17. Von Gott und der Welt

[112] Das Allerbeste, das Gott dem Menschen je tat, das war, dass er Mensch ward. Davon will ich eine Geschichte erzählen, die wohl hierher gehört. Es war ein reicher Mann und eine reiche Frau, da stiess der Frau das Unglück zu, dass sie ein Auge verlor, dessen ward sie sehr betrübt. Da kam der Herr zu ihr und sprach: »Frau, warum seid ihr so betrübt? Ihr sollt darüber nicht betrübt sein, dass ihr euer Auge verloren habt.« Da sprach sie: »Herr, ich bin nicht darum betrübt, weil ich mein Auge verloren habe; ich bin darum betrübt, weil es mich dünkt, ihr müsstet mich nun weniger lieb haben.« Da sprach er: »Frau, ich habe euch lieb.« Danach nicht lange nachher stach er sich selbst ein Auge aus und kam zu der Frau und sprach: »Frau, damit ihr nun glaubt, dass ich euch lieb habe, habe ich mich euch gleich gemacht: ich habe nun auch nur noch ein Auge.«[112]

Die Meister sagen: alle Kreaturen wirken daraufhin, dass sie gebären und sich dem Vater gleich machen wollen. Ein anderer Meister sagt: Jede wirkende Ursache wirkt allein um ihres Zweckes willen, dass sie Rast und Ruhe in ihrem Zwecke finde. Dies ist der Mensch, der konnte gar schwerlich glauben, dass ihn Gott so lieb hat, bis Gott endlich sich selbst ein Auge ausstach und menschliche Natur annahm. Dies ist Fleisch geworden.

In principio. Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Ein Meister sagt: Alle Kreaturen wirken nach ihrer ersten Lauterkeit und ihrer allergrössten Vollkommenheit. Also hat Gott getan. Er hat die Seele nach der allerhöchsten Vollkommenheit geschaffen und hat in sie gegossen alle seine Klarheit in der reinen Erstheit und ist doch unvermischt geblieben.

Nun merke! Ich sprach neulich an einem Ort: Als Gott alle Kreaturen schuf, sollte er da nicht vorher etwas geschaffen haben, das ungeschaffen war, das Bilder aller Kreaturen in sich trug? Das ist der Funke, der ist Gott so nahe, dass er ein einiges ungeschiedenes Eins ist und das Bild aller Kreaturen ohne Bild und über Bild in sich trägt Eine Frage ward gestern unter grossen Gelehrten erörtert. Mich wundert, sprach ich, dass niemand das allergeringste Wort ergründen kann,[113] und fragt ihr mich, ob ich, wenn ich ein einziger Sohn bin, den der himmlische Vater ewiglich geboren hat, dann ewiglich Sohn gewesen sei, so antworte ich: ja, und nein. Ja, ein Sohn: indem der Vater mich ewiglich geboren hat; und nicht Sohn: entsprechend der Ungeborenheit. In principio. Hier ist uns zu verstehn gegeben, dass wir einziger Sohn sind, den der Vater ewiglich aus dem verborgenen Verstand der ewigen Verborgenheit geboren hat, indem er im ersten Beginne der reinen Erstheit blieb, die da eine Fülle aller Reinheit ist. Hier habe ich ewiglich geruht und geschlafen in der verborgenen Erkenntnis des ewigen Vaters, innen bleibend, ungesprochen. Aus der Lauterkeit hat er mich ewiglich geboren als seinen eingeborenen Sohn selber in das Bild seiner ewigen Vaterschaft, damit ich Vater sei und den gebäre, von dem ich geboren bin. In gleicher Weise, als ob einer vor einem hohen Berge stünde und riefe: »Bist Du da?« und der Schall und der Hall riefe wieder: »Bist Du da?« Oder er spräche: »Komm heraus« und der Schall antwortete: »Komm heraus!« Ja, wer in dem Lichte das Holz sähe, da entstünde ein Engel und ein Vernünftiger und nicht allein vernünftig, es würde lauter Vernunft, in der reinen Erstheit, die da eine Erfüllung aller Reinheit ist. So tut Gott: er gebiert seinen eingeborenen Sohn[114] in das höchste Teil der Seele. Und während er seinen Sohn in mich gebiert, gebäre ich ihn wieder in den Vater. Das war nicht anders, als dass Gott den Engel gebar, während er, der Gott, von der Jungfrau geboren wurde.

Ich dachte (es ist schon manches Jahr her), wenn ich gefragt würde, wieso jede Grasspinne der andern so ungleich wäre, dann antwortete ich: dass alle Grasspinnen so gleich sind, das ist noch wunderbarer. Ein Meister sprach; dass alle Grasspinnen so ungleich sind, das kommt von der Verschwendung der göttlichen Güte, die er verschwenderisch in alle Kreaturen giesst, damit seine Herrlichkeit desto mehr offenbart werde. Da sprach ich: es ist wunderbarer, dass alle Grasspinnen so gleich sind, und sprach: wie alle Engel in der reinen Erstheit alleins sind, so sind alle Grasspinnen in der reinen Erstheit alleins, und alle Dinge sind alleins.

Ich dachte manchmal, wenn ich mich im Freien erging, der Mensch könne mit der Zeit dazu kommen, dass er Gott zwingen kann. Wäre ich hier oben und spräche zu ihm: »Komm herauf!« das wäre schwer. Aber spräche ich: »Setz dich hier nieder!« das wäre leicht. So tut Gott. Wenn der Mensch sich demütigt, so kann Gott in seiner Güte sich nicht enthalten, er muss sich[115] neigen und in den demütigen Menschen ergiessen, und dem Allergeringsten gibt er sich mit seinem Allermeisten und gibt sich ganz und gar. Was Gott gibt, das ist sein Wesen, und sein Wesen ist seine Güte, und seine Güte ist seine Liebe. Alles Leid und alle Freude kommt von der Liebe.

Ich überlegte unterwegs, als ich hierher gehn wollte, ich sollte zu Hause bleiben, ich würde doch nass vor Liebe. Wenn auch ihr nass geworden seid, so wollen wir es sein lassen. – Freude und Leid kommt von der Liebe. Der Mensch soll Gott lieben, denn Gott liebt den Menschen mit all seiner höchsten Vollkommenheit. Die Meister sagen, alle Dinge wirken daraufhin, dass sie sich dem Vater gleich gebären wollen, und sagen: die Erde flieht den Himmel; flieht sie niederwärts, so kommt sie niederwärts zum Himmel; flieht sie aufwärts, so kommt sie zu dem Niedersten des Himmels. Die Erde kann dem Himmel nicht entfliehen: sie fliehe auf oder nieder, der Himmel fliesst in sie und drückt seine Kraft in sie und macht sie fruchtbar, es sei ihr lieb oder leid. So tut Gott dem Menschen: der ihm entfliehen möchte, der läuft ihm in den Schoss, denn ihm sind alle Winkel offen. Gott gebiert seinen Sohn in dir, es sei dir lieb oder leid, du schlafest oder wachest, Gott tut das Seine. Dass der Mensch das nicht empfindet, das liegt daran, dass seine[116] Zunge mit dem Unflat der Kreatur beschmutzt ist und das Salz der göttlichen Liebe nicht hat. Hätten wir die göttliche Liebe, so schmeckten wir Gott und alle die Werke, die Gott je wirkte, und wir empfingen alle Dinge von Gott und wirkten dieselben Werke alle, die er wirkt. In dieser Gleichheit sind wir alle ein einziger Sohn.

Gott schuf die Seele nach seiner höchsten Vollkommenheit, dass sie eine Geburt seines eingeborenen Sohnes sein sollte. Da er dies wohl erkannte, so wollte er herausgehen aus der heimlichen Schatzkammer seiner ewigen Vaterschaft, in der er im ersten Beginne der reinen Erstheit geblieben war und ewig geschlafen und herausgesprochen hat. Da hat der Sohn das Zelt seiner ewigen Glorie aufgeschlagen und ist herausgekommen aus dem Allerhöchsten, weil er seine Freundin holen wollte, die ihm der Vater ewiglich vermählt hatte, dass er sie heimbrächte in das Allerhöchste, aus dem sie gekommen ist Darum ging er hinaus und sprang herzu wie ein Jüngling und litt Leid aus Liebe. Aber nicht für immer ging er hinaus, er wollte wieder hineingehen in seine Kammer, das heisst, in die stille Dunkelheit der verborgenen Vaterschaft. Als er ausging aus dem Allerhöchsten, da wollte er hineingehen mit seiner Braut und wollte ihr die verborgene Heimlichkeit seiner Gottheit offenbaren,[117] wo er mit sich selbst und mit allen Kreaturen ruht.

In principio heisst so viel wie ein Anfang allen Wesens. Es gibt auch ein Ende alles Wesens, denn der erste Beginn ist um des letzten Endes willen. Ja, Gott selbst ruht nicht da, wo er der erste Beginn ist, sondern er ruht da, wo er ein Zweck und ein Ende ist und ein Rasten alles Wesens, nicht dass dies Wesen da zunichte würde, sondern es wird da vollendet zu seiner höchsten Vollkommenheit. Was ist das letzte Ende? Es ist die Verborgenheit der Dunkelheit der ewigen Gottheit und ist unbekannt und ward nie er kannt und wird niemals erkannt. Gott bleibt darin sich selbst unbekannt, und das Licht des ewigen Vaters hat ewiglich darin geschienen, und die Dunkelheit begreift das Licht nicht. Dass wir zu dieser Wahrheit kommen, dazu verhelfe uns die Wahrheit, von der wir gesprochen haben. Amen.[118]


18. Von der Erneuerung des Geistes

»Ihr sollt erneuert werden an eurem Geiste, der da mens heisset,« das heisst ein Bewusstsein. So spricht Sankt Paulus. Nun sagt Augustin, dass an dem ersten Teil der Seele, das da mens heisst oder Bewusstsein, mit dem Wesen der Seele eine Kraft geschaffen hat, die die Meister einen Verschluss oder Schrein geistlicher Formen oder formloser Bilder heissen. Diese Kraft macht den Vater der Seele gleich durch seine ausfliessende Gottheit, von der er den ganzen Hort seines göttlichen Wesens in den Sohn und in den heiligen Geist mit persönlicher Unterscheidung gegossen hat, wie die Gedächtniskraft der Seele den Kräften der Seele den Schatz der Bilder ausgiesst. Wenn nun die Seele mit dieser Kraft irgendwelche Bildlichkeit schaut, sei es das Bild eines Engels oder ihr eigenes Bild, so ist es gar mangelhaft. Schaut sie Gott wie Gott ist oder wie er Bild ist oder wie er drei ist, es ist mangelhaft. Wenn aber alle[119] Bilder der Seele abgeschieden werden und sie allein das einig Eine schaut, so findet das nackte Wesen der Seele das nackte formlose Wesen göttlicher Einheit, das da ist ein überwesendes Wesen, empfangend, in sich selbst liegend. O Wunder über Wunder, welch edles Empfangen ist das, dass das Wesen der Seele nichts anderes empfangen kann als allein die Einheit Gottes! Nun spricht Sankt Paulus: »Ihr sollt erneuert werden am Geiste.« Erneuerung befällt alle Kreaturen unter Gott; aber Gott befällt keine Erneuerung, er ist ganz Ewigkeit. Was ist Ewigkeit? Passt auf. Die Eigenheit der Ewigkeit ist, dass Dasein und Jungsein in ihr eins ist, denn die Ewigkeit wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte und nicht allewege wäre. Nun sage ich: die Seele befällt Erneuerung, insofern sie Seele heisst, denn sie heisst darum Seele, weil sie dem Körper Leben gibt und eine Form des Körpers ist Sie wird auch von der Erneuerung betroffen, insofern sie Geist heisst Darum heisst sie ein Geist, weil sie von hier und von jetzt und von aller Natürlichkeit abgeschieden ist. Aber insofern sie ein Bild Gottes ist und namenlos wie Gott, da tritt keine Erneuerung an sie heran, sondern allein Ewigkeit, wie in Gott. Nun passt auf! Gott ist namenlos, denn von ihm kann niemand etwas sprechen oder verstehen. Darum sagt ein heidnischer[120] Meister: Was wir von der ersten Ursache verstehen oder sprechen, das sind wir mehr selbst, als dass es die erste Ursache wäre, denn sie ist über allem Sprechen und Verstehen. Sage ich nun: Gott ist gut, so ist es nicht wahr, sondern ich bin gut, Gott ist nicht gut. Ich sage mehr: ich bin besser als Gott, denn was gut ist, kann besser werden; was besser werden kann, kann das Allerbeste werden. Nun ist Gott nicht gut, daher kann er nicht besser werden. Und wenn er also nicht besser werden kann, so kann er auch nicht allerbest werden, denn diese drei sind fern von Gott: gut, besser und allerbest, denn er ist über allem. Sage ich ferner: Gott ist weise, so ist es nicht wahr: ich bin weiser als er. Sage ich ferner: Gott ist ein Wesen, so ist es nicht wahr: er ist ein überschwebendes Wesen und eine überwesende Nichtheit. Daher sagt Sankt Augustin: Das Schönste, was der Mensch von Gott sprechen kann, das ist, dass er vor Weisheitsfülle schweigen kann. Daher schweig und schwatze nicht von Gott, denn damit, dass du von ihm schwatzest, lügst du, tust also Sünde. Willst du nun ohne Sünde sein und vollkommen, so schwatze nicht von Gott. Du sollst auch nichts verstehen unter Gott, denn Gott ist über allem Verstehen. Es sagt ein Meister: Hätte ich einen Gott, den ich verstehen könnte, ich wollte ihn nimmer für Gott[121] halten. Verstehst du nun etwas unter ihm, davon ist er nichts, und damit, dass du etwas unter ihm verstehst, kommst du in eine Unverstandsamkeit, und von der Unverstandsamkeit kommst du in eine Tierheit; denn was an den Kreaturen unverständig ist, das ist tierisch. Willst Du nicht tierisch werden, so verstehe nichts von dem ungeworteten Gotte. »Ach, wie soll ich denn tun?« Du sollst ganz und gar entsinken deiner Deinheit und sollst zerfliessen in seine Seinheit und es soll dein Dein in seinem Mein ein Mein werden, so gänzlich, dass du mit ihm ewiglich verstehst seine ungewordene Istigkeit und seine ungenannte Nichtheit.

Nun spricht Sankt Paulus: »Ihr sollt erneuert werden am Geiste.« Wollen wir nun am Geiste erneuert werden, so müssen die sechs Kräfte der Seele, sowohl die obersten wie die untersten, jede einen goldenen Ring am Finger haben, vergoldet mit dem Golde göttlicher Liebe. Nun achtet auf die niedersten Kräfte, es sind ihrer drei. Die erste heisst Einsicht, rationale; an der sollst du einen goldenen Ring haben, das ist das Licht, auf dass deine Einsicht zu allen Zeiten ohne Zeit mit dem göttlichen Lichte erleuchtet sei. Die andere Kraft heisst die Zürnerin, irascibilis; an der sollst du einen Ring haben, das ist dein Friede. Warum? Darum: wenn in Frieden, dann[122] in Gott; wenn aus Frieden, dann aus Gott. Die dritte Kraft heisst Begehrung: concuspiscibilis; an der sollst du Genügsamkeit haben, damit du dich mit allen Kreaturen, die unter Gott sind, begnügst; aber mit Gott sollst du dich niemals begnügen, denn von Gott kannst du nie genug haben: je mehr Gottes du hast, je mehr begehrst du seiner; denn könntest du dich mit Gott begnügen, so dass Gott vom Genug betroffen würde, so wäre Gott nicht Gott.

Du musst auch an jeder von den obersten Kräften einen goldenen Ring haben. Der obersten Kräfte gibt es auch drei. Die erste heisst eine behaltende Kraft, memoria. Diese Kraft vergleicht man dem Vater in der Dreifaltigkeit. An der sollst du einen goldenen Ring haben, nämlich ein Behalten, damit du alle ewigen Dinge in dir behalten sollst. Die andere heisst Verstand, intellectus. Diese Kraft vergleicht man dem Sohne. An der sollst du auch einen goldenen Ring haben, nämlich Erkenntnis, damit du Gott zu allen Zeiten erkennen sollst. Und zwar wie? Du sollst ihn erkennen ohne Bild, ohne Mittel und ohne Gleichnis. Soll ich aber Gott so unmittelbar erkennen, so muss vollends ich er werden und er ich werden. Ich sage mehr: Gott muss vollends ich werden, und ich vollends Gott, wie völlig eins, dass dies Er und dies Ich ein Ich[123] werden und sind, und in der Istigkeit ewig ein Werk wirken; denn solange dies Er und dies Ich, das heisst Gott und die Seele, nicht ein einziges Hier oder ein einziges Jetzt sind, solange könnte dies Ich mit dem Er niemals zusammenwirken oder eins werden. Die dritte Kraft heisst Wille, voluntas. Diese Kraft vergleicht man dem heiligen Geiste. An der sollst du einen goldenen Ring haben, nämlich die Liebe, damit du Gott lieben sollst. Du sollst Gott lieben ohne Liebheit, dass heisst nicht darum, weil er liebevoll sei, denn Gott ist unliebevoll; er ist über aller Liebe und Liebheit. »Wie soll ich denn Gott lieben?« Du sollst Gott nichtgeistlich lieben, das heisst, deine Seele soll nichtgeistig sein und aller Geistigkeit entkleidet; denn solange die Seele geistförmig ist, hat sie Bilder; solange sie Bilder hat, hat sie nicht Einheit noch Eintracht; solange sie nicht Eintracht hat, liebte sie Gott nicht recht, denn bei rechter Liebe kommt es auf die Eintracht an. Darum soll deine Seele nichtgeistig sein, frei von allem, was Geist ist, und soll geistlos dastehn; denn liebst du Gott, wie er Gott ist, wie er Geist ist, wie er Person ist und wie er Bild ist, das muss alles hinab. »Wie soll ich ihn denn lieben?« Du sollst ihn lieben wie er ist: ein Nichtgott, ein Nichtgeist, eine Nichtperson, ein Nichtbild, sondern: wie[124] er ein blosses, pures, reines Eins ist, gesondert von aller Zweiheit, und in dem Einen sollen wir ewiglich versinken von Nichts zu Nichts. Das walte Gott. Amen.[125]

Quelle:
Meister Eckharts mystische Schriften. Berlin 1903, S. 112-126.
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