Fünftes Bruchstück

Die Fragen des Jüngers Mettagū

[241] Mettagū:


1049

O löse mir, Erhabner, diese Frage,

Du, glaub' ich, kennst die Kunde, selbstgenugsam:

Wo sind uns her die Leiden doch gekommen,

So vielgestalt auch in der Welt entstanden.


Der Herr:


1050

Wie Leid entstehe magst du von mir wissen,

Ich will es an dir künden, was ich kenne:

Anhaftend keimen auf, erwachsen Leiden,

So vielgestalt auch in der Welt entstanden;


1051

Unwissend wer Anhaften hat erkoren

Erleidet lässig immer wieder Elend:

Und also wird man weise nicht mehr haften

Wo Leiden man entstehn sieht und erwachsen.


Mettagū:


1052

Um was wir da gefragt, es ward erklärt uns;

Noch frag' ich eines dich, o das verkünde:

Wie kann der Flut entkommen doch der Starke,

Geburt und Alter enden, Harm und Jammer?

Das mag der Denker hold mir offenbaren:

Denn sicher hast ersehn du solche Satzung.


[242] Der Herr:


1053

Die Satzung will ich weisen dir,

Gleich sichtbar, keiner Sage Wort,

Wo klar der Pilger, kennt er sie,

Dem Garn entweichen kann der Welt.


Mettagū:


1054

So heiß' ich gar willkommen mir

Die beste Satzung, großer Herr,

Wo klar der Pilger, kennt er sie,

Dem Garn entweichen kann der Welt.


Der Herr:


1055

Was irgend wahr du nehmen magst,

Von oben, unten, oder mittendurch:

Genüge wirst du, wirst Gewöhnung meiden,

An kein Gebilde binden dein Bewußtsein.


1056

Wer also klar und unermüdlich ausharrt,

Als Pilger hat verwunden alle Meinheit:

Geburt und Alter enden, Harm und Jammer,

Schon hier, das weiß er, wird er lassen Leiden.


Mettagū:


1057

Gar hoch willkommen heiß' ich, Herr, dein Meisterwort,

Anhaften wie es, Gotamo, so ganz vermahnt;

Gewiß, Erhabner, bist entgangen Leiden:

Denn sicher hast ersehn du solche Satzung.


[243] 1058

Und können die nun lösen sich von Leiden,

Belehrst du sie, o Denker, was da not ist,

So ehr' in dir ich, seh' den großen Ilphen:

O daß er noch was not ist an mir deute!


Der Herr:


1059

Als Priester wen man preisen darf gewitzigt,

Entwesen wer an keinem Wunsche haftet:

Entkommen ist er so gewiß den Fluten,

Am Ufer angelangt unsehrbar sicher.


1060

Als Kenner so gewitzigt wer da worden,

Bei Sein wie Nichtsein ledig also hanglos,

Von Durst genesen ohne Weh' und Wunsch bleibt:

Geburt und Alter hat er überwunden.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 241-244.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon