Neuntes Bruchstück

Vāseṭṭho

[141] Das hab' ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Icchānaṉgalam, im Waldgehölz von Icchānaṉgalam.

Um diese Zeit nun hielten sich viele wohlbekannte, wohlberühmte hochmögende Priester zu Icchānaṉgalam auf, als da waren Caṉkī der Priester, Tārukkho der Priester, Pokkharasāti der Priester, Jāṇussoṇi der Priester, Todeyyo der Priester, und noch andere wohlbekannte, wohlberühmte hochmögende Priester.

Als nun eines Tages Vāseṭṭho und Bhāradvājo, zwei junge Brāhmanen, auf einem Spaziergange lustwandelnd sich ergingen, kam folgende Rede unter ihnen auf:

»Sagt mir, Herr, wie man Priester wird!«

Bhāradvājo der junge Brāhmane gab also Antwort:

»Wenn da, Herr, einer beiderseit wohlgeboren ist, vom Vater und von der Mutter aus, lauter empfangen, bis zum siebenten Ahnherrn hinauf unbefleckt, untadelhaft von Geburt, ist er insofern, Herr, ein Priester.«

Vāseṭṭho der junge Brāhmane gab also Antwort:

»Wer da, Herr, tugendhaft ist und gewissenhaft lebt1, ist insofern, Herr, ein Priester.«

Aber weder vermochte Bhāradvājo der junge Brāhmane Vāseṭṭho den jungen Brāhmanen zu seiner Ansicht zu bringen, noch auch vermochte Vāseṭṭho der junge Brāhmane Bhāradvājo den jungen Brāhmanen zu sich zu bekehren. Da wandte sich denn der junge Vāseṭṭher also an den jungen Bhāradvājer:

»Es hält sich da, o Bhāradvājo, der Asket Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat, bei Icchānaṉgalam auf, im Waldgehölz bei Icchānaṉgalam. Diesen Herrn Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerherde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Wir wollen uns, o Bhāradvājo, dorthin begeben wo der Asket Gotamo weilt und den Asketen Gotamo [142] darum befragen: wie es uns der Asket Gotamo erklären wird, so wollen wir es halten.«

»Gut, Herr!« sagte da zustimmend der junge Bhāradvājer zum jungen Vāseṭṭher.

Und die beiden jungen Brāhmanen Vāseṭṭho und Bhāradvājo begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt tauschten sie höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der junge Vāseṭṭher den Erhabenen mit den Sprüchen an:


594

»Als Kenner sind wir anerkannt,

In drei der Veden eingeweiht:

Pokkharasāti lehrte mich,

Tārukkho diesen, meinen Freund.


595

Was Vedendeuter kundgetan,

Vollkommen haben wir's gemerkt,

Behalten sinnig Satz um Satz

Und sprechen wie ein Meister spricht.


596

Als von Geburt die Rede war

Erstand ein Streit uns, Gotamo:

›Ein Priester ist man durch Geburt‹,

Behauptet Bhāradvājo hier,

Ich aber sage: durch die Tat;

Du sollst es wissen, Seherfürst!


597

Und keiner können beide wir

Zufrieden mit einander sein:

Den Herrn zu fragen sind wir da,

Den Auferwachten hochberühmt.


598

Gleichwie der vollgewordne Mond,

Hervorgekommen, fromm begrüßt

Vom Volke, froh gefeiert wird,

So preisen sie auch deinen Preis.


[143] 599

Das Auge, das der Welt erwuchs,

Befragt sei von uns Gotamo:

Ist man ein Priester durch Geburt,

Ist man es durch die Tat allein?

Die Ungewissen weise du,

Auf daß den Priester wir verstehn.«


Der Herr:


600

So will ich denn erklären euch

Der Reihe nach und recht genau

Der Wesen mancherlei Geburt,

Von einer Art zur andern Art.


601

Das Gras, ihr kennt es, kennt den Baum,

Doch euch erkennen diese nicht:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.


602

Die Kerfe dann, was kriecht und fliegt,

Ameisen, Asseln insgesamt:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.


603

Vierfüß'ge Tiere, klein und groß,

Auch sind euch diese wohlbekannt:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.


604

Bauchläufer kennt ihr, was da schleicht

Als Schlange hin, als Echse her:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.


[144] 605

Und Fische kennt ihr, was da schwimmt

Und schweifend in Gewässern west:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.


606

Die Vögel kennt ihr, was da schwebt,

Auf Schwingen durch die Lüfte zieht:

Ihr Stamm ist von Geburt bestimmt,

Von einer Art zur andern Art.


