§ 39.

[117] Durch das letzte Resultat ist eine im Früheren übriggebliebenen Unbestimmtheit erledigt, zugleich ein weiterer Fortschritt in der ganzen Synthesis herbeigeführt.

Die in sich selbst ruhende ursprüngliche Anschauung des Wissens fand sich äusserlich als ein Construiren, Linienziehen in einem construirbaren Raume: innerlich und für sich selbst seyend, von der einen Seite als einige, durchaus lebendige, allenthalben von Leben und Freiheit durchdrungene Materie, von der anderen als dauernd einige Zeit, als hindurchgehend durch ein Mannigfaltiges einander einseitig bedingender Puncte. Dies war die Form der wirklich gesetzten inneren und äusseren[117] Anschauung, ihr Dass, – und folgte aus der Position der formalen Freiheit unmittelbar. Ueber die Grenzbestimmung des Quantums in jener Anschauung aber konnten wir keine Rechenschaft geben; die Anschauung erschien daher nicht in sich selbst gebunden und beschränkt, sondern es wurde nur noch im Allgemeinen behauptet, dass sie an eine nothwendige Beschränkung gebunden seyn müsse, diese war erst nur schematisirt.

Jetzt ist diese Lücke ausgefüllt: wir haben durch absolute Vereinigung des Denkens und Anschauens das Wissen in den Individualitätspuncten, in welchen es allein wirklich seyn kann, als schlechthin fertiges, geschlossenes und vollendetes Resultat einer Wechselwirkung innerhalb dieser inneren Mannigfaltigkeit nachgewiesen; es kann in jedem wirklichen Ergreifen seiner selbst aus seiner Grenze nicht heraus; dadurch ist denn auch seine Anschauung gebunden, als nothwendig die seine, und erhält so den Charakter empirischer Realität.

Ferner: Was oben in dem unmittelbaren Fürsichseyn als Gefühl bezeichnet wurde (§ 37), wird nun in der mit Denken sythesirten Anschauung, welche nothwendig ein ursprüngliches Quantitiren ist, Construction; und der Anfangspunct derselben – eben der Repräsentant des unmittelbaren Ergreifungs- und Gefühlpunctes – wird eben darum absolute, innere, immanente Kraft. Sie ist die gefundene Freiheit des Construirens absolut in einem Puncte, für die Construction daher als Anfangspunct derselben. Kraft ist von blosser Freiheit unterschieden, wie bestimmtes Seyn vom allgemeinen Grunde des Bildens: sie ist die gefundene, in einem solchen Individualtäts- (Gefühls-) Puncte sich ergreifende Freiheit; daher in Absicht des Organs der Auffassung die absolute Synthesis der Anschauung und des Gefühls.

Hiermit ist ein ferneres Glied zur Charakteristik des empirischen Wissens gefunden:

1) Das Ich ist durchaus nicht (für sich), ohne sich Kraft zuzuschreiben, denn es ist sich in einem bestimmten Puncte ergreifende Freiheit, Freiheit ist aber Quantitiren; dies aber,[118] in der Anschauung fixirt, ist bestimmte Quantität. Das Setzen der Kraft in der Selbstanschauung ist daher nicht möglich ohne Kraftäusserung innerhalb dieser bestimmten Quantität, und als selber durchaus bestimmte. (Es ist hier wieder die alte, uns schon bekannte Synthesis zwischen Denken und Anschauen: Gebundenheit und Bestimmung innerhalb einer allgemeinen Sphäre des Quantitirens.)

2) Diese Kraftäusserung, was sie auch seyn möge, ist durchaus ursprünglich und unmittelbar gefunden, daher nicht voraussetzend eine schon im Wissen als solche angetroffene Freiheit : sie ist daher keine willkürliche Freiheit. Denn das Bewusstseyn der Kraft ist unabtrennlicher Bestandtheil des absolut seyenden Wissens, und von diesem ist unabtrennlich die Anschauung einer Aeusserung der Kraft. Wie daher das Wissen sich ergreift, ist diese Aeusserung schon da (die da wohl nur eine organische und mit Einem Worte das organische Leben selbst seyn dürfte). Und so sind wiederum – wenn wir – die Wissenschaftslehre – uns zum Denken ergeben – alle Individuen sich gleich. Sie sind alle Kraft, der Form nach; nicht diese oder jene. Sie sind die Position der formalen Freiheit, eben als ein vorgefundenes Seyn, und weiter durchaus Nichts, welches in unendlichen Puncten wiederholt werden kann und sich überall gleich ist.

3) Die Bestimmtheit dieses Seyns oder diese Kraft ist nun durchaus nur für sie selber, d.h. in einem für sich selbst seyenden und an sich gebundenen Wissen. Für sie aber ist die Kraft nicht an sich, sondern nur durch ihre Aeusserungen bestimmt. Das ganze bestimmten Wissen ist daher ein Wissen nicht von Kraft oder Kräften, sondern eines Systemes von Aeusserungen der Kraft. Diese aber sind die bestimmten nur in ihrer Wechselwirkung mit allen übrigen im Universum. Durch ihr Verhältniss zu diesem ist daher die Kraft ebenso ursprünglich bestimmt.

4) Nun ist diese Bestimmtheit, wenn auch nur auf die Anschauung gesellen wird ein Theilbares nach Zeit und Raum. Das Ich umfasst daher, so wie es sich als bestimmte Kraft fasst, sich nothwendig als lebend und sich äussernd in einem[119] gediegenen, dauernden Momente (es schaut sich im Zeitleben an); ferner im Raume, als ein Quantum überall und durchaus belebter und freier Materie (Leib, die als Ich im Raume sich anschauende und angeschaute lebendige Materie). Aber dieses Ich ist in dem empirischen Wissen, von welchem hier die Rede ist, durchaus an sich selbst gebunden, und kann nicht aus sich heraus: es kann daher auch aus dieser Anschauung seiner Zeit und Materialität nicht heraus. Wie weit die Wahrnehmung sich auch erstrecken möge; jene Grundbestimmtheit ist die Eine unverrückbare Grundlage. Der in der Uranschauung also ergriffene Leib bleibt derselbe, so gewiss das Ich in aller Wahrnehmung auf sich selber ruht und alle Wahrnehmung, so gewiss sie in der Anschauung auf ihr Princip, ihren Anfangspunct, zurückgeführt wird, wird auf ihn, den Leib, zurückgeführt: alle Empfindung, Anschauung, Wahrnehmung eines Anderen ist eigentlich nur die Selbstempfindung, Selbstanschauung der in ihm vorgegangenen Veränderung. – Ebenso: das Ich kann aus seiner Zeit nicht heraus. Diese eigene Zeit des Ich nun ists, von welcher hier die Rede ist, nicht die allgemeine Zeit, nicht das Leben des Einen Universum und der Ablauf der Begebenheiten in ihm, – eine Ansicht, zu der das Ich erst von seiner Zeit aus, und durch Abstraction von dieser, sich erheben kann. Diese seine Zeit wird nun, wie von selbst einleuchtet, nicht wahrgenommen, sondern nur gedacht: sie ist offenbar ein Begriff. Aber in ihr wahrgenommen, was da wahrgenommen wird. Das Ich ist an sich gebunden, und durch diese absolute Gebundenheit wird der Charakter des empirischen Wissens bestimmt; – dies heisst nun ausführlicher: es ist an die Identität seines Leibes – an die Identität, sage ich, denn von da aus; von dem unveränderlichen Puncte, wird überhaupt ein Leib gefasst, – und an die Subjective, innere Identität seiner Zeit, seines Zeitlebens gebunden.

5) Nun kommt es in Absicht dieser individuellen Zeit darauf an, die Möglichkeit eines einzelnen, geschlossenen Momentes der Wahrnehmung in ihr, und die eigentliche Bedeutung und den Inhalt dieses Momentes zu erklären: – eines Momentes in der individuellen Zeit nemlich, keinesweges ihrer selbst,[120] denn sie wird nicht wahrgenommen, sondern gedacht. – Zufolge der Erklärung des Systemes des Wissens durch Denken, ist sein Inhalt Wechselwirkung der Aeusserung meiner Kraft mit der Kraft des Universums. Diese Aeusserung aber ist ihrem Stoffe nach Freiheit; diese ist unendlich, und wenn das Wissen bloss auf ihr schwebte, so käme es nie zu wirklichem Wissen. Damit es zu einem solchen kommen kann, muss es sich davon, nach der Art des Denkens losreissen, das unendliche Reale, gleichsam es schematisirend, in die Einheit fassen. – Dies, sahen wir, ist die Form des Gesetzes, nach welchem allein wir das zu Standekommen eines solchen, in einem Momente geschlossenen Wissens erklären können. Es würde daher, um sogleich davon die Anwendung zu machen, im Puncte der einzelnen Wahrnehmung selbst eine Duplicität liegen, deren Glieder sich verhalten, wie Anschauung und Denken, und zwischen denen, wenn man sie denkend theilt, – (dies ist wichtig) – derselbe absolute, durch keine Reflexion auszufüllende, sondern eben das Letzte, Unerreichbare des Wissens selbst ausmachende hiatus läge, den wir allenthalben zwischen Denken und Anschauung gefunden haben. Durch das erste erfasste das Ich sich, durch die zweite ginge es heraus zur Welt, ergriffe sich in dieser; es ist aber kein Ich ohne Welt, und keine Welt ohne Ich.

Nun ist klar und bedarf keiner Erinnerung, dass das loh hier nicht etwa mit Freiheit dieses Gesetz anwendet, indem es ja durchaus in sich selbst befangen ist: – nur wir von unserem überfactischen Standpuncte aus erklären es aus jenem in seiner Allgemeinheit nachgewiesenen Gesetze also. In ihm selbst ist es so, und wenn es nicht so wäre, so waren eben kein Wissen: diese Bestimmtheit des Wissens ist eben das Seyn des Wissens selbst in diesem Momente, oder in diesem u.s.w. Ohne dieses Seyn des Wissens hätte selbst unser Fragen nach ihm keinen Sinn.

Dies zuvörderst, um nur die Möglichkeit so einzelner Momente zu erklären. Dann kam es darauf an, aus Einem beliebigen Momente, als nothwendig mit ihm verknüpft, andere, ja eine unendliche Folge derselben abzuleiten. Geschieht dies[121] nicht, so ist das Wissen nie aus sich selbst erklärt und in sich selbst begriffen; es bedarf immer noch einer occulten Qualität, aus der ihm eine neue Zeit komme, wenn es den gegenwärtigen Moment verbraucht hat.

Dies ist nun zufolge des eben Gesagten leicht und erklärt zugleich wieder das Vorhergehende. In jedem Momente schwebt nemlich die Anschauung auf einem Unendlichen; um aber in wirklicher Anschauung es zu ergreifen, muss sie es bestimmen, im geschlossenen Momente begrenzen: wirkliches Anschauen und Begrenzen ist eins. Dies Begrenzen ist aber zugleich nur Bestimmen innerhalb der Unendlichkeit: so tritt zur Anschauung ebenso schlechthin ursprünglich das Denken hinzu; und dies Gesetz der ewigen Wechselwirkung zwischen Anschauen und Denken, Begrenzen und Setzen der Unendlichkeit, giebt ein nie zu vollendendes Unendliche einzelner an einander gereihter Zeitmomente. Die Gediegenheit der Zeit kommt nicht aus Begrenzung und Geschlossenheit, sondern aus der in sie aufgenommenen Unendlichkeit.

Es ist ursprünglich eine Denkreihe innerhalb der Einen Materie des Wissens: der Freiheit und des Quantitirens. Setze: diese Denkreihe selbst wird gedacht; so ist die ganze, die unendliche, gefasst. Wird sie factisch, damit realiter und gebunden, angeschaut so hast du kurz und gut das empirische Wissen. Die Individualitäten sind auch eine solche Reihe, doch nicht, wie jene, liegend in der Anschauung, und Producte jener ursprünglichen Synthesis von Anschauen und Denken, sondern die Unendlichkeit dieser Synthesis, die ihre Einheit und Grundlage wiederum im absoluten Seyn findet, vollzieht und verwirklicht sich eben in ihnen.

