2. Kapitel
Höchste treue / Dschï Dschung

[132] Höchste Treue widerstrebt dem Ohr und ist dem Herzen zuwider. Wer sonst, als ein weiser Fürst, vermöchte ihre Worte zu hören. Sie ist etwas, worüber ein weiser Fürst sich freut und wofür ein unwürdiger Fürst Strafen verhängt. Alle Fürsten hassen die Unterdrückung der Schwachen, aber wenn sie sie selbst üben, was hat dann ihr Haß für einen Wert. Wenn ich z.B. einen Baum habe, dessen Gedeihen ich wünsche, aber wenn jemand ihn täglich begießt, so hasse ich das und schneide selber seine Wurzeln ab, so werde ich sicher keinen lebendigen Baum behalten. Wenn man aber treue Worte verschmäht, so ist das der Geist, der selber die Wurzeln abschneidet.

Der König Dschuang von Tschu jagte einst in Yün Mong. Da legte er auf ein Rhinozeros an und traf es. Schen Gung Dsï Pe machte dem König die Beute streitig und nahm sie ihm weg. Der König sprach: »Was ist er doch roh und unehrerbietig« und gab seinen Knechten den Befehl, ihn hinzurichten. Allein die Räte seiner Umgebung erhoben Einspruch und sagten: »Dsï Pe ist ein weiser[132] Mann und hat sich im Dienst des Königs hundertfach verdient gemacht. Dies Benehmen hat sicher seinen Grund, dem man nachforschen muß.« Keine drei Monate waren vergangen, da wurde Dsï Pe krank und starb. Der König von Tschu zog in den Krieg und es kam zu einer Schlacht bei Liang Tang, in der er einen großen Sieg über den Staat Dsin errang. Nach seiner Rückkehr belohnte er diejenigen, die sich Verdienste erworben hatten. Da trat der jüngere Bruder des Schen Gung Dsï Pe vor den Aufseher und bat um eine Belohnung, indem er sprach: »Andere haben sich Verdienste erworben im Krieg, mein Bruder hat sich ein Verdienst erworben auf der Jagd.« Der König sprach: »Was soll das heißen?« Er erwiderte: »Mein Bruder hat sich den Namen eines rohen und unehrerbietigen Menschen zugezogen und sich der Todesstrafe schuldig gemacht an der Seite des Königs. In seinem törichten Herzen dachte er dem König höchste Treue zu beweisen, indem er ihm zu einem langen Leben verhalf. Mein Bruder hat einmal in einem alten Buch gelesen, daß wer ein Rhinozeros tötet, in den nächsten drei Monaten sterben müsse. Darum fürchtete er für Euer Leben und machte Euch die Beute streitig. So traf ihn die Strafe und er ist gestorben.« Der König befahl, daß man die Bibliothek eröffne und in den alten Schriften nachsehe, und richtig verhielt es sich so. Da belohnte er den Bruder reichlich. Von der Treue des Schen Gung Dsï Pe kann man sagen, daß sie eine schöne Tat war. Wer eine schöne Tat im Sinn hat, der wird nicht angefeuert dadurch, daß andere sie kennen und nicht gehemmt dadurch, daß andere sie nicht kennen.

Der König von Tsi4 litt an einer Krankheit, daß er alle genossene Speise wieder von sich geben mußte. Da sandte er nach Sung, um den berühmten Arzt Wen Dschï holen zu lassen. Wen Dschï kam, und als er des Königs Krankheit untersucht hatte, sprach er zum Thronfolger: »Des Königs Krankheit läßt sich zwar heilen, allein wenn ich des Königs Krankheit heile, so wird er mich sicher töten lassen.« Der Kronprinz sprach: »Weshalb?« Wen Dschï antwortete: »Wenn man den König nicht in Wut bringt, so kann seine Krankheit nicht besser werden. Erzürne ich aber den König, so muß ich[133] sicher sterben.« Da verneigte sich der Kronprinz vor ihm und bat inständig und sprach: »Wenn Ihr wirklich des Königs Krankheit heilt, so werde ich und meine Mutter bis zum Tod dem König entgegentreten und der König wird sicher auf mich und meine Mutter hören. Ihr braucht Euch also nicht zu fürchten.« Wen Dschï sprach: »Ja, ich will durch meinen Tod den König heilen.« Da machte er mit dem Kronprinzen eine Zeit aus, um mit ihm zusammen zum König zu gehen. Aber als jener zum König gehen wollte, da erschien er nicht. So machte er es dreimal. Darüber ward der König schon ernstlich böse. Als Wen Dschï dann endlich erschien, da zog er seine Schuhe nicht aus, sondern stieg mit den Schuhen auf das Lager des Königs und trat auf sein Kleid, während er sich nach seinem Befinden erkundigte. Der König wurde zornig und sprach kein Wort mit ihm. Da tat Wen Dschï einige Äußerungen, die den König vollends in Wut brachten. Scheltend erhob sich der König und seine Krankheit war geheilt. Der König aber in seiner Wut ließ sich nicht beruhigen und befahl, daß man Wen Dschï lebendig in heißem Oel kochen solle. Der Kronprinz und die Königin traten mit allen Kräften für ihn ein, aber sie konnten nichts erreichen. Tatsächlich wurde Wen Dschï in einen Kessel gesteckt und in heißem Oel gekocht. Drei Tage und drei Nächte hatte er schon geschmort, ohne daß sich die gewünschte Wirkung zeigte. Da sprach Wen Dschï: »Wenn Ihr mich wirklich töten wollt, so müßt Ihr mich ganz mit einem Deckel zudecken, damit die Lebenskraft erstickt.« Da befahl der König ihn zuzudecken. Darauf starb Wen Dschï.

Treu zu sein zu einer Zeit da Ordnung herrscht ist leicht, treu zu sein in einem verkehrten Geschlecht ist schwer. Wen Dschï wußte es ganz genau, daß er die Heilung des Königs mit dem Leben bezahlen müsse. Aber um des Kronprinzen willen nahm er diese schwere Tat auf sich, um dessen kindlicher Gesinnung entgegenzukommen.

Quelle:
Chunqiu: Frühling und Herbst des Lü Bu We. Düsseldorf/Köln 1971, S. 132-134.
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