607

Wie nun bei diesen Arten hier

Bestimmt ist einzeln jeder Stamm,

So gilt es bei den Menschen nicht,

Daß einzeln sei der Stamm bestimmt.


608

An Haaren nicht, am Haupte nicht,

An Ohren und an Augen nicht,

Am Munde nicht, an Lippen nicht,

An Nase nicht, an Brauen nicht,


609

Am Halse nicht, an Schultern nicht,

Am Bauche nicht, am Rücken nicht,

An Brust nicht und an Hüften nicht,

An After nicht und nicht an Scham,


610

An Händen und an Füßen nicht,

An Fingern und an Nägeln nicht,

An Schienen und an Schenkeln nicht,

Nicht an Gestalt und Stimme nicht

Ist einzeln jeder Stamm bestimmt

Wie bei den andern Arten hier.


[145] 611

Gemeinsam ist ein jeder Mensch

Mit seinem Leibe so begabt:

Was Menschen unterschieden macht,

Es ist ein Name, den man gibt.


612

Wer es von Menschen immer sei,

Der von der Viehzucht sich ernährt,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Bauer heißt er; Priester nicht.


613

Wer es von Menschen immer sei,

Der durch ein Handwerk sich erhält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Handwerker heißt er; Priester nicht.


614

Wer es von Menschen immer sei,

Der sich durch Handel unterhält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Händler heißt er; Priester nicht.


615

Wer es von Menschen immer sei,

Der sich in andrer Dienst erhält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Dienstmann heißt er; Priester nicht.


616

Wer es von Menschen immer sei,

Der nimmt was ihm nicht angehört,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Räuber heißt er; Priester nicht.


617

Wer es von Menschen immer sei,

Der sich um Sold verdungen hat,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Söldner heißt er; Priester nicht.


[146] 618

Wer es von Menschen immer sei,

Der Opferamt bei Hofe hält,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein Opfrer heißt er; Priester nicht.


619

Wer es von Menschen immer sei,

Der über Land und Leute herrscht,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl:

Ein König heißt er; Priester nicht.


620

Nicht kann als Priester gelten mir

Ein fleischgeborner Muttersohn;

Wohl spricht er andre eifrig an

Und strebt nach diesem, strebt nach dem:

Wer nichts erstrebt, wer nichts mehr nimmt,

Als Priester gelten kann mir der.


621

Wer jedes Band durchschnitten hat,

Wer nimmer bange Furcht erfährt,

Der Überwinder, fesselfrei,

Als Priester gelten kann mir der.


622

Wer Band und Riemen, Strang und Seil

Mit Macht zerschnitten hat entzwei

Und, auferwacht, den Riegel hebt:

Als Priester gelten kann mir der.


623

Wer Schmähung, Schläge, Haft und Tod

Geduldig, ruhig, sanft erträgt,

Der Dulderheld, der herrlich taugt:

Als Priester gelten kann mir der.


[147] 624

Der unerzürnbar schlichte Mann,

Der alles aushält, nichts verwünscht,

Der sanft das letzte Dasein lebt:

Als Priester gelten kann mir der.


625

Dem Tropfen gleich am Lotusblatt,

Dem Senfkorn gleich an spitzem Pfriem:

Wer an der Lust nicht hängen bleibt,

Als Priester gelten kann mir der.


626

Der Leiden Ende, wer es da

Hienieden noch an sich erfährt,

Von Lasten ledig, Fesseln frei:

Als Priester gelten kann mir der.


627

Der tief bedacht ist, weise will,

Den Weg und Abweg deutlich schaut,

Das höchste Gut errungen hat:

Als Priester gelten kann mir der.


628

Der Welt entfremdet, Brüdern fremd,

Sich keinen Menschen schließend an,

Zufrieden ohne Heim und Haus:

Als Priester gelten kann mir der.


629

Verwerfend jede Waff' und Wehr,

Nicht Tieren feind, nicht Pflanzen feind:

Wer weder tötet, weder schlägt,

Als Priester gelten kann mir der.


630

Wutlos in dieser Wütenswelt,

Wehrlos in dieser Waffenwelt,

Wunschlos in dieser Wunscheswelt:

Als Priester gelten kann mir der.


[148] 631

Wer abgeworfen Gier und Haß

Und Hochmut und Scheinheiligkeit,

Senfsamen gleich von spitzem Pfriem:

Als Priester gelten kann mir der.


632

Wer ohne Ärger, ohne Grimm

Der Wahrheit klare Sprache spricht,

Wodurch er keinen kränken kann:

Als Priester gelten kann mir der.


633

Wer da nicht Großes, Kleines nicht,

Was fein ist, grob, schön, unschön ist,

Wer nichts von allem nehmen mag:

Als Priester gelten kann mir der.


634

Wer nichts erhofft von dieser Welt,

Wer nichts erhofft von jener Welt,

Von Hoffnung heil ist, fesselfrei:

Als Priester gelten kann mir der.


635

Wer nirgend haften, hangen kann,

In Weisheit nimmer ungewiß,

Am ew'gen Ufer angelangt:

Als Priester gelten kann mir der.


636

Wer guter Tat und böser Tat,

Wer beiden Fesseln sich entwand,

Geläutert, ohne Gier und Gram:

Als Priester gelten kann mir der.


637

Dem reinen vollen Monde gleich,

Der klar und heiter herrlich strahlt:

Wer Gnügelust versiegen ließ,

Als Priester gelten kann mir der.


[149] 638

Wer diesem Irrweg, diesem Sumpf,

Dem Wahn der Wandelwelt entrann,

Gerettet, welterlöst, vertieft,

Unwandelbar, unzweifelhaft,

Erloschen ohne Überrest:

Als Priester gelten kann mir der.


639

Wer da der Liebe Glück verschmäht

Und haus- und heimlos weiterzieht,

Wer Liebeslust versiegen ließ,

Als Priester gelten kann mir der.


640

Wer Durst nach Dasein da verschmäht

Und haus- und heimlos weiterzieht,

Wer Durst nach Dasein hat versiegt,

Als Priester gelten kann mir der.


641

Entronnen diesem Menschenreich,

Entgangen aller Götterwelt,

Von jedem Joche losgelöst:

Als Priester gelten kann mir der.


642

Der Lust und Unlust abgewandt,

Verglommen nirgend haftend an,

Der Überwinder aller Welt:

Als Priester gelten kann mir der.


643

Der Wesen Schwinden, wer es merkt,

Und ihr Erscheinen allzumal,

Unhaftbar, selig, auferwacht:

Als Priester gelten kann mir der.


[150] 644

Von dem nicht Götter, Geister nicht

Und Menschen nicht die Spur erspähn:

Der Wahnversieger, Weiheherr,

Als Priester gelten kann mir der.


645

Wenn nichts mehr gilt Vergangenheit,

Nichts Zukunft und nichts Gegenwart,

Wer nichts erstrebt, wer nichts mehr nimmt:

Als Priester gelten kann mir der.


646

Der Hehre, allerbeste Held,

Der hohe Seher, siegesreich,

Vollendet, ewig, auferwacht:

Als Priester gelten kann mir der.


647

Vergangen Dasein, wer das kennt,

So Unterwelt wie Oberwelt,

Und die Geburten hat versiegt:

Als Priester gelten kann mir der.


648

Nur Name ist es in der Welt

Den Stand und Titel darzutun,

Von alters überkommen uns,

Gegeben weiter fort und fort.


649

Was lange Zeiten man geglaubt,

Das Wort Unweiser, ihr Gebot,

Man spricht es also noch uns vor:

›Ein Priester ist man durch Geburt.‹


650

Geburt macht nicht den Priester aus,

Geburt läßt nicht Unpriester sein:

Die Tat macht einen Priester aus,

Die Tat läßt ihn Unpriester sein.


[151] 651

Ein Bauer ist man durch die Tat,

Ist durch die Tat ein Handwerksmann,

Ein Händler ist man durch die Tat,

Ist durch die Tat im Dienste Knecht,


652

Ein Räuber ist man durch die Tat,

Ist durch die Tat ein Kriegsoldat,

Ein Opfrer ist man durch die Tat,

Ist durch die Tat ein Landesherr.


653

Getreu der Wahrheit, wohlbewährt,

Betrachten Denker so die Tat;

Wie eines aus dem andern folgt

Verstehn sie, was die Tat erwirkt.


654

Durch Taten ist die Welt bedingt,

Bedingt durch Taten ist das Volk;

Um Taten dreht sich jedes um,

Wie um die Achse rollt das Rad.


655

Ein heißer Ernst, ein keuscher Sinn,

Genugsamkeit und Selbstverzicht,

Das macht den Menschen Priester sein,

Ist allerhöchste Priesterschaft.


656

Der Wissen dreifach in sich trägt,

Gestillt versiegt hat Wiedersein,

Verstehe da, Vāseṭṭho, wohl,

Ist Brahmā, Sakko, recht erkannt.«


Also belehrt sagten da die jungen Brāhmanen Vāseṭṭho und Bhāradvājo zum Erhabenen:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Als Anhänger möge uns Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 141-152.
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