Sechzehntes Bruchstück

Fragen Sāriputtos

[219] Sāriputto:


955

Gesehn, ich hab' es nie zuvor,

Und auch von keinem je gehört,

Wie mildberedt ein Meister hier

Erheitern kann die Jüngerschar.


956

Auf Erdepfaden, Himmelspur,

Und wo der Seher sonst erscheint:

Er läßt entschwinden allen Dust,

Allein zu wandeln mittendurch.


957

Der wache Herr, entbunden, heil,

Der seinem Jünger nichts verhehlt:

Wo da gar manche Falle fängt,

Er darf um Deutung sein befragt,


958

Vom Mönche, der verlassen lebt,

An ödem Orte gern verweilt,

Am Waldessaum, am Leichenfeld,

In Bergesmulde, Felsengruft.


959

An Orten wo man manches hört,

Wie viel des Argen hört man dort,

Was keinen Mönch verrütten kann

An Orten wo man nichts vernimmt.


[220] 960

Wieviel der Klippen trifft er an,

Ins Unbetretne wer da tritt,

Als Mönch zu dringen rüstig vor,

In tiefer Stille Tag um Tag.


961

In was für Gleisen mag er gehn,

In was für Bahnen wandeln hier,

Vollbringen was für Tugendwerk,

Ein Mönch, der keine Müde kennt.


962

Ein solcher übt nun welche Kunst,

Alleinsam, heiter, hellgemut,

Auf daß er, wie man Silber glüht,

Entglühn die Schlacken kann bei sich.


Der Herr:


963

Verlassen wer da lebt, es macht ihn fröhlich,

An ödem Orte Siedler wann er sein mag,

Erwachen daß er wirke nach der Satzung:

Ich will es an dir künden, was ich kenne.


964

Verübeln darf kein Starker fünf der Übel,

Gewitzigt wer als Mönch zu Ende wandelt:

Nicht Mücken, Fliegen nicht und keine Schlangen,

Der Menschen nicht und nicht Vierfüßer Anstoß.


965

Die Satzung andrer darf ihn dann nicht ärgern,

Entdeck' er auch der Übel noch so viele:

Nur weiter soll er dringen vor und weiter,

Entgangen hier den Klippen Heil erkunden.


[221] 966

Ergreift ihn Fieber, reißt an ihm der Hunger,

In Frost, in Gluten bleib' er gleich geduldig:

Er wird es oft empfinden also, heimlos,

Die Kraft erkämpfen, daß er stark bestehe.


967

Kein Diebstahl, keine Lüge mag ihn fassen,

In Liebe strahlt durch die Wesen alle:

Was trüb den Sinn umwölkt, er wird es merken,

Das finstre Teil erkennen so, verscheuchen.


968

Den Zorn, den Übermut, er muß ihn zwingen,

Und zwar entwurzeln, darf nicht eher rasten:

Was irgend ihm genehm sei, ungenehm sei,

Er wird es, Herr geworden, wohl beherrschen.


969

Voran die Weisheit übt er rechte Wonne,

Kann rüstig überkommen jene Klippen,

Unlust verwinden in der tiefen Stille:

Vierfache Sorge wird er so verwinden.


970

›Wovon doch leb' ich nur‹, ›Wo find' ich Nahrung mir‹,

›Bin übel ausgeruht‹, ›Wo halt' ich heute Rast‹:

Gedanken also nachzuhängen sorgenhaft

Vergeß' er kühn, der hausentwohnt als Wandrer schweift.


971

Und reicht man Speise, wieder auch den Rock dar,

Das Maß, er mag es halten hier genugsam,

Die Sinne hüten, stumm das Dorf durchschreiten,

Verrufen auch kein rauhes Wort erwidern.


972

Gesenkten Blickes weiterziehn, kein Schwärmer,

Getreu der Schauung wird er wachsam bleiben:

Wohl ausgeglichen, einig im Gemüte,

Sein Grübelreich von Unmut abzugrenzen.


[222] 973

Verpönt man ihn, mag Einsicht ihn erquicken,

Im Orden soll er Tröster sein Betrübten,

Sein Wort, er wend' es kundig an, zur Unzeit nicht,

Nicht was der Menge billig dünkt bedenk' er da.


974

Noch muß den Staub man fünffach in der Welt verstehn,

Gar witzig um zu säubern sich davon:

Gestalten wo man, Töne merkt, Geschmack,

Bei Duft, bei Tastung darf kein Reiz erfunden sein.


975

Von diesen Dingen lenkt er weg den Willen,

Als Mönch gewitzigt, abgelöst im Geiste;

Beizeiten der die Satzung mag erforschen,

Er mag den Nebel dringen durch alleinsam.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 219-223.
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