Viertes Capitel.

Von den Urtheilen (Propositionen).

[93] §. 1. Wie bei den Namen, so müssen wir auch bei den Urtheilen einige Betrachtungen von vergleichungsweise elementarer Natur bezüglich deren Formen und Varietäten vorausschicken, ehe wir auf den eigentlichen Gegenstand und Zweck dieses einleitenden Theiles, auf die Analyse des Inhalts der Urtheile, eingehen.

Ein Urtheil ist, wie bereits oben bemerkt, ein Redetheil, in welchem ein Prädicat von einem Subject behauptet oder verneint wird. Ein Prädicat und ein Subject sind alles was nöthig ist, um ein Urtheil zu bilden; da wir aber aus der blossen Zusammenstellung zweier Namen nicht ersehen können, dass sie Prädicat und Subject sind, d.h. dass das eine von dem andern behauptet oder verneint werden soll, so muss ein Modus oder eine Form da sein, woraus sich dies erkennen lässt, irgend ein Zeichen, um eine Prädication von jeder andern Redeform zu unterscheiden. Dies geschieht zuweilen durch eine, Beugung (Inflection) genannte, leichte Veränderung des einen Wortes, wie wenn wir sagen, Feuer brennt; die Veränderung des zweiten Wortes brennen in brennt zeigt hier, dass wir das Prädicat brennen von dem Subject Feuer behaupten vollen. Diese Function wird indessen bei einer Affirmation gewöhnlich von dem Worte ist, bei einer Negation von ist nicht, oder durch einen andern Theil des Zeitwortes sein übernommen. Ein solches als Zeichen der Prädication dienendes Wort wird, wie früher bemerkt, Copula genannt. Es ist von Wichtigkeit, dass in Beziehung auf die Natur und Verrichtung der Copula in unseren Begriffen keine Unklarheit sei, denn verworrene Begriffe hierüber gehören mit zu den Ursachen, welche den Mysticismus[93] über das Gebiet der Logik verbreitet und ihre Speculationen in Wortstreitereien verwandelt haben.

Man könnte leicht zu der Annahme verleitet werden, die Copula sei etwas mehr als ein Zeichen der Prädication, sie bedeute auch Existenz. Es könnte scheinen, dass in dem Urtheile, Sokrates ist gerecht, nicht bloss eingeschlossen liegt, dass die Eigenschaft gerecht von Sokrates behauptet werden kann, sondern auch, dass Sokrates ist, d.h. dass er existirt. Dies zeigt indessen nur, dass in dem Worte ist eine Zweideutigkeit liegt; es ist ein Wort, welches nicht allein die Function der Copula bei der Affirmation versieht, sondern es hat auch für sich allein eine Bedeutung, vermöge deren es selbst das Prädicat eines Urtheils werden kann. Dass Seine Verwendung als Copula nicht nothwendig die Behauptung der Existenz einschliesst, geht aus folgendem Urtheil hervor, »ein Centaur ist eine Erfindung der Poeten«; hier kann Existenz unmöglich eingeschlossen sein, da das Urtheil selbst ausdrücklich behauptet, dass das Ding kein reales Dasein besitzt.

