I. Kapitel

»Die kritische Kritik in Buchbindermeister-Gestalt« oder

die kritische Kritik als Herr Reichardt

[9] Die kritische Kritik, so erhaben sie sich über die Masse weiß, fühlt doch ein unendliches Erbarmen für dieselbe. Also hat die Kritik die Masse geliebt, daß sie ihren eingebornen Sohn gesandt hat, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das kritische Leben haben. Die Kritik wird Masse und wohnet unter uns, und wir sehen ihre Herrlichkeit als die Herrlichkeit des eingebornen Sohnes vom Vater. D.h. die Kritik wird sozialistisch und spricht »von Schriften über den Pauperismus .« Sie sieht es nicht für einen Raub an, Gott gleich zu sein, sondern entäußert sich selbst und nimmt Buchbindermeister-Gestalt an und erniedrigt sich bis zum Unsinn – ja zum kritischen Unsinn in fremden Sprachen. Sie, deren himmlische jungfräuliche Reinheit von der Berührung mit der sündigen aussätzigen Masse zurückschaudert, sie überwindet sich so weit, daß sie von »Bodz« und »allen Quellenschriftstellern des Pauperismus« Notiz nimmt und »mit dem Zeitübel seit Jahren Schritt um Schritt tut«; sie verschmäht es, für die Fachgelehrten zu schreiben, sie schreibt für das große Publikum, entfernt alle fremdartigen Ausdrücke, allen »lateinischen Kalkul, allen zunftmäßigen Jargon« – alles das entfernt sie aus den Schriften anderer, denn das wäre doch gar zuviel verlangt, wenn die Kritik sich selbst »diesem Reglement der Administration« unterwerfen sollte. Aber selbst das tut sie teilweise, sie entäußert sich, wenn nicht der Worte selbst, doch ihres Inhalts mit bewundernswürdiger Leichtigkeit – und wer wird ihr vorwerfen, daß sie »den großen Haufen unverständlicher Fremdwörter« gebraucht, wenn sie selbst mit systematischer Manifestation die Entwickelung begründet, daß auch ihr diese Wörter unverständlich geblieben sind? Von dieser systematischen Manifestation einige Proben:

»Deshalb sind ihnen die Institutionen des Bettlertums ein Greuel.«

»Eine Verantwortlichkeits-Lehre, an welcher jede Regung des Menschengedankens Abbild von Lots Weib wird

[9] »Auf den Schlußstein dieses in der Tat gesinnungsreichen Kunstgebäudes

»Dies der Hauptinhalt von Steins politischem Testamente, welches der große Staatsmann noch vor seinem Austritt aus dem aktiven Dienst der Regierung und allen ihren Abhandlungen einhändigte.«

»Dieses Volk besaß damals für eine solch ausgedehnte Freiheit noch keine Dimensionen

»Indem er am Schluß seiner publizistischen Abhandlung mit ziemlicher Sicherheit parlamentiert, es fehle bloß noch am Vertrauen.«

»Dem staatserhebenden männischen, sich über die Routine und die kleingeistige Furcht erhebenden, an der Geschichte gebildeten und mit lebendiger Anschauung fremden öffentlichen Staatswesens genährten Verstand.«

»Die Erziehung einer allgemeinen Nationalwohlfahrt.«

»Die Freiheit blieb in der Brust des preußischen Völkerberufs unter der Kontrolle der Behörden tot liegen.«

»Volksorganische Publizistik.«

»Dem Volke, dem auch Herr Brüggemann das Taufzeugnis seiner Mündigkeit erteilt.«

»Ein ziemlich greller Widerspruch gegen die übrigen Bestimmtheiten, die in der Schrift für die Berufsfähigkeiten des Volkes ausgesprochen sind.«

»Der leidige Eigennutz löst alle Chimären des Nationalwillens schnell auf.«

»Die Leidenschaft, viel zu erwerben etc., das war der Geist, der die ganze Restaurationszeit durchdrang und der sich mit einer ziemlichen Quantität Indifferenz der neuen Zeit anschloß

»Der dunkle Begriff politischer Bedeutung, welcher in der landmannschaftlichen preußischen Nationalität anzutreffen ist, ruht auf dem Gedächtnis einer großen Geschichte

»Die Antipathie verschwand und ging einem völlig exaltierten Zustand über.«

»Jeder in seiner Art stellte bei diesem wunderbaren Übergang noch seinen besondern Wunsch in Aussicht

»Ein Katechismus mit gesalbter salomonischer Sprache, dessen Worte sanft wie eine Taube Zirb! Zirb! hinaufsteigen in die Region des Pathos und donnerähnlicher Aspekten

»Der ganze Dilettantismus einer fünfunddreißigjährigen Vernachlässigung.« »Das zu grelle Verdonnern der Städtebürger durch einen ihrer ehemaligen Vorstände würde sich noch mit der Gemütsruhe unserer Vertreter hinnehmen lassen, wenn die Bendasche Auffassung der Städteordnung von 1808 nicht an einer moslemitischen Begriffs-Affektion über das Wesen und den Gebrauch der Städteordnung laborierte.«

Der stilistischen Kühnheit entspricht bei Herrn Reichardt durchgängig die Kühnheit der Entwicklung selbst. Er macht Übergänge wie folgende:

»Herr Brüggemann...Jahr 1843... Staatstheorie... jeder Redliche... die große Bescheidenheit unsrer Sozialisten... natürliche Wunder... an Deutschland zu stellende Forderungen... übernatürliche Wunder... Abraham... Philadelphia...[10] Manna... Bäckermeister... weil wir aber von Wundern sprechen, so brachte Napoleon« etc.

Nach diesen Proben ist es denn auch gar nicht zu verwundern, daß die kritische Kritik noch eine »Erläuterung« eines Satzes gibt, dem sie selbst »populäre Redeweise« beilegt. Denn sie »waffnet ihre Augen mit organischer Kraft, das Chaos zu durchdringen.« Und hier ist zu sagen, daß dann selbst »populäre Redeweise« der kritischen Kritik nicht unverständlich bleiben kann. Sie sieht ein, daß der Literaten-Weg notwendig ein krummer bleibt, wenn das Subjekt, das ihn betritt, nicht stark genug ist, ihn gerade zu machen, und schreibt deshalb natürlich dem Schriftsteller »mathematische Operationen« zu.

Es versteht sich, und die Geschichte, die alles beweist, was sich von selbst versteht, beweist auch dies, daß die Kritik nicht Masse wird, um Masse zu bleiben, sondern um die Masse von ihrer massenhaften Massenhaftigkeit zu erlösen, also die populäre Redeweise der Masse in die kritische Sprache der kritischen Kritik aufzuheben. Es ist die stufenhaftigste Stufe der Erniedrigung, wenn die Kritik die populäre Sprache der Masse erlernt und diesen rohen Jargon in den überschwenglichen Kalkul der kritisch kritischen Dialektik transzendiert.[11]

Quelle:
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Berlin 1957, Band 2, S. 9-12.
Lizenz:
Kategorien: