Zweites Kapitel.
Von der Bedeutung der Worte

[4] § 1. (Die Worte sind sinnliche Zeichen für die Mitteilung.) Wenn auch Jemand viele und solche Gedanken hat, die Anderen ebenso viel Nutzen und Vergnügen wie ihm selbst gewähren könnten, so sind sie doch alle in seiner Brust, unsichtbar, den Anderen verborgen und können sich äusserlich nicht zeigen. Da aber die Bequemlichkeiten und der Nutzen der Gemeinschaft ohne Mittheilung der Gedanken unmöglich waren, so mussten die Menschen gewisse äusserliche Zeichen ausfindig machen, wodurch sie die unsichtbaren Vorstellungen, aus denen ihre Gedanken bestehen, Anderen erkennbar machen konnten. Dazu war nichts in Rücksicht auf Vollständigkeit und Schnelligkeit so geeignet als die artikulirten Laute, die der Mensch so leicht und mannichfach hervorbringen kann. Hieraus begreift es sich, wie die von Natur so gut dazu geeigneten Worte von den Menschen zur Bezeichnung ihrer Vorstellungen benutzt worden sind. Es geschah nicht wegen einer natürlichen Verbindung zwischen bestimmten artikulirten Lauten und einzelnen Vorstellungen, denn dann würde es nur eine Sprache für alle Menschen geben, sondern willkürlich; ein beliebiges Wort wurde zum Zeichen einer Vorstellung erhoben. Der Nutzen der Worte liegt also in ihrer sinnlichen Bezeichnung der Vorstellungen, und diese Vorstellungen machen deren unmittelbare und eigentliche Bedeutung aus.

§ 2. (Die Worte sind die sinnlichen Zeichen der Vorstellungen Dessen, der sie gebraucht.) Die Worte werden entweder gebraucht, um in Unterstützung des Gedächtnisses sich seiner eigenen Gedanken zu erinnern, oder um die Vorstellungen gleichsam zu äussern und den Anderen vor Augen zu legen. Deshalb[4] bezeichnen sie ursprünglich und unmittelbar und die Vorstellungen Dessen, der sie gebraucht, wenn auch diese Vorstellungen noch so unvollständig und nachlässig den Dingen, die sie vorstellen sollen, entlehnt sind. Wenn Menschen mit einander sprechen, so wollen sie verstanden sein, und der Zweck des Sprechens ist, durch Laute, als Zeichen, seine Vorstellungen dem Hörer bekannt zu machen. Also bezeichnen die Worte die Vorstellungen des Sprechenden, und Niemand kann sie unmittelbar für etwas Anderes als für seine eigenen Vorstellungen benutzen; denn sonst würden sie als Zeichen der eigenen Vorstellungen für andere Vorstellungen benutzt, d.h. sie wären gleichzeitig Zeichen und auch nicht reichen der eigenen Vorstellungen, d.h. sie hätten gar keine Bedeutung. Worte sind willkürliche Zeichen und können als solche von Niemand unbekannten Dingen beigelegt wer den; damit würden sie Zeichen von Nichts und Laute ohne Bedeutung. Niemand kann sein Wort zu Zeichen von Eigenschaften der Dinge oder Vorstellungen in eines Anderen Seele machen, wovon er keine eigene Vorstellung hat. Ehe er nicht eine solche hat, kann er nicht annehmen, dass sie mit denen Anderer stimme und kann kein Zeichen dafür gebrauchen; denn sie wären dann Zeichen für etwas ihm Unbekanntes, d.h. in Wahrheit Zeichen für Nichts. Wenn er sich aber die Vorstellungen Anderer durch seine eigenen vorstellt und ihnen denselben Namen, wie Andere, giebt, so geschieht es doch nur für seine eigenen Vorstellungen, also für die Vorstellungen, die er hat, und nicht für solche, die er nicht hat.