Man könnte viele Bände füllen mit den werthlosen Speculationen bezüglich der Natur des Seins (to on ousia, Ens, Entitas, Essentia u. dergl), welche dadurch entstanden, dass man die doppelte Bedeutung des Wortes sein übersah, dass man annahm, dass wenn es existiren bedeutet, und wenn es von einem Ding das sein bedeutet, wie ein Mensch sein, Sokrates sein, gesehen oder gehört sein, ein Phantom sein, sogar ein Nonens sein, es doch noch im Grund derselben Idee entsprechen müsse, und dass eine Bedeutung für dasselbe gefunden werden müsse, welche allen diesen Fällen angepasst ist. Der von diesem kleinen Fleck aufsteigende Nebel verbreitete sich frühzeitig über das ganze Gebiet der Metaphysik. Es ziemt sich indessen für uns nicht, die grosse Intelligenz von Plato und Aristoteles zu missachten, weil wir uns jetzt gegen viele Fehler schützen können, in welche sie auf vielleicht unvermeidliche Weise verfielen. Der Heizer einer Dampfmaschine bringt durch seine Verrichtungen viel grössere Wirkungen hervor, als Milo von Crotona, aber er ist deshalb nicht ein stärkerer Mann. Die Griechen kannten ausser der ihrigen kaum eine andere Sprache; es war daher für die viel schwieriger, in der Entdeckung von Zweideutigkeiten eine Fertigkeit zu erlangen. Einer der Vortheile des gründlichen Studiums mehrerer Sprachen, namentlich derjenigen,[94] in welchen hervorragende Denker ihre bedanken mitgetheilt haben, ist die praktische Lehre, die wir bezüglich der Zweideutigkeit der Wörter erhalten wenn wir finden, dass dasselbe Wort einer Sprache mehreren Wörtern in der andern Sprache entspricht. Ohne eine solche Erfahrung fällt es den stärksten Geistern schwer, einzusehen, dass Dinge, welche einen gemeinsamen Namen haben, in der einen oder der andern Beziehung nicht auch eine gemeinsame Natur besitzen, und sie verschwenden oft nicht bloss in nutzloser, sondern in wahrhaft unheilbringender Weise viel Arbeit (wie es häufig von Seiten der zwei genannten Philosophen geschah), um zu entdecken, Worin diese gemeinsame Natur besteht. Hat sich jene Erfahrung aber einmal gebildet, so sind viel untergeordnetere Geister im Stande, Zweideutigkeiten zu entdecken, welche verschiedenen Sprachen gemeinsam sind, und es ist überraschend, dass die in Frage stehende Zweideutigkeit, obgleich sie in den neuer an sogut wie in den alten Sprachen besteht, von fast allen Schriftstellern übergehen worden ist. Schon Hobbes spielte auf die Menge von nutzlosen Speculationen an, welche durch eine Verkennung der Natur der Copula verursacht wurden, aber Mill,19 glaube ich, war der erste, der die Zweideutigkeit klar charakterisirte und nachwies, wieviel Irrthümer sie in den angenommenen philosophischen Systemen verschuldet hat. In der That hat sie die Neueren kaum weniger verleitet als die Alten, wenn auch ihre Irrthümer dadurch weniger vernunftwidrig erscheinen, dass unser Geist sich noch nicht so vollständig von dem Einflusse der Alten emancipirt hat.

Wir wollen nun auf die Hauptunterschiede zwischen den Urtheilen und auf die behufs dieser Unterscheidung gewöhnlich gebrauchten termini technici in aller Kürze einen Blick werfen.

§. 2. Da ein Urtheil ein Redetheil ist, in welchem etwas von einem Ding behauptet (bejaht) oder verneint wird, so ist die erste Eintheilung der Urtheile in bejahende (affirmative) und verneinende (negative). Ein bejahendes Urtheil ist ein solches, in welchem das Prädicat von dem Subject bejaht wird, wie: Cäsar ist todt. Ein verneinendes Urtheil ist ein solches, in dem das Prädicat von[95] dem Subject verneint wird, wie: Cäsar ist nicht todt. In dem letzten Urtheil besteht die Copula aus den Worten ist nicht; sie sind das Zeichen der Verneinung, sowie ist das Zeichen der Bejahung ist.

Manche Logiker, unter ihnen Hobbes, machen eine andere Unterscheidung, sie anerkennen bloss eine Form von Copula, ist, und verknüpfen das negative Zeichen mit dem Prädicat. »Cäsar ist todt« und »Cäsar ist nicht todt« sind nach diesen Schriftstellern Urtheile, welche nicht im Subject und Prädicat, sondern in dem Subject übereinstimmen. Sie betrachten nicht »todt«, sondern »nicht todt« als das Prädicat des zweiten Urtheils und definiren demnach ein negatives Urtheil: als ein Urtheil, in dem das Prädicat ein negativer Name ist. Obgleich nicht von praktischer Bedeutung, verdient dieser Punkt doch als ein (in der Logik nicht seltenes) Beispiel erwähnt zu werden, wie vermittelst einer scheinbaren und überdiess bloss wörtlichen Vereinfachung die Dinge verwickelter werden, als sie vorher waren. Jene Autoren glaubten, dass wenn sie einen jeden Fall von Verneinung als die Affirmation eines negativen Namens behandelten, sie der Unterscheidung zwischen bejahen und verneinen los würden. Was ist aber ein negativer Name? Ein Name, der die Abwesenheit eines Attributs ausdrückt. Wenn wir daher einen negativen Namen affirmiren, so prädiciren wir in Wirklichkeit Abwesenheit und nicht Anwesenheit; wir behaupten nicht, dass etwas ist, sondern dass etwas nicht ist, eine Operation, zu deren Ausdruck kein Wort so genügend ist, wie das Wort verneinen. Die fundamentale Unterscheidung ist die zwischen einer Thatsache und der Nichtexistenz die ser Thatsache, zwischen dem Sehen von etwas und dem Nichtsehen, zwischen Cäsar's Todtsein und Nichttodtsein; und selbst wenn dies bloss eine wörtliche Unterscheidung wäre, so würde die Generalisation, welche beides unter dieselbe Form von Behauptung bringt, eine wirkliche Vereinfachung sein. Da indessen die Unterscheidung eine wirkliche und in den Thatsachen unterscheidende ist, so ist die, die Unterscheidung verwechselnde Generalisation eine bloss wörtliche und dient nur dazu den Gegenstand dunkel zu machen, indem sie den Unterschied zwischen zwei Arten von Wahrheiten gehandelt, als wäre es nur ein Unterschied zwischen zwei Arten von Wörtern. Dinge zusammenstellen und Dinge von einander-bringen oder -halten,[96] bleiben zwei verschiedene Operationen, welche Kunststücke wir auch mit der Sprache machen mögen.

Eine ähnliche Bemerkung kann man in Betreff der meisten jener Unterscheidungen zwischen Urtheilen machen, welche sich, wie man sagt, auf deren Modalität beziehen, wie Unterschied von Tempus oder Zeit, z.B. die Sonne ging auf, die Sonne geht auf, die Sonne wird aufgehen. Diesen Unterschieden könnte man wie dem Unterschied zwischen Bejahung und Verneinung einen Anstrich von Einfachheit anerklären, wenn man das Zufällige der Zeit als eine blosse Modification des Prädicats betrachten würde: wie, die Sonne ist ein Gegenstand, der aufgegangen ist, die Sonne ist ein Gegenstand, der nun aufgeht, die Sonne ist ein Gegenstand, der hernach aufgeht. Aber die Vereinfachung würde bloss ein wörtliche sein. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft constituiren nicht ebenso viele verschiedenen Arten des Aufgehens, sie sind nur Bezeichnungen, welche zu dem behaupteten Vorgang, dem heutigen Aufgehen der Sonne, gehören. Sie berühren nicht das Prädicat, sondern die Anwendbarkeit des Prädicats auf das Subject. Was wir als vergangen, gegenwärtig oder zukünftig affirmiren, ist weder das, was das Subject, noch das, was das Prädicat bedeutet, sondern specifisch und ausdrücklich das, was die Prädication bedeutet; das, was nur durch das Urtheil als solches, und nicht durch eines der Wörter oder durch beide ausgedrückt wird. Der Zeitumstand wird daher ganz geeignet als mit der Copula, welche das Zeichen der Prädication ist, und nicht als mit dem Prädicat verknüpft betrachtet. Wenn dasselbe nicht von solchen Modificationen gesagt werden kann, wie: Cäsar kann todt sein; Cäsar ist vielleicht todt; es ist möglich, dass Cäsar todt ist, so ist dies nur, weil dieselben unter eine ganz andere Rubrik gehören, indem sie eigentlich Behauptungen sind, nicht von etwas das sich auf die Thatsache selbst bezieht, sondern von unserem eigenen Geisteszustand in Betreff derselben, nämlich von der Abwesenheit unseres Unglaubens. »Cäsar kann todt sein« will so viel sagen als »Ich bin nicht gewiss, dass Cäsar lebt«.

§. 3. Die nächste Eintheilung der Urtheile ist die in einfache und zusammengesetzte (complexe). In dem einfachen Urtheil wird ein Prädicat von einem Subject behauptet oder verneint. Ein complexes[97] Urtheil enthält mehr als ein Prädicat, oder mehr als ein Subject, oder auch mehr als eines von beiden.

Beim ersten Anblick schon hat diese Eintheilung das Ansehen einer Absurdität; es ist eine förmliche Eintheilung von Dingen in eins und in mehr als eins, wie wenn wir Pferde in einzelne Pferde und in Gespanne, von Pferden eintheilen wollten. Auch ist es Wahr, dass ein sogenanntes zusammengesetztes Urtheil oft nicht ein Urtheil ist, sondern dass es aus mehreren durch ein Bindewort zusammengehaltenen Urtheilen besteht, wie z. B: Cäsar ist todt und Brutus lebt; oder auch Cäsar ist todt, aber Brutus lebt. Es Bind hier zwei verschiedene Behauptungen, und wir könnten eine Strasse mit demselben Recht ein zusammengesetztes Haus, als diese zwei Urtheile ein zusammengesetztes Urtheil nennen. Die syncategorematischen Wörter und und aber haben zwar eine Bedeutung, aber diese Bedeutung, weit entfernt aus den zwei Urtheilen eines zu machen, fügt eher ein drittes Urtheil hinzu. Alle Partikel sind Abkürzungen, und im allgemeinen Abkürzungen von Urtheilen, eine Art Geschwindschrift, wodurch der Geist auf einmal erfährt, was um vollständig ausgedrückt zu werden, ein Urtheil oder eine Reihe von Urtheilen erfordert hätte. So sind die Worte »Cäsar ist todt und Brutus lebt,« gleichbedeutend mit: Cäsar ist todt; Brutus lebt; diese beiden Urtheile sollen mit einander verbunden betrachtet werden. Wenn die Worte lauteten »Cäsar ist todt, aber Brutus lebt«, so wäre ihr Sinn gleichbedeutend mit denselben drei Urtheilen und noch mit dem vierten »zwischen den zwei vorhergehenden Urtheilen besteht ein Gegensatz«, ein Gegensatz nämlich zwischen den zwei Thatsachen selbst, oder zwischen den Gefühlen, womit gewünscht wird, dass sie betrachtet werden.

In den angeführten Beispielen wurden die zwei Urtheile sichtlich unterschieden gehalten, indem jedes Subject sein besonderes Prädicat, und jedes Prädicat sein besonderes Subject hatte. Der Kürze wegen, und um Wiederholungen zu vermeiden, werden die zwei Urtheile oft mit einander verschmolzen, z.B. »Petrus und Jacobus predigten zu Jerusalem und in Galiläi«. Hierin liegen vier Urtheile: Petrus predigte zu Jerusalem, Petrus predigte in Galiläi; Jacobus predigte zu Jerusalem, Jacobus predigte in Galiläi. Wir haben gesehen, dass wenn die zwei oder mehr Urtheile, welche in einem sogenannten zusammengesetzten Urtheil enthalten[98] sind, absolut und nicht bedingungsweise und mit Vorbehalt ausgesagt werden, nicht ein Urtheil, sondern mehrere Urtheile ausmachen, da in dem darin Ausgedrückten nicht eine einzige, sondern mehrere Behauptungen liegen, die, wenn sie in ihrer Verbindung wahr, auch nach der Trennung wahr sind. Es giebt indessen eine Art Urtheil, die, obgleich sie mehrere Subjecte und Prädicate enthält, und auch in gewissem Sinne als aus mehreren Urtheilen bestehend gedacht werden könnte, nur eine einzige Behauptung enthält, deren Wahrheit durchaus nicht die der sie zusammensetzenden einfachen Urtheile einschliesst. Ein Beispiel hiervon ist die Verbindung einfacher Urtheile durch die Partikel oder und wenn, wie: Entweder A ist B oder C ist D; A ist B wenn C D ist. Im erstern Fall heisst das Urtheil ein trennendes (disjunctives), im letztern Fall ein bedingtes (conditionelles); ursprünglich war der Name hypothetisch beiden gemein. Die trennende Form kann, wie Whately und andere bemerkten, in die bedingte aufgelöst werden, indem jedes trennende Urtheil zwei oder mehreren bedingten äquivalent ist. »Entweder A ist B oder C ist D« bedeutet: »Wenn A nicht B ist, so ist C, D; und wenn C nicht D ist, so ist A, B.« Alle hypothetischen Urtheile sind daher der Bedeutung nach bedingte, wenn sie auch der Form nach trennende sind, und die Worte hypothetisch und bedingt können als synonym gebraucht werden, und werden in der That gemeinlich so gebraucht. Urtheile, in denen die Behauptung nicht von einer Bedingung abhängig ist, heissen in der Sprache der Logiker kategorische.

Ein hypothetisches Urtheil besteht nicht wie die angeblich complexen Urtheile aus einer Anhäufung von einfachen Urtheilen; die einfachen Urtheile, welche einen Theil der Worte ausmachen, in welche das hypothetische Urtheil gekleidet ist, bilden nicht einen Theil der Behauptung, welche es aussagt. Wenn wir sagen, »Wenn der Koran von Gott kommt, so ist Mahomed der Prophet Gottes«, so wollen wir damit nicht behaupten, dass der Koran von Gott kommt, oder dass Mahomed wirklich sein Prophet ist. Keines dieser einfachen Urtheile braucht wahr zu sein, und dennoch kann die Wahrheit des hypothetischen Urtheils unwidersprechlich sein. Nicht die Wahrheit von einem der Urtheile wird hier behauptet, sondern es wird behauptet, dass das eine aus dem andern gefolgert werden kann.[99] Was also ist das Subject und Was das Prädicat des hypothetischen Urtheils? Weder »der Koran« noch »Mahomed«, denn von beiden wird weder etwas bejaht noch verneint. Das wirkliche Subject der Prädication ist das ganze Urtheil »Mahomed ist der Prophet Gottes«, und die Affirmation ist, dass dies eine legitime Folgerung des Urtheils »der Koran kommt von Gott« ist. Das Subject und Prädicat eines hypothetischen Urtheils sind daher Namen von Urtheilen. Das Subject ist irgend, ein Urtheil; das Prädicat ist ein relativer, auf Urtheile anwendbarer Gemeinname, und zwar von dieser Form – »eine Folgerung aus so und so«. Es bietet sich hier ein neuer Beleg für die Bemerkung dar, dass alle Partikel Abkürzungen sind, denn »wenn A, B ist, so ist C, D« erscheint als eine Abkürzung von Folgendem, »das Urtheil, C ist D, ist eine rechtmässige Folgerung vom Urtheil A ist B.«

Der Unterschied zwischen hypotetischen und kategorischen Urtheilen ist daher nicht so gross, als es im Anfang scheint. In der bedingten wie in der kategorischen Form wird ein Prädicat von einem Subject ausgesagt und nicht mehr; aber ein bedingtes Urtheil ist ein Urtheil in Betreff eines Urtheils, das Subject der Behauptung ist selbst eine Behauptung. Auch ist dies keine besondere Eigenschaft der hypothetischen Urtheile. Es giebt in Betreff der Urtheile noch andere Classen von Behauptungen. Ein Urtheil hat gleich anderen Dingen Attribute, welche von ihm prädicirt werden können. Das in einem hypothetischen Urtheil von ihm ausgesagte Attribut ist, dass es eine Folgerung aus einem gewissen andern Urtheil ist. Dies ist indessen nur eines der vielen Attribute, welche ausgesagt werden könnten. Wir können sagen: dass das Ganze grösser ist als seine Theile, ist ein Axiom der Mathematik; dass der heilige Geist von dem Vater allein ausgeht, ist ein Glaubenssatz der griechischen Kirche; die Lehre von dem göttlichen Recht der Könige wurde in der Revolution vom Parlament verworfen; die Unfehlbarkeit des Papstes findet in der heiligen Schrift keine Stütze. In allen diesen Fällen ist das Subject der Aussage ein ganzes Urtheil. Dasjenige, wovon diese verschiedenen Prädicate affirmirt werden, besteht in dem Urtheil, »das Ganze ist grösser als seine Theile«; in dem Urtheil, »der heilige Geist geht vom Vater allein aus«; in dem Urtheil, »Könige haben ein göttliches Recht«; in dem Urtheil, »der Papst ist unfehlbar.«[100]

Wenn wir daher sehen, dass zwischen hypothetischen und anderen Urtheilen viel weniger Unterschied ist, als aus ihrer Form hervorzugehen scheint, so könnten wir uns die hohe Stellung, welche dieselben in den Abhandlungen über Logik einnehmen, kaum erklären, wenn wir uns nicht daran erinnern würden, dass das, was sie von einem Urtheil aussagen, nämlich, dass es eine Folgerung aus etwas anderem ist, genau dasjenige seiner Attribute ist, womit sich vor allem der Logiker zu beschäftigen hat.

§. 4. Die nächste der gewöhnlichen Eintheilungen der Urtheile ist die in Allgemeine (Universale), Besondere (Particulare), Unbestimmte (Indefinite), und Einzelne (Singuläre); es ist dies eine Unterscheidung, welche auf den Grad von Allgemeinheit des als Subject des Urtheils dienenden Namens gegründet ist. Hiervon die folgenden Beispiele:


Alle Menschen sind sterblich Allgemeines

Manche Menschen sind sterblich Besonderes

Der Mensch ist sterblich Unbestimmtes

Julius Cäsar ist sterblich Einzelnes Urtheil.


Das Urtheil ist Einzelurtheil wenn das Subject ein individueller Name ist, letzterer braucht kein Eigenname zu sein. »Der Stifter des Christenthums wurde gekreuzigt« ist ebensogut ein Einzelurtheil als, »Christus wurde gekreuzigt.«

Wenn das Subject eines Urtheils ein Gemeinname ist, so können wir das Prädicat entweder von allen Dingen, welche das Subject bezeichnet, oder nur von einigen bejahen oder verneinen. Wenn das Prädicat von allen und jedem der durch das Subject bezeichneten Dinge bejaht oder verneint wird, so ist das Urtheils ein allgemeines; wenn dies von einem unbestimmten Theil derselben geschieht, so ist es ein besonderes. »Alle Menschen sind sterblich«; »jeder Mensch ist sterblich«, sind allgemeine Urtheile. Auch, »Kein Mensch ist unsterblich,« ist ein allgemeines Urtheil, indem das Prädicat unsterblich von allen durch das Wort Mensch bezeichneten Individuen verneint wird; das negative Urtheil ist hier ganz gleichbedeutend mit folgendem, »Jeder Mensch ist nichtunsterblich.« Aber »Manche Menschen sind weise« und »Manche Menschen sind nicht weise«, sind besondere Urtheile, da das Prädicat weise in dem einen und dem andern dieser Fälle nicht von[101] jedem der durch das Wort Mensch bezeichneten Individuen, sondern nur von einem Theil derselben, von einigen nicht weiter specificirten Individuen bejaht oder verneint wird; wären dieselben näher specificirt, so würde das Urtheil in ein Einzelurtheil, oder in ein allgemeines Urtheil mit verschiedenem Subject verwandelt, wie z.B. »Alle wohl unterrichteten Menschen sind weise«. Es giebt noch andere Formen von besonderen Urtheilen, wie: »Die meisten Menschen sind unvollkommen erzogen«, wo es so lange unwesentlich ist, wie gross der Theil des Subjects sei, von dem das Prädicat behauptet wird, als es unbestimmt bleibt, wie dieser Theil sich von dem Rest unterscheidet.

Wenn die Form des Ausdrucks nicht deutlich zeigt, ob der das Subject des Urtheils darstellende Gemeinname für alle durch ihn bezeichneten Individuen, oder nur für einige derselben stehen soll, so wird das Urtheil gewöhnlich ein Unbestimmtes genannt; dies ist indessen, wie Whately bemerkt, ein Solöcismus derselben Art, wie wenn manche Grammatiker in ihrer Liste der Genera zweifelhafte Genera aufführen. Der Sprechende muss das Urtheil entweder als ein allgemeines oder als ein besonderes gemeint haben, wenn er dies auch nicht erklärt hat, und wenn auch häufig die Worte nicht zeigen, welches von beiden er beabsichtigt, so ersetzen doch Context und Sprachgebrauch diesen Mangel. Wenn behauptet wird: »der Mensch ist sterblich«, so zweifelt niemand, dass die Behauptung von allen menschlichen Wesen gemeint sei; das die Universalität anzeigende Wort wird gewöhnlich ausgelassen, weil die Bedeutung ohne dasselbe klar ist. In dem Urtheil »der Wein ist gut«, versteht man sogleich, wenn auch aus etwas verschiedenen Gründen, dass die Behauptung nicht eine allgemeine, sondern eine besondere sein soll.

Wenn ein Gemeinname für jedes Individuum steht, von dem er ein Name ist, oder mit anderen Worten, welches er bezeichnet, so heisst er bei den Logikern vertheilt, distribuirt oder distributiv genommen. In dem Urtheil, Alle Menschen sind sterblich, ist das Subject distributiv, indem die Unsterblichkeit von jedem Menschen behauptet wird. Das Prädicat Sterblich ist nicht distribuirt, da die einzigen Sterblichen, von denen in dem Urtheil die Rede ist, alle Menschen sind, während das Wort noch eine unbestimmte Anzahl von anderen Gegenständen als Menschen[102] in sich einschliessen kann. In dem Urtheil, Einige Menschen sind sterblich, sind sowohl Subject als Prädicat unvertheilt; in dem folgenden, Kein Mensch hat Flügel, sind Prädicat und Subject vertheilt. Nicht allein dass das Attribut Flügelhaben von der ganzen Classe Mensch verneint wird, sondern diese Classe ist auch von dem Ganzen der Classe Geflügelt, und nicht bloss von einigen Theilen derselben, gesondert und auggestossen.

Diese Phraseologie, welche bei der Darlegung der Regeln des Syllogismus von grossem Nutzen ist, setzt uns in den Stand, die Definitionen eines allgemeinen und eines besondern Urtheils sehr concis auszudrücken. Ein allgemeines Urtheil ist dasjenige, dessen Subject distribuirt ist; ein besonderes Urtheil ist ein solches, dessen Subject nicht distribuirt ist.

Es giebt noch viele andere Unterscheidungen zwischen Urtheilen, als die hier angeführten, und manche von ihnen sind von besonderer Wichtigkeit. Für die Erklärung und Erläuterung derselben werden wir indessen in dem Folgenden eine geeignetere Gelegenheit finden.[103]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 93-104.
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