§ 33.

[90] Alles Bewusstseyn hebt mit einer schon fertigen Quantitabilität an, in welcher die Anschauung gebunden ist. Diese Gebundenheit muss in und für sich seyn, sie muss sich, eben als solche, finden, auf sich reflectiren, als solche u.s.w. Dies ist eine neue Reflexion.

Zuvörderst ist im Allgemeinen klar und verstellt sich Von selbst, dass diese Gebundenheit der Anschauung, als die des Wissens, der Grundform desselben ist. Hier soll es nun ausdrücklich als ein Fürsich gesetzt werden: – und damit der Sinn desto mehr vor aller Zweideutigkeit gesichert werde, sey noch Folgendes bemerkt:

Eine freie, leere Anschauung gab nach Obigem der Gebundenheit sich hin. Dieses, näher angesehen, führt zu Nichts und erklärt Nichts. Ist sie frei, so ist sie leer: ist sie gebunden, so ist sie nicht für sich. Beides ist hier nun innigst zu vereinigen, also, dass die Anschauung in ihrer Gebundenheit selbst frei sey, dieselbe in allen ihren Puncten zugleich mit Freiheit durchlaufe, welches wieder ein neues, ins Unendliche gehendes Quantitiren der Quantitabilität giebt. – Nichts, und[90] ich denke auch nicht die Schwierigkeit, verhindert, diesen Punct sogleich scharf zu nehmen.

Der oben gelieferte Beweis dieses Gliedes war bloss der: soll gedacht werden, so muss auch angeschaut seyn; dies liefert überhaupt Quantitabilität, mit dieser sonach hebt das Bewusstseyn an. Nun war dabei der schwierige, ja beinahe unverständlich bleibende Punct der, ob diese Quantitabilität eine bestimmte sey, oder nicht? Ja es lässt sich gar nicht wohl verstehen, was, von reiner Quantität geredet, Bestimmtheit derselben bedeuten möge. (Wer das verstehen zu können glaubt, der versteht eben unsere ganze Untersuchung nicht, fasst nicht die Quantitabilität rein, sondern mischt ihr schon irgend ein Quale bei, um ein Quantum herauszubekommen. Quantitabilität schlechthin an sich selbst ist eben nichts Anderes, als die reine, an sich noch unbestimmte Möglichkeit unendlicher Quanta, die ihre Begrenzung nur aus der Bestimmtheit des Quale erhalten können.)

Nun wurde zwar nachher, nach Beziehung einer absolut leeren Freiheit darauf, von Bestimmtheit gesprochen, und dieselbe als erwiesen angenommen, aber nur als Gebundenheit der Freiheit an Quantitabilität überhaupt. Kurz, die Quantitabilität wird in der Anschauung nicht, wie im Denken, als ein Product der Freiheit, sondern als ein absolut Gefundenes und jenseits alles Bewusstseyns Liegendes gesetzt, und da Denken nicht ist ohne Anschauung, so geht hervor, dass die Quantitabilität im Wissen eine durchaus entgegengesetzte Ansicht erhält. – Diese, streng genommen, durchaus nur qualitative Gebundenheit an Quantitabilität wird hier nun selbst wieder angeschaut und dadurch unendlich quantirt. Die Ansicht hat sich allerdings verändert, indem sie bestimmter geworden ist.

Die Sache steht nun so: Das Quantitiren materialiter geschieht mit Freiheit und wird angeschaut, als mit Freiheit geschehend: dasselbe formaliter wird gedacht, als Etwas, woran das Wissen schlechthin gebunden ist. Materialiter – eben dass z.B. eine Fläche verbreitet, dieselbe so weit verbreitet wird, kurz eben die Anschauung der Fläche als solche: formaliter wird gedacht dieses Verfahren überhaupt, mit gänzlicher[91] Abstraction, wie weit oder nicht weit die Fläche verbreitet sey.

Gehen wir nach dieser allgemeinen Ansicht sogleich in die Nebensynthesen hinein, und zuvörderst in die der Anschauung. Das Quantitiren schaut sich an, als gebunden an sich selbst; quantitirt daher wirklich und mit Freiheit, um seine Gebundenheit auch nur anschauen zu können, setzt es inzwischen in diesem freien Quantitiren sich selbst voraus, als seine eigene Bedingung. Beide Glieder fallen durchaus zusammen. – Eins müssen wir zuerst kennen lernen: es sey das vorausgesetzte.

Es ist dies die stehende absolute Anschauung: also Mannigfaltigkeit, die sich in einem ruhenden Lichte selbst hält, ewig und unaustilgbar dieselbe? Was ist nun dies? Es ist, wenn ein Wissen gesetzt, der ruhende, stehende Raum. Kennen wir diesen, so kennen wir die bezeichnete Anschauung. – Bemerke man folgenden, gleich einem Blitzstrahle, wie mir scheint, die alte Finsterniss durchleuchtenden Gedanken. Der Raum soll seyn theilbar ins Unendliche. Wenn er nun dies ist, wie kommt denn das Wissen je dazu, ihn anzufassen; wo hat es denn die unendliche Theilung vollendet und die Elemente des Raumes umfasst? Oder anders: – wie kommt denn der Raum fürs Erste zu seiner inneren Gediegenheit, so dass er nicht in sich selbst hindurchfällt, in einen Nebel sich verdünnt und verschwindet? Ist sonach auch der Raum unendlich theilbar, so ist er es wenigstens in einer gewissen Ansicht nicht, um auch nur seyn und unter Anderem dies seyn zu können. Sein Mannigfaltiges (noch nicht das in ihm, denn davon wissen wir noch gar nichts) müsste sich gleichsam gegenseitig halten, damit er hielte und Gediegenheit bekäme. Ferner lehrt doch die Anschauung einen Jeden, dass er im Raume durchaus keine Construction, welche immer eine Agilität ist, vornehmen könne, wenn ihm der Raum nicht ruht oder stille steht. Woher diese Ruhe des Raumes? Ferner: Keiner kann eine Linie construiren, ohne dass ihm in dieser Construction Etwas in die Linie hineinkomme, das er nimmer construirt, noch zu construiren vermag; das er sonach gar nicht vermittelst des Linienziehens in die Linie hineinbringt, sondern vermittelst des Raumes, vor[92] allem Linienziehen voraus, bei sich gefühlt hat: es ist die Gediegenheit der Linie. (Ist die Linie das hindurchgehen durch unendlich viele Puncte, so ist die Linie unmöglich; die Puncte und die Linie selbst, zerfallen. Sie hingen aber dennoch im Raume zusammen, sind, in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit, zugleich dessen Continuität.) – Woher nun dieser, also zu denkende, in sich gediegene, stehende und ruhende Raum? Er ist die sattsam beschriebene Anschauung (das Fürsich- und Insichseyn der formalen Freiheit, die eine Quantitabilität ist), welche sich selbst sich selber, als absolut seyend, voraussetzt – nach dem nachgewiesenen Reflexionsgesetze des Bewusstseyns. Es ist der auf sich selbst ruhende und sich standhaltende Blick der Intelligenz; das ruhende immanente Licht – das ewige Auge in sich und für sich.

Wie verhält sich nun dazu das zweite Glied der Synthesis? Es ist ein freies Sichselbstergreifen in dieser Anschauung – ein Construiren, Nachmachen derselben, ein Lösen und wieder Verbreiten des Raumes; – aber wohlgemerkt, als ein sich schon voraussetzendes Ergreifen, weil ausserdem das erste Glied verloren ginge, was in keiner Reflexion geschehen darf. Es ist daher klar, dass eins durchaus nicht ohne das Andere ist, noch seyn kann: kein Raum, ohne Construction desselben, ohnerachtet nicht er, sondern nur sein Bewusstseyn dadurch erzeugt werden soll (ideales Verhältniss); keine Construction, ohne ihn vorauszusetzen (reales Verhältniss); dass daher alles Wissen dieser Art nicht in dem einen oder dem anderen, sondern durchaus in beiden Gliedern ruht, wie sich oben an dem Beispiele der Linie ergab. Die reine Richtung der Linie ist Resultat des letzten Gliedes, der Freiheit der Construction; ihre Concretion Resultat des stehenden Raumes. Ihr Ziehen ist offenbar synthetisch.

Dazu noch folgende Bemerkungen – Zuvörderst: für dieses Construiren ist der Raum theilbar ins Unendliche, d.h. man kann ins Unendliche fort Puncte machen, aus denen man in ihm construirt. – Ferner: der Raum ist ja sichtbar nichts Anderes, als die Quantitabilität selbst. Die angenommene Bestimmtheit ist sonach und bleibt rein und lediglich formal eine[93] Gebundenheit an die Quantitabilität selbst. Es bleibt auch hier bei dem obigen Satze: die formale Freiheit, schlechthin als solche, ist einziger Grund der Quantitabilität, mit allen ihren Resultaten. Auch der Raum ist nur Quantitabilität, und es kommt Nichts in ihn hinein, das da etwa aus dem Dinge an sich stammte. – Endlich: der substantielle gediegene und ruhende Raum ist, nach dem Gesagten, das ursprüngliche Licht, vor allem wirklichen Wissen, nur denkbar und intelligibel, nicht aber sichtlich und anschaubar durch die Freiheit erschaffen. Das Construiren des Raumes, nach dem zweiten Gliede der Synthesis, ist ein innerhalb des Wissens selbst vollzogenes Sichergreifen dieses Lichtes, Sichdurchdringen desselben immer aus Einem Puncte: es ist ein secundairer Lichtzustand, den wir zum Unterschiede Klarheit, den Act Aufklären nennen wollen. (Es ist zu bejammern, dass dieses herrliche Wort von allerlei losem und leichtfertigem Zeuge gemisbraucht worden.)

Corollaria. Die gelieferte Ableitung und Beschreibung des Raumes ist entscheidend für Philosophie, Naturlehre und alle Wissenschaft. Nur den letzten, construirten und construirbaren Raum, der an sich gar nicht möglich ist und in Nichts zerfliessen würde ohne die ursprüngliche in sich gediegene Anschauung, hat man, und zwar ganz besonders seit Kant, dessen System von dieser Seite sich schlecht verdient gemacht hat, für den einzigen Raum gehalten. (Es giebt für den, dem die Augen aufgegangen, nichts Spasshafteres, als die Begriffe der neueren Philosophie über den Raum.) Consequent verfolgt, hätte dies auf einen formalen Idealismus führen müssen. Weil man diesen aber scheute, so liess man sich nun in diesen verpfuschten Raum einen Stoff hineingeben, ohne weder das zu bedenken, dass, wenn man sich diesen habe geben lassen, der Raum schon ohne alles weitere Zuthun mitkommen wird; noch das, dass der Raum ohne innere Gediegenheit (und dies ist eben der Grund des famösen Stoffes oder der Materie) in eine unendliche Theilbarkeit = Nichts zerrinnt.

Da befürchtete man, wenn es in der Naturphilosophie zur Construction des materiellen Körpers kam, dass die Attractiv- und Repulsivkraft in ihm etwa einmal das Gleichgewicht verlieren[94] möchten, ohne dahinter zu kommen, dass diese beiden Begriffe nichts Anderes seyen, als eine doppelte Ansicht in der Reflexion von einem und demselben Gleichgewichte, ruhigem Stehen und Gehaltenseyn, der schon der Raum mit sich führt.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 90-95.
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