B. Jakob Böhme

[91] Das andere Extrem ist der theosophus teutonicus Böhme, er steht gerade im Entgegengesetzten; philosophia teutonica, – so hieß schon früher Mystizismus. Von diesem englischen Lordstaatskanzler, dem Heerführer des äußerlichen, sinnlichen Philosophierens, wollen wir zum philosopho teutonico, wie er genannt wurde, zum deutschen Schuster aus der Lausitz gehen; wir haben uns seiner nicht zu schämen. Dieser Jakob Böhme, lange vergessen und als ein pietistischer Schwärmer verschrien, ist erst in neueren Zeiten wieder zu Ehren gekommen; Leibniz ehrte ihn. Durch die Aufklärung ist sein Publikum sehr beschränkt worden; in neueren Zeiten ist seine Tiefe wieder anerkannt worden. Es ist gewiß, daß er jene Verachtung nicht verdient, aber auch andererseits nicht die hohen Ehren, in die er hat erhoben werden sollen. Ihn als Schwärmer zu qualifizieren, heißt weiter nichts. Denn wenn man will, kann man jeden Philosophen so qualifizieren, selbst den Epikur und Bacon; denn sie selbst haben dafür gehalten, daß der Mensch noch in etwas anderem seine Wahrheit habe als im Essen und Trinken und in dem verständigen täglichen Leben des Holzhackens, Schneiderns, Handelns oder sonstiger Stands- und Amtsgeschäfte. – Was aber die hohen Ehren betrifft, zu denen er erhoben worden, so dankt er diese besonders seiner Form der Anschauung und des Gefühls; denn Anschauung und inneres[91] Fühlen, Beten und Sehnen und die Bildlichkeit der Gedanken, die Allegorien und dergleichen sind zum Teil für die wesentliche Form der Philosophie gehalten. Aber es ist nur der Begriff, das Denken, worin die Philosophie ihre Wahrheit haben, worin das Absolute ausgesprochen werden kann und auch ist, wie es an sich ist. Von dieser Seite aber ist er vollkommen Barbar, – ein Mann, der bei seiner rohen Darstellung ein konkretes, tiefes Herz besitzt. Weil er keine Methode und Ordnung besitzt, so ist es schwer, eine Vorstellung von seiner Philosophie zu geben.

Jakob Böhme in Alt-Seidenberg bei Görlitz in der Oberlausitz 1575 von armen Eltern geboren, war in seiner Jugend eben Bauernjunge, der das Vieh hütete. Vor seinen Werken (in Amsterdam und Hamburg) ist Lebensbeschreibung enthalten, nach seiner Erzählung von einem Geistlichen verfaßt, der ihn persönlich kannte. – Seine Werke sind besonders von Holländern aufgesucht und daher die meisten Ausgaben in Holland gemacht, in Hamburg aber nachgedruckt. – Man findet darin viel erzählt, wie er zu einer tieferen Erkenntnis gelangt ist. Im Luthertum ist er erzogen und darin stets geblieben. In seinem Leben kommen mehrere Regungen vor, die er gehabt hat. Er erzählt von sich, daß er als Hirt schon wunderbare Erscheinungen hatte. Die erste wunderbare Erweckung hatte er beim Viehhüten; hier schon hatte er in einem Gesträuch eine Höhle und Bütte Geldes gesehen. Durch diesen Glanz erschrocken, ist er innerlich geweckt worden aus trüber Dumpfheit; er hat sie hernach nicht mehr gefunden. In der Folge wurde er dann zu einem Schuster in die Lehre gegeben. Vorzüglich auf der Wanderschaft »ist er durch den Spruch (Luk. 11, 13): ›Der Vater im Himmel will den Heiligen Geist geben denen, die ihn darum bitten‹, in sich selber erwecket, daß er, um die Wahrheit zu erkennen, jedoch in Einfalt seines Geistes inbrünstig und unaufhörlich gebetet, gesuchet und angeklopfet, bis er, damals bei seinem[92] Meister auf der Wanderschaft, durch den Zug des Vaters in dem Sohne, dem Geiste nach, in den heiligen Sabbat und herrlichen Ruhetag der Seelen versetzet und also seiner Bitte gewähret worden; also er (seiner eigen Bekäntniß nach) mit göttlichem Lichte umfangen und sieben Tage lang in höchster göttlicher Beschaulichkeit und Freudenreich gestanden.« Sein Meister hat ihn fortgeschickt: er könne solchen »Hauspropheten« nicht bei sich haben. In der Folge hat er in Görlitz gelebt; 1594 war er Meister und verheiratet. – Später, »Anno 1600, im 25. Jahre seines Alters«, ging ihm »zum andernmal« das Licht auf, in einem zweiten Gesicht der Art. Er erzählt nämlich: Er sah ein blankgescheuertes zinnernes Gerät im Zimmer; und »durch den gählichen Anblick des lieblichen jovialen Scheins« dieses Metalls ward er (zu einer Beschauung und Entrückung seines astralischen Geistes) »in den Mittelpunkt der geheimen Natur« und in das Licht des göttlichen Wesens »eingeführt. Er ging vor das Tor, um sich diese Phantasie aus dem Hirne zu schlagen, ins Grüne, und hat doch nichtsdestoweniger solchen empfangenen Blick in sich je länger je mehr und klarer empfunden; also daß er, vermittels der angebildeten Signaturen oder Figuren, Lineamenten und Farben, allen Geschöpfen gleichsam in das Herz und in die innerste Natur hineinsehen können (wie auch in seinem Buch De signatura rerum dieser ihm eingedrückte Grund genugsam verkläret und enthalten), wodurch er mit großer Freudigkeit überschüttet, Gott gedanket und ruhig an sein Hauswesen gegangen.« Er schrieb dann später mehrere Schriften. In Görlitz hat er sein Handwerk gestrichen und ist Schuhmacher geblieben und ist daselbst 1624 als Schuhmachermeister gestorben.

Seine erste Schrift ist die Aurora oder Morgenröte im Aufgange, der dann viele folgten; Von den drei Prinzipien und eine andere, Vom dreifachen Leben des Menschen, sind von seinen merkwürdigsten, – außer diesen noch mehrere andere.[93]

Welche Schriften er sonst gelesen hat, ist nicht bekannt. Aber eine Menge Stellen in seinen Schriften beweisen, daß er viel gelesen hat, offenbar besonders mystische, theosophische und alchimistische Schriften, zum Teil wohl des Theophrastus Paracelsus Bombastus von Hohenheim, – eines Philosophen ähnlichen Kalibers, aber eigentlich verworrener und ohne die Tiefe des Gemüts des Böhme. Die Ausdrücke in seinen Werken zeigen dies; der göttliche Salitter, Markurius usf. sagt er auf barbarische Weise. Die Bibel hat er immer gelesen. Er ist von den Geistlichen vielfältig verfolgt, hat jedoch in Deutschland weniger Aufsehen erregt als in Holland und in England, wo seine Schriften vielfach aufgelegt worden sind. Er ist genannt worden der philosophus teutonicus; und in der Tat ist durch ihn erst in Deutschland Philosophie mit einem eigentümlichen Charakter hervorgetreten. Es ist uns wunderbar zumute beim Lesen seiner Werke; und man muß mit seinen Ideen vertraut sein, um in dieser höchst verworrenen Weise das Wahrhafte zu finden.

Jakob Böhme ist der erste deutsche Philosoph; der Inhalt seines Philosophierens ist echt deutsch. Was Böhme auszeichnet und merkwürdig macht, ist das schon erwähnte protestantische Prinzip, die Intellektualwelt in das eigene Gemüt hereinzulegen und in seinem Selbstbewußtsein alles anzuschauen und zu wissen und zu fühlen, was sonst jenseits war. Die allgemeine Idee Böhmes zeigt sich einerseits tief und gründlich; er kommt andererseits aber, bei allem Bedürfnis und Ringen nach Bestimmung und Unterscheidung in der Entwicklung seiner göttlichen Anschauungen des Universums, nicht zur Klarheit und Ordnung. Es ist kein systematischer Zusammenhang, die größte Verworrenheit in der Abscheidung, – selbst in seiner Tabelle, wo I. II. III. genommen:
[94]

I.

Was Gott außer Natur und Kreatur sei

II.

Schiedlichkeit:MysteriumDas I. Principium

Gott in LiebemagnumGott in Zorn

III.

Gott in Zorn und Liebe


Es ist kein bestimmtes Auseinanderhalten, – nur ein Ringen; bald sind diese, bald jene Unterschiede gesetzt; sie laufen wieder durcheinander, – so auch abgerissen.

Die Art und Weise seiner Darstellung muß barbarisch genannt werden. Wie Böhme das Leben, die Bewegung des absoluten Wesens ins Gemüt legt, ebenso alle Begriffe schaute er in einer Wirklichkeit an; oder er gebraucht die Wirklichkeit als Begriff, – statt Begriffsbestimmungen gewaltsam natürliche Dinge und sinnliche Eigenschaften, um seine Ideen darzustellen. Z.B. Schwefel, Markurius und dergleichen ist bei ihm nicht das Ding, das wir so heißen, sondern sein Wesen; oder der Begriff hat diese Form der Wirklichkeit. Er steht im tiefsten Interesse der Idee, kämpft sich damit herum. Die spekulative Wahrheit, die er vortragen will, bedarf, um sich selbst zu fassen, wesentlich des Gedankens und der Form des Gedankens. Nur im Gedanken kann diese Einheit, in deren Mittelpunkt sein Geist steht, gefaßt werden; und gerade die Form des Gedankens ist es, die ihm fehlt. Die Formen, die er gebraucht, sind keine Gedankenbestimmungen. Es sind sinnliche Bestimmungen einerseits: so Qualitäten – herb, süß, bitter, grimmig; Empfindungen – Zorn, Liebe; Tinktur, Blitz, Essenz, Salitter, Markurius. Diese sinnlichen Formen behalten bei ihm nicht eigentümliche sinnliche Bedeutung; er gebraucht sie zu Gedankenbestimmungen. Es erhellt dann sogleich, wie die Darstellung gewaltsam erscheinen muß, indem nur der Gedanke der Einheit fähig ist. Es sieht also kraus aus, wenn man von Bitterkeit Gottes, Schrack, Blitz liest; man muß die Idee vorher haben, ahnt sie freilich.[95]

Das Andere ist dann, daß er als Form der Idee die christliche Form gebraucht; die sinnliche Weise und die Weise der vorstellenden Religion, sinnliche Bilder und Vorstellungen, bringt er ineinander. Es ist barbarisch einerseits, andererseits ebenso diese Gegenwärtigkeit, in allem aus seiner Wirklichkeit, aus seinem Gemüte zu sprechen, – was im Himmel vorgeht, bei sich und herum in sich zu haben. Wie Hans Sachs in seiner Manier den Herrgott, Christus und den Heiligen Geist nicht minder zu Spießbürgern seinesgleichen vorgestellt hat als die Engel und die Erzväter, nicht als vergangene, historische genommen, so Böhme.

Dem Glauben hat der Geist Wahrheit, aber in seiner Wahrheit fehlt das Moment der Gewißheit seiner selbst. Daß der Gegenstand des Christentums die Wahrheit, der Geist ist, haben wir gesehen; sie ist dem Glauben als unmittelbare Wahrheit. Er hat sie, aber bewußtlos, ohne Wissen, ohne sie als sein Selbstbewußtsein zu wissen; und weil im Selbstbewußtsein das Denken, der Begriff wesentlich ist – die Einheit der Entgegengesetzten bei Bruno –, so fehlt dem Glauben vorzüglich diese Einheit. Seine Momente fallen als besondere Gestalten auseinander, besonders die höchsten Momente: das Gute und das Böse, oder Gott und der Teufel. Gott ist und auch der Teufel, beide für sich. Gott ist das absolute Wesen. Aber welches absolute Wesen ist dies, das alle Wirklichkeit und besonders das Böse nicht an ihm hat? Böhme ist einesteils darauf gerichtet, die Seele des Menschen zum Leben zu führen, in ihr selbst das göttliche Leben hervorzubringen, den Streit und Kampf in ihr selbst anzuschauen und zu ihrer Arbeit und Bemühen zu machen und dann eben in Ansehung dieses Inhalts es herauszukriegen, wie das Böse im Guten oder den Teufel aus Gott zu begreifen, – eine Frage der jetzigen Zeit. Weil er aber den Begriff nicht hat, so stellt sich dies als fürchterlicher, schmerzhafter Kampf vor; man hat das Gefühl des Ringens. Es ist eine barbarische Form der Darstellung und des Ausdrucks, – ein Kampf seines Gemüts, Bewußtseins mit der Sprache; und der[96] Inhalt des Kampfes ist die tiefste Idee, die die absolutesten Gegensätze zu vereinigen aufzeigt. (Die Gestalt, die ihm zunächstliegt, ist Christus und die Dreieinigkeit und dann die chemischen Formen von Merkur, Salitter, Schwefel, Herbes, Saures usf.) Wir sehen in ihm das Ringen, diese Entgegengesetzten in eins zu bringen und sie zu binden, – nicht für die denkende Vernunft; es ist eine ungeheure wilde und rohe Anstrengung des Innern, das zusammenzupacken, was durch seine Gestalt und Form so weit auseinanderliegt. In seinem starken Geiste bringt er beides zusammen und zerbricht darin alle diese Bedeutung, – die Gestalt der Wirklichkeit, die beides hat. Zugleich aber, weil er diese Bewegung, dies Wesen des Geistes in ihm selbst, so im Innern auffaßt, so nähert sich die Bestimmung der Momente mehr der Form des Selbstbewußtseins, dem Gestaltlosen, dem Begriffe. Wenn man es zusammenfassen will, so hat er gerungen, das Negative, das Böse, den Teufel in Gott zu begreifen, zu fassen.

So roh und barbarisch es einerseits ist und sosehr man es nicht aushalten kann, anhaltend ihn zu lesen und die Gedanken festzuhalten (es geht immer der Kopf herum von Qualitäten, Geistern, Engeln), so hat dies derbe Gemüt doch eigentlich in der Tat eine ungeheure barbarische Kraft, die Wirklichkeit als Begriff zu gebrauchen. Im Hintergrunde ist der spekulativste Gedanke, der aber nicht zu seiner ihm angemessenen Darstellung kommt. Man muß systematische Darstellung bei ihm nicht erwarten, noch wahrhafte Herüberführung ins Einzelne. Er bleibt auch nicht bei einer Form, sondern wirft sich in mehrere Formen herum, weil weder die sinnliche noch die religiöse genügen kann. Populäre, derbe Weise der Vorstellung, vollkommene Parrhesie kommt vor, die uns gemein erscheint. Mit dem Teufel hat er viel zu tun; er redet ihn oft an. »Komm her«, sagt er, »du Schwarzhans. Was willtu? Ich will dir ein Rezept verschreiben.«[97] Wie Prospero bei Shakespeare – im Sturm (I, 2) – Ariel droht, eine wurzelknorrige Eiche zu spalten und ihn 1000 Jahre darin einzuklemmen, so ist Böhmes großer Geist in harte knorrige Eiche des Sinnlichen, – in knorrige, harte Verwachsung der Vorstellung ein gesperrt. Er kann nicht zur freien Darstellung der Idee kommen. In der Idee Gottes auch das Negative zu fassen, ihn als absolut zu begreifen, – dies ist der Kampf, der so fürchterlich aussieht, weil er in der Gedankenbildung noch so weit zurück ist. Die eine Seite ist die ganz rohe und barbarische Darstellung, andererseits erkennt man das deutsche, tiefe Gemüt, das mit dem Innersten verkehrt und darin seine Macht, seine Kraft exerziert.

Ich will die Hauptideen Böhmes kurz angeben, dann einzelne Stellen und Formen, in die er sich herumwirft; er wiederholt sich daher so häufig. Die Formen der Hauptvorstellungen sind indessen wieder sehr verschieden allenthalben, und man würde sich täuschen in seiner Arbeit, wenn man es unternehmen wollte, eine konsequente Darstellung und Entwicklung seiner Vorstellungen zu geben, besonders insofern sie weiter hinausgehen. Von den Gedanken Jakob Böhmes läßt sich meist nicht viel sprechen, ohne die Weise seines Ausdrucks, die Form desselben anzunehmen; denn anders läßt sichs nicht ausdrücken, – die Form ist wesentlich nicht Begriff mehr.

Die Grundidee bei ihm ist das Streben, alles in einer absoluten Einheit zu erhalten, – die absolute göttliche Einheit und die Vereinigung aller Gegensätze in Gott. Sein Haupt-, ja man kann sagen, sein einziger Gedanke, der durch alles hindurchgeht, ist, im Allgemeinen die heilige Dreifaltigkeit, – in allem die göttliche Dreieinigkeit aufzufassen, alle Dinge als ihre Enthüllung und Darstellung; so daß sie das allgemeine Prinzip ist, in welchem und durch welches alles ist, und zwar so, daß alle Dinge nur diese Dreieinigkeit in sich haben, nicht als eine Dreieinigkeit der Vorstellung, sondern als reale, – die absolute Idee. Alles wird als diese Trinität erkannt. Alles, was ist, ist nur diese Dreiheit; diese Dreiheit[98] ist alles. Die Darstellung ist bald trüber, bald lichter. Das Weitere ist dann die Explikation der Dreieinigkeit; und die Formen, die er gebraucht, den Unterschied, der in ihr vorkommt, zu bezeichnen, sind verschieden.

In der Aurora, der »Wurzel oder Mutter der Philosophie, Astrologie und Theologie«, gibt er Einteilung, stellt diese Wissenschaften nebeneinander. »1. Durch die Philosophie wird gehandelt von der göttlichen Kraft, was Gott sei und wie im Wesen Gottes die Natur, Sterne und Elementa beschaffen sind und woher alle Ding seinen Ursprung hat, wie Himmel und Erde beschaffen sind, auch Engel, Menschen und Teufel, dazu Himmel und Hölle und alles, was kreatürlich ist, auch was die beiden Qualitäten in der Natur, aus rechtem Grunde in Erkenntnis des Geistes, im Trieb und Wallen Gottes.«

»2. Durch die Astrologie wird gehandelt von den Kräften der Natur, der Sterne und Elemente, wie dar aus alle Kreaturen sind herkommen, wie Böses und Gutes durch sie gewirket wird in Menschen und Tieren«, – keine klare Bestimmung, sondern mehr ein Übergang.

»3. Durch die Theologie wird gehandelt von dem Reiche Christi, wie dasselbe sei beschaffen, wie es der Höllen Reich sei entgegengesetzt, auch wie es in der Natur mit der Höllen Reich kämpfet.«

Ein Hauptgedanke Böhmes ist, daß das Universum ein göttliches Leben und Offenbaren Gottes in allen Dingen ist; – näher, daß aus dem einen Wesen Gottes, dem Inbegriff aller Kräfte und Qualitäten, der Sohn ewig geboren wird, der in jenen Kräften leuchtet: die innere Einheit dieses Lichts mit der Substanz der Kräfte ist der Geist.

1. Das Erste ist Gott der Vater; dies Erste ist zugleich unterschieden[99] in sich und ist die Einheit dieser beiden. »Gott ist alles«, sagt er, »er ist Finsternis und Licht, Liebe und Zorn, Feuer und Licht; aber er nennet sich alleine einen Gott nach dem Lichte seiner Liebe. – Es ist ein ewiges Contrarium zwischen Finsternis und Licht: keines ergreifet das ander und ist keines das andere und ist doch nur ein einiges Wesen, aber mit der Qual unterschieden« (Qual ist Quelle, Qualität; mit der Qual ist das ausgedrückt, was absolute Negativität heißt, das sich auf sich beziehende Negative, die absolute Affirmation darum), »auch mit dem Willen, und ist doch kein abtrennlich Wesen. Nur ein Principium scheidet das, daß eines im andern als ein Nichts ist, und ist doch, – aber nach dessen Eigenschaft, darinnen es ist, nicht offenbar.« Um diesen Punkt dreht sich nun das ganze Bemühen Böhmes und die Einheit der absolut Verschiedenen. Das Prinzip des Begriffs ist in Böhme durchaus lebendig, nur kann er es nicht in der Form des Gedankens aussprechen. Jenes Einige, sagt er, ist aber unterschieden durch die Qual; d.h. Qual ist eben die selbstbewußte, gefühlte Negativität. Es kommt alles darauf an, das Negative als einfach zu denken, da es zugleich ein Entgegengesetztes ist. So die Qual ist diese innere Zerrissenheit; aber sie ist das Einfache. Davon leitet er ab Quellen, – ein gutes Wortspiel; die Qual, diese Negativität geht fort in Lebendigkeit, Tätigkeit, und so setzt er es auch mit Qualität, woraus er Quallität macht, zusammen. Die absolute Identität der Unterschiede ist durchaus bei ihm vorhanden.

a) So stellt nun Böhme Gott nicht als die leere Einheit vor, sondern als diese sich selbst teilende Einheit des Entgegengesetzten. Gott der Vater ist also das Erste. Aber eine ganz bestimmte Unterscheidung muß man da nicht erwarten. Das Erste, Eine hat zugleich eine sehr natürliche Weise, die Weise des natürlichen Seins. So spricht er von der einfachen Essenz;[100] Gott ist einfache Essenz, wie bei Proklos. Diese einfache Essenz nennt er das Verborgene, bestimmt es darum auch als das Temperamentum, dieselbe Einheit Verschiedener, – alles ist darin temperiert. Wir sehen es ihn auch den großen Salitter – bald den göttlichen, bald den Salitter der Natur –, auch Salitter nennen. Wenn er, als von etwas Bekanntem, von diesem großen Salitter schwatzt, so weiß man nicht sogleich, was dies sein soll. Aber es ist eine schustermäßige Radebrechung des Worts sal nitri, Salpeter – Salniter noch im österreichischen –, d.h. also eben noch das neutrale und in Wahrheit allgemeine Wesen. Das ist der göttliche Pomp: in Gott ist eine herrlichere Natur, Bäume, Gewächse usf. »In der göttlichen Pomp sind fürnemlich zwei Dinge zu betrachten: der Salitter oder die göttlichen Kräfte, er gebäret sich alle Frucht; und der Markurius oder Schall«, – die Qualität, Hitze, Ton. Dieser große Salitter ist nun das verborgene, nicht geoffenbarte Wesen, wie die neuplatonische Einheit ohne Wissen von ihr selbst, – ebenso verborgen, unerkannt.

b) Diese Substanz ist nun Gott der Vater, – diese erste Einheit; sie enthält alle Kräfte, Qualitäten als noch nicht geschieden. Dieser Salitter erscheint dann auch als der Leib Gottes, der alle Qualitäten, Kräfte in sich faßt. »So man das ganze Curriculum oder den ganzen Umzirk der Sterne betrachtet, so findet sichs bald, daß dasselbe sei die Mutter aller Dinge oder die Natur, daraus alle Dinge worden sind und darinnen alle Dinge stehen und leben und dadurch sich alles beweget; und alle Dinge sind aus denselben Kräften gemacht und bleiben darinnen ewiglich.« So sagt man, Gott ist die Realität aller Realitäten. Er sagt: »Du mußt aber deinen Sinn allhier im Geist erheben und betrachten, wie die[101] ganze Natur mit allen Kräften, die in der Natur sind, dazu die Weite, Tiefe, Höhe, Himmel, Erde und alles, was darinnen ist und über dem Himmel, sei der Leib Gottes, und die Kräfte der Sterne sind die Quelladern in dem natürlichen Leibe Gottes in dieser Welt.«

»Nicht mußt du denken, daß in dem Corpus der Sterne sei die ganze triumphierende heilige Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. – Aber dies ist nicht also zu verstehen, daß Er gar nicht sei in dem Corpus der Sterne und in dieser Welt.« Dieses Ganze ist die allgemeine Kraft überhaupt: sie existiert als eine Einheit als Gott Vater, kreatürlich existiert sie als Totalität der Sterne. Es ist der ganze Gott, der sich in soviel Wesen kreatürlich gemacht hat; im Vater, als dem Reservoir, sind die Kräfte in Einem. »Allhier ist nun die Frage, woher denn der Himmel solche Kraft hat oder nimmt, daß er solche Beweglichkeit in der Natur machet? Hier mußtu nun sehen über und außer die Natur in die Licht-heilige, triumphierende, göttliche Kraft, in die unveränderliche, heilige Dreifaltigkeit, die ist ein triumphierend, quallend, beweglich Wesen; und sind alle Kräfte darinnen wie in der Natur, – davon Himmel, Erde Sterne, Elementa, Teufel, Engel, Menschen, Tier und alles worden ist und darinnen alles stehet. – So man nennet Himmel und Erde, Sterne und Elemente und alles, was darinnen ist, und alles, was über allen Himmeln ist, so nennet man hiermit den ganzen Gott, der sich in diesen oberzehlten (unzählbaren) Wesen in seiner Kraft, die von ihm ausgehet, also kreatürlich gemacht hat

»Die bittere Qualität ist auch in Gott, aber nicht auf Art und Weise, wie im Menschen die Galle, sondern ist eine ewigwährende Kraft, ein erheblicher, triumphierender Freuden-Quäll.«[102]

»Von Gott, dem Vater. – Wenn man nun betrachtet die ganze Natur und ihre Eigenschaft, so siehet man den Vater; wenn man anschauet den Himmel und die Sterne, so siehet man seine ewige Kraft und Weisheit. Also viel Sterne unter dem Himmel stehen – unzählich –, also viel- und mancherlei ist Gottes des Vaters Kraft und Weisheit. Es hat jeder Stern seine eigene Qualität. – Nicht mustu denken, daß jede Kraft, die im Vater ist, an einem besonderen Teil und Ort in dem Vater stehe, wie die Sterne am Himmel. Nein! Sondern der Geist zeigt, daß alle Kräfte in dem Vater in einander sind, wie eine Kraft.« Er sagt: »Nicht mustu« aber »denken, daß Gott im Himmel und über dem Himmel etwan stehe und walle, wie eine Kraft und Qualität, welche keine Vernunft und Wissenschaft in sich habe, wie die Sonne, die in ihrem Zirkel herumläuft und schüttet von sich die Wärme und das Licht, es bringe gleich der Erde oder den Kreaturen Schaden oder Frommen. Nein! So ist der Vater nicht, sondern ist ein allmächtiger, allweiser, allwissender, allsehender, allhörender, allriechender, allschmeckender Gott, der da ist in sich sänftig, freundlich, lieblich, barmherzig und freudenreich, ja die Freude selbst.« – Es ist also Trennung in verschiedene Qualitäten. Diese Qualitäten will er nun bestimmen; das ist trübe Darstellung.

c) Ein Hauptbegriff ist die Qualität. Böhme fängt in der Aurora (Morgenröte im Aufgang) von den Qualitäten an. Die erste Bestimmung Böhmes, die der Qualität, ist Inqualieren, Qual, Quelle. In der Aurora sagt er: »Qualität ist die Beweglichkeit, Quallen (Quellen) oder Treiben eines Dinges«, – was er nachher auch mit der Qual zusammenbringt; »als da ist die Hitze, die brennet, verzehret und treibet alles, das in sie kommt, das nicht ihrer Eigenschaft ist. Hinwiederum erleuchtet und wärmet sie alles, was da ist kalt, naß und finster, und machet das Weiche hart. Sie hat aber noch zwei Species in sich: als nämlich das Licht und die Grimmigkeit.[103] Das Licht, das Herze der Hitze, ist ein lieblich, freudenreicher Anblick, eine Kraft des Lebens, – ein Stück oder Quell der himmlischen Freudenreich; denn es machet in dieser Welt alles lebendig und beweglich: alles Fleisch, sowohl Bäume, Laub und Gras wächset in dieser Welt in Kraft des Lichts und hat sein Leben darinnen als in dem Guten. Hinwiederum hat sie die Grimmigkeit« (Negativität), »daß sie brennet, verzehret und verderbet; dieselbe Grimmigkeit quellet, treibet und erhebet sich in dem Lichte und machet das Licht beweglich, ringet und kämpfet miteinander in seinem zweifachen Quell. Das Licht bestehet in Gott ohne Hitze, aber in der Natur bestehet es nicht; denn in der Natur sind alle Qualitäten ineinander, nach Art und Weise, wie Gott alles ist. Gott (der Vater) ist das Herz« – das andere Mal ist der Sohn das Herz Gottes; auch wieder der Geist heißt das Herz – »oder Quellbrunn der Natur; aus ihm rühret her alles. Nun herrschet die Hitze in allen Kräften der Natur und erwärmet alles und ist ein Quell in allen. Das Licht aber in der Hitze gibt allen Qualitäten die Kraft, daß alles lieblich und wonnereich ist.«

Der Qualitäten zählt er eine Reihe auf: die kalte, hitzige, bittere, süße, grimmige, herbe, harte, derbe, weiche Qualität, Schall usw. »Aus diesen Qualitäten sind alle Kreaturen gemacht und kommen daher und leben darinnen als in ihrer Mutter.« »Die Kräfte der Sterne sind die Natur. – Alles rührt in dieser Welt von den Sternen her. Das will ich dir beweisen, so du aber nicht ein Klotz bist und ein wenig Vernunft hast.«

Er nennt den Vater auch alle Kräfte – alle Kräfte sind in ihm »ineinander, wie eine Kraft« – und unterscheidet diese wieder als die sieben ersten Quellgeister. Aber es ist da[104] Verwirrung, kein bestimmter Unterschied, weshalb es gerade sieben sind, keine Gedankenbestimmung; dergleichen Festes findet man nicht bei ihm. Diese sieben Qualitäten sind auch die sieben Planeten, die im großen Salitter Gottes arbeiten; »die sieben Planeten bedeuten die sieben Geister Gottes oder die Fürsten der Engel.« Aber sie sind eine Einheit; und diese Einheit ist ein Quellen und Gären in sich. »In Gott triumphieren alle Geister wie ein Geist, und ein Geist sänftiget und liebet immer den anderen; und ist nichts denn eitel Freude und Wonne.« In Gott sind die Unterschiede vereint. »Es steht nicht ein Geist neben dem anderen wie Sterne am Himmel; sondern alle sieben sind ineinander wie ein Geist.« »Jeder Geist in den sieben Geistern Gottes ist aller sieben Geister Gottes schwanger; alle sind ineinander wie ein Geist«, – jeder ist so in Gott selbst Totalität. »Einer gebäret den anderen in und durch sich selber«; dieses ist das Aufblitzen des Lebens aller Qualitäten. – Er suchte nun, da Gott alles ist, das Böse im Guten, den Teufel in Gott zu fassen; und dieser Kampf ist der ganze Charakter seiner Schriften und die Qual seines Geistes.

2. Wie das Erste das Quellen und Keimen aller Kräfte und Qualitäten war, so ist das Aufgehen das Zweite. Ein Hauptbegriff, welcher bei ihm unter sehr vielen Gestaltungen und Formen erscheint, ist das zweite Prinzip, das Wort, der Separator, die Qual, die Offenbarung, überhaupt die Ichheit, der Quell aller Scheidung, des Willens und Insichseins, das in den Kräften der natürlichen Dinge ist und, indem das Licht darin aufgeht, zur Ruhe zurückgeführt wird.

a) Gott als das einfache absolute Wesen ist nicht Gott absolut; in ihm ist nichts zu erkennen. Was wir erkennen, ist etwas anderes; eben dies Andere ist in Gott selbst enthalten, als Gottes Anschauen und Erkennen. Von dem Zweiten sagt er, eine Separation habe geschehen müssen in diesem[105] Temperament. Böhme sagt eben so: Denn »kein Ding kann ohne Widerwärtigkeit ihme offenbar werden; denn so es nichts hat, das ihme widerstehet, so gehet's immerdar für sich aus und gehet nicht wieder in sich ein. So es aber nicht wieder in sich eingehet als in das, daraus es ist ursprünglich gegangen, so weiß es nichts von seinem Urstand.« Urstand gebraucht er für Substanz; und es ist schade, daß wir diesen und so manchen anderen treffenden Ausdruck nicht gebrauchen dürfen. »Ohne die Widerwärtigkeit hätte das Leben keine Empfindlichkeit, noch Wollen, Wirken, weder Verstand noch Wissenschaft. – Hätte der verborgene Gott, welcher ein einig Wesen und Wille ist, nicht mit seinem Willen aus sich, aus der ewigen Wissenschaft im Temperamento sich in Schiedlichkeit des Willens ausgeführet und dieselbe Schiedlichkeit in einer Infaßlichkeit (Identität) zu einem natürlichen und kreatürlichen Leben eingeführet, und daß dieselbe Schiedlichkeit im Leben nicht im Streit stünde, – wie wollte ihme der Wille Gottes, der nur einer ist, offenbar sein? Wie mag in einem einigen Willen eine Erkenntnis seiner selbst sein?« Wir sehen, Böhme ist unendlich erhaben über das leere Abstraktum des höchsten Wesens usf.

b) Er sagt: »Der Anfang aller Wesen ist das Wort, als das Aushauchen Gottes, und Gott ist das ewige Ein von Ewigkeit gewesen und bleibet's auch in Ewigkeit. Das Wort ist der ewige Anfang und bleibet's ewig; denn es ist die Offenbarung des ewigen Einen, damit und dadurch die göttliche Kraft in eine Wissenschaft des Etwas gebracht wird. Mit dem Worte verstehen wir den offenbaren Willen Gottes, mit dem Wort Gott« aber »den verborgenen Gott, daraus das Wort ewig entspringet. Das Wort« (der Sohn) »ist der Ausfluß des göttlichen Ein, und doch« ist es »Gott selber als seine Offenbarung.« (Logos ist bestimmter als Wort. Es ist schöne Zweideutigkeit des griechischen Worts, – Vernunft und zugleich Sprache. Denn Sprache ist die reine Existenz des[106] Geistes; es ist ein Ding, vernommen in sich zurückgekehrt.) »Das Ausgeflossene ist Weisheit aller Kräfte, Farben, Tugend und Eigenschaften Anfang und Ursach.«

Das Weltall ist nichts anderes als eben die kreatürlich gemachte Wesenheit Gottes. »Wenn du ansiehst die Tiefe« des Himmels, »die Sterne, die Elemente, die Erde« und ihre Erzeugungen, »so begreifst du mit deinen Augen nicht die helle und klare Gottheit, ob sie wohl darinnen ist«; du siehst nur ihre kreatürliche Darstellung. »So du aber deine Gedanken erhebest und denkest... an den Gott, welcher in Heiligkeit in diesem All regieret, so brichstu durch den Himmel aller Himmel und ergreifest Gott bei seinem heiligen Herzen.« »Der Himmel Kräfte arbeiten stets in Bildnissen, Gewächsen und Farben, zu offenbaren den heiligen Gott, auf daß er erkannt werde in allen Dingen.«

c) Das ist der Sohn. Er sagt: »Der Sohn ist« vom Vater und »im Vater, des Vaters Herz oder Licht; und der Vater gebäret ihn von Ewigkeit zu Ewigkeit immerdar.« Demnach ist der Sohn zwar »eine andere Person als der Vater, aber kein anderer«, sondern derselbe »Gott als der Vater«, dessen Abglanz er ist. »Der Sohn ist das Herz«, das Pulsierende, »im Vater. Alle Kräfte, die im Vater sind, sind des Vaters Eigentum. Der Sohn ist das Herz oder der Kern in allen Kräften; er ist aber die Ursache der quellenden Freuden in allen Kräften in dem ganzen Vater.« (Das Erste ist der Salitter, das Neutrale.) »Es steiget von ihm auf die ewige himmlische Freude und quillet in allen Kräften des Vaters«, – »wie die Sonne das Herz der Sterne ist. Sie bedeutet recht den Sohn; sie erleuchtet den Himmel, die Sterne und die Tiefe über der Erde und wirket in allen Dingen, was[107] in dieser Welt ist. (Der Sterne Zirk bedeuten des Vaters mancherlei Kräfte.) Sie gibt allen Sternen Licht und Kraft und temperiert ihre Kraft. (Unter den sieben Geistern ist Luzifer einer gewesen.) Der Sohn Gottes wird von allen Kräften seines Vaters von Ewigkeit, wie die Sonne aus den Sternen geboren ist, immer geboren und nicht gemacht und ist das Herz und Glanz aus allen Kräften. Er leuchtet in allen Kräften des Vaters, und seine Kraft ist die bewegliche, quällende Freude in allen Kräften des Vaters; und er leuchtet in dem ganzen Vater wie die Sonne in der ganzen Welt. Denn so der Sohn nicht in dem Vater leuchtete, so wäre der Vater ein finster Tal; denn des Vaters Kraft stiege nicht auf von Ewigkeit zu Ewigkeit und könnte das göttliche Wesen nicht bestehen.« Diese Lebendigkeit des Sohns ist Hauptpunkt. – Über dieses Aufgehen und Manifestieren hat er denn auch äußerst wichtige Bestimmungen beigebracht.

d) »Aus solcher Offenbarung der Kräfte, darinnen sich der Wille des ewigen Ein beschauet, fließt der Verstand und die Wissenschaft des Ichts, da sich der ewige Wille im Ichts schauet« (Wortspiel von Nichts, denn es ist eben das Negative; aber zugleich Gegenteil von Nichts, und das Ich des Selbstbewußtseins liegt darin). Der Sohn, das Etwas, ist so Ich, Bewußtsein, Selbstbewußtsein; das abstrakte Neutrale ist Gott, das Sichsammeln zum Punkt des Fürsichseins ist Gott. Das Andere ist nun das Ebenbild Gottes. »Dies Ebenbildnis ist das Mysterium magnum, als der Schöpfer aller Wesen und Kreaturen; denn es ist der Separator« (des Ganzen) »in dem Ausfluß des Willens, welcher den Willen des ewigen Ein schiedlich machet, – die Schiedlichkeit im Willen, daraus Kräfte und Eigenschaften urständen.« Dieser Separator ist »zum Amtmann der Natur geordnet, mit welchem der ewige Wille alle Dinge regieret, machet, formet und bildet«. Der Separator ist das Betätigende, sich Unterscheidende;[108] und er nennt ihn – dies Ichts – nun auch den Luzifer, den erstgeborenen Sohn Gottes, – den kreatürlich erstgeborenen Engel. Aber dieser Luzifer ist abgefallen, – Christus an seine Stelle gekommen.

Das ist der Zusammenhang des Teufels mit Gott; das ist Anderssein und dann Fürsichsein, Für-Eines-Sein, daß das Andere für Eines sei. Und dies ist der Ursprung des Bösen in Gott und aus Gott. So ist dies die höchste Tiefe der Gedanken des Jakob Böhme. – Dieser Luzifer ist abgefallen. Denn das Ichts – das Sichselbstwissen, Ichheit (ein Wort, das bei ihm vorkommt) – ist das Sich-in-sich-Hineinbilden, das Sich-in-sich-Hineinimaginieren, das Fürsichsein, das Feuer, das alles in sich hineinzehrt. Dies ist das Negative im Separator, die Qual, oder es ist der Zorn Gottes; dieser Zorn Gottes ist die Hölle und der Teufel, der durch sich selbst sich in sich hinein imaginiert. Das ist sehr kühn und spekulativ; so sucht Böhme aus Gott selbst den Zorn Gottes zu fassen. Der Wille, das Ichts ist auch die Selbheit; es ist das Übergehen des Ichts (Ichheit) in Nichts, daß das Ich sich in sich hinein imaginiert. Er sagt: »Himmel und Hölle sind so fern voneinander wie Tag und Nacht, wie Ichts und Nichts.« – In der Tat ist hier Böhme in die ganze Tiefe des göttlichen Wesens hineingestiegen; das Böse, die Materie, oder wie es genannt worden ist, ist das Ich = Ich, das Fürsich-Sein, – dies ist die wahrhafte Negativität. Früher war es das nonens, das selbst positiv ist, Finsternis; die wahre Negativität ist Ich. Es ist nicht etwas Schlechtes, weil es das Böse genannt wird; im Geist allein ist das Böse, wie es an[109] sich ist, begriffen. – Böhme nennt es denn auch die Selbstheit. So sagt er z.B.: »Wo Gottes Wille in einem Dinge will, da ist Gott offenbar; in solcher Offenbarung wohnen auch die Engel. Und wo Gott in einem Dinge nicht mit des Dinges Willen will, so ist Gott alda ihm« (selbst) »nicht offenbar, sondern wohnet nur in sich selbst, ohne Mitwirkung desselben Dings«; alsdann »ist in dem Dinge eigener Wille und wohnet der Teufel und alles, was außer Gott ist.«

e) Die nähere Form dieses Aufgehens trägt er nach seiner Weise bildlich vor: Dieser Separator nun »führet Eigenschaften aus sich aus, davon die unendliche Vielheit entstehet und dadurch sich das ewige Ein empfindlich machet« (so daß es für andere sei), »nicht nach der Einheit, sondern nach dem Ausfluß der Einheit«. Eben Insichsein und Vielheit sind absolut entgegengesetzt durch den Begriff, den Böhme nicht hat: Fürsichsein, Für-ein-Anderes-Sein, – und Rücknahme, als die andere Seite. Er geht hin und her in scheinbaren Widersprüchen, weiß sich nicht recht zu helfen. »Allein der Ausfluß führet sich so weit bis in die größeste Schärfe, bis in die feurende Art« – das dunkle Feuer ohne Licht, die Finsternis, das Verschlossene, die Selbheit, »in welcher feurenden Art« aber, indem dieses Feuer sich erhebt und zuspitzt, »das ewige Ein majestätisch und ein Licht wird.« Da bricht das Licht aus; und dieses Licht ist die Form, in die das andere Prinzip ausgeht. Das ist Rückkehr zum Einen. »Dadurch« (durch Feuer) »wird die ewige Kraft begierlich und wirkend, und« (das Feuer) »ist der Urstand (Essenz) des empfindlichen (empfindenden) Lebens, da in dem Wort der Kräfte ein ewig, empfindlich Leben urständet. Denn so das Leben keine Empfindlichkeit hätte, so hätte es kein Wollen noch Wirken; aber das Peinen (Angst, Qual) machet es« (alles Leben) erst »wirkend und wollend. Und[110] das Licht solcher Anzündung durchs Feuer machet es freudenreich, denn es ist eine Salbung der Peinlichkeit.«

Dies wirkt er in viele Formen herum, um das Ichts zu fassen, den Separator, wie er aus dem Vater sich »empöre«. Die Qualitäten steigen im großen Salitter auf, bewegen, erheben, »rügen« sich. Er hat da im Vater die Qualität der Herbigkeit und stellt dann das Hervorgehen des Ichts vor als ein Scharfwerden, Zusammenziehen, als einen Blitz. Dies Licht ist der Luzifer. Das Fürsichsein, Sichvernehmen nennt Böhme Zusammenziehen in einen Punkt. Das ist Herbigkeit, Schärfe, Durchdringung, Grimmigkeit; dahin gehört der Zorn Gottes. Darin liegt das Böse; hier faßt er das Andere Gottes in Gott selbst. »Dieser Quell kann angezündet werden durch die große Rügung und Erhebung. Durch die Zusammenziehung wird geformt das kreatürliche Wesen, daß ein himmlisches Corpus« faßlich »gebildet wird. So sie« (die Herbigkeit) »aber durch Erhebung angezündet wird (welches allein die Kreaturen, die aus dem Salitter geschaffen sind, tun können), so ist es eine brennende Quellader des Zorns Gottes.« Es ist hier der Blitz, der hervorbricht. »Der Blitz ist des Lichtes Mutter, denn der Blitz gebäret das Licht von sich und ist der Grimmigkeit Vater; denn die Grimmigkeit bleibet im Blitze als ein Same im Vater. Und derselbe Blitz gebäret auch den Ton oder Schall«; – Blitz ist überhaupt das absolut Gebärende. Der Blitz ist noch mit Schmerz verbunden; das Licht ist das sich Verständigende. Die göttliche Geburt ist das Aufgehen des Blitzes, des Lebens aller Qualitäten. – Dies ist alles aus der Aurora.

f) In den Quaestionibus theosophicis gebraucht er dann besonders auch für den Separator, für diesen Gegensatz, die Form von Ja und Nein. Er sagt: »Der Leser soll wissen, daß in Ja und Nein alle Dinge bestehen, es sei göttlich, teuflisch,[111] irdisch, oder was genannt mag werden. Das Eine, als das Ja, ist eitel Kraft und Leben und ist die Wahrheit Gottes oder Gott selber. Dieser wäre in sich selber unerkenntlich und wäre darinnen keine Freude oder Erheblichkeit noch Empfindlichkeit« (Leben) »ohne das Nein. Das Nein ist ein Gegenwurf des Ja oder der Wahrheit« (diese Negativität ist das Prinzip alles Wissens, Verstehens), »auf daß die Wahrheit offenbar und etwas sei, darinnen ein Contrarium sei, darinnen die ewige Liebe wirkende, empfindlich, wollende und das zu lieben sei. Und können doch nicht sagen, daß das Ja vom Nein abgesondert und zwei Ding nebeneinander sind, sondern sie sind nur ein Ding, scheiden sich aber selber in zwei Anfänge und machen zwei Centra, da ein jedes in sich selber wirket und will. – Außer diesen beiden, welche doch in stetem Streite stehen, wären alle Dinge ein Nichts und stünden still ohne Bewegnis. – Wenn der ewige Wille nicht selber aus sich ausflösse und führte sich in Annehmlichkeit ein, so wäre kein Gestältnis noch Unterschiedlichkeit, sondern es wären alle Kräfte nur eine Kraft. So möchte auch kein Verständnis sein; denn die Verständnis urständet (hat ihre Substanz) in der Unterschiedlichkeit der Vielheit, da eine Eigenschaft die andere siehet, probieret und will. – Der ausgeflossene Wille will die Ungleichheit, auf daß er von der Gleichheit unterschieden und sein eigen Etwas sei, auf daß etwas sei, das das ewige Sehen sehe und empfinde. Und aus dem eigenen Willen entstehet das Nein; denn er führet sich in Eigenheit, als in Annehmlichkeit seiner selber. Er will etwas sein und gleichet sich nicht mit der Einheit; denn die Einheit ist ein ausfließend Ja, welches ewig also im Hauchen seiner selber stehet, und ist eine Unempfindlichkeit; denn sie hat nichts, darinnen sie sich möge empfinden als nur in der Annehmlichkeit des abgewichenen Willens, als in dem Nein, welches ein Gegenwurf ist des Ja, darinnen das Ja offenbar wird und darinnen es etwas hat, das es wollen kann.«[112]

»Und heißet das Nein darum ein Nein, daß es eine eingekehrete Begierde ist, als Nein-werts einschließende. – Der ausgeflossene begehrende Wille ist einziehend und fasset sich selber in sich; davon kommen Gestältnisse und Eigenschaften: 1. Schärfe; 2. Bewegnis; 3. Empfindung. 4. Die vierte Eigenschaft ist das Feuer, als der Blitz des Glanzes; das urständet in der Zusammenfügung der großen ängstlichen Schärfe und der Einheit. – Also ist's ein Schrack in der Zusammenfügung; und in diesem Schrack wird die Einheit ergriffen, daß sie ein Blick oder Glast wird, als eine erhebliche Freude.« Das ist Einschlagen der Einheit. »Denn also urständet das Licht mitten in der Finsternis; denn die Einheit wird zu einem Lichte, und die Annehmlichkeit des begierlichen Willens in den Eigenschaften wird zu einem Geist-Feuer, welches seinen Quall und Ursprung aus der herben, kalten Schärfe hat. – Und darnach ist Gott ein zorniger und eifriger Gott«; und darin liegt das Böse. »a) Die erste Eigenschaft des Einziehens ist das Nein; b) Schärfe; c) Härte; d) Empfindnis; e) Feuer-Quall, Hölle oder Höhle, Verborgenheit. 5. Die fünfte Eigenschaft, die Liebe, macht im Feuer, als in der Peinlichkeit, ein ander Principium, als ein großes Liebefeuer.« – Das ist die Hauptbestimmung des Zweiten. – In diesen Tiefen kämpft sich Böhme herum, da es ihm an Begriffen fehlt und nur religiöse und chemische Formen in ihm sind; diese gebraucht er dann gewaltsam, um seine Ideen auszudrücken, woraus dann Unverständlichkeit und auch Barbarei des Ausdrucks hervorgeht.

g) »Aus diesem ewigen Wirken der Empfindlichkeit ist die sichtbare Welt entsprungen; – die Welt ist das ausgeflossene Wort, welches sich in Eigenschaften eingeführet, da in Eigenschaften ist eigener Wille entstanden. – Der Separator hat es in ein eigen Wollen nach solcher Form gebracht.«

3. Das Dritte endlich sind die Formen der Dreifaltigkeit,[113] die Einheit des Lichts, des Separator und der Kraft; – dies ist nun der Geist. Das Dritte, der Geist, liegt schon zum Teil im Vorhergehenden. »Alle Sterne bedeuten die Kraft des Vaters, aus ihnen ist die Sonne« (sie machen sich Gegenwurf der Einheit). »Nun gehet aus allen Sternen aus die Kraft, die in jedem Sterne ist; nun gehet der Sonne Kraft, Hitze und Schein auch in die Tiefe« – zu den Sternen zurück, in die Kraft. »In der Tiefe ist aller Sterne Kraft mit der Sonne Schein und Hitze ein Ding« (das Licht ist die Salbung, Freude, Lieblichkeit des Peinlichen); es ist »eine bewegende Wallung, gleich eines Geistes«. »Nun ist in der ganzen Tiefe des Vaters außer dem Sohne nichts denn die vielerlei und unermeßliche Kraft des Vaters und das Licht des Sohnes; das ist in der Tiefe des Vaters ein lebendiger, allkräftiger, allwissender, allhörender, allsehender, allriechender, allschmeckender, allfühlender Geist, in dem alle Kraft und Glanz und Weisheit ist wie in dem Vater und Sohne.« Das ist die Liebe, das Besänftigen aller Kräfte durch das Licht, den Sohn. – Wir sehen, daß das Sinnliche so dazugehört.

Er hat wesentlich die Vorstellung: »Gottes Wesen« (aus der ewigen Tiefe als Welt herausgegangen) »ist also nicht etwas Fernes, das eine sonderliche Stätte oder Ort besäße; denn« das Wesen, »der Abgrund der Natur und Kreatur ist Gott selber.« »Du mußt nicht denken, daß im Himmel etwan ein Corpus sei« – die sieben Quellgeister gebären dies Corpus, Herze –, »den man für alles andere Gott heiße. Nein sondern die ganze göttliche Kraft, die selber Himmel und aller Himmel Himmel ist, wird also geboren und heißt Gott der Vater, aus dem alle Engel Gottes, auch der Menschengeist ewig geboren werden. – Du kannst keinen Ort weder im Himmel noch in dieser Welt ernennen, da die göttliche Geburt nicht sei. – Die Geburt der heiligen Dreifaltigkeit geschieht auch in deinem Herzen; es werden alle drei Personen[114] in deinem Herzen geboren, Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist. – In der göttlichen Kraft, – überall ist der Quellbrunn göttlicher Geburt; da sind schon alle sieben Quellgeister Gottes, als wenn du einen räumlichen, kreatürlichen Zirkel schlössest und hättest die Gottheit darinnen.« In jedem Geiste sind alle enthalten.

Diese Dreiheit ist ihm das allgemeine Leben, das ganz allgemeine Leben in jedem und jedem Einzelnen; es ist die absolute Substanz. Er sagt: »Alle Ding in dieser Welt ist nach dem Gleichnis dieser Dreiheit worden. Ihr blinden Juden, Türken und Heiden, tut die Augen des Gemüts auf; ich muß euch an eurem Leibe und an allen natürlichen Dingen zeigen, an Menschen, Tieren, Vögeln und Würmern, sowohl an Holz, Stein, Kraut, Laub und Gras das Gleichnis der heiligen Dreiheit in Gott. Ihr saget, es sei ein einig Wesen in Gott, Gott habe keinen Sohn. Nun tue die Augen auf, und siehe dich selber an; ein Mensch ist nach dem Gleichnis und aus der Kraft Gottes in seiner Dreiheit gemacht. Schaue deinen inwendigen Menschen an, so wirstu das hell und rein sehen, so du nicht ein Narr und unvernünftig Tier bist. So merke: In deinem Herzen, Adern und Hirne hastu deinen Geist; alle die Kraft, die sich in deinem Herzen, Adern und Hirne beweget, darinne dein Leben stehet, bedeut Gott den Vater. Aus der Kraft empöret (gebäret) sich dein Licht, daß du in derselben Kraft sichest, verstehest und weißt, was du tun sollst; denn dasselbe Licht schimmert in deinem ganzen Leibe und beweget sich der ganze Leib in Kraft und Erkenntnis; – das ist der Sohn, der in dir geboren wird.« Dies Licht, dies Sehen, Verstehen ist die zweite Bestimmung, es ist das Verhältnis zu sich selbst. »Aus deinem Lichte gehet aus in dieselbe Kraft Vernunft, Verstand, Kunst und Weisheit, den ganzen Leib zu regieren und auch alles, was außer dem Leibe ist, zu unterscheiden.[115] Und dieses beides ist in deinem Regiment des Gemüts ein Ding, dein Geist; und das bedeut Gott, den Heiligen Geist. Und der Heilige Geist aus Gott herrschet auch in diesem Geiste in dir, bist du ein Kind des Lichts und nicht der Finsternis.« »Nun merke: In einem Holze, Steine und Kraut sind drei Dinge, und kann nichts geboren werden oder wachsen, so unter den dreien sollte in einem Dinge nur eins außen bleiben. Erstlich ist die Kraft, daraus ein Leib wird, es sei gleich Holz oder Stein oder Kraut; hernach ist in demselben« Ding »ein Saft, das ist das Herze eines Dings; zum Dritten ist darinnen eine quellende Kraft, Geruch oder Geschmack, das ist der Geist eines Dinges, davon es wächst und zunimmt; so nun unter den Dreien eins fehlt, so kann kein Ding bestehen.« Er betrachtet also alles als diese Dreieinigkeit.

Wenn er ins Einzelne kommt, sieht man, daß er trübe wird. Aus der besonderen Exposition ist nicht viel zu schöpfen. Zur Darstellung z.B. gehört (als Probe seiner Manier, natürliche Dinge zu begreifen) noch dieses, daß er bei der weiteren Verfolgung des Seins der Natur als eines Gegenwurfs der göttlichen Wissenschaft das, was wir Dinge nennen, als Begriffe gebraucht. Z.B. das Kreatürliche hat »dreierlei Kräfte oder Spiritus in unterschiedenen Centris, aber in einem Corpore. α) Der erste und äußerliche Spiritus ist der grobe Schwefel, Salz und Mercurius, der ist ein Wesen der vier Elemente« (Feuer, Wasser, Erde, Luft) »oder des Gestirnes. Er bildet das sichtbare Corpus nach der Konstellation der Sterne oder Eigenschaft der Planeten und jetzt entzündeten Elemente, – der größten Kraft des Spiritus mundi. Der Separator macht die Signatur oder Bezeichnung«, – Selbheit. Das Salz, der Salitter ist ungefähr das Neutrale: Merk (auch Mark) das Wirkende, die Unruhe gegen die Ernährung; der grobe Schwefel die negative Einheit. β) »Der ander Spiritus liegt im Öle des Schwefels, die[116] fünfte Essenz, als eine Wurzel der vier Elemente. Das ist die Sänftigung und Freude des groben, peinlichen Schwefels und Salzgeistes: die rechte Ursach des wachsenden Lebens, eine Freude der Natur, wie die Sonne in den Elementen ist«, – das unmittelbare Lebensprinzip. »In dem inwendigen Grunde jenes groben sieht man ein schön klar Corpus, darinnen das eingebildete Licht der Natur vom göttlichen Ausfluß scheinet.« – Das Aufgenommene signiert der äußere Separator mit der Bildung und Form der Pflanze, die diese große Nahrung in sich nimmt. γ) »Das Dritte ist die Tinktur, ein geistliches Feuer und Licht: der höchste Grund, daraus die erste Schiedlichkeit der Eigenschaften im Wesen dieser Welt urständet« – Fiat ist das Wort eines jeden Dings – »und gehöret nach ihrer Selbsteigenschaft zur Ewigkeit. Ihr Urstand ist die heilige Kraft Gottes.« »Der Ruch (Geruch) ist die Empfindlichkeit dieser Tinktur.« »Die Elemente sind nur ein Gehäuse und Gegenwurf der inneren Kraft, eine Ursache der Bewegnis der Tinktur.« – Die sinnlichen Dinge verlieren ganz die Kraft dieses sinnlichen Begriffs, aber nicht als solche: das Harte und Barbarische der Böhmeschen Darstellung, – aber zugleich diese Einheit mit der Wirklichkeit, Gegenwart des unendlichen Wesens.

Wenn nun die Natur der anfängliche Ausfluß des Separatoris ist, so sind aber im Gegenwurf göttlichen Wesens zweierlei Leben zu verstehen: außer jenem zeitlichen ein ewiges, dem das göttliche Verständnis gegeben ist; es steht im Grunde der ewigen geistlichen Welt, im Mysterio magno göttlichen Gegenwurfs (Ichheit), – ein Gehäuse göttlichen Willens, dadurch er sich offenbart und zu keiner Eigenheit eigenen Willens offenbart wird. Der Mensch eben in diesem[117] Zentrum hat beide Leben an sich, – er ist aus Zeit und Ewigkeit: α) im »ewigen Verstand des einigen guten Willens, der ein Temperament« (Allgemeines) »ist; β) der anfängliche Wille der Natur als der Infaßlichkeit der Centrorum, da sich ein jedes Centrum in der Schiedlichkeit in eine Stätte zur Ichheit und Selbwollens als ein eigen Mysterium oder Gemüt einschließt. α) Jenes begehret nur einen Gegenwurf seiner Gleichheit, β) dieses – der selberborne, natürliche Wille in der Stätte der Selbheit der finstern Impression – auch eine Gleichheit, als einen Gegenwurf durch seine eigene Infaßlichkeit; durch welches Infassen er nichts begehret als nur seiner Korporalität als eines natürlichen Grundes.« – Dies Ich, das Finstere, die Qual, das Feuer, der Zorn Gottes, das Insichsein, Insichfassen, Harte ist es nun, das in der Wiedergeburt aufgebrochen wird; das Ich wird zerbrochen, die Peinlichkeit wird in die wahre Ruhe gebracht, – wie das finstere Feuer in Licht ausbricht.

Dies sind nun die Hauptgedanken des Böhme. Böhmes tiefe Gedanken sind: α) das Erzeugtwerden des Lichts, Sohns Gottes aus den Qualitäten, – lebendigste Dialektik; β) die Direction seiner selbst. Die Barbarei in der Ausführung ist nicht zu verkennen, und sie gebraucht, um dem Gedanken Worte zu geben, gewaltsam sinnliche Vorstellungen wie Salitter, Tinktur, Essenz, Qual, Schrack usf. Aber ebensowenig ist zu verkennen die größte Tiefe, die sich mit der Vereinigung der absolutesten Gegensätze herumgeworfen hat; er faßt die Gegensätze auf das Härteste, Rohste, – aber er läßt sich durch ihre Sprödigkeit nicht abhalten, die Einheit zu setzen. Diese Tiefe, roh und barbarisch, ist ohne Begriff: eine Gegenwart, ein aus sich selbst Sprechen, – alles in sich selbst haben und wissen. – Zu erwähnen ist noch sein frommes Wesen, das Erbauliche, der Weg der Seele in seinen Schriften. Dies ist im höchsten Grade tief und innig; und[118] wenn man mit seinen Formen vertraut ist, so wird man diese Tiefe und Innigkeit finden. Aber es ist eine Form, mit der man sich nicht versöhnen kann und die keine bestimmte Vorstellung über das Detail zuläßt. Man wird nicht verkennen, welches tiefe Bedürfnis des Spekulativen in diesem Menschen gelegen hat.[119]

Quelle:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in zwanzig Bänden. Band 20, Frankfurt am Main 1979, S. 91-120.
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