Fünftes Capitel.

Von dem Inhalt der Urtheile.

[104] §. 1. Eine Untersuchung über die Natur der Urtheile muss entweder den Zweck haben, den Glaube genannten Geisteszustand zu analysiren, oder das, was geglaubt wird. Eine jede Sprache erkennt einen Unterschied an zwischen einer Doctrine oder Meinung und dem Act der Meinungsbildung, zwischen Zustimmung und demjenigen, welchem zugestimmt wird.

Nach unserer Auffassung hat aber die Logik mit dem Urtheils- oder Glaubensacte nichts zu thun; die Betrachtung dieses Actes, als eines Geistesphänomens, gehört einer andern Wissenschaft an. Diese Unterscheidung wurde indessen von den Philosophen von Descartes an, und besonders seit der Aera von Leibnitz und Locke, nicht beobachtet; einen jeden Versuch einer nicht auf die Analyse des Urtheilsactes gegründeten Analyse des Inhalts der Urtheile würde man mit grosser Verachtung angesehen haben. Eine jede Proposition, hätten diese Philosophen gesagt, ist nur der wörtliche Ausdruck von einem Urtheil (Judicium). Das ausgedrückte Ding, nicht der blosse wörtliche Ausdruck, ist die Hauptsache. Wenn der Geist einer Proposition zustimmt, so urtheilt er. Sachen wir daher zu finden, was der Geist thut, wenn er urtheilt, so werden wir die Bedeutung der Propositionen erfahren, nicht anders.

In Uebereinstimmung mit diesen Ansichten haben in den letzten zwei Jahrhunderten fast alle englischen, deutschen und französischen Schriftsteller über Logik ihre Theorie der Urtheile vom Anfang bis zum Ende zu einer Theorie des Urtheilens gemacht. Sie glaubten eine Proposition oder ein Urtheil20 (judicium), denn die[104] beiden Worte gebrauchten sie ohne Unterscheidung, bestände darin, dass eine Idee von einer andern bejaht oder verneint wird. Urtheilen hiess zwei Ideen zusammenstellen, oder eine Idee der andern unterordnen, oder zwei Ideen vergleichen, oder die Uebereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zweier Ideen percipiren; so wurde die ganze Theorie des Urtheilens, sammt der Theorie des Schliessens (die nothwendig immer auf die Theorie der Urtheile gegründet ist) dargestellt, ab ob Ideen, oder Begriffe (Conceptionen), oder welches andere Wort der Schriftsteller als ein Name für geistige Bilder im allgemeinen gebrauchen mochte, den Gegenstand und die Substanz dieser Operationen wesentlich ausmachten.

Es ist natürlich ganz richtig, dass bei einem jedem Urtheil, wie wenn wir z.B. Urtheilen »Gold ist gelb«, in unserm Geist ein Vorgang statt findet, von welchem die eine oder die andere jener Theorien eine theilweise richtige Rechenschaft giebt. Wir müssen die Idee von Gold, und die Idee von gelb haben, und beide Ideen müssen in unserm Geist zusammengebracht werden. Vorerst ist nun aber klar, dass dies nur ein Theil von dem ist, was vorgeht, denn wir können zwei Ideen zusammenstellen, ohne dass ein Glaubensact Statt findet, wie wenn wir etwas nur erdichten, wie einen goldnen Berg, oder wenn wir thatsächlich nicht glauben; denn sogar um nicht zu glauben, dass Mahomed ein Apostel Gottes war, müssen wir die Idee von Mahomed und die eines Apostels Gottes zusammenstellen. Zu bestimmen, was im Fall von Zustimmung oder Nichtzustimmung ausser dem Zusammenstellen zweier Ideen noch weiter vorgeht, ist eines der verwickeltsten metaphysischen Probleme. Welches die Lösung aber auch sein mag, so dürfen wir dreist behaupten, dass sie mit dem Inhalt der Urtheile nichts wird zu thun haben, und zwar aus dem Grunde, weil (mit Ausnahme des Falls wo der Geist selbst der behandelte Gegenstand ist) Urtheile nicht Behauptungen bezüglich unserer Ideen von den Dingen, sondern Behauptungen bezüglich der Dinge selbst sind. Um zu glauben, das Goldgelb ist, muss ich in der That die Idee von Gold und die Idee von gelb haben, und etwas auf diese Ideen Bezügliches muss in meinem Geist Statt finden, aber mein Glaube hat keine Beziehung zu diesen Ideen, sondern zu den Dingen selbst. Was ich glaube, ist eine Thatsache bezüglich des äusserlichen Dings, Gold, und des Eindrucks, den dieses äussere Ding auf meine[105] menschlichen Organe gemacht hat, nicht aber eine Thatsache bezüglich meiner Vorstellung von Gold, was eine Thatsache in der Geschichte meines Geistes, und nicht eine Thatsache der äussern Natur wäre. Es ist wahr, um diese Thatsache in der äussern Natur zu glauben, muss eine andere Thatsache in meinem Geist Statt finden, muss ein Process mit meinen Ideen vorgenommen werden; aber dies muss bei allem andern, was ich thun mag, geschehen. Ich kann nicht in der Erde graben, wenn ich nicht die Idee von der Erde, von einem Spaten, und von allen anderen Dingen habe, auf die ich einwirke, und wenn ich diese Ideen nicht zusammenstelle.21 Es würde aber eine sehr lächerliche Beschreibung des Grabens in der Erde sein, wenn wir sagen wollten, es wäre eine Zusammenstellung unserer Ideen. Das Graben ist eine mit den Dingen selbst vorgenommene Operation, wenn sie auch nicht ohne die Ideen von den Dingen in dem Geist zu haben vorgenommen werden kann. In ähnlicher Weise ist der Glaube ein Act, der die Thatsachen selbst zum Gegenstand hat, obgleich eine vorhergehende geistige Vorstellung von den Thatsachen eine unerlässliche Bedingung ist. Wenn ich sage, das Feuer verursache die Wärme, meine ich damit, dass meine Idee vom Feuer die Idee von Wärme verursacht? Nein, ich meine, dass das natürliche Phänomen Feuer das natürliche Phänomen Wärme verursacht. Wenn ich bezüglich der Ideen etwas behaupten will, so gebe ich ihnen ihren eigenen Namen, ich nenne sie Ideen, wie wenn ich z.B. sage, eines Kindes Idee von einer Schlacht gleicht nicht der Wirklichkeit, oder die Ideen, welche die Menschen sich von der Gottheit machen, haben grossen Einfluss auf ihren Charakter.

Die Meinung, dass in einem Urtheil die Relation zwischen den zwei, dem Subject und Prädicat entsprechenden Ideen (anstatt der Relation zwischen den zwei Phänomenen, welche sie beziehungsweise ausdrücken) von vorzüglicher Wichtigkeit für den Logiker sei, scheint mir einer der verhängnissvollsten Irrthümer[106] die je in die Philosophie der Logik eingeführt wurden, und die Hauptursache, dass die Theorie der Wissenschaft in den letzten zwei Jahrhunderten so geringe Fortschritte gemacht hat. Die Abhandlungen über Logik und die mit der Logik im Zusammenhang stehenden Zweige der Geistesphilosophie, welche seit der Einführung jenes Irrthums zuweilen sogar von ungewöhnlich befähigten und gelehrten Männern veröffentlicht wurden, schliessen alle stillschweigend die Theorie ein, dass die Erforschung der Wahrheit in der Betrachtung und Handhabung unserer Ideen oder Vorstellungen von den Dingen, anstatt der Dinge selbst bestehe; eine Lehre, die auf die Behauptung herauskommt, dass das einzige Mittel, zu einer Kenntniss der Natur zu gelangen, darin besteht, dass wir sie aus zweiter Hand d.h. wie sie in unserm Geist abgebildet ist, studiren. Unterdessen brachten uns die Untersuchungen aller Arten von Naturerscheinungen fortwährend grosse und fruchtbare Wahrheiten bezüglich der wichtigsten Gegenstände und vermittelst Verfahrungsweisen, auf welche diese Ansichten von der Natur des Urtheilens und Schliessens kein Licht warfen, und bei denen sie keinerlei Hülfe zu leisten vermochten. Kein Wunder, dass diejenigen, welche wussten, wie man zu Wahrheiten gelangt, eine hauptsächlich aus solchen Speculationen bestehende Wissenschaft für völlig nichtig erachteten. Was für den Fortschritt der Logik geschah, seit jene Lehren en vogue kamen, wurde nicht von eigentlichen Logikern, sondern von Entdeckern in anderen Wissenschaften herbeigeführt. In den Untersuchungsmethoden der letzteren kamen allmälig viele logischen Principien ans Licht, an welche man vorher nicht gedacht hatte; man beging indessen allgemein den Fehler zu glauben, dass, weil ihre modernen Ausleger so wenig brauchbares in dieser Beziehung schrieben, die alten Logiker von der wahren Kunst des Philosophirens gar nichts gekannt hätten.

Wir haben also bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht das Urtheilen, sondern die Urtheile (Judicia), nicht den Glaubensact, sondern die geglaubten Dinge zu untersuchen. Was ist in einem Urtheil der unmittelbare Gegenstand des Glaubens? Was ist die darin ausgedruckte Thatsache? Was ist es, dem ich, wenn ich ein Urtheil behaupte, meine Zustimmung gebe, und dem auch andere ihre Zustimmung geben sollen? Was wird durch die ein Urtheil[107] (Proposition) genannte Redeform ausgedrückt, dessen Uebereinstimmung mit der Thatsache die Wahrheit des Urtheil ausmacht?

§. 2. Einer der klarsten und consequentesten Denker der Welt, Hobbes, hat auf diese Fragen die folgende Antwort gegeben. In einem jeden Urtheil (sagt er) ist der Glaube des Sprechenden ausgedrückt, dass das Prädicat ein Name desselben Dinges ist, wovon das Subject ein Name ist; und wenn dies wirklich der Fall ist, so ist das Urtheil wahr. So ist nach ihm das Urtheil, alle Menschen sind lebende Wesen, wahr, weil lebende Wesen ein Name für Alles ist, wovon Mensch ein Name ist. Alle Menschen sind sechs Fuss gross, ist nicht wahr, weil sechs Fuss gross nicht ein Name für Alles (obgleich von Manchem) ist, wovon Mensch ein Name ist.

Was in dieser Theorie als die Definition eines wahren Urtheils angegeben ist, muss als eine Eigenschaft anerkannt werden, welche alle wahren Urtheile besitzen. Da Subject und Prädicat Namen von Dingen sind, so könnte der eine Name nicht im Einklang mit seiner eigenen Bedeutung von anderen Namen prädicirt werden, wenn sie beide Namen von ganz verschiedenen Dingen wären. Wenn es wahr ist, dass einige Menschen kupferroth sind, so muss es wahr sein – und das Urtheil behauptet dies wirklich – dass es unter den mit dem Namen Mensch bezeichneten Individuen einige giebt, welche zu den mit dem Namen kupferroth bezeichneten gehören. Wenn es wahr ist, dass alle Ochsen widerkäuen, so muss es auch wahr sein, dass alle mit dem Namen Ochs bezeichneten Individuen auch zu den mit dem Namen widerkäuend bezeichneten gehören; und wer behauptet, dass alle Ochsen widerkäuen, behauptet auch ohne Zweifel, dass diese Beziehung zwischen den zwei Namen existirt.

Die Behauptung, welche nach Hobbes in irgend einem Urtheil allein ausgesprochen wird, findet demnach wirklich in einem jeden Urtheil Statt, und seine Analyse besitzt folglich eines der Erfordernisse der richtigen Analyse. Wir können aber einen Schritt weiter gehen und sagen: es ist die einzige Analyse, welche von allen Urtheilen ohne Ausnahme streng wahr ist. Was er als die Bedeutung der Urtheile giebt, bildet einen Theil der Bedeutung aller Urtheile und die ganze Bedeutung einiger. Dies zeigt indessen nur, welch[108] ein äusserst geringes Fragment von Bedeutung in die logische Formel eines Urtheils eingeschlossen werden kann; es zeigt aber nicht, dass kein Urtheil mehr bedeutet. Um uns zu berechtigen, zwei Worte mit einer Copula dazwischen zusammenzustellen, ist es wirklich hinreichend, dass das durch einen der Namen bezeichnete Ding (oder Dinge) ohne Verletzung des Sprachgebrauchs auch mit dem andern Namen benannt werden könne. Wenn also dies die ganze Bedeutung ist, welche in dem Urtheil genannten Redetheil eingeschlossen liegt, warum nehme ich dies nicht als die wissenschaftliche Definition der Bedeutung der Urtheile an? Weil, obgleich die blosse Zusammenstellung, welche das Urtheil zum Urtheil macht, so wenig Bedeutung enthält, dieselbe Zusammenstellung in Verbindung mit anderen Umständen, dieselbe Form mit anderer Materie verbunden, mehr und zwar viel mehr enthält.

Die einzigen Urtheile, von denen Hobbes' Grundsatz hinreichend Rechenschaft giebt, sind jene beschränkte und unwichtige Classe von Urtheilen, in denen Prädicat und Subject Eigennamen sind; denn wie bereits bemerkt, schliessen Eigennamen streng genommen keine Bedeutung ein, sondern sind bloss Merkmale für individuelle Gegenstände, und wenn ein Eigenname von einem andern Eigennamen ausgesagt wird, so besteht die ganze mitgetheilte Bedeutung darin, dass beides Namen oder Kennzeichen für denselben Gegenstand sind. Dies ist aber genau, was Hobbes als eine Theorie der Prädication im Allgemeinen giebt. Seine Lehre enthält eine vollständige Erklärung von Aussagen, wie diese: Tullius ist Cicero, Flaccus ist Horaz. Sie erschöpft die ganze Bedeutung dieser Urtheile, ist aber total unzureichend für alle anderen. Ihre Annahme kann nur durch die Thatsache erklärt werden, dass Hobbes wie alle anderen Nominalisten der Connotation oder Mitbezeichnung der Wörter keine oder nur eine geringe Aufmerksamkeit schenkte, und ihre Bedeutung nur in dem suchte, was sie bezeichnen; als ob alle Namen (wie die Eigennamen) Kennzeichen wären, die den Individuen angehängt sind, und als ob zwischen einem Eigennamen und einem Gemeinnamen kein anderer Unterschied wäre, als dass ersterer nur ein Individuum und letzterer eine grössere Anzahl derselben bezeichnet.

Wir haben indessen gesehen, dass die Bedeutung aller Namen, mit Ausnahme der Eigennamen und jenes Theils der Classe von[109] abstracten Namen, die nicht mitbezeichnend sind, in der Connotation liegt. Wenn wir daher die Bedeutung irgend eines Urtheils analysiren, in dem das Prädicat und das Subject, oder eines derselben, mitbezeichnende Namen sind, so müssen wir ausschliesslich auf die Mitbezeichnung dieser Wörter sehen, und nicht auf das, was sie bezeichnen, oder in der (soweit richtigen) Sprache von Hobbes, auf das, wovon sie Namen sind.

Es ist bemerkenswerth, dass bei der Behauptung, die Wahrheit eines Urtheils sei von der Uebereinstimmung zwischen seinen Worten abhängig, bei der Behauptung z.B. das Urtheil, Sokrates ist weise, sei ein wahres Urtheil, weil Sokrates und weise Namen sind, die auf dieselbe Person anwendbar, oder wie er es ausdrückt, weil es Namen derselben Person sind, ein so bedeutender Denker sich nicht die Frage vorgelegt hat: Aber wie kamen sie dazu, Namen derselben Person zu sein? Gewiss nicht, weil es die Absicht derjenigen war, welche diese Wörter erfanden. Als die Menschen die Bedeutung des Wortes weise feststellten, dachten sie nicht an Sokrates, und als dessen Eltern ihm den Namen Sokrates gaben, dachten sie nicht an die Weisheit. Die Namen passen zufällig auf dieselbe Person wegen einer gewissen Thatsache, welche weder bekannt war noch existirte, als die Namen erfunden wurden. Wenn wir suchen, worin die Thatsache besteht, so finden wir den Schlüssel dazu in der Mitbezeichnung der Namen.

Ein Vogel, oder ein Stein, ein Mensch, oder ein weiser Mensch bedeutet einfach, ein Gegenstand mit den und den Attributen. Die wahre Bedeutung des Wortes Mensch sind jene Attribute und nicht Johann, Peter und die übrigen Individuen. Das Wort sterblich mitbezeichnet in gleicher Weise ein gewisses Attribut oder Attribute; und wenn wir sagen, Alle Menschen sind sterblich, so meinen wir, dass alle Wesen, welche die eine Reihe von Attributen besitzen, auch die andere besitzen. Wenn nach unserer Erfahrung die durch Mensch mitbezeichneten Attribute immer von dem durch sterblich bezeichneten Attribute begleitet sind, so ist eine Folge hiervon, dass die Classe Mensch ganz in der Classe sterblich eingeschlossen ist, und dass sterblich ein Name von allen Dingen ist, von denen Mensch ein Name ist; aber warum? Jene Gegenstände werden unter dem Namen zusammengefasst, weil sie die durch ihn mitbezeichneten Attribute[110] besitzen, aber ihr Besitzen der Attribute ist die wirkliche Bedingung, von welcher die Wahrheit des Urtheils abhängig ist, nicht ihr Benanntsein mit dem Namen. Connotative Namen gehen den Attributen, welche sie mitbezeichnen, nicht voraus sondern folgen auf sie. Wenn ein Attribut immer in Verbindung mit einem andern Attribut angetroffen wird, so werden die diesen Attributen entsprechenden concreten Namen natürlich von denselben Gegenständen prädicirt werden können, und dürfen in Hobbes' Sprache (deren Angemessenheit ich in diesem Fall gänzlich zustimme) zwei Namen für dieselben Dinge genannt werden. Aber die Möglichkeit einer concurrirenden Anwendung der zwei Namen ist eine blosse Folge der Verbindung zwischen den zwei Attributen, und in den meisten Fällen wurde an sie nicht gedacht, als man die Namen erfand und ihre Bedeutung feststellte. Von dem Urtheil: Der Diamant ist verbrennlich, liess man sich sicher nichts träumen, als die Wörter Diamant und Verbrennlichkeit ihre Bedeutung erhielten, auch hätte es nicht durch die scharfsinnigste und feinste Analyse der Bedeutung dieser Wörter entdeckt werden können. Es wurde durch ein ganz anderes Verfahren gefunden, nämlich indem man die Sinne brauchte und von ihnen lernte, dass das Attribut Verbrennlichkeit in allen Diamanten existirte, mit denen man das Experiment vorgenommen hatte; die Anzahl Und der Charakter dieser Experimente war aber der Art, dass man schliessen konnte, dass, was von diesen Individuen wahr war, auch von allen »mit dem Namen benannten« Substanzen, von allen Substanzen wahr sei, welche die durch den Namen mitbezeichneten Attribute besitzen. Die Behauptung ist daher, wenn man sie analysirt, dass, wo wir gewisse Attribute finden, wir auch gewisse andere Attribute finden; dies ist aber nicht eine Frage bezüglich der Bedeutung von Namen, sondern bezüglich von Naturgesetzen als einer unter Naturerscheinungen existirenden Ordnung.

§. 3. Obgleich Hobbes' Theorie der Prädication, so wie er sie darlegte, von späteren Denkern nicht sehr günstig aufgenommen wurde, so erhielt doch eine dem Inhalt nach damit identische, aber keineswegs gleich klar ausgedrückte Theorie fast den Rang einer feststehenden Meinung. Die fast allgemein angenommene[111] Verstellung von der Prädication ist entschieden diejenige, wonach dieselbe in dem Beziehen von Etwas auf eine Classe besteht, d.h. indem man entweder ein Individuum unter eine Classe, oder eine Classe unter eine andere Classe bringt. Nach dieser Ansicht behauptet das Urtheil, der Mensch ist sterblich, dass die Classe Mensch in der Classe Sterblich eingeschlossen liegt. »Plato ist ein Philosoph« behauptet, dass das Individuum Plato eines der Individuen ist, welche die Classe Philosophen zusammensetzen. Ist das Urtheil ein negatives, so wird es ein Etwas von einer Classe ausschliessendes genannt. Das Urtheil, der Elephant ist kein Fleischfresser, behauptet (nach dieser Theorie), dass der Elephant von der Classe Fleischfresser ausgeschlossen ist, oder dass er nicht unter die Dinge gezählt wird, welche diese Classe ausmachen. Mit Ausnahme der Sprache ist zwischen dieser Theorie der Prädication und der von Hobbes kein wirklicher Unterschied, denn eine Classe ist absolut nichts anderes, als eine durch den Gemeinnamen bezeichnete unbestimmte Anzahl von Individuen. Der ihnen verliehene gemeinsame Name macht sie zur Classe. Etwas auf eine Classe beziehen heisst daher, es als eines der Dinge betrachten, welche bei diesem gemeinschaftlichen Namen genannt werden sollen; es von einer Classe ausschliessen heisst so viel, als dass der gemeinschaftliche Namen nicht auf es anwendbar ist.

Wie sehr diese Ansichten von der Prädication die herrschenden waren, geht daraus hervor, dass sie die Basis des berühmten dictum de omni et nullo sind. Wenn in den Abhandlungen von allen, welche sich mit ihm befassten, der Syllogismus in die Folgerung aufgelöst wird, dass, was von einer Classe wahr ist, von allen Dingen wahr ist, welche zu dieser Classe gehören; und wenn dies von fast allen Fachlogikern als das letzte Princip aufgestellt wird, dem alles Schliessen seine Gültigkeit verdankt: so ist es klar, dass nach der allgemeinen Meinung der Logiker die Urtheile, aus welchen sich das Schliessen zusammensetzt, der Ausdruck von nichts anderem sein können, als von dem Process des Eintheilens der Dinge in Classen und des Beziehens eines jeden Dinges auf seine besondere Classe.

Diese Theorie scheint mir ein merkwürdiges Beispiel eines in der Logik häufig begangenen Fehlers, des vom hysteron proteron zu sein, wonach ein Ding durch Etwas erklärt wird, was es (das[112] Ding) voraussetzt Wenn ich sage, Schnee ist weiss, so kann und muss ich Schnee ab eine Classe denken, weil ich einen Satz ab von allem Schnee wahr behaupte; aber ich denke weisse Gegenstände sicher nicht als eine Classe, ich denke überhaupt gar keinen weissen Gegenstand als Schnee und die Empfindung von weiss, welche er mir giebt. Wenn ich geurtheilt habe, oder wenn ich dem Urtheil, Schnee und noch verschiedene andere Dinge sind weiss, meine Zustimmung gegeben habe, so fange ich in der That allmälig an, weisse Gegenstände als eine, Schnee und jene anderen Dinge einschliessende Classe zu denken. Dies ist aber eine Vorstellung, welche jenen Urtheilen nicht vorausging, sondern folgte, und sie kann daher nicht als eine Erklärung derselben gegeben werden. Statt die Wirkung durch die Ursache zu erklären, erklärt diese Lehre die Ursache durch die Wirkung, und ist, wie ich glaube, auf eine latente falsche Vorstellung von der Natur der Classification gegründet.

In diesen Discussionen herrscht sehr allgemein eine Sprechweise, die vorauszusetzen scheint, dass die Classification in einer Anordnung und Gruppirung bestimmter und bekannter Individuen besteht; dass die Menschen bei der Namensverleihung alle einzelnen Gegenstände in Betracht zogen, Haufen oder Listen darauf bildeten, und den Gegenständen einer jeden Liste einen gemeinsamen Namen gaben und diese Operation toties quoties wiederholten, bis sie alle Gemeinnamen, aus denen die Sprache besteht, er funden hatten. Entsteht nun, nachdem dies einmal geschahen ist, die Frage, ob ein gewisser Gemeinname in Wahrheit von einem gewissen besondern Gegenstand prädictirt werden kann, so brauchen wir (so zu sagen) nur die Liste der Gegenstände, denen jener Name verliehen wurde, zu überlaufen, und zu sehen, ob sich der fragliche Gegenstand darauf befindet. Die Erfinder der Sprache haben (wie man vorauszusetzen scheint) alle Gegenstände vorausbestimmt, welche eine jede Classe zusammensetzen sollen, und wir haben nur auf das Protokoll einer vorausgegangenen Entscheidung zu verweisen.

Eine so absurde Lehre, in dieser Weise nackt vorgetragen, wird Niemand zu der seinigen machen; wenn aber die allgemein üblichen Erklärungen der Classification und Benennung diese Theorien[113] nicht einschliessen, so bleibt zu zeigen, mit welcher anderen Theorie sie in Einklang zu bringen sind.

Gemeinnamen sind nicht auf bestimmte Gegenstände gemachte Kennzeichen; Classen werden nicht so gemacht, dass man um eine gegebene Anzahl bestimmbarer Individuen eine Linie zieht. Die eine gewisse Classe zusammensetzenden Gegenstände fluctuiren beständig. Wir können eine Classe bilden ohne die Individuen oder auch nur irgend eines der Individuen zu kennen, aus denen Sie bestehen wird; wir können dies sogar unter der Voraussetzung thun, dass die Individuen gar nicht existiren. Wenn wir unter der Bedeutung eines Gemeinnamens die Dinge verstehen, von denen er der Name ist, so hat überhaupt kein Gemeinname eine festgesetzte Bedeutung oder behält seine Bedeutung lange, es sei denn zufällig. Ein Name einer unbestimmten Menge von Dingen zu sein, und zwar aller bekannten oder unbekannten, vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Dinge, die bestimmte Attribute besitzen, ist die einzige Weise, wie ein Gemeinname eine bestimmte Bedeutung besitzt. Wenn wir beim Studium, nicht der Bedeutung der Wörter, sondern der Naturerscheinungen finden, dass ein anderer vorher nicht bekannter Gegenstand diese Attribute besitzt (als die Chemiker z.B. fanden, dass der Diamant verbrennlich ist), so schliessen wir diesen neuen Gegenstand in die Classe ein, er gehörte aber nicht von vorn herein zu der Classe. Wir rechnen den Gegenstand zur Classe, weil das Urtheil wahr ist, nicht dass das Urtheil wahr wäre, weil wir den Gegenstand zu der Classe zählen.

Es wird sich später, wenn wir vom Schliessen handeln, zeigen, wie sehr die Theorie jenes intellectuellen Processes durch den Einfluss dieser irrigen Begriffe und der Gewohnheit, alle Operationen des menschlichen Verstandes, welche die Wahrheit zum Gegenstand haben, zu blossen Processen des Classificirens und Benennens zu machen, verkehrt wurde. Die in diese Netze verstrickten Geister waren zum Unglück gerade diejenigen, welche den im Anfang dieses Capitels besprochenen Hauptirrthümern entgangen waren. Seit der Revolution, die Aristoteles aus den Schulen vertrieb, könnten die Logiker nahezu eingetheilt werden in solche, welche das Schliessen wesentlich als eine Sache der Ideen, und solche, die es wesentlich als eine Sache des Benennens betrachten.

Obgleich indessen Hobbes Theorie der Prädication, zufolge der[114] Bemerkung von Leibnitz und dem eigenen Zugeständnis von Hobbes22 selbst, Wahrheit und Irrthum vollständig ohne Maassstab lässt und ganz willkürlich macht, so darf man doch nicht schliessen, dass sowohl Hobbes, als auch die mit ihm in der Hauptsache übereinstimmenden Denker den unterschied zwischen, Wahrheit und Irrthum in der That als weniger real betrachtet oder ihm geringere Wichtigkeit beigelegt hätten, als andere; dies zeigt aber nur, wie geringe Herrschaft ihre Lehre über ihren eigenen Geist übte. Niemand hat sich im Grund jemals eingebildet, dass in der Wahrheit nichts anderes liege, als Richtigkeit des Ausdrucks, als ein Gebrauchen der Sprache in Uebereinstimmung mit einer früheren Uebereinkunft. Wenn die Frage nicht mehr allgemein gehalten, sondern auf einen besondern Fall beschränkt wurde, so wurde jederzeit anerkannt, dass zwischen wörtlichen und realen Fragen ein Unterschied besteht; dass manche falschen Urtheile aus einer Unkenntniss von der Bedeutung der Wörter fliessen, dass aber bei anderen die Quelle des Irrthums in einem Missverstehen der Dinge liegt; das Jemand, der gar nicht den Gebrauch der Sprache besitzt, geistig Urtheile, die unwahr sein können, bilden kann, d.h. dass er etwas für thatsächlich halten kann, was es wirklich nicht ist. Man kann dies nicht mit stärkeren Worten einräumen, als es Hobbes selbst gethan hat,23 obgleich er einen solchen irrthümlichen Glauben nicht Unwahrheit (falsitas), sondern nur Irrthum[115] genannt haben will; auch hat er selbst an anderen Stellen Lehren aufgestellt, in denen die wahre Theorie der Prädication stillschweigend eingeschlossen liegt. Er sagt ganz deutlich, dass den Dingen Gemeinnamen ihrer Attribute wegen gegeben werden, und dass abstracte Namen die Namen dieser Attribute sind. »Abstract ist das, was bei einem Gegenstande die Ursache des concreten Namens bezeichnet... Und diese Ursachen von Namen sind dieselben wie die Ursachen unserer Vorstellungen, nämlich ein Vermögen der Einwirkung (Action) oder Affection des vorgestellten Dinges, was zwar einige die Art und Weise nennen, wie etwas auf unsere Sinne wirkt, was von den meisten Menschen jedoch zufällige Eigenschaften (Accidenzien) genannt wird«.24 Nachdem er soweit gegangen ist, erscheint es sonderbar, dass er nicht noch einen Schritt weiter ging und sah, dass das, was er die Ursache des concreten Namen nennt, in Wirklichkeit die Bedeutung desselben ist; und dass wenn wir von einem Gegenstande einen Namen aussagen, der eines Attributs (oder, wie er es nennt, eines Accidenzes) wegen gegeben wird, unser Zweck nicht ist, einen Namen zu affirmiren, sondern vermittelst des Namens das Attribut zu affirmiren.

§ 4. Es sei das Prädicat, wie wir sagten, ein mitbezeichnendes Wort, und um den einfachsten Fall zuerst zu nehmen, sei das Subject ein Eigennamen: »Der Gipfel des Chimborazos ist weiss.« Das Wort weiss mitbezeichnet ein Attribut, welches der durch die Worte »der Gipfel des Chimborazos« bezeichnete individuelle Gegenstand besitzt; dieses Attribut besteht in der physikalischen Thatsache, in menschlichen Wesen die Empfindung zu erregen, welche wir eine Empfindung von weiss nennen. Man wird zugeben, dass wir bei der Behauptung des Satzes die Mittheilung dieser physikalischen Thatsache zu machen wünschen, und dass wir an die Namen nur als das Mittel für diese Mittheilung denken. Die Bedeutung des Urtheils ist daher die, dass das durch das Subject bezeichnete einzelne Ding die durch das Prädicat mitbezeichneten Attribute besitzt.[116]

Wenn wir annehmen, das Subject sei ebenfalls ein mitbezeichnender Name, so ist die durch das Urtheil ausgedrückte Meinung schon etwas verwickelter. Wir wollen zuerst annehmen, das Urtheil sei allgemein und bejahend: »Alle Menschen sind sterblich.« In diesem wie in dem vorhergehenden Fall behauptet natürlich das Urtheil (oder drückt den Glauben aus), dass die durch das Subject (Mensch) bezeichneten Gegenstände die durch du Prädicat (sterblich) mitbezeichneten Attribute besitzen. Das Charakteristische des Falls ist aber, dass die Gegenstände nicht länger mehr individuell bezeichnet sind. Es wird nur durch einige ihrer Attribute auf sie hingewiesen, sie sind die Menschen genannte Gegenstände, d.h. sie besitzen die durch den Namen Mensch mitbezeichneten Eigenschaften, und alles was von ihnen bekannt ist, sind vielleicht jene Attribute; da das Urtheil ein allgemeines ist, und die durch das Subject bezeichneten Gegenstände in unbestimmter Anzahl vorhanden sind, so sind in der That die meisten individuell gar nicht bekannt. Die Behauptung ist daher nicht wie vorher, dass die vom Prädicat mitbezeichneten Attribute im Besitz eines gegebenen Individuums oder einer als Johann, Thomas etc. bekannten Anzahl von Individuen sind, sondern dass ein jedes, gewisse andere Attribute besitzende Individuum auch diese Attribute besitzt, dass was die durch das Subject mitbezeichneten Attribute besitzt, auch die durch das Prädicat mitbezeichneten besitzt, dass die letztere Reihe von Attributen die erstere beständig begleitet. Was die Attribute Mensch hat, hat das Attribut Sterblichkeit, Sterblichkeit begleitet die Attribute Mensch beständig.25[117]

Wenn man sich erinnert, dass ein jedes Attribut auf irgend eine Thatsache oder Erscheinung entweder des äussern Sinnes oder des innern Bewusstseins gegründet ist, und dass, ein Attribut besitzen, eine andere Redeweise ist für die Ursache sein, oder ein Theil von der Thatsache oder der Erscheinung sein, auf welche das Attribut gegründet ist: so können wir einen Schritt weiter gehen und die Analyse vervollständigen. Der Satz, welcher behauptet, dass ein Attribut immer ein anderes Attribut begleitet, behauptet hierdurch in Wirklichkeit nichts anderes, als dass eine Erscheinung immer eine andere Erscheinung begleitet, so dass wo wir die eine finden, wir des Daseins der andern sicher sind. In dem Urtheil: Alle Menschen sind sterblich, mitbezeichnet das Wort Mensch die Attribute, welche wir einer gewissen Art lebender Geschöpfe auf Grund gewisser Erscheinungen, die sie darbieten, zuschreiben; diese Erscheinungen sind theils physikalischer Natur, wie die Eindrücke auf unsere Sinne durch Gestalt und Körperbau, theils geistiger Art, wie das empfindende und intellectuelle Leben, welches ihnen eigen ist. Ein Jeder, vor dem wir es aussprechen, versteht alles dieses unter dem Worte Mensch, wenn ihm dessen Bedeutung bekannt ist. Wenn wir nun sagen, die Menschen sind sterblich, so meinen wir, dass wo diese verschiedenen physikalischen und geistigen Erscheinungen getroffen werden, wir sicher sind, dass das Tod genannte andere physikalische und geistige Phänomen unfehlbar eintreffen wird. Das Urtheil affirmirt nicht wann, denn die Mitbezeichnung des Wortes sterblich geht nicht über das Eintreffen des Phänomens überhaupt hinaus und lässt die Zeit ganz unbestimmt.

§. 5. Wir sind nun soweit vorgeschritten, um nicht allein den Irrthum Hobbes' demonstriren, sondern auch um den wirklichen Inhalt der bei weitem zahlreichsten Classe von Urtheilen bestimmen zu können. In einem Urtheil, das mehr behauptet als eine blose Bedeutung von Wörtern, ist der Gegenstand des Glaubens gewöhnlich wie in den untersuchten Fällen, entweder das Zugleichsein (Coexistenz) oder das Aufeinanderfolgen (Sequenz, Succession)[118] zweier Phänomene. Schon beim Beginn unserer Untersuchung fanden wir, dass jeder Glaubensact zwei Dinge einschliesst; wir haben nun bestimmt, was in dem häufigsten Fall diese beiden Dinge sind, nämlich zwei Erscheinungen, mit anderen Worten, zwei Zustände des Bewustseins und was das Urtheil als zwischen ihnen bestehend bejaht (oder verneint), nämlich Coexistenz oder Succession. Dieser Fall schliesst unzählige Fälle ein, welche Niemand, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, auf ihn zurückführen würde. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein grossmüthiger Mensch ist der Ehre würdig. Wer sollte hier einen Fall von Zugleichsein zweier Phänomene suchen? Aber dennoch ist es so. Das Attribut, welches die Ursache ist, dass ein Mensch grossmüthig genannt wird, wird ihm auf Grund von Zuständen seines Geistes und von Einzelheiten seines Benehmens zugeschrieben; beides sind Phänomene, das erstere Thatsachen des inneren Bewusstseins, das letztere, soweit es vom ersteren unterschieden ist, sind physikalische Thatsachen oder Wahrnehmungen der Sinne. Der Ehre würdig lässt eine ähnliche Analyse zu. Ehre, wie hier gebraucht, bedeutet ein Zustand von beistimmender und bewundernder Emotion, dem gelegentlich entsprechende äussere Handlungen folgen. »Der Ehre würdig« mitbezeichnet alles dieses, und zugleich unsere Beistimmung zu dem Act des Ehrebezeigens. Alles dieses sind Erscheinungen, Zustände des inneren Bewusstseins, begleitet oder gefolgt von physikalischen Thatsachen. Wenn wir sagen, ein grossmüthiger Mensch ist der Ehre würdig, so bejahen wir das Zugleichsein zweier zusammengesetzten, beziehungsweise durch die zwei Wörter mitbezeichneten Erscheinungen. Wir affirmiren, dass wenn die in dem Worte Grossmuth eingeschlossenen innerlichen Gefühle und äusserlichen Thatsachen stattfinden, der Existenz und Kundgebung eines innern Gefühls, Ehre, in unserm Geist ein anderes innerliches Gefühl folgt, nämlich Beifall.

Nach der in einem früheren Capitel enthaltenen Analyse des Inhalts der Namen bedarf es nicht vieler Beispiele, um den Inhalt der Urtheile zu erläutern. Wenn ein Dunkel oder eine Schwierigkeit vorhanden ist, so liegt sie nur in der Bedeutung der Namen, welche das Urtheil zusammensetzen, in der sehr complicirten Mitbezeichnung vieler Wörter, in der grossen Menge oder langen Reihe von Thatsachen, welche das durch den Namen mitbezeichnete[119] Phänomen zusammensetzen. Wo aber die Natur des Phänomens erkannt wird, da sieht man gewöhnlich ohne Schwierigkeit, dass die in dem Urtheil ausgesprochene Behauptung, das Zugleichsein einer solchen Erscheinung mit einer andern, oder die Nachfolge einer solchen Erscheinung auf eine andere, kurz dass ihre Verbindung so ist, dass, wo wir die eine finden, wir darauf rechnen können, auch die andere zu finden.

Wenn dies aber auch die gewöhnlichste Bedeutung der Urtheile ist, so ist es doch nicht die einzige. Erstens werden Coexistenz und Succession nicht allein bezüglich von Erscheinungen behauptet, wir bilden auch Urtheile bezüglich jener verborgenen Ursachen der Erscheinungen, welche Substanzen und Attribute genannt werten. Da aber eine Substanz für uns nichts ist, als das was entweder diese Erscheinungen verursacht, oder das was sich ihrer bewusst ist, und da dasselbe mutatis mutandis von Attributen wahr ist: so kann keine Behauptung, wenigstens nicht wenn sie eine Bedeutung haben soll, im Betreff dieser unbekannten und unerkennbaren Wesen gemacht werden, als Kraft der Erscheinungen, durch welche sie sich unserer Wahrnehmung kundgeben. Wenn wir sagen, Socrates war gleichzeitig mit dem Peloponnesischen Krieg, so ist die Grundlage dieser Behauptung, wie aller Behauptungen bezüglich von Substanzen, eine Behauptung bezüglich der Erscheinungen, welche sie darbieten, – nämlich, dass die Reihe von Thatsachen, durch welche sich Socrates den Menschen kundgab, und die Reihe von Geisteszuständen, welche seine empfindende Existenz ausmachten, gleichzeitig mit einer Reihe von Thatsachen stattfand, die unter dem Namen Peloponnesischer Krieg bekannt sind. Das Urtheil behauptet dies dennoch nicht allein; es behauptet, dass das Ding an sich, das Noumenon Socrates, während derselben Zeit existirte und diese verschiedenen Thatsachen vollführte oder erfuhr. Zugleichsein und Aufeinanderfolgen können daher nicht allein als zwischen Erscheinungen, sondern auch als zwischen Noumena oder zwischen einem Noumenon und einer Erscheinung stattfindend bejaht oder verneint werden. Und von beiden, von Noumena und Erscheinungen können wir einfache Existenz behaupten. Aber was ist ein Noumenon? Eine unbekannte Ursache. Wenn wir daher die blosse Existenz eines Noumenon affirmiren, so affirmiren wir Verursachung. Hier sind daher zwei weitere[120] Arten von Thatsachen, welche in einem Urtheil behauptet werden können. Ausser den Urtheilen, welche Coexistenz und Succession behaupten, giebt es also andere, die einfache Existenz behaupten; noch andere behaupten Verursachung, und da dieser letztere Gegenstand der Erklärungen des dritten Buches sind, so sind sie einstweilen als eine unterschiedene und besondere Classe von Behauptungen zu betrachten.

§. 6. Diesen vier Arten von Thatsachen oder Behauptungen muss eine fünfte hinzugefügt werden, nämlich Aehnlichkeit. Es war dies eine Art Attribut, das wir zu analysiren nicht für möglich fanden, für welches kein, von den Gegenständen selbst unterschiedenes fundamentum angegeben werden konnte. Es giebt also ausser den vorhergehenden noch Urtheile, welche eine Aehnlichkeit zwischen Erscheinungen behaupten, wie: diese Farbe ist jener Farbe ähnlich; – die Hitze von heute ist der Hitze von gestern gleich. Eine solche Behauptung könnte freilich mit einigem Wahrheitsschein unter die Behauptungen der Succession gerechnet werden, wenn man sie als eine Behauptung betrachten würde, dass der gleichzeitigen Betrachtung zweier Farben ein besonderes, Gefühl von Aehnlichkeit genanntes Gefühl folgt. Wir gewinnen indessen nichts, besonders hier nicht, durch eine Generalisation, die als eine gezwungene betrachtet werden kann. Die Logik unternimmt es nicht, geistige Thatsachen in ihre letzten Elemente aufzulösen. Aehnlichkeit zwischen Erscheinungen ist an sich verständlicher als irgend eine Erklärung machen könnte, und muss unter einer jeden Classification specifisch verschieden von den gewöhnlichen Fällen von Sequenz und Coexistenz bleiben.

Man sagt zuweilen, dass alle Urtheile, deren Prädicat ein Gemeinname ist, thatsächlich eine Aehnlichkeit affirmiren oder negiren. Alle derartigen Urtheile bejahen, dass ein Ding einer Classe angehört; da aber die Dinge nach ihrer Aehnlichkeit classificirt werden, so wird natürlich ein jedes mit denjenigen Dingen classificirt, denen es am meisten zu gleichen scheint; man kann daher sagen, dass wenn wir affirmiren, Gold ist ein Metall, oder Sokrates ist ein Mensch, so ist die beabsichtigte Affirmation, dass Gold anderen Metallen und dass Sokrates anderen Menschen mehr gleicht, als[121] den Gegenständen, welche in irgend einer andern der, diesen coordinirten Classen enthaltenen sind.

