Zehntes Bruchstück

Späterhin

[197] Ein Anhänger:


848

Wie muß man schauen, taugen wie,

Auf daß man heiße »stillgemut«:

O gib es an mir, Gotamo,

Befragt um höchstes Menschentum.


Der Herr:


849

Kein Dürsten nach dem Späterhin,

Dem Früherher nicht zugeneigt,

Inmitten unersinnbar sein:

So hat man vor sich kein Gesicht.


850

Der Zürnen nicht, nicht Fürchten kennt,

Kein Prahlen, keinen Groll begreift,

Bedachtes ausspricht, ungespreizt:

Er schränkt als Denker ein das Wort.


851

Er hofft nicht auf die Zukunft hin,

Vergangnem seufzt er nicht mehr nach;

Er weicht vor jedem Eindruck aus,

Da lockt ihn keine Ansicht an.


852

Bei sich geborgen, ohne Trug,

Erspäht er und erwartet nichts,

Er drängt nicht vor sich, niemals dreist,

Verschollen wo man andre schilt.


[198] 853

An holden Dingen hangt er nicht,

Und keinem Hochmut ahmt er nach;

Und wann er redet spricht er sanft,

Nicht gläubig, immer angeregt.


854

Um kein Erlangen müht er sich,

Erlangt er nichts, es gilt ihm gleich;

Kein Durst mehr kann ihn stacheln auf,

Noch schmachten lassen nach Geschmack.


855

Wohl ausgeglichen bleibt er klar,

Vergleicht nicht wieder sich der Welt,

Ob er da besser, schlechter sei,

Wird also nimmer sein empört.


856

Wer nicht mehr ein sich pflanzen mag,

Die Satzung merkt, uneingepflanzt,

Nach Sein und Nichtsein, wie es sei,

Ein Dürsten wer da nimmer kennt:


857

Ihn kann ich heißen »stillgemut«;

Bekümmert um kein Wunschgebiet,

Gebunden an kein Fesselband,

Entglitten ist er aus dem Garn.


858

Kein Sohn ist, keine Herde sein,

Nicht Feld und Wiese, Haus und Hof;

Nicht Eigen, auch Uneigen nicht

Ist aufzufinden je bei ihm.


859

Was immer da die Menge spricht,

Und Priester- und Asketenschar,

Es kommt ihm nicht mehr vor den Sinn,

Und kein Gerede regt ihn auf.


[199] 860

Der Gier entgangen, ohne Sucht,

Mit Höhern spricht der Denker nicht,

Mit Gleichen nicht, Geringern nicht,

Weiß Zweck nicht, ohne Zweck er selbst.


861

Wer in der Welt nichts eigen nennt,

Sich über Arges nicht mehr kränkt,

Den Dingen nicht mehr nahe geht:

Ihn darf man heißen »stillgemut«.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 197-200.
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