Das Sechser-Bruchstück

Paṭācārā/Die fünfmal Feine

[540] 127

»Wo keinen Weg du wissen kannst

Von ihm der kommt und wieder geht,

Gekommen ungekannt woher,

Da willst du seufzen ›Ach, mein Sohn‹?


128

Ja, wüßtest wirklich du den Weg

Von seinem Kommen, seinem Gehn,

Du weintest nimmer neu um ihn:

Denn was entstanden ist erstirbt.


129

Als ungebeten kam er her,

Als unentboten ging er hin,

Wozu gekommen, weiß ich kaum,

Auf kurze Tage, karge Zeit.


130

Von dir entwesen weilt er dort,

Von dort entwest er weiter dann;

Verwesen, wird er wieder Mensch

Allmälig werden, wandelbar,

Gekommen gleich, gegangen gleich:

So gib mir Kunde, was du weinst?«


131

Vom Stachel ward ich so geheilt,

Der tief im Herzen heimlich stach:

Verschmachtend um das tote Kind

Genas ich also, schmerzvernarbt.


[541] 132

Kein Stachel sticht mich heute wund,

Erloschen bin ich, ausgelebt;

Mein Hort und Helfer ist der Herr,

Des Weisen Satzung, sein Gebot.


Vāsiṭṭhī

133

Aus Kummer um des Kindes Tod

In Irrsinn taumelnd, hirnverrückt,

Die Haare raufend, blöd entblößt,

So lief ich lachend hin und her.


134

Im Gassenkehricht, Gassenkot,

Im Leichenhof, im Straßenstaub

Drei Jahre lungernd lag ich um,

Von Durst und Hunger heimgesucht.


135

Da hab' ich Ihn gesehn dereinst

In Mithilā, den Meisterherrn,

Der Unbezähmte zähmen kann,

Der, auferwacht, kein Fürchten kennt.


136

Und plötzlich war mein Geist geklärt!

Mit frohem Gruße ging ich hin:

Und Er hat Wahrheit offenbart

Aus Mitleid mir, Herr Gotamo.


137

Sein Wort, ich hab' es wohl gehört;

Gewandert bin ich weiter dann

Als Nonne, hold genommen auf:

Und helle Spur war bald erspäht.


[542] 138

Und aller Gram ist ausgegrämt,

Verloren, ewig abgelöscht:

Gefunden hab' ich fein den Grund,

Woher das Grämen quälend quillt.


Khemā

Der Versucher:


139

So jung bist du, bist, ach, so schön,

Und ich bin jung, und ich bin sanft:

So komm', o Khemā, lass' Musik

Im Fünferspiel ergetzen uns!


Khemā:


140

Der eitersam gefüllte Leib,

Der siech verseucht ist, faul zerfällt,

Entsetzt mich nur, empört mich nur:

Verleugnet hab' ich Liebeshuld.


141

Wie Lanzenspitze seh' ich Lust

Die Sinne reizen, reißen auf:

Und was du heißest Liebeslust,

Nur Unlust dünkt mich heute das.


142

Und alle Neigung ist vertilgt,

Und Nacht und Nebel durchgeteilt;

Ich raun' es dir, Verruchter, zu:

Zermalmt ist deine Todesmacht.


[543] 143

Im Sternendienste sternentzückt,

Im Walde betend Feuer an,

Entraten rechter Wissenschaft,

Auf Sühne sannen Toren so.


144

Ich aber, ich verehre Ihn,

Den auferwachten höchsten Herrn,

Bin losgelöst von allem Weh',

Im reinen Orden echt bewährt.


Sujātā

145 · 146

In seidnen Schleiern, goldnem Schmuck,

Bekränzt mit Blumen, blaß gesalbt,

Behangen mit Geschmeide hell

Inmitten meiner Mägde Schar,

Versehn mit Reis und kühler Milch,

Mit süßem Backwerk, frischem Obst:

So fuhr ich fröhlich fort von Haus

Zum Freudenfest im Gartenhain.


147

Nach Tanz und Spiel vergnügt genug

Von hinnen fahrend heimwärts dann

Ein Kloster sah ich, ging hinein,

Bei Sāketam, am Waldessaum.


148

Den Welterleuchter fand ich dort!

Ich bot ihm Gruß, ich saß beiseit:

Und Er hat Wahrheit offenbart

Aus Mitleid mir, der Seherfürst.


[544] 149

Des hohen Denkers heilig Wort,

Begriffen hab' ich gründlich das,

Verstanden auf der Stelle gleich,

Das ewig reine Glück erfaßt.


150

Und also innig aufgeklärt

Verlassen hab' ich Haus und Heim;

Drei Wissen weiß ich, nicht umsonst

Ist mir das Meisterwort gesagt.


Anopamā

151

Von stolzem Hause stamm' ich ab,

Geboren hoch und hold begabt

Mit Anmut, Schönheit, Reichtum, Pracht,

Als Vaters Tochter echt gezeugt.


152

Gefreit von tapfern Prinzen bald,

Von reichen Söhnen bald begehrt,

Kam Botschaft an den Vater einst:

»Die beste Maid erbitt' ich mir!


153

So viel sie wiegt, gewogen gut,

Anopamā, die Tochter dein,

Ich geb' dir achtmal so viel Gold,

Juwelen, Perlen, was du willst!«


154

Und, ach, da sah den Sieger ich,

Den welterhabnen, höchsten Mann:

Zu Füßen fiel ich, bot ihm Gruß,

Und saß dann nieder, nah' beiseit.


[545] 155

Und Er hat Wahrheit offenbart

Aus Mitleid mir, Herr Gotamo;

Am selben Sitze saß ich noch

Und war genesen dreifach schon.


156

Und kahlgeschoren zog ich fort

Als Bettelnonne, heimatlos;

Und sieben Nächte zähl' ich nun

Seit alle Sucht ist aufgezehrt.


Pajāpatī/Die grosse Gotamidin

157

Erwachter Held, Verehrung dir,

Dem höchsten Wesen aller Welt,

Erlöser mir aus Leiden du,

Erlöser vielem, vielem Volk!


158

Das ganze Weh' ist wohl erkannt,

Und Sucht, als Ursach, aufgezehrt,

Und hier der achtgeteilte Pfad

Vollendet bis zum Ziele hin.


159

Als Vater, Mutter, Bruder, Kind,

Als Ahne war ich eher da:

Was einzig not ist wußt' ich nicht,

Bin elend auf und ab gewallt.


160

Den Meister hab' ich jetzt gemerkt!

Das letzte Dasein leb' ich nun,

Zunichte geht die Wandelwelt,

Und nimmer gibt es Wiedersein.


[546] 161

In ernstem Eifer, zäher Zucht,

Beständig standhaft, unverzagt

Und einig sieh' die Jünger dein:

So ehrt man wache Meister echt.


162

Zum Heile vieler hat, fürwahr,

Māyā geboren dich, o Herr,

Der uns vor Todeswunden wahrt,

Aus Leid und Übel tapfer löst.


Guttā

163

Warum du ließest Haus und Hof

Und Kind, so heiß geliebt, zurück,

Erkämpf' es, jenes kühne Ziel,

Dem Herzen hänge nimmer nach!


164

Das Herz verlockt uns lügenhaft:

Wo Tod gebietet liebt es Lust!

In öder, irrer Wandelwelt

Verblendet wandern blöde wir.


165 · 166

Und Wunschbegier, und Hassensgroll,

Und Sehnsucht immer da zu sein,

Und Aftertugend, Afterdienst,

Und fünftens feige Zweifel noch:

O Nonne, hast du heil dies Netz,

Das niederzieht und niederzerrt

Und niederhält, gerissen durch,

So fährst du nimmer wieder her!


[547] 167

Und hast du Hangen, Dünkel, Dust

Und Hochmut gänzlich abgelegt,

Verleugnet was da fesseln kann,

So wirst du enden alles Leid.


168

Verwirf sie, diese Wandelwelt,

Gewahr' es, dieses Wiedersein:

Und lebst du gleich, du bist erlöst,

Erloschen wirst du weiter ziehn.


Vijayā

169

Zum vierten Male, fünften Mal

Ging aus der Klause weit ich weg,

Unmut im Busen, ungeeint,

Ohnmächtig elend im Gemüt!


170

Da hab' ich ernst und ehrlich einst

Erfahrne Schwester frei gefragt;

Die hat gewiesen offenbar

Die Stätte mir, den Urbestand,


171

Und Wahrheit, heilig, viergeteilt,

Besinnung, selig geistbegabt,

Erweckung, endlich achtmal fein

Die Fährte dann zum höchsten Ziel.


[548] 172 · 173

Ihr Wort, ich nahm es willig an,

Und ihr Gebot war bald erfüllt:

Am Abend um die Dämmerzeit,

Erkannt' ich Sein und Wiedersein;

Um Mitternacht ward himmlisch hell

Mein Antlitz, innen abgeklärt;

Und als der junge Tag erschien

War Nacht und Nebel fortgescheucht.


174

Mit Wonnestrahlen hatt' ich kühl

Den Körper durch und durch gestrählt;

Und sieben Tage saß ich still:

Am achten stand ich heiter auf.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 540-549.
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