Diese Bemerkung stützt sich nur auf leichte Gründe. Die Anordnung der Dinge zu Classen, wie die Classe Metall oder die Classe Mensch, gründet sich in der That auf eine Aehnlichkeit zwischen den Dingen, welche in dieselbe Classe eingetheilt werden, aber nicht auf eine blosse allgemeine Aehnlichkeit, sondern auf eine Aehnlichkeit, welche in gewissen gemeinsamen Eigenthümlichkeiten aller jener Dinge besteht; und diese Eigenthümlichkeiten sind es, welche die Wörter mitbezeichnen, und welche das Urtheil folglich behauptet, nicht aber die Aehnlichkeit; denn obgleich ich bei der Aussage, Gold ist ein Metall, implicite sage, dass wenn es andere Metalle giebt, sie ihm gleichen müssen, so könnte ich doch, wenn es gar keine andere Metalle gäbe, dasselbe Urtheil wie jetzt behaupten, nämlich, dass Gold die verschiedenen Eigenschaften hat, welche das Wort Metall einschliesst; ebenso könnte man sagen, die Christen sind Menschen, wenn es auch gar keine Menschen gäbe, die nicht Christen sind. Urtheile, in denen Gegenstände auf eine Classe bezogen werden, weil sie die die Classe constituirenden Attribute besitzen, sind daher so weit entfernt nichts als Aehnlichkeit zu behaupten, dass sie strenggenommen gar keine Aehnlichkeit behaupten.

Wir haben aber früher die Bemerkung gemacht (und die Gründe dafür werden in einem späteren Buch auseinandergesetzt werden26), dass es zuweilen bequem ist, die Grenzen einer Classe so auszudehnen, dass Dinge darin eingeschlossen werden, welche einige der charakteristischen Eigenschaften der Classe nur in einem geringen Grade, wenn überhaupt, besitzen, – vorausgesetzt, dass sie dieser Classe mehr als irgend einer andern ähnlich sind, so dass die allgemeinen Urtheile, welche von der Classe wahr sind, von jenen Dingen näher wahr sind, als irgend andere gleich allgemeine Urtheile. Es giebt z.B. Metalle genannte Substanzen, welche wenige von den bei den Metallen erkannten Eigenschaften besitzen, und fast eine jede grosse Pflanzen- oder Thierfamilie hat an ihren Grenzen einige abnorme Genera oder Species, die aus einer Art Gnade zu ihr gezählt werden, und in Betreff derer es als[122] zweifelhaft angesehen wurde, zu welcher Familie sie eigentlich gehören. Wenn nun von einem derartigen Gegenstand der Classenname ausgesagt wird, so affirmiren wir damit Aehnlichkeit und nichts weiter, um scrupulös genau zu sein, müssten wir sagen, dass wir in einem jeden Falle, wo wir einen Gemeinnamen aussagen, affirmiren, dass der Gegenstand die durch den Namen bezeichneten Eigenschaften nicht absolut besitzt, sondern dass er sie entweder besitzt oder nicht, und dass er jedenfalls den Dingen, die sie besitzen, ähnlicher ist als anderen Dingen. In den meisten Fällen ist es indessen unnöthig, eine solche Alternative vorauszusetzen, da der letztere von den zwei Gründen sehr selten derjenige ist, auf welchen hin die Behauptung ausgesprochen wird; wenn dies aber der Fall ist, so findet gewöhnlich ein leichter Unterschied in der Form des Ausdrucks statt, wie, diese Species (oder dieses Genus) wird angesehen, als gehörte sie zu dieser oder jener Familie, oder sie kann eingereiht werden in etc.; wir werden kaum sagen, dass sie positiv zu ihr gehört, wenn sie nicht ganz unzweideutig die Eigenschaften besitzt, wovon der Classenname der wissenschaftliche Ausdruck ist.

Es giebt noch einen andern Ausnahmsfall, in dem wir, obgleich das Prädicat ein Classenname ist, beim Aussagen desselben nichts als Aehnlichkeit affirmiren, indem die Classe nicht auf Aehnlichkeit in irgend einer Einzelheit, sondern auf eine gewisse allgemeine nicht analysirbare Aehnlichkeit gegründet ist. Es sind dies namentlich diejenigen Classen, in welche unsere einfachen Sensationen oder andere einfachere Gefühle eingetheilt werden. Dia Sensationen von weiss werden z.B. zusammen classificirt, nicht weil wir sie auseinandernehmen und sagen können, in diesem sind sie ähnlich, in jenem sind sie unähnlich, sondern weil wir fühlen, dass sie im Ganzen ähnlich sind, wenn auch in verschiedenen Graden. Wenn ich daher sage, die Farbe, welche ich gestern sah, war eine weisse Farbe, oder, die Empfindung, welche ich habe, ist eine Empfindung von Enge, so ist in beiden Fällen das von der Farbe oder der anderen Empfindung affirmirte Attribut blosse Aehnlichkeit, – einfache Aehnlichkeit mit Empfindungen, welche ich vorher gehabt und welchen man jene Namen gegeben hatte. Die Namen von Gefühlen sind wie andere concrete Gemeinnamen mitbezeichnend, aber sie mitbezeichnen eine blosse Aehnlichkeit. Wenn[123] sie von einem einzelnen Gefühl ausgesagt werden, so drücken sie seine Aehnlichkeit mit anderen Gefühlen aus, die wir gewohnt sind mit demselben Namen zu benennen. Dies mag hinreichen, um die Art von Urtheilen zu erläutern, in welchen die behauptete (oder verneinte) Thatsache einfache Aehnlichkeit ist.

Dasein, Zugleichsein, Folge, Verursachung, Aehnlichkeit, – Existenz, Coexistenz, Sequenz, Causalität, Similarität - , das eine oder das andere wird ohne Ausnahme in einem jeden Urtheil behauptet (oder verneint); diese fünffache Eintheilung ist eine erschöpfende Classification der Thatsachen, aller Dinge, welche geglaubt oder dem Glauben dargeboten werden können, aller Fragen, welche gestellt, und aller Antworten, die darauf gegeben werden können. Anstatt Coexistenz und Sequenz werden wir der besseren Sonderung wegen zuweilen Ordnung im Raum und Ordnung in der Zeit sagen; indem Ordnung im Raum der specifische Modus von Coexistenz ist, den wir hier nicht weiter zu analysiren brauchen, während die blosse Thatsache der Coexistenz oder Gleichzeitigkeit mit der Sequenz unter die Rubrik Ordnung in der Zeit gebracht werden kann.

§. 7. Bei der vorhergehenden Untersuchung des Inhalts der Urtheile fanden wir für nöthig, jene allein direct zu analysiren, in denen die das Urtheil zusammensetzenden Wörter (oder wenigstens das Prädicat) concrete Wörter sind. Wir haben aber hierbei indirect diejenigen analysirt, in denen die Wörter abstract sind. Der Unterschied zwischen einem abstracten und dem entsprechenden concreten Wort beruht nicht auf einem Unterschied in dem, was sie bedeuten sollen, denn die wirkliche Bedeutung eines concreten Gemeinnamens ist, wie oft bemerkt, seine Mitbezeichnung, und das, was das concrete Wort mitbezeichnet, bildet die ganze Bedeutung des abstracten Namens. Da in dem Inhalt eines abstracten Namens nichts liegt, was nicht auch in dem Inhalt des entsprechenden concreten liegt, so ist es natürlich, anzunehmen, dass auch in dem Inhalt eines Urtheils, dessen Wörter abstract sind, nichts liegen könne, als was auch in irgend einem Urtheil liegt, das aus concreten Wörtern zusammengesetzt werden kann.

Eine genauere Untersuchung wird dies bestätigen. Ein abstracter Name ist der Name eines Attributs oder einer Combination[124] von Attributen. Der entsprechende concrete Name ist ein Name, der den Dingen gegeben wird, weil sie diese Attribute oder Combination von Attributen besitzen, und der ausdrücken soll, dass sie dieselben besitzen. Wenn wir daher einen concreten Namen von Etwas aussagen, so sagen wir in Wirklichkeit ein Attribut von demselben aus. Es wurde aber eben gezeigt, dass in allen Urtheilen, in denen das Prädicat ein concreter Name ist, von fünf Dingen eines ausgesagt wird: Existenz, Coexistenz, Verursachung, Folge, Aehnlichkeit. Ein Attribut ist daher nothwendig entweder eine Existenz, eine Coexistenz, eine Verursachung, eine Folge oder eine Aehnlichkeit. Wenn ein Urtheil aus einem Subject und einem Prädicat besteht, welche abstracte Wörter sind, so besteht es aus Wörtern, die nothwendig eines oder das andere von diesen Dingen bedeuten müssen. Wenn wir einen abstracten Namen von Etwas aussagen, so affirmiren wir von dem Dinge, dass es ein Fall von Existenz, oder von Coexistenz, oder von Causalität, oder von Succession, oder von Aehnlichkeit ist.

Es ist nicht möglich, ein durch abstracte Wörter ausgedrücktes Urtheil zu finden, das nicht in ein genau gleichbedeutendes Urtheil mit concreten Namen verwandelt werden könnte, so dass letztere entweder die concreten Namen sind, welche die Attribute selbst mitbezeichnen, oder die Namen der fundamenta dieser Attribute, der Thatsachen oder Erscheinungen, auf welche sie gegründet sind. Um den letztern Fall zu erläutern, wollen wir ein Urtheil wählen, wovon nur das Subject ein abstracter Name ist, – »Gedankenlosigkeit ist gefährlich.« Gedankenlosigkeit ist ein auf die Thatsachen gegründetes Attribut, welche wir gedankenlose Handlungen nennen, und das Urtheil ist folgendem Urtheil äquivalent: Gedankenlose Handlungen sind gefährlich. Im folgenden sind sowohl Subject als Prädicat abstracte Namen: »Weisse ist eine Farbe,« oder: »die Farbe des Schnees ist eine weisse.« Da diese Attribute auf Empfindungen gegründet sind, so würden die entsprechenden äquivalenten Urtheile im Concreten sein, – die beim Erblicken von Schnee verursachte Gesichtsempfindung ist eine von den, Empfindungen von weiss, genannten Empfindungen. Wie wir vorher sahen, ist die in diesem Urtheil behauptete Thatsache eine Aehnlichkeit. In dem folgenden Beispiele entsprechen die concreten Wörter den abstracten Samen ganz direct, indem sie das Attribut[125] mitbezeichnen, welches diese bezeichnen. »Klugheit ist eine Tugend;« dies kann so wiedergegeben werden: »Alle tugendhaften Personen sind, soweit als sie klug sind, tugendhaft.« »Muth verdient Ehre,« heisst: »Alle muthigen Personen verdienen Ehre, soweit sie muthig sind,« was gleichbedeutend ist mit: »Alle muthigen Personen verdienen eine Vermehrung der Ehre oder eine Verminderung der Ungunst, welche ihnen anderer Gründe wegen zu Theil wird..«

Um noch mehr Licht auf den Inhalt der Urtheile zu werfen, deren Wörter abstracte sind, wollen wir eines der obigen Beispiele einer genaueren Analyse unterwerfen, – »Klugheit ist eine Tugend.« Substituiren wir dem Worte Tugend einen gleichbedeutenden aber bestimmteren Ausdruck, wie: »eine der Gesellschaft heilsame geistige Eigenschaft,« oder: »eine Gott gefällige geistige Eigenschaft,« oder welche Definition der Tugend wir sonst gebrauchen wollen. Wir haben hier eine Succession, aber zwischen was? Wir verstehen das Nachfolgende in der Sequenz, aber das Vorausgehende haben wir noch zu analysiren. Klugheit ist ein Attribut, und in Verbindung damit sind noch zwei Dinge in Betracht zu ziehen; kluge Personen, reiche die Subjecte des Attributs sind, und kluges Benehmen, welches man das Fundamentum desselben nennen kann. Ist nun eines von diesen das Vorausgehende (Antecedens)? Und hauptsächlich, ist damit gemeint, dass das Gefallen Gottes oder das Heil der Gesellschaft alle klugen Personen begleitet? Nein, sondern nur soweit als sie klug sind, denn kluge Personen, welche Schurken sind, können im Ganzen der Gesellschaft nicht zum Heil werden, noch können sie einem guten Wesen angenehm sein. Es folgt also das Gefallen Gottes oder das Heil der Menschen dem klugen Benehmen? Auch dies liegt nicht in der Behauptung, Klugheit ist eine Tugend, sondern es gilt hier ein ähnlicher Vorbehalt wie vorher, nämlich dass ein kluges Benehmen, obgleich der Gesellschaft heilsam, soweit als es klug ist, durch den Einfluss anderer Eigenschaften einen den Nutzen überwiegenden Schaden anrichten und mehr Tadel als der Klugheit sonst schuldiges Lob verdienen kann. Es ist daher weder die Substanz (d.h. die Person) noch die Erscheinung (das Benehmen) ein Antecedens, auf welches das andere Wort der Sequenz allgemein folgt. Was ist es nun aber, wovon das Urtheil behauptet, dass die fraglichen Wirkungen im allgemeinen[126] darauf folgen? Das in der Person und in dem Benehmen, welches die Ursache ist, dass sie klug genannt werden, und was auch noch darin ist, wenn die Handlung, obgleich klug, verderblich ist, nämlich eine richtige Voraussicht von Folgen, eine richtige Schätzung ihrer Wichtigkeit für den beabsichtigten Gegenstand, und die Unterdrückung eines jeden unüberlegten Dranges, der mit dem wohlerwogenen Zweck nicht im Einklang steht. Diese Geisteszustände bilden das in dem Urtheil behauptete wirkliche Antecedens in der Sequenz, die wirkliche Ursache in der Verursachung; aber sie bilden auch die wirkliche Grundlage des Attributs Klugheit. Denn wo diese Geisteszustände vorhanden sind, da können wir Klugheit prädiciren, bevor wir wissen, ob irgend ein Benehