§ 24.

[51] Der Mittel- und Wendepunct des absoluten Wissens ist ein Schweben (§ 23.) zwischen Seyn und Nichtseyn des Wissens, und eben damit zwischen nicht absolut Seyn und absolut[51] Seyn des Seyns; indem das Seyn des Wissens die Absolutheit des Seyns aufhebt und das absolute Seyn die Absolutheit des Wissens. Stellen wir uns in diesem Standpucte durch eine schärfere Unterscheidung des Seyns des Wissens und des absoluten Seyns noch fester.

Um bei einem dieser Glieder anzuknüpfen, welches hier ganz willkürlich ist: – das Wissen kann sich nicht fassen, als ein Wissen (nicht meinen und wähnen als ein ewig sich gleiches und unveränderliches), ohne sich als nothwendig anzusehen, sagten wir. Nun aber ist das Wissen seinem Seyn (Daseyn, Gesetztseyn) nach durchaus nicht nothwendig, sondern durch absolut formale Freiheit begründet, und hierbei muss es ebenso, als bei dem Obigen, sein Bewenden haben.

Was ist denn das nun für ein verschiedenes Seyn des Wissens, in Rücksicht dessen es einmal nothwendig ist und nicht frei, ein anderesmal frei und nicht nothwendigt – Nun ist diese Nothwendigkeit freilich hier keine andere, als die der Freiheit (wie es denn auch nie eine andere geben wird: vgl. § 22.); aber immerhin doch Nothwendigkeit, Gebundenheit derselben. Daher wird diese Schwierigkeit sehr leicht sich also lösen: Wenn einmal ein Wissen ist, so ist dasselbe nothwendig frei (gebundene Freiheit); denn in der Freiheit besteht eben sein Wesen. Dass aber überhaupt eins sey, hängt nur ab von absoluter Freiheit, und es könnte daher ebensowohl auch keines seyn. Wir wollen annehmen, diese Antwort sey richtig und sehen, wie sie selbst möglich ist. (In dieser Untersuchung wird sich ohne Zweifel zugleich zeigen, dass sie richtig und nothwendig ist.)

Das Wissen wurde in dieser Antwort gesetzt, als seyn könnend oder auch nicht (zufällig, nennen wir dies). Beschreiben wir dieses Wissen.

Offenbar wird in ihm die Freiheit (die formale, mit der allein wir es hier zu thun haben, der Grund des Dass) gedacht, nicht angeschaut, als sich in sich selbst vollziehend; denn dann ist das Wissen; – gedacht, sage ich, und in ihr, als dem höchsten Standpuncte, geruht: – und zwar wird sie gedacht, wie sich versteht, als Freiheit, Unentschiedenheit des[52] Dass, Indifferenz in Rücksicht darauf, verschmelzendes Seyn oder Nichtseyn, reine Möglichkeit, als solche, als Position für sich, durch welche der Act weder gesetzt wird, – denn er wird zugleich aufgehoben, – noch aufgehoben, – denn er wird zugleichgesetzt; der vollkommene Widerspruch, schlechthin als solcher. (Wir suchen hier Alles im Wissen auf, denn wir lehren Wissenschaftslehre. So war das absolute Seyn uns durchaus Nichts, als das absolute Denken selbst, die Gebundenheit und Ruhe in sich, die nie aus sich herausgehen kann, das schlechthin Unvertilgbare im Wissen. In ihm vernichtete sich die Anschauung (§ 23.). So ist die absolute Freiheit hier die absolute Nichtruhe, Beweglichkeit ohne festen Punct, das Zerfliessen in sich selbst; hier vernichtet daher das Denken sich selbst: – der oben angedeutete absolute hiatus und saltus im Wissen, der schlechthin bei aller Freiheit und allem Entstehen, somit bei aller Wirklichkeit aus der Nothwendigkeit, vorkommt. Es ist klar, dass durch ein solches positives Nichtseyn seiner selbst das Wissen zum absoluten Seyn hindurchgehe. Dass es allein und für sich Nichts ist, ist freilich klar und wird zugestanden; wie denn keines der Glieder, das wir hier aufstellen, für sich ist. Es ist ja eben ein Wendepunct des absoluten Wissens.

Zu allem Anderen, als zu diesem, können sich die logisch gewöhnten Denker erheben. Sie hüten sich vor dem Widerspruche. Wie ist denn aber nun der Satz ihrer Logik selbst, dass man keinen Widerspruch denken könne, möglich? Da müssen sie den Widerspruch doch auf irgend eine Weise angefasst, gedacht haben, da sie seiner Meldung thun. – Hätten sie sich doch nur einmal ordentlich befragt, wie sie zum Denken des bloss Möglichen oder des Zufälligen (des nicht Nothwendigen) kommen, und wie sie dies eigentlich machen! Offenbar springen sie da durch ein Nichtseyn, Nichtdenken u.s.f. hindurch – in das schlechthin Unvermittelte, aus sich Anfangende, Freie, in das seyende Nichtseyn, – eben obiger Widerspruch, als gesetzter.

Aus jenem Unvermögen erwächst nun bei consequentem[53] Denken nichts Anderes, als die völlige Aufhebung der Freiheit, der absoluteste Fatalismus und Spinozismus.)

Nun ist aber ferner, wie aus dem Obigen bekannt, dieses Denken der formalen Freiheit nur unter der Bedingung möglich (wie wir indessen sagen, das absolute Wissen, aber fürjetzt sagen zu lassen uns sehr hüten wollen), dass die formale Freiheit, oben beschriebener Weise, sich selbst innerlich vollziehe. Dieses Vollziehen wird nun im gegenwärtigen Zusammenhange gleichfalls gedacht; denn die ganze Stimmung des Wissens, die wir hier betrachten, ist ja ein Ruhen und Gebundenseyn an sich. Hierdurch wird nun die unten liegende Anschauung, für das ruhende Denken nemlich, selbst zu einem Seyn (Zustande), zu einem, ob es gleich Agilität in sich ist und bleibt doch eben das Denken Bindenden, indem es dasselbe aus dem Schweben zwischen Seyn und Nichtseyn, wie es in der reinen Möglichkeit war, zum positiven Seyn fixirt. – Zuvörderst tritt hier Subjectivität und Objectivität, ideale und reale Thätigkeit des Wissens ein, welches sehr anschaulich ist. Die Duplicität entsteht aus dem Denken, das von der reinen Möglichkeit herkommt, und aus der Anschauung, welche absolut sich aus sich selbst erzeugt (aus der vollzogenen Freiheit), und als ein neues Glied hinzutritt.

Die Anschauung ist als Anschauung, eben als das, was sie ist, nur inwiefern sie für sich mit absoluter Freiheit vollzogen wird. Diese Freiheit aber ist gesetzt in dem Denken, dass der Act ebensowohl auch nicht seyn könnte: nur diesem zufolge ist er eben Act, und da er nichts Anderes ist, ist er überhaupt nur. Hier sonach schon finden wir durch eine leichte und überraschende Bemerkung Anschauung und Denken in einer höheren Anschauung unzertrennlich vereint und Eins nicht möglich ohne das Andere: so dass das Wissen (im engeren Sinne, das eigentlich und als solches sich setzende Wissen ) nicht mehr in der blossen Anschauung und ebensowenig im blossen Denken, sondern in dem Verschmelzen beider besteht, dass vereinigt ist die Form und die Materie der Freiheit, ebenso die Wirklichkeit und die Möglichkeit, indem die Wirklichkeit wie es ja seyn musst, Nichts ist als die Position der Möglichkeit,[54] und die Möglichkeit (von hier aus angesehen; denn dieselbe dürfte wohl noch eine andere Ansicht darbieten) Nichts, als die Potenz der Wirklichkeit, oder schärfer ausgedrückt, die in der Reflexion auf dem Uebergange aus ihrer Möglichkeit in die Verwirklichung festgehaltene Wirklichkeit selbst.

Steigen wir von hier aus zu einem Nebengliede, über welches nirgends soviel Licht, als in diesem Zusammenhange, sich verbreiten lässt. Dass überhaupt ein Wissen ist, ist zufällig; wenn aber einmal eines ist, so ist es nothwendig auf die Freiheit begründet; – knüpften wir oben die Rede an, und haben den ersten Theil des Satzes erörtert. In dem Wissen, welches dem letzteren zu Grunde liegt, wird offenbar von dem Wissen aus, das da setzbar (vermittelst des Wenn), sonst aber weder gesetzt, noch nicht gesetzt; also bloss möglich ist, über dasselbe hinausgegangen und von ihm mit absoluter Nothwendigkeit Etwas ausgesagt. Offenbar ist dieses Aussagen ein absolutes, unveränderliches, in sich selbst ruhendes Denken des Wissens, seinem absoluten Seyn und Wesen nach. Jedermann sieht, dass diese Aussage unmittelbar in dem bloss factischen Wissen, dass (etwa für dieses Mal) ein Wissen sey und dies durch absolute Freiheit zu Stande gekommen sey, nicht liegt, sondern eine durchaus andere Quelle haben muss (und hier kommen wir von einer anderen Seite zu einer noch innerlicheren und vermittelnden Beantwortung der Frage, wie ein Wissen von Nothwendigkeit möglich sey?). So gewiss nemlich das absolute Wissen (in der unendlichen Facticität des einzelnen Wissens) nur in der absoluten Form des Fürsich ist; geht daher jedes Wissen zugleich über sich hinaus, oder, von einer anderen Seite angesehen, es ist im eigenen Seyn schlechthin ausser sich selbst und umfasst sich ganz. Das Fürsichseyn dieses Umfassens als solchen, seine Innerlichkeit und sein absolutes auf sich selbst Ruhen, das ja, da es ein Wissen ist, selbst nothwendig ist, ist das (eben beschriebene) Denken der Nothwendigkeit der Freiheit alles Wissens. Die reine, innere Nothwendigkeit besteht eben in diesem auf sich Ruhen und nicht aus sich Herauskönnen des Denkens; ihr Ausdruck ist absolutes Wesen, Grundcharakter u. dgl. (hier des Wissens) und die[55] äussere Form der Nothwendigkeit, die Allgemeinheit, besteht darin, dass ich schlechthin jedes factische Wissen, wie es übrigens auch von anderem verschieden sey, als factisches nur mit diesem bezeichneten Grundcharakter denken kann. Woher also alle Nothwendigkeit komme? – Aus der absoluten Einsicht in eine absolute Form des Wissens.

Hiermit ist eine neue Vereinigung getroffen. Die Anschauung des absoluten Wissens, als eines Zufälligen (mit einem so und so bestimmten factischen Inhalt behafteten), ist mit dem Denken der Nothwendigkeit – (nemlich der durch das Seyn bedingten Nothwendigkeit) – dieser Zufälligkeit vereinigt; und hierin ruht das absolute Wissen und hat seinen Grundcharakter für sich selbst erschöpft.

Zur Erläuterung: – es könnte einer sagen, alles Wissen (in seiner unendlichen Bestimmbarkeit, deren Quelle wir freilich noch nicht kennen, sondern nur historisch sie voraussetzen) werde aufgefasst und factisch als ein absolut sich selbst erzeugendes gefunden, welches eben aus zwei Gründen unmöglich ist (der zweite ist soeben aufgestellt). So nun verhält es sich nicht, sondern so: das Wissen ist eben die Anschauung, des jetzt beschriebenen absoluten Denkens der Zufälligkeit des (factischen) Wissens. Das Wissen ist nicht frei und wird darum als frei gedacht; noch wird es als frei gedacht und ist darum frei, denn es ist zwischen beiden Gliedern gar kein Warum noch Darum, keine Verschiedenheit; sondern sein sich frei Denken und sein absolutes Freiseyn sind dasselbe. Es ist ja vom Seyn des Wissens die Rede, also von einem Für; von einem absoluten Seyn des Wissens, also von einem Für im Denken (Ruhen in sich), in welchem es sich völlig und bis auf die Wurzel durchdringt. –

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 51-56.
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