§ 3. Dies ist für den Gebrauch der Sprache so nothwendig, dass in dieser Hinsicht der Kluge und der Dumme, der Gelehrte und der Ungelehrte die Worte, wenn sie sprechen (und dies Sprechen irgend Etwas bedeuten soll), alle in gleicher Art gebrauchen. In Jedes Munde bezeichnen sie seine Vorstellungen, die er damit ausdrücken will. Wenn ein Kind nichts ausser der glänzenden gelben Farbe an dem Metall beachtet hat, das es Gold nennen hört, so benutzt es das Wort Gold doch nur für seine eigene Vorstellung von dieser Farbe und für nichts weiter, und nennt deshalb diese Farbe auch an dem Schweife eines Pferdes Gold. Ein anderes hat besser beobachtet und fügt dieser Farbe das schwere[5] Gewicht hinzu; dann bedeutet der Laut Gold, wenn es ihn gebraucht, die zusammengesetzte Vorstellung einer glänzend-gelben und sehr schweren Substanz. Ein Anderer fügt dann die Schmelzbarkeit hinzu, und dann bedeutet ihm Gold einen glänzenden, gelben, schmelzbaren und sehr schweren Körper. Ein Anderer setzt die Hämmerbarkeit hinzu; Jeder von ihnen gebraucht das Wort, wenn der Anlass kommt, gleichmässig zum Ausdruck der von ihm damit verknüpften Vorstellungen, und Jeder kann ihm offenbar nur seine eigenen Vorstellungen beilegen und es nicht als Zeichen einer Vorstellung, die er nicht hat, nehmen.

§ 4. (Die Worte werden oft im Stillen bezogen; zunächst auf die Vorstellungen in der Seele Anderer.) Wenn hiernach die Worte eigentlich und unmittelbar nur die Vorstellungen des Sprechenden bezeichnen können, so wird ihnen doch in Gedanken eine Beziehung auf zweierlei Anderes gegeben. Erstens nimmt man die Worte auch als Zeichen der Vorstellungen Anderer, mit denen man verkehrt; denn das Sprechen wäre vergeblich und unverständlich, wenn der Hörer den Laut mit einer anderen Vorstellung als der Sprechende verbände; das hiesse zwei Sprachen reden. Indess sind die Menschen auf diesen Punkt meist nicht aufmerksam genug, halten es für genügend, wenn sie das Wort in dem nach ihrer Meinung allgemein geltenden Sinne gebrauchen; sie nehmen dabei an, dass die Vorstellung, dessen Zeichen das Wort nach ihnen sein soll, genau die ist, welche die verständigen Leute des Landes mit diesem Worte verbinden.

§ 5. (Sodann auf die Wirklichkeit der Dinge.) Zweitens will man, dass die Menschen nicht denken, man spreche nur von seinen eigenen Einbildungen, sondern von wirklichen Dingen. Indess gilt dies mehr von Substanzen und deren Namen, während der erste Fall mehr von einfachen Vorstellungen und Zuständen gilt; ich werde daher von diesem verschiedenen Gebrauche der Worte mehr und ausführlicher bei Gelegenheit der Worte für die gemischten Zustände und für die Substanzen sprechen; nur das möchte ich hier bemerken, dass es ein verkehrter Gebrauch der Worte ist, welcher unvermeidlich Dunkelheit und Verwirrung in ihre Bedeutung[6] bringt, wenn man sie zu Zeichen der Dinge selbst und nicht der Vorstellungen der Dinge macht.

§ 6. (Die Worte erwecken in Folge von Uebung leicht die Vorstellungen.) In Betreff der Worte ist ferner zu erwähnen: Erstens dass, indem sie die unmittelbaren Zeichen der Vorstellungen sind und damit die Werkzeuge, wodurch man sich seine Gedanken mittheilt und die in der engeren Brust enthaltenen Gedanken und Phantasiebilder für Andere ausspricht, durch den fortwährenden Gebrauch die Verbindung zwischen Laut und der zugehörigen Vorstellung so fest wird, dass bei dem Hören des Wortes sofort dessen Vorstellung sich ebenso einfindet, als wenn der Gegenstand selbst den Sinn erregte. Dies ist offenbar bei allen bekannten sinnlichen Eigenschaften und ebenso bei allen häufig, vorkommenden und bekannten Substanzen der Fall.

