1 Diese Emancipation darf nicht etwa so verstanden werden, als ob die bewusste Vorstellung ausser aller Beziehung zum Willen gleichsam im reinen Aether des Idealen schwebte; diess wird schon durch die vorangegangenen Darlegungen dieses Buches hinreichend widerlegt, und wird sogleich noch schärfer einleuchten, wenn sich ergiebt, dass das vom Willen selbst ausgehende Prädicat des Bewusstseins zugleich Nichtbefriedigung des Willens d.h. Unlustempfindung ist, dass die bewusste Vorstellung aus sinnlichen Elementarempfindungen besteht, und jede solche sinnliche Elementarempfindung zugleich Nichtbefriedigung eines bestimmten Wollens ist. Nur das soll mit der hier ausgesprochenen Emancipation der Vorstellung vom Willen gesagt sein, dass die bewusste Vorstellung im Unterschiede von der nur als Inhalt eines sie realisirenden Willens möglichen unbewussten Vorstellung (vgl. oben S. 13) bestehen kann und besteht, ohne dass sie direct durch einen Willen hervorgerufen ist, der sie als zu realisirenden Inhalt besitzt, dass sie Vorstellung ist, zunächst frei von jedem Streben sich zu verwirklichen, aber unbeschadet aller übrigen möglichen Beziehungen zum Willen, ja sogar unbeschadet der Möglichkeit, hinterdrein selbst wieder Willensinhalt zu werden.
2 Durch diese Consequenz der Lehre vom Unbewussten erhält zum ersten Male Spinoza's Satz, dass die Seele die Idee oder Vorstellung des Leibes sei, einen verständlichen Sinn.
3 Wie bei niederen Thieren (z.B. Amöben), so ist auch im Protoplasma der lebenden pflanzlichen Zellen ein Zustand der Activität und ein anderer der starren Buhe zu unterscheiden, welche mit einander ein, auch wohl mehrere Mal abwechseln können. Obwohl beide Zustände gleichmässig dem Leben angehören, so scheint doch nur in dem ersteren eine ausgeprägte Sensibilität vorhanden zu sein, während im letzteren eine Herabminderung der Reizbarkeit besteht, welcke der durch narkotische Dämpfe bewirkten Anästhesie des Protoplasmas ähnlich ist, und vielleicht ein Analogen des thierischen Schlafes oder noch besser des Winterschlafes bildet. Wie gewisse Infusorien nach einer Periode der activen Lebendigkeit in eine Periode der Incrustation eintreten, so auch viele Pflanzenzellen, die im Alter sich mit einer dickeren Zellwand umgeben, welche Zellwand sogar noch nach ihrem Absterben stehen bleiben kann (z.B. Holzzellen). Den Gipfel der Sensibilität wird man daher bei jeder Pflanzenzelle nur in einer bestimmten, mitunter viel leicht sehr kurzen Epoche ihres Lebens suchen dürfen, welche den Culminationspunct ihrer Lebensbethätigung bildet, und demgemäss meist in ihre Jugendzeit fällt.
4 Da wir sehen werden, dass die Kraft nur ein pseudomaterialistisches, in der That aber ein spiritualistisches Princip ist, so würde der consequente Materialismus, der aber in dieser Form noch nirgends aufgestellt ist, vor allen Dingen die Kraft zu leugnen, d.h. die Bewegung als ein Letztes, keiner Erklärung Fähiges und Bedürftiges, als eine ewige und ursprüngliche Eigenschaft des Stoffes anzusehen haben. Der Umstand, dass viele abgeleitete Kräfte (wie magnetische Anziehung oder Abstossung zwischen Drähten, die von galvanischen Strömen durchzogen sind) in der That nur Resultate eigenthümlicher Bewegungscombinationen sind, könnte dazu verlocken, auf diesem Wege weiter zu gehen, und zu versuchen, ob sich auch die elementaren Kräfte der allgemeinen Massenanziehung (Gravitation) und der Abstossung im Aether als Resultate von gewissen Bewegungsformen erklären lassen. Es wird zu diesem Behuf zunächst der Aether geleugnet und eine Anfüllung des Weltraums mit sehr verdünnten permanenten Gasen supponirt; alsdann wird die Abstossung als Resultat der Wärmeschwingungen betrachtet, und endlich die Gravitation entweder nach Analogie der Anziehung galvanischer Ströme als Nebenproduct transversaler (Wärme- oder anderer) Schwingungen, oder aber als ein aus der Abstossung peripherischer Schichten resultirendes Phänomen zu erklären versucht. Dem steht folgendes entgegen: Erstens würde die Weltluft sich bei dem Mangel einer Anziehungskraft längst in's Unendliche zerstreut, also zu drücken aufgehört haben. Zweitens würde die nothwendig vorauszusetzende vollkommene Elasticität der Atome bei dem Mangel abstossender Kräfte unerklärlich sein. Drittens müssten die Atome in Ermangelung jeder Kraft als stofflich gesetzt werden, da wohl eine stofflose Kraft, aber nicht eine stofflose Bewegung das Bewegliche im Raum sein kann; es würde also dadurch unmöglich, die Widersprüche des Stoffes durch Beseitigung der Annahme desselben zu überwinden. Viertens würden die Widersprüche eines leeren seiende Raumes und einer Bewegung des Stoffes in demselben dadurch unüberwindlich, wie dieselben u. A. von Lotze in seiner Metaphysik hervorgehoben sind; denn der Stoff muss den Raum schon vorfinden, während die Kraft ihn durch ihre Funktion erst setzt.A10
5 Nicht mit Atom zu verwechseln, wie die ältere Physik that. Solche philosophische Leser, welche mit einer gewissen Voreingenommenheit gegen die physikalische Atomtheorie an dieses Capitel herantreten, verweise ich auf Fechner's Schrift: »Ueber die physikalische und philosophische Atomlehre«. Leipzig 1855, namentlich auf S. 18-63 und 129-141, obwohl die physikalische Atomlehre seitdem durch Ausbildung der Wärmetheorie sehr viel weiter gefordert ist. Vergl. zu diesem Cap. meinen Aufsatz: »Dynamismus und Atomismus (Kant, Ulrici, Fechner)« in den »Ges. phil. Abhandl.« No. VII.A11 – Hier sei zur vorläufigen Orientirung nur soviel bemerkt, dass die Spaltung in Atome metaphysisch genommen nichts andres repräsentirt als die specielle Form, in welcher auf dem Gebiete der Materie das allgemeine philosophische Princip der Individuation seine Verwirklichung findet.
6 Nach Briot (Lehrb. d. mechan. Wärmetheorie S. 271) muss sogar die fragliche Potenz der Entfernung eine höhere als die vierte sein, wenn die transversalen Lichtschwingungen sich in dem Medium des Aethers sollen fortpflanzen können, und geht aus den. Fortpflanzungsgesetzen des Lichts in doppeltbrechenden Medien ebenso wie aus der Abwesenheit der Dispersion im leeren Raume hervor, dass es wahrscheinlich die sechste Potenz der Entfernung ist, der die Abstossung der Aetheratome umgekehrt proportional ist.
7 Vgl. Zöllner: »Ueber die Natur der Kometen« 3. Aufl.
8 Vgl. dessen »Generelle Morphologie der Organismen« Berlin, Reimer, 1866 Bd. I. S. 251. Capitel 8 und 9 dieses Werks, das ich leider erst nach Erscheinen der 4ten Auflage der Phil. d. Unb. kennen lernte, bilden die beste und gründlichste Bestätigung meiner hier über den Begriff der Individualität ausgesprochenen Ansichten.
9 Aus diesem Grunde kann ich Häckel's Unterscheidung zwischen morphologischer und physiologischer Individualität nicht beipflichten, da letztere nur ein schlechtgewählter Ausdruck für vitale Selbstgenügsamkeit oder biologische Selbstständigkeit ist. Gewiss muss man jedem selbstständigen und sich selbst erhaltenden Lebenwesen Individualität zuschreiben, aber nicht deshalb, weil es physiologisch selbstständig ist, sondern weil die physiologische Selbstständigkeit das Ineinandersein jener verschiedenen Einheiten voraussetzt, in dem die Individualität besteht. Häckel selbst erklärt (»generelle Morphologie« I S. 333) das »physiologische Individuum« für seiner Natur nach theilbar im Gegensatz zu dem seiner Natur nach untheilbaren »morphologischen Individuum«, und giebt damit offen den Widerspruch des Begriffs gegen den Namen zu. Gewiss ist es physiologisch wichtig, festzustellen, mit welcher Ordnung von Individuen bei jeder Thier- und Pflanzenklasse die biologische Selbstständigkeit beginnt, aber warum diesem völlig ausreichenden und deutlichen Begriff des »Bion« oder selbstständigen Lebewesens den des »physiologischen Individuums« substituiren? Andrerseits enthält Häckel's Begriff des morphologischen Individuums selbst schon physiologische Elemente in sich, welche unvermerkt durch die unentbehrlichen Einheiten des Zweckes und der Wechselwirkung der Theile hineingeschmuggelt werden. Wir glauben daher nicht irre zu gehen, wenn wir bei dem einheitlichen Begriff des organischen Individuums stehen bleiben, und Häckel's versuchte Spaltung desselben ablehnen.
10 Diese objectiv gesetzte Erscheinungswelt oder diese Welt der Erscheinung au sich ist das unentbehrliche causale Zwischenglied zwischen dem monistischen Wesen einerseits und den subjectiv-phänomenalen Vorstellungswelten der vielen verschiedenen Bewusstseine andrerseits; während sie sich zum alleinigen Unbewussten wie die Erscheinung zum Wesen verhält, verhält sie sich zu ihren subjectiven Spiegelbildern in den zahllosen Bewusstseinsindividuen wie das Ding an sich zu seinen (subjectiven) Phänomenen. Der subjective Idealismus begeht den Irrthum, die Unentbehrlichkeit dieses Zwischengliedes zu verkennen, und vom subjectiven Bewusstseins-Phänomen unmittelbar auf das letzte Wesen zurückgehen zu wollen, anstatt Eine objectiv seiende (nach Kantischer Terminologie transcendente) Welt der Dinge (nach Kant der Dinge an sich) als Urbild dieser vielen subjectiven Vorstellungswelten anzuerkennen, welche freilich auf das alleinige Wesen bezogen doch nur als »der Gottheit lebendiges Kleid« erscheint. Wie der alternde Kant und seine Schule diesen subjectivistischen Irrthum seiner Kritik d. r. V. wieder gut zu machen suchte, so Schelling den Fichte's durch Aufstellung seiner Naturphilosophie, so endlich der alternde Schopenhauer und noch mehr seine Jünger durch die Anerkennung einer vom betrachtenden Bewusstseinssubject unabhängigen Realität der individuellen Objectivationen des all-einigen Willens. (Vgl. hierzu oben Cap. B. VIII. S. 284-286). Von erkenntnisstheoretischer und metaphysischer Seite drängt Alles gleichmässig nach dem Begriffe der objectiven Erscheinung hin; in ihm trifft der bleibende Kern des theistischen Schöpfungs- und Erhaltungsbegriffs (vgl. Cap. C. VIII, auch oben S. 160 u. 163), des pantheistischen Emanationsbegriffs, des naturwissenschaftlichen Begriffs des »Dynamidensystems« (vgl. Cap. C. V), des Schelling-Schopenhauer'schen Begriffs der Objectivation des absoluten Subjects resp. Willens, des Herbart'schen Begriffs der »absoluten Position« im Gegensatz zu der bloss relativen Position für's Bewusstsein, d, h, also zur subjectiven Setzung oder Erscheinung, kurz in ihm trifft Alles zusammen, was jemals über die Beziehung des Daseins zu seinem metaphysischen Grunde gedacht worden ist. Dass das Wort »Erscheinung« hier im metaphysischen Sinne gebraucht wird, kann nicht dadurch verhindert werden, dass die Erkenntnisstheorie sich seiner seit dem Auftauchen des subjectiven Idealismus bemächtigt hat; denn die metaphysische Bedeutung war bis zu Kant die überwiegende in dem Worte, wenngleich zugegeben werden muss, dass bei der bis Kant herrschenden Confusion zwischen Metaphysik und Erkenntnisstheorie die erkenntnisstheoretische in demselben ebenfalls mit enthalten war. Nach vollzogener Trennung des metaphysischen und erkenntnisstheoretischen Problems muss auch das Wort Erscheinung sich die Spaltung (in »objective« und »subjective«) gefallen lassen, was um so eher angeht, als beiden Theilen verschiedene Gegensätze (»Wesen« und »Ding an sich«) gegenüberstehn. Schon deshalb dürfte es gut sein, das Wort Erscheinung auch für das metaphysische Verhältniss nicht fallen zu lassen, weil Vieles von dem, was Kant irrthümlich für die subjective Erscheinung behauptete, thatsächlich für die objective gilt. Dies kommt aber daher, dass bei Kant die Metaphysik ebenso einseitig von der Erkenntnisstheorie absorbirt wurde, wie vor ihm meistens die Erkenntnisstheorie von der Metaphysik verschlungen worden war, oder mit andern Worten weil er alles »Was« des Daseins ganz in die Subjectivität herüberzog und dem Ding an sich nichts als das reine »Dass« übrig liess, so dass es natürlich noch kahler als das kahlste metaphysische Wesen, und eine Unterscheidung zwischen beiden zur Unmöglichkeit wurde.A28
11 Auch bei Spinoza ist der vom Attribut des absoluten Denkens wohl zu unterscheidende unendliche Intellect Gottes (vgl. Ethik Theil I Satz 31 Bew.) nur die Summe der unendlich vielen endlichen Intellecte, aus welchen er sich als aus seinen integrirenden Bestandtheilen zusammensetzt (Theil V Satz 40 Anmerk.). Jeder dieser unendlich vielen Intellecte ist die Idee eines Körpers oder ausgedehnten Dinges (II Satz 11 u. 13), und sind darunter nicht bloss die menschlichen Intellecte zu verstehen, sondern überhaupt die Ideen aller Naturdinge, die ja alle mehr oder minder beseelt sind (II 13 Anm.), deren Summe also den idealen Inhalt des Universums erschöpft
12 Auch bei Hegel besitzt die absolute Idee kein andres Selbstbewusstsein als dieses; so sehr Hegel urgirt, dass das Absolute nicht bloss Substanz, sondern auch (Bewusstseins-)Subject sei, so wird sie doch Bewusstseinssubject auch nach seiner Lehre immer erst in den beschränkten Individuen. Aus der falschen Voraussetzung, dass das Bewusstsein nothwendiges und ewiges Moment im Absoluten sei, folgt für Hegel consequenter Weise nichts weiter als die Ewigkeit des Naturprocesses, also die unendliche Dauer einer mit so hoch organisirten Wesen erfüllten Welt, dass das Selbstbewusstsein des Absoluten nie ausstirbt; keineswegs aber folgt für Hegel aus jener falschen Voraussetzung das Bestehen eines transcendenten Bewusstseins im Absoluten an sich.
13 Nur in diesem Sinne ist auch bei Spinoza von einer Selbsterkenntniss Gottes die Kode; die Idee, welche in Gott actuell ist, ist auch in ihm jederzeit nur eine einzige, allumfassende (Ethik Theil II Satz 4), welche alle einzelnen Intellecte als die Ideen der Modi der Ausdehnung (vgl. oben S. 539 Anm.) und die Ideen aller dieser Intellecte, oder die Ideen dieser Ideen (Eth. II Satz 20 u. 21), d.h. die reinen Formen dieser Ideen ohne Rücksicht auf ihre ausgedehnten Objecte (II Satz 21 Anm.) in sich schliesst, und zwar als logisch nothwendig gesetzte in sich schliesst. Gott als Subject oder natura naturans erkennt also nicht sich als Subject der erkennenden Thätigkeit oder des Attributs des Denkens, sondern als Object desselben, d.h. als natura naturata (vgl. I Satz 29 Anm.).
14 In diesem Sinne allein will Schelling in seiner späteren »Philosophie der Offenbarung« den Theismus als Lehre vom Einen dreipersönlichen Gotte verstanden wissen (vgl. seine Definition der Persönlichkeit: Werke II 1, S. 281, und meine Schrift »Schellings positive Philosophie« S. 42 – 43 Anm.).A33
15 Diejenigen Leser, welche gewöhnt sein sollten, mit dem ethischen Begriff der Persönlichkeit den der Freiheit untrennbar verknüpft zu denken, sind darauf hinzuweisen: 1) dass die Freiheit mit der Zurechnungsfähigkeit zeitweilig aufgehoben sein kann, ohne dass die Fortdauer der Persönlichkeit dadurch aufgehoben ist; 2) dass dieser Freiheitsbegriff nur dann eine Beziehung zum Persönlichkeitsbegriff in sich enthält, wenn er als Freiheit der individuellen Selbstbehauptung andern Individuen gegenüber genommen wird, dass er dann aber aus dem oben angeführten Grunde nicht auf das All-Eine übertragbar ist, da dieses nicht nöthig hat, sich irgend wogegen zu behaupten; 3) dass der Begriff der menschlichen Willensfreiheit überhaupt auf einer Illusion begründet ist (vgl. Cap. B. XI Anfang) und die Zurechnungsfähigkeit nicht auf einer Beschaffenheit des Willens, sondern des Intellects, und zwar des bewussten discursiven Intellects beruht, also schon deshalb nicht auf das All-Eine Anwendung finden kann.A34Gäbe es eine menschliche Freiheit, so würde sie doch nicht auf das All-Eine nach Analogie übertragen werden können; wäre sie selbst übertragbar, so würde sie doch keine Spur eines Persönlichkeitsbegriffs in das All-Eine mit hineintragen; würde sie aber von der Verquickung mit diesem ihr fremdartigen Begriff gereinigt, so würde schliesslich durch diese Uebertragung dem All-Einen nicht einmal etwas zugeschrieben werden, was nicht unserm Unbewussten bereits als solchem zukommt. Jeder Gegensatz eines fremden Zwanges, aus dem der Freiheitsbegriff erst seinen speciellen Gehalt gewinnt, fehlt hier, und das Unbewusste ist deshalb zweifelsohne insofern absolut frei, als es alle seine Entscheidungen nur aus sich gelber schöpft und von nichts Aeusserem darin alterirt werden kann. Es besitzt ferner thatsächlich nach unsern Untersuchungen die dem Menschen nur irrthümlich zugeschriebene Fähigkeit, in jedem Moment in die naturgesetzlich gegebene Erscheinungsreihe spontan als Ursache eingreifen zu können, welche ein neues Moment der Bestimmung des Processes zu den vorliegenden hinzufügt, und übt diese Fähigkeit in den teleologischen Eingriffen beständig aus. Es erweist sich endlich, wie wir in Cap. C XV sehen werden, vor der getroffenen Entscheidung, durch die es sich allerdings bis zur Wiederherbeiführung des status quo ante die Hände bindet, als frei, sich vernünftig oder unvernünftig zu verhalten, d. h in der Buhe des Nichtwollens zu verbleiben oder sich zum Wollen, d.h. zur Weltschöpfung zu erheben; der Mensch hingegen bandelt selbst da dem schlechthin vernünftigen Weltplan gemäss, d.h. vernünftig, wo er sich einbildet, demselben zuwider, d.h. unvernünftig, zu handeln. Das All-Eine Unbe-wusste besitzt also jede mögliche Freiheit, und kann zu derselben durch die irrthümliche Annahme einer menschlichen Freiheit und deren analoge Uebertragung keineswegs irgend eine Art noch nicht besessener Freiheit hineinzubekommen.
16 Bei diesem Ausdruck ist natürlich nicht im Entferntesten an den erkenntniss-theoretischen Begriff der »subjectiven Erscheinung« zu denken, der das Correlat zum erkenntniss-theoretischen Begriff des »Dinges an sich« ist, während wir es hier mit dem Begriff der göttlich oder objectiv gesetzten, oder objectiven Erscheinung zu thun haben, welche das Correlat zum metaphysischen Begriff des »Wesens« ist (vgl. oben S. 171)
17 Wir brauchen wohl kaum daran zu erinnern, dass überall, wo in den ersten beiden Abschnitten des Buches das Wort »Seele« vorkommt, es nach den Auseinandersetzungen des vorigen Capitels nun nicht mehr anders als im Sinne der hier gegebenen Definition verstanden werden darf. Wenn in den früheren Abschnitten die monistische Auffassung der Seele hervorzukehren unterlassen worden ist, so geschah dies nur, weil für das Verständniss des dort Behandelten der landläufige Begriff der Seele ausreichte, und durch vorzeitiges Urgiren des monistischen Gesichtspunctes dem philosophisch ungeschulten Leser das Eindringen in die Sache nur unnütz erschwert worden wäre.
18 Helleborus niger und Bellis perennis gefrieren beim Eintritt der Kälte in allen Stadien der Blüthenentwickelung und wachsen erst nach dem Aufthauen weiter, was sich in Wintern von veränderlicher Temperatur öfter wiederholt. Goeppert hat halb geöffnete Blüthen wochenlang in diesem Zustande gesehen. Allerdings giebt es für jede Pflanzenart, selbst für diejenigen, welche die Kälte am besten ertragen, ein bestimmtes Maass, dessen Ueberschreitung den Tod veranlasst. Nach Cohn's directen mikroskopischem Beobachten sterben z.B. Zellen von. Nitella syncarpa bei einer Abkühlung unter 3° C., indem der protoplasmatische Inhalt des Primordialsehlauchs durch Ausfrieren des Wassers desorganisirt wird. Andere Pflanzen hingegen sterben schon einige Grade über dem Gefrierpunct.
19 Wenn Thomson (Rede in der engl. Naturforsch. Vers. in Edinbourgh 1871) eine Uebertragung anderswo entwickelter Keime durch Meteorsteine auf die Erde supponirt, so steht dem entgegen, dass solche durch die beim Durchschneiden der Atmosphäre erzeugte Hitze vor Erreichung des Erdbodens allemal zerstört werden müssten, wenn sie nicht schon vorher durch die Kälte im Weltenraum getödtet worden wären.
20 Es könnte der oberflächlichen Betrachtung scheinen, als wäre der Widerstand, den das Unbewusste bei seiner organisirenden Thätigkeit an der unorganischen Materie findet, eine Instanz gegen die All-Einheit des Unbewussten. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Wir haben schon oben gesehen, dass der Streit und Kampf der individualisirten Naturkräfte als Functionen des Unbewussten nothwendige Bedingung für das Zustandekommen der objectiven Erscheinungswelt und für die Entstehung des Bewusstseins insbesondere ist (vgl. S. 159-160); hier liegt nur ein besonderer Fall dieser allgemeinen Wahrheit vor. So wenig aus blosser unorganischer Materie ohne ein organisirendes Princip jemals ein Organismus hervorgehen könnte, so wenig könnte das organisirende Princip sich in Organismen realisiren, wenn es nicht als Stoff dazu die Materie vorfände. Das Unbewusste muss also, um Organismen, die Träger des Bewusstseins, schaffen zu können, zuvor eine Materie schaffen, und zwar eine ausnahmslosen Gesetzen unterworfene Materie, weil nur bei einer solchen die Herstellung von Hülfsmechanismen möglich ist, die immer dieselben Leistungen vollbringen. Dass aber eine solche nach eigenen Gesetzen sich verhaltende Materie, welche an sich nicht zur Organismenbildung tendirt, der Thätigkeit des Unbewussten, welche sie zur Organismenbildung zwingt, einen gewissen Widerstand entgegensetzt, ist selbstverständlich, und es ist kein Wunder, dass dieser nach der zufälligen Configuration der an jeder Stelle thätigen Naturkräfte in seiner Grösse variirende Widerstand unter Umständen ein Maass annehmen kann, wo das nur auf das Allgemeine, nicht auf den einzelnen Fall, gerichtete Interesse des Unbewussten die Bewältigung der vorliegenden Schwierigkeiten unterlässt, da es denselben Zweck auf anderm Wege leichter erreicht, oder doch an andern Stellen noch oft genug für die Zwecke des ganzen Processes erreicht. (Dies erklärt z.B. die Missgeburten in Folge von materiellen Störungen der embryonalen Entwickelung.) – Nach diesen Bemerkungen dürfte der Ausdruck »Anstrengung«, wofern man nur jeden anthropopathischen Nebenbegriff davon fernhält, nicht mehr unstatthaft erscheinen zur Bezeichnung des Maasses der Willensintensität, dessen Aufwendung behufs der Organisation zur Bewältigung des jeweiligen Widerstandes der Materie erforderlich ist.
21 Die widerstandsfähigen gegen höhere Temperatur sind nach Ferd. Cohn die Penicilliumkeime, während die Bacterienkeime nach demselben Forscher schon bei 80° C. getödtet werden.
22 Die Embryologie ist jetzt eine der wichtigsten Stützen und Forschungsquellen für die Descendenztheorie, da man im Allgemeinen sagen kann, dass jedes Thier in seiner embryonalen Entwickelung die Organisationsstufen der embryonalen Entwickelung seiner sämmtlichen directen Vorfahren kurz repetirt. Niemals werden Formen berührt, welche nicht in der directen Abstammungslinie liegen, sondern nur in Seitenlinien ausgebildet sind, wohl aber können die Entwickelungsreihen auch der directen Vorfahren, namentlich der entfernteren, in so abgekürzter, ja sogar sprungweiser Reproduction angedeutet werden, dass das Auge des Forschers die Analogie mit den fernliegenden Ahnen erst dann durchschaut, wenn er sie sich durch das Studium der Embryologie dazwischen liegender Organisationsstufen für das Verständniss vermittelt (z.B. Säugethier und Ascidier durch Amphioxus.)
23 Morphologie und Entwickelungsgeschichte des Pennatulidenstammes nebst allgemeinen Betrachtungen zur Descendenzlehre von A. Kölliker. Frankfurt a M. bei Winter, 1872, S. 26-27, u. 30 ff. Die ganze allgemein gehaltene Einleitung dieser Schrift ist ein sehr interessanter Beitrag zur Descendenztheorie und zur Kritik der Theorie der natürlichen Zuchtwahl.
24 In Betreff der näheren Auseinandersetzung mit dieser Theorie so wie über das Verhältniss von Wille und Motiv verweise ich auf meinen Aufsatz zu Julius Bahnsen's Schriften (»Beiträge zur Charakterologie« und »Zum Verhältniss zwischen Wille und Motiv«) in den Philos. Monatsheften Bd. IV. Hft. 5.A55
25 Bekanntlich neigte Göthe ebenfalls zu dieser Auffassung einer Reservation der Unsterblichkeit für die Aristokratie des Geistes hin, und in der That, wenn man überhaupt an der Unsterblichkeit des geistig Hochstehenden festhalten und nicht zugleich die Unsterblichkeit der Infusorienseelen oder der Seele des eben befruchteten menschlichen Ei's mit in den Kauf nehmen will, so liegt immer noch mehr Sinn darin, die dann unvermeidliche Grenzlinie für die Unsterblichen unmittelbar unter der Geistesaristocratie der Menschheit eintreten zu lassen, als sie willkürlich zwischen Buschmann und Orang Utang beziehungsweise zwischen den 7ten und 9ten Monat des Embryonallebens zu verlegen
26 Man darf dieses Alogische, das nach der Hand zu einem Antilogischen wird, nicht etwa als ein sich hierbei Veränderndes ansehen, sondern alogisch ist es an und für sich, insofern es ausser aller Beziehung und Berührung mit dem Logischen und diesem gänzlich fern steht, während es sich als antilogisch erweist, indem es durch seine Bethätigung zu dem Logischen in Beziehung kommt, welches letztere nun nicht umhin kann, in dieser Bethätigung des Alogischen einen Gegensatz zu seiner eigenen Natur, also ein Antilogisches im Gegensatz zum Logischen, zu finden und ihm als solchen entgegenzutreten. Gäbe es gar kein logisches Princip, wäre das andre Princip, welches nicht das logische ist, das einzige, so könnte auch seine Bethätigung niemals antilogisch genannt werden, und insofern ist es dem Alogischen zufällig, dass es hintennach zum Antilogischen wird, in demselben Sinne wie es ihm zufällig ist, dass es neben und ausser ihm überhaupt noch ein logisches Princip giebt.
27 Ich brauche für den denkenden Leser wohl kaum besonders darauf aufmerksam zu machen, dass der Begriff der Erlösung hier nicht in Bezug auf die Sünde, sondern in Bezug auf das Uebel vom Individuum auf die Menschheit und das in ihr und der übrigen Natur empfindende All-Eine Weltwesen erweitert ist; ersteres wäre völlig sinnlos, letzteres ist eine unvermeidliche Consequenz der monistischen Weltanschauung.
28 Vergl. hierzu Ges. phil. Abhandlungen Nr. IV: »Ist der pessimistische Monismus trostlos?«
29 Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass alle Verklausulirungen hinsichtlich der rein problematischen Beschaffenheit der folgenden Andeutungen nicht im Stande gewesen sind, gegen das absichtliche oder unabsichtliche Missverständniss zu schützen, als sollten darin irgend welche positive Behauptungen über das Wie des Endes aufgestellt werden. Wenn ich für den Erfolg schriebe, so hätte freilich die allergemeinste Klugheit geboten, diese für das ganze Buch ziemlich gleichgültigen vier Seiten schon in der ersten Auflage zu unterdrücken. Es ist für den Autor stets profitabler, die Schwierigkeiten der Sache, die vorläufig unlösbar sind, nicht allzu bloss zu legen; für den Forttschritte der Wissenschaft hingegen ist die klarste Blosslegung am förderlichsten.
30 Vgl. meine diesem ganzen Capitel zur nothwendigen Ergänzung und Erläuterung dienende Schrift: »Schelling's positive Philosophie als Einheit von Hegel und Schopenhauer«. Berlin, bei Otto Löwenstein. 1869.A92
31 »Gewissermassen ist es a priori einzusehen, vulgo versteht es sich von selbst, dass Das, was jetzt das Phänomen der Welt hervorbringt, auch fähig sein müsse, diess nicht zu thun, mithin in Ruhe zu verbleiben, – oder mit anderen Worten, dass es zur gegenwärtigen diastolê auch eine systolê geben müsse. Ist nun die erstere die Erscheinung des Wollens des Lebens, so wird die andere die Erscheinung des Nichtwollens desselben sein. – Gegen gewisse alberne Einwürfe bemerke ich, dass die Verneinung des Willens zum Leben keineswegs die Vernichtung einer Substanz besage, sondern den blossen Actus das Nichtwollens« (soll heissen die Verneinung des Actus des Wollens); »das Selbe, was bisher gewollt hat, will nicht mehr. Da wir das Wesen, den Willen als Ding an sich bloss in und durch den Actus des Wollens kennen, so sind, wir unvermögend zu sagen oder zu fassen, was es, nachdem es diesen Actus auf gegeben hat, noch ferner sei oder treibe« (dieser Zusatz: »oder treibe« ist begrifflich sehr unpassend); »daher ist die Verneinung für uns, die wir die Erscheinung des Wollens sind, ein Uebergang in's Nichts« (Schopenhauer, Parerga § 162). Das »in Ruhe verbleibende« inactive Wesen ist allerdings für uns, die wir auf dem Standpunct der actuellen Realität stehen, gleich nichts; jedoch können wir wohl sagen und fassen, was es an sich sei, nämlich das wollen und nichtwollen Könnende; dies hat Schopenhauer übersehen, obwohl er es eigentlich in dein obigen Worte »fähig« (die Welt hervorzubringen oder nicht) selbst ausgesprochen hat. Es zeigt die angeführte Stelle, dass diejenigen Anhänger Schopenhauer's, welche den Willen als ein wollen-müssendes und nicht nichtwollen-könnendes Wesen auffassen, sich hierin nicht auf ihren Meister berufen können, sondern dessen tiefere Ansichten nur verballhornt haben.
32 Es dürfte kaum nöthig sein, daran zu erinnern, dass die hier aus der Natur der beiden Principien »Wille« und »unbewusste intuitive Idee« abgeleiteten Bestimmungendes »Unlogischen« und des »Logischen« bereits vorher auf inductivem Wege bewiesen waren. Das Capitel über das Elend des Daseins hatte nämlich inductiv bewiesen, dass die Existenz dieser Welt schlechter sei, als ihre Nichtexistenz sein würde, dass also das »Dass« der Welt oder ihre Existenz einem unvernünftigen oder unlogischen Princip ihren Ursprung verdanken müsse, zugleich aber auch, dass dieses unvernünftige Princip, welches fortfährt, die Welt zu einer elenden zu machen, das Wollen sei. Andrerseits hat sich aus den gesammten vorangehenden Untersuchungen gezeigt, dass das »Was« der Welt durchweg zweckmässig und weise eingerichtet ist und dadurch auf das Wirken eines weisen und logischen Princips zurückweist, welches wir in seiner Bethätigung als unbewusste intuitive Vorstellung erkannt haben. Es schien mir vortheilhaft, hier nochmals aufzuzeigen, dass auch der umgekehrte Weg zum Verständniss des Ganzen führt, d.h. dass auch aus den zu Attributen des All-Einen erweiterten psychischen Elementarfunctionen »Wollen und Vorstellen« als solchen betrachtet schon ohne Weiteres der unlogische und logische Charakter derselben sich ergiebt, weil auf diese Weise das organische Ineinandergreifen aller Glieder des durchlaufenen Gedankenkreises immer deutlicher hervortreten muss.