6) Lassen wir, was in diesen also beschilderten Momenten der Wahrnehmung die Form des Anschauens trägt, jetzt fallen und halten uns an die Identitätsform. Wie nun hängen die discreten Momente der Zeit zusammen? Eben im Denken der Zeit überhaupt, als dem Gesetze des Wissens, aber, als fliessende Unendlichkeit, einseitig einander bedingend. Das Ich ist daher in der eigenen Selbstanschauung ebenso ursprünglich an ihre Folge gebunden: sie kann in ihrer factischen Bestimmtheit[122] nicht näher erklärt, als nothwendig aufgewiesen werden; nur das ist Gesetz, dass überhaupt eine Folge sey (Grundcharakter des empirischen Wissens oder reinen Wahrnehmens der Zeitfolge nach). – In jedem Momente wird durch Denken und Anschauen weitere Zeit umfasst, so der concreten Wahrnehmung vorgegriffen und ihr eine Sphäre bereitet: was aber in diese Zeit fallen wird, lässt sich nicht erschliessen; man wird es wissen erst in dieser Zeit, denn hierhinein fällt die fortgehende Entwicklung des seyenden Ich. Eine wirkliche Wahrnehmung ist ein durchaus Neues für das Wahrnehmen selbst, niemals a priori zu Erfindendes.

Ueber den formalen Charakter dieses Wissens ist daher so viel klar: es ist das, das Zeitseyn des Wissenden selbst ausmachende, durchaus unmittelbare Wissen: ein Seyn, das schlechthin Wissen, ein Wissen, das schlechthin Seyn ist; das daher in sich abgerissen und discret, in jeder Weise urfactisch bestimmt ist, ebendeshalb weder genetisch noch factisch erklärt werden kann: – mit Einem Worte dasjenige, was die Sprache am Schicklichsten die Gefühle (in plurali und kat' exochên) nennt, roth, grün, u.s.w. Dass diese Resultat der Wechselwirkung des Einzelnen mit dem Universum sind, sagt das sich selbst erklärende Wissen. Wie nun aber die Naturkräfte es machen, nach welcher Regel und Gesetz, um sich gerade so zu äussern, wird Keiner sagen können, und dies ist eben der beschriebene absolute hiatus. Es soll es auch in Ewigkeit Keiner sagen wollen, denn wer dies sagte, dem wäre das Wissen ausgegangen und er sagte es daher nicht (vgl. N. 5.). – Zugleich verhält es sich auch gar nicht so, dass die Naturkräfte in diesen Gefühlen sich äussern; beide sind nichts an sich, sondern sie sind nur das in der Anschauung und Facticität nie zu erfassende Verhältniss des Wissens zum absoluten Seyn.

7) Noch ein anderer Hauptzug: – Das in der Zeit liegende Discrete – die Reihe der wirklichen Gefühle – ist nach allem Gesagten ein blosses, absolutes Wissen, durchaus als solches. Ferner ist es eine empirische Einheit: es ist mein Wissen, zusammenhängend für mich durch die Zeit und sonst durch Nichts: ich bin dieses mein Wissen, und dies mein Wissen ist[123] Ich. Es giebt kein anderes Ich, kein allgemeines. Die Bedeutung dieses Wissens im Denken (wenn durch Denken darüber hinausgegangen und es gedeutet wird), nicht etwa dieses Wissen selbst, wie es unmittelbar aufgefasst wird, ist, dass es sey das Wissen von meinem Seyn im Universum. Dies ist es nun heute, wie gestern, und in alle Ewigkeit immer auf dieselbe Weise. Was wird denn also durch das Fortgehen meines Wissens verändert? Es geht fort durch eine Kette einseitig bedingender Glieder; es ist nur formal: es kann daher nur der Form, keinesweges der Materie nach, die dieselbe bleibt, verändert werden. Die reine Form des Wissens in Absicht der Quantitabilität ist aber Klarheit. Es nimmt daher durch den Fortgang zu an Klarheit, welche es über die Erkenntniss des Universums ausbreitet; diese Gradation aber ist unendlich. – Dass übrigens die Anschauung entäussert, auf ein objectives Universum überträgt, was im Ich, in der Grundform der Anschauung liegt, ist aus dem Obigen bekannt.

Quelle:
Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846, S. 117-124.
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