§ 7. (Die Worte werden nicht ohne Bedeutung gebraucht.) Zweitens bezeichnen, zwar die Worte in ihrer eigentlichen und unmittelbaren Bedeutung Vorstellungen des Sprechenden; allein sie werden von der Wiege ab so viel gebraucht, dass man viele artikulirte Laute vollkommen inne hat, schnell auf der Zunge und im Gedächtniss immer bei der Hand hat, ohne doch deren Bedeutung sorgfältig zu prüfen und festzustellen. Daher kommt es, dass man selbst bei aufmerksam geführten Untersuchungen seine Gedanken mehr an Worte wie an die Dinge hängt. Ja, viele Worte hat man eher gelernt, ehe man ihre Vorstellungen kannte; deshalb sprechen Manche, und nicht blos die Kinder, die Worte nach Art der Papageien, blos weil sie den Laut gelernt und sich daran gewöhnt haben. Allein so weit die Worte von Nutzen und Bedeutung sind, so weit haben sie auch eine feste Verbindung mit Vorstellungen und bezeichnen diese; ohnedem würden sie nur bedeutungslose Töne bleiben.

§ 8. (Ihre Bedeutung ist ganz willkürlich.) Durch den langen und häufigen Gebrauch erwecken, wie gesagt, die Worte so regelmässig und so schnell gewisse Vorstellungen, dass man geneigt ist, eine natürliche Verbindung zwischen beiden anzunehmen. Allein sie bezeichnen die Vorstellungen des Menschen nur durch eine rein willkürliche Verknüpfung, wie daraus erhellt, dass sie bei[7] Anderen (obgleich sie dieselbe Sprache sprechen) nicht immer dieselbe Vorstellung erwecken, für deren reichen sie gelten, und es kann Niemand die Freiheit genommen werden, Worte mit beliebigen Vorstellungen zu verbinden, deshalb vermag Niemand zu bewirken, dass Andere bei dem Gebrauch derselben Worte auch dieselben Vorstellungen haben, die er selbst hat. Selbst der grosse Augustus, der in dem Besitz der Herrschaft über die ganze Welt war, erkennt es an, dass er kein neues lateinisches Wort zu machen vermöge, d.h. dass er nicht beliebig bestimmen könne, welche Vorstellung ein Laut in dem Munde und in der Sprache seiner Unterthanen bezeichnen solle. Allerdings verknüpft der gemeinsame Gebrauch in allen Sprachen stillschweigend gewisse Laute mit gewissen Vorstellungen, und die Bedeutung dieser Laute ist dadurch insoweit beschränkt, dass der Mensch nicht richtig spricht, wenn er nicht diese Vorstellung damit verknüpft; und ich sage weiter, dass ein Mensch nicht verständlich spricht, wenn seine Worte in dem Hörer nicht dieselbe Vorstellung erwecken, für die er sie bei seiner Rede gebraucht. Mögen indess die Folgen eines, von der allgemeinen Bedeutung oder dem besonderen, durch den Hörenden den Worten beigelegten Sinne abweichenden Gebrauchs derselben sein, welche sie wollen, so ist doch so viel sicher, dass ihre Bedeutung bei ihrem Gebrauche auf die engeren Vorstellungen des Sprechenden beschränkt ist, und dass sie nicht Zeichen von etwas Anderem sein können.

Quelle:
John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand. In vier Büchern. Band 2, Berlin 1872, S. 4-8.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Versuch über den menschlichen Verstand
Philosophische Bibliothek, Bd.75, Versuch über den menschlichen Verstand, Teil 1: Buch I und II
Philosophische Bibliothek, Bd.76, Versuch über den menschlichen Verstand. Teil 2. Buch 3 und 4
Philosophische Bibliothek, Bd.75, Versuch über den menschlichen Verstand. Teil 1. Buch 1 und 2.
Versuch über den menschlichen Verstand: Theil 1

Buchempfehlung

Müllner, Adolph

Die Schuld. Trauerspiel in vier Akten

Die Schuld. Trauerspiel in vier Akten

Ein lange zurückliegender Jagdunfall, zwei Brüder und eine verheiratete Frau irgendwo an der skandinavischen Nordseeküste. Aus diesen Zutaten entwirft Adolf Müllner einen Enthüllungsprozess, der ein Verbrechen aufklärt und am selben Tag sühnt. "Die Schuld", 1813 am Wiener Burgtheater uraufgeführt, war der große Durchbruch des Autors und verhalf schließlich dem ganzen Genre der Schicksalstragödie zu ungeheurer Popularität.

98 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon