Neuntes Bruchstück

Hemavato

[39] Sātāgiro:


153

Bei vollem Monde heut, am Feiertag,

Wann himmlisch hell die Nacht erscheint,

Erhabnen Meister hier erschaun,

Wohlan denn, laßt uns gehn zu Gotamo!


Hemavato:


154

Ist auch sein Herz den andern hold,

Erbarmer allem was da lebt?

Ist auch bei Wohl ihm wie bei Weh'

Alsbald erbötig Sinngewalt?


Sātāgiro:


155

Sein Herz, es ist den andern hold,

Erbarmer allem was da lebt;

Es ist bei Wohl ihm wie bei Weh'

Alsbald erbötig Sinngewalt.


Hemavato:


156

Er nimmt auch nicht was nicht man gibt,

Er schont auch jedes Wesen zart?

Er zieht auch nicht als Schwärmer hin,

Ist an die Schauung auch gewohnt?


[40] Sātāgiro:


157

Auch nimmt er nicht was nicht man gibt,

Auch schont er jedes Wesen zart;

Auch zieht er nicht als Schwärmer hin,

Gewohnt an Schauung, auferwacht.


Hemavato:


158

Er sagt auch keiner Lüge Wort,

Er geht auch schlechte Gleise nicht?

Er gibt auch nicht Verkehrtes an,

Er spricht auch nicht in kreuz und quer?


Sātāgiro:


159

Auch sagt er keiner Lüge Wort,

Auch geht er schlechte Gleise nicht;

Auch gibt er nicht Verkehrtes an,

Als Denker spricht er was da taugt.


Hemavato:


160

Er krankt an keiner Wünsche Reiz,

Bewahrt auch immer klar den Geist?

Er kennt auch keine Wirrsal mehr,

Er blickt auch fein die Dinge durch?


Sātāgiro:


161

Er krankt an keiner Wünsche Reiz,

Bewahrt auch immer klar den Geist;

Auch kennt er keine Wirrsal mehr,

Blickt auferwacht die Dinge durch.


[41] Hemavato:


162

Er hat auch Wissen auserwirkt,

Ist auch im Wandel recht bewährt?

Er hat auch wohl den Wahn versiegt,

Entwesen aller Wiederkehr?


Sātāgiro:


163

Auch hat er Wissen auserwirkt,

Ist auch im Wandel recht bewährt;

Auch hat er wohl den Wahn versiegt,

Entwesen aller Wiederkehr.


164

Als Denker ward ihm reif der Geist,

Im Werke hier, im Gleise gleich:

Der wissend, wandelnd ist bewährt,

Wohlan, sei Gotamo begrüßt!


165

Gazellenbeinig, schlank, beherzt,

Mit leichtem Leibe, schlichtem Blick,

Im Walde Schauung sinnt er so:

Da sei denn Gotamo begrüßt!


166

Allein wie Löwe schweift er fern,

Es kümmert ihn kein Wunschgebiet;

Erflehn die Kunde gehn wir hin,

Aus Todesschlingen wie man flieht.


167

Verheißer und Enthüller hier,

Der alle Dinge hat erkannt,

Aus Arg und Ängsten ist erwacht:

Es geb' uns Kunde Gotamo!


[42] Die beiden Priester gelangen vor Gotamo hin.

Es fragt


Hemavato:


168

Woraus entstanden ist die Welt,

Wo kann da wieder ein sie gehn?

Die Welt ist angehangen wo,

Sie reibt woran sich immer auf?


Der Herr:


169

Aus Sechs entstanden ist die Welt,

In Sechs kann wieder ein sie gehn;

Die Welt, an Sechs gehangen da,

Sie reibt sich immer auf an Sechs.


Hemavato:


170

Was ist das für ein Hangen hier,

Woran sich auf nur reibt die Welt?

O zeig' den Ausgang offenbar,

Der Leiden wie man ledig wird.


Der Herr:


171

Fünf Wunschgebiete kennt die Welt,

Gedenken noch als sechstes dann:

Den Willen wer da von sich weist,

Der Leiden ledig wird er so.


172

Der Ausgang ist es aus der Welt,

Erwiesen wirklich offenbar:

Ich hab' es deutlich dir gezeigt,

Der Leiden wie man ledig wird.


[43] Hemavato:


173

Wer kann da kreuzen wohl die Flut,

Entkommen übers Meer dahin:

Wo nichts man fassen, greifen kann,

Zu Grunde wer sinkt unter nicht?


Der Herr:


174

In Tugend tüchtig immerdar,

Gewitzigt, einig in sich selbst,

Im eignen Geiste sinnig sein:

So kreuzt man schwer gekreuzte Flut.


175

Von Liebreiz nicht mehr angelockt,

Entbunden aller Bande hier:

Wer Gnügelust versiegen ließ,

Zu Grunde sinkt ein solcher nicht.


Hemavato


wendet sich an die Schar der ihm nachgefolgten jüngeren Priester und spricht:


176

Den Tiefbedachten, der so klar den Sinn sieht,

Entwesen der an keinem Wunsche haftet:

Erblickt ihn hier, von allem abgeschieden,

Am Sonnenpfade schreiten hin, den Großen.


177

Erlauchten Meister, der so klar den Sinn sieht,

Erkenntnis lehrt, an keinen Wunsch geklammert:

Erblickt ihn hier, den Allerkenner, kundig,

Am heil'gen Pfade schreiten hin, den Großen.


[44] 178

Gar heiter lacht uns heute Glück,

So hell erschienen, ach so hehr,

Den Auferwachten da wir sehn,

Wie Flut er kreuzte, wahnversiegt.


179

Sieh' diese tausend Priester rings,

Die machtbegabten, reich an Ruhm:

In deinen Orden gehn sie ein,

Bist unser aller Meisterherr.


180

Wir ziehn als dein Gefolge nach,

Von Dorf zu Dorfe, Burg zu Burg:

Dem Auferwachten immer treu,

Der Wahrheit also wohlbewährt.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 39-45.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon