieser müßte daher unteilbar oder, wenn man Teile davon setzen darf, immer weiter in lauter Teilbares teilbar sein. Es ist aber undenkbar, daß eines und dasselbe eine Vielheit von lauter Unendlichen sei; und doch müßte, wenn das Unendliche selbständiger Gegenstand und Prinzip ist, ebenso wie der Teil der Luft wieder Luft ist, der Teil des Unendlichen wieder unendlich sein. Mithin ist es nicht in Stücke oder Teile zerlegbar. Andererseits ist auch umgekehrt ausgeschlossen, daß was aktuell ist, unendlich sei; denn es müßte notwendig ein Quantitatives sein. Also kommt es nur als Bestimmung an anderem vor. Wenn dem aber so ist, so haben wir schon dargelegt, daß nicht das Unendliche die Bedeutung des Prinzips haben kann, sondern nur das, an dem es als Bestimmung auftritt, wie etwa der Luftraum oder die Reihe der geraden Zahlen.

Das also ergibt die Untersuchung des Begriffes im allgemeinen. Daß sich aber das Unendliche tatsächlich nicht unter den sinnlichen Gegenständen findet, wird aus folgendem klar. Ist der Begriff eines Körpers der des durch Flächen Begrenzten, so kann es keinen unendlichen Körper geben, weder als sinnlichen noch als intelligiblen Gegenstand, ebensowenig wie die Zahl als für sich bestehende und unendliche existieren kann, weil das was Zahl ist oder eine Zahl hat, sich zählen läßt. Ruf dem Wege naturwissenschaftlicher Erörterung aber wird dasselbe durch folgende Betrachtung erwiesen. Das unendliche könnte weder ein Zusammengesetztes noch ein Einfaches sein. Es könnte kein zusammengesetzter Körper sein, weil die Elemente[229] schon ihrer Vielheit wegen begrenzt sind; denn die entgegengesetzten Elemente müssen einander das Gleichgewicht halten, und es könnte nicht eines von ihnen unendlich sein, weil, wenn das Vermögen des einen noch so wenig hinter dem des anderen zurückbliebe, das Endliche vom Unendlichen zum Verschwinden gebracht werden würde. Ebenso undenkbar aber ist es, daß jedes Element ein Unendliches sei. Denn ein Körper ist das nach allen Selten hin Ausgedehnte, ein Unendliches aber ist das in unbegrenzter Weise Ausgedehnte; so würde also ein unendlicher Körper nach allen Richtungen hin unendlich sein. Aber auch einheitlich und einfach könnte ein unendlicher Körper nicht sein, noch wie manche annehmen, neben den Elementen existieren als das, woraus sie dieselben erst hervorgehen lassen. Denn es existiert nicht neben den Elementen noch ein solcher Körper. Woraus etwas besteht, darin löst es sich auch wieder auf; aber es kommt nicht neben den einfachen Körpern auch noch dieses zur Erscheinung. Auch das Feuer oder irgend ein anderes Element kann nicht dafür gelten. Denn abgesehen davon, daß dann eines von ihnen unendlich sein müßte, ist es auch unmöglich, daß das Weltall, gesetzt selbst, es wäre begrenzt, eines von ihnen wäre oder zu einem von ihnen würde, etwa wie Heraklit meint, daß alles einmal in Feuer aufgehen würde.

Ganz dasselbe gilt nun auch von dem Einen, das die Naturphilosophen neben den Elementen annehmen. Denn immer wo Veränderung ist, kommt das Eine von seinem Gegenteil her; es wird z.B. das Kalte aus dem Warmen. Außerdem muß ein sinnlicher Körper einen Ort haben, und derselbe Ort gilt für das Ganze wie für den Teil, wie z.B. bei der Erde. Ist der Körper daher gleichartig, so würde er entweder unbewegt oder in beständigem Umschwung sein. Dies aber ist beides gleich unmöglich. Denn weshalb sollte er sich eher nach oben als nach unten oder irgendwie sonst bewegen? Gesetzt z.B. es handelte sich um eine Erdscholle: wo sollte sie sich hinbewegen, wo verharren? Ist doch ihr Ort wie der des ihr zugeordneten Körpers unendlich. Wird sie also den ganzen Raum einnehmen? Und wie wird sie ihn einnehmen? und was bedeutete also ihr Verharren oder ihre Bewegung? Entweder wird sie überall verharren, also wird sie sich nicht bewegen. Oder sie wird sich überall bewegen: dann wird sie also nicht ruhen. Ist aber das Ganze ungleichartig, so sind auch die Orter ungleichartig, und dann ist erstens der Körper des Ganzen nicht ein einheitlicher, sondern die Teile haben eine Art von Zusammenhang nur durch Berührung, und zweitens würden sie der Art nach entweder begrenzt oder unendlich[230] sein. Nun ist es ausgeschlossen, daß sie begrenzt seien; denn dann würden sie, wenn doch das Ganze unendlich ist, das eine begrenzt, das andere unendlich sein, z.B. Feuer und Wasser, und ein solches Verhältnis würde für die so entgegengesetzten Teile den Untergang bedeuten. Sind aber die Teile unendlich und einfach, so sind auch ihre Räume unendlich, und die Elemente würden auch unendlich sein. Ist aber dies undenkbar und sind die Orter begrenzt, so muß auch das Ganze notwendig begrenzt sein.

Überhaupt aber ist es undenkbar, daß ein Körper und ein Ort für die Körper unendlich sei, wenn doch jeder sinnlich wahrnehmbare Körper entweder Schwere oder Leichtigkeit besitzt. Denn er müßte entweder sich nach der Mitte hinbewegen oder nach oben steigen; es ist aber undenkbar, daß das Unendliche entweder als Ganzes oder seine Hälfte mit einer von diesen beiden Bewegungen behaftet sei. Denn wo will man den Teilungsstrich anbringen? oder was hat es für einen Sinn, daß der eine Teil des Unendlichen oben, der andere unten, der eine ein äußerstes, der andere ein mittleres sei? Außerdem ist jeder sinnlich wahrnehmbare Körper an einem Orte, und der Ort wird in sechs Arten bestimmt: oben, unten; rechts, links; vorn, hinten; es ist aber undenkbar, daß irgend eine davon an einem unendlichen Körper vorkommt. Überhaupt, wenn es unmöglich ist, daß der unendliche Raum sei, so ist es auch unmöglich, daß ein unendlicher Körper sei. Denn was im Raum ist, das ist irgendwo; das bedeutet aber ein Oben oder Unten, oder eine der übrigen Bestimmungen, und jede derselben bildet eine Grenze.

Übrigens bedeutet Unendlichkeit für Ausdehnung oder Bewegung nicht dasselbe wie für die Zeit, als wäre sie in alledem ein einheitliches Wesen; sondern vom Später redet man in Beziehung auf das Früher, ebenso wie von Bewegung in Beziehung auf die Ausdehnung, in der die Bewegung, die Veränderung oder Vergrößerung stattfindet, und von Zeit um der Bewegung willen.

Was sich verändert, das verändert sich teils beiläufig, wie wenn einer, der ein Kunstkenner ist, auch spazieren geht, teils so, daß man ohne weiteres sagt, der Gegenstand verändert sich, wenn etwas vom Gegenstande, z.B. was seine Teile angeht, sich verändert. So sagt man, der Leib werde gesund, wenn das Auge gesund wird. Nun kommt es aber auch vor, daß etwas sich ursprünglich seinem Begriffe und Wesen nachbewegt, und dies ist da der Fall, wo die Bewegbarkeit im Begriffe liegt. Das gleiche gilt dann auch von dem was Bewegung bewirkt. Denn auch was Bewegung bewirkt,[231] tut dies entweder nur beiläufig, oder nach einem seiner Teile, oder seinem Begriffe und Wesen nach.

Nun ist erstens etwas, was ursprünglich Bewegung bewirkt, und es ist zweitens etwas, was bewegt wird; dazu kommt das, worin es sich bewegt, die Zeit, ferner ein Ausgangspunkt, von dem aus, und endlich ein Zielpunkt, zu dem hin es sich bewegt. Die Formen dagegen, die Bestimmungen und der Ort, zu denen das in Bewegung Befindliche sich bewegt, diese sind unbeweglich, z.B. Erkenntnis oder Wärme. Die Wärme ist keine Bewegung, aber das Erwärmen ist eine.

Eine Veränderung aber, die keine bloß beiläufige ist, kommt nicht bei allen Gegenständen vor, sondern nur erstens bei solchem, was einen konträren Gegensatz bildet, zweitens bei solchem, was zwischen Gegensätzen in der Mitte liegt, und drittens beim kontradiktorischen Gegensatz. Zum Beweise genügt die Berufung auf die Erfahrung.

Wo Veränderung ist, da kann sie sein: entweder Veränderung aus einem Gegenstand in einen anderen Gegenstand, oder aus solchem was nicht Gegenstand ist, in anderes, was auch nicht Gegenstand ist, oder aus solchem was nicht Gegenstand ist, in einen konkreten Gegenstand, oder aus einem Gegenstand in solches was nicht Gegenstand ist. Unter einem Gegenstand aber verstehe ich das, was in positiver Form bezeichnet wird. Demnach kann es nur drei Arten von Veränderung geben; denn die Veränderung aus dem was nicht Gegenstand ist in etwas was auch nicht Gegenstand ist, wäre keine Veränderung, weil hier weder ein konträrer Gegensatz, noch ein kontradiktorischer Gegensatz, überhaupt kein Gegensatz vorhanden ist Die Veränderung, die in der Weise des kontradiktorischen Gegensatzes aus solchem was nicht Gegenstand ist, zu einem Gegenstand hinüberführt, heißt Entstehen, teils Entstehen schlechthin, als Entstehen ohne weiteren Zusatz, teils bestimmtes Entstehen als Entstehen von etwas und aus etwas. Die Veränderung, die von einem Gegenstand zu solchem führt, was nicht Gegenstand ist, heißt Vergehen, Vergehen schlechthin als Vergehen ohne Zusatz, oder bestimmtes Vergehen als Vergehen von etwas.

Nun spricht man vom Nichtsein in mehrfachem Sinne. Weder das Nichtsein im Sinne von Verbindung oder Trennung von Begriffen, noch das Nichtsein, das im Sinne der Potentialität dem Sein als solchen entgegengesetzt ist, bietet die Möglichkeit der Bewegung. Denn was ein Nicht-weißes oder Nicht-gutes ist. Ist wohl der Bewegung fähig, freilich nur in akzidentiel ler Weise; es kann das Nicht-weiße z.B. ein Mensch sein; – dagegen nicht das,[232] was in keinem Sinne ein bestimmter Gegenstand ist; denn daß das Nicht-seiende sich bewegt, ist unmöglich. Ist aber dem so, so kann auch Entstehung unmöglich Bewegung sein. Denn was entsteht, ist als solches noch ein Nicht-seiendes. Gesetzt auch, das Entstehen komme ihm noch so sehr nur in akzidentieller Weise zu, so würde dennoch in Wahrheit gelten, daß dem was erst schlechthin entsteht, noch das Nichtsein zukommt. Ebensowenig gilt vom Nichtsein, daß es ruhe. Dieselbe Schwierigkeit ergibt sich auch daraus, daß wenn alles was sich bewegt, im Räume ist, das Nichtseiende nicht im Räume ist; es müßte sonst doch irgendwo sein. Mithin ist auch das Vergehen keine Bewegung. Denn den konträren Gegensatz zur Bewegung bildet eine andere Bewegung oder die Ruhe; zum Entstehen aber bildet den Gegensatz das Vergehen.

Jede Bewegung ist eine Veränderung, die Arten der Veränderung aber sind die drei genannten. Unter diesen nun sind die Veränderungen im Sinne von Entstehen und von Vergehen keine Bewegungen, und diese sind diejenigen, die zu einander in kontradiktorischem Verhältnis stehen. So bleibt denn notwendig als einzige Art der Bewegung übrig die Veränderung aus einem Gegenstand in einen anderen. Die Gegenstände aber verhalten sich zu einander entweder als konträr entgegengesetzte, oder als mittlere zwischen Entgegengesetztem. Denn auch die Privation darf als konträrer Gegensatz gelten und wird in positiver Form bezeichnet: z.B. nackt, zahnlos, schwarz.

Die Kategorien sind unterschieden worden als die der Substanz, der Qualität, des Ortes, des Tuns und Leidens, der Relation, der Quantität. Demnach ergeben sich notwendig drei Arten der Bewegung, nämlich die Bewegung im qualitativen, im quantitativen und im räumlichen Sinne. Eine Bewegung als Bewegung der Substanz ist ausgeschlossen, weil es zur Substanz keinen konträren Gegensatz gibt, und ebenso eine Bewegung als Bewegung der Relation; denn wenn das eine der beiden Glieder der Relation sich verändert, so ist es immer möglich, daß es nicht richtig sei, daß das andere Glied sich auch mit verändert. Die Bewegung der beiden Glieder ist mithin eine nur akzidentielle. Es gibt aber auch keine Bewegung dessen was aktiv und dessen was passiv sich verhält, was bewegt und was bewegt wird; denn es gibt keine Bewegung der Bewegung und kein Entstehen der Entstehung, und überhaupt keine Veränderung der Veränderung.

Eine Bewegung der Bewegung könnte nur einen zweifachen Sinn haben: entweder als Bewegung eines Gegenstandes, wie ein Mensch eine Bewegung erleidet, indem er sich von der weißen Hautfarbe in die schwarze[233] verwandelt; dem analog wäre es, wenn man sagte, die Bewegung werde erwärmt oder abgekühlt, sie wechsle den Ort oder werde größer. So aber darf man nicht sagen; denn die Veränderung hat nicht die Art eines konkreten Gegenstandes. Oder aber es könnte unter der Bewegung der Bewegung auch dies verstanden werden, daß ein anderer Gegenstand als die Bewegung infolge der Veränderung eine andere Form annähme, etwa wie ein Mensch aus dem Zustande der Krankheit in den der Gesundheit übergeht. Aber auch so gefaßt hat Bewegung der Bewegung keinen rechten Sinn, es sei denn, daß man es in bloß akzidentieller Weise nähme. Denn Bewegung ist immer Veränderung von einem in das andere, und für Entstehen und Vergehen gilt ganz dasselbe; nur daß jene Bewegungen auf Entgegengesetztes, auf dieses oder jenes Bestimmte hinführen. Entstehen und Vergehen aber keine Bewegungen sind. Ein Mensch müßte demnach zugleich aus dem Zustande der Gesundheit in den der Krankheit und aus eben dieser Verwandlung in eine andere übergehen. Offenbar also hätte er, wenn er krank würde, eine Veränderung in irgend einen Zustand erfahren, – wenn wir diesen als einen Stillstand ansehen dürfen, – und überdies jedesmal nicht in einen beliebigen, und diese Veränderung würde wieder, wenn es Bewegung der Bewegung geben soll, mit einer anderen aus einem Zustande in einen anderen verbunden sein, also mit der Veränderung in den jenem Zustand entgegengesetzten Zustand, d.h. in die Genesung; aber das bildet dann einen bloß akzidentiellen Vorgang, wie z.B. bei jemand, der aus dem Zustande der Erinnerung in den des Vergessens übergeht, weil derjenige, bei dem dies der Fall ist, sich verändert, sei es in bezug auf sein Wissen, sei es in bezug auf seine Gesundheit.

Außerdem kämen wir, wenn es eine Veränderung der Veränderung und eine Entstehung der Entstehung geben soll, zum Fortgang ins Unendliche; muß doch notwendig auch die frühere Veränderung sich verändern, wenn es die spätere tut. Z.B. wenn die Entstehung, welche Entstehung schlechthin ist, einmal entstanden ist, so ist auch das Entstehende, was Entstehendes schlechthin ist, einmal entstanden. Es wäre also doch nicht schlechthin Entstandenes, sondern es wäre ein bestimmtes Entstehendes oder bereits Entstandenes, und auch dies wäre wieder ein einmal Entstandenes, und mithin war es noch nicht zu der Zeit, wo es entstand. Da es aber in der unendlichen Reihe kein erstes Glied gibt, so würde es wie kein Erstes auch kein darauf Folgendes geben. Mithin würde nichts entstehen, nichts in Bewegung sein, nichts sich verändern können, und es würde ferner die Bewegung[234] eines und desselben Gegenstandes auch die entgegengesetzte Bewegung und auch Ruhe sein, Entstehen würde auch Vergehen sein, und das was entsteht, würde gerade dann untergehen, wenn es ein Entstehendes geworden ist. Denn es wäre nicht sogleich beim Entstehen und auch nicht nachher da; was aber untergehen soll, muß zuvor ein Dasein haben.

Was entsteht und was sich verändert, muß ferner eine Materie zur Grundlage haben. Welche nun wird es sein? Etwas der Veränderung Zugängliches ist z.B. der Leib oder die Seele; was ist in diesem Sinne das, was zu Bewegung oder Entstehung wird? Und auf welches Ziel läuft die Bewegung hinaus? Denn die Bewegung muß die Bewegung dieses Gegenstandes von diesem Punkte aus und zu jenem Punkte hin sein; sie kann nicht Bewegung schlechthin sein. Wie also? Das Lernen kann nicht die Entstehung des Lernens bedeuten, also auch die Entstehung nicht die Entstehung des Entstehens.

Da nun weder von einer Entstehung der Substanz noch der Relation noch des Tuns und Leidens die Rede sein kann, so bleibt nur übrig, daß die Bewegung die Qualität, die Quantität und den Ort betreffe; denn für jedes von diesen gibt es einen konträren Gegensatz. Unter der Qualität verstehe ich dabei nicht die Beschaffenheit der Substanz, – ist doch auch der artbildende Unterschied eine Qualität, – sondern die Fähigkeit eine Einwirkung von außen zu erfahren, eine Fähigkeit, in bezug auf welche man sagt, daß etwas eine Bestimmtheit annimmt oder für dieselbe unzugänglich ist.

Das Unbewegliche ist das, was schlechterdings außerstande ist, in Bewegung zu geraten, weiter das, was nur mit Mühe, in langer Zeit oder langsam in Bewegung gerät, drittens das was zwar von Natur die Art hat in Bewegung zu sein und auch das Vermögen dazu besitzt, was aber zu der Zeit wo, an dem Orte wo, und in der Weise wie es seiner Natur nach sich bewegen sollte, sich tatsächlich nicht bewegt. Dies allein nun nenne ich bei dem was sich nicht bewegt, den Zustand der Ruhe. Denn Ruhe ist der konträre Gegensatz von Bewegung und bedeutet also die Privation eines Vermögens, das der Gegenstand besitzt.

Dem Orte nach beisammen ist das, was in einem streng einheitlichen Räume, und getrennt das, was sich an verschiedenen Orten befindet. Dasjenige berührt sich, dessen äußerste Enden in einem Orte zusammenfallen. Ein Dazwischenliegendes, ein Mittleres, ist das, bei dem das was sich verändert, sofern es sich seiner Natur gemäß in stetiger Veränderung befindet, eher anzulangen hat, bevor es beim Letzten ankommt. Räumlich konträr[235] entgegengesetzt ist das was in einer geraden Linie die größte Entfernung bezeichnet. Eine Reihe dagegen bildet solches, was von einem Anfang an gemessen, nach Lage oder Form oder sonst wie bestimmt und so abgegrenzt ist, daß nichts was derselben Gattung und derselben Reihe angehörte dazwischen liegt; so reiht sich Linie an Linie, Einheit an Einheit oder ein Haus an ein Haus. Dagegen hindert nichts, daß zwischen so Zusammenhängendem Fremdes liege; denn Glied einer Reihe sein bedeutet ein Folgen auf ein früheres Glied und ein Späterkommen als dieses. Die Eins reiht sich nicht an die Zwei, noch der Neumond an das zweite Viertel. Was in der Reihe so aufeinander folgt, daß es sich berührt, heißt angrenzend.

Veränderung, so sahen wir, vollzieht sich zwischen Gegensätzen; diese aber können konträr und kontradiktorisch sein, und beim kontradiktorischen Gegensatz ist ein Mittleres ausgeschlossen. Mithin kommt offenbar das Mittlere nur bei konträren Gegensätzen vor.

Kontinuierlich ist was zusammenhängt oder sich berührt. Man nennt etwas kontinuierlich, wenn die Grenze von zweien, wo sie sich berühren und sich an einander schließen, völlig zusammenfällt. Offenbar also hat das Kontinuierliche da seinen Platz, wo sich aus mehreren ihrer Natur nach ein Einiges im Sinne der Berührung bilden kann. Auch das ist augenscheinlich, daß das Ursprüngliche dabei die Anreihung ist. Denn die Angereihten brauchen sich nicht zu berühren; eben das macht den Begriff der Reihe aus. Wo Kontinuität ist, da ist auch Berührung; aber mit der Berührung ist noch nicht Kontinuität gegeben. Bei den Dingen aber, bei denen keine Berührung stattfindet, ist auch keine völlige Verschmelzung vorhanden. Daher ist der Punkt nicht dasselbe wie die Einheit. Denn Punkte berühren sich, Einheiten hingegen berühren sich nicht, sondern bilden eine Reihe. Bei den letzteren gibt es ein Mittleres, und bei jenen nicht.[236]

Quelle:
Aristoteles: Metaphysik. Jena 1907, S. 225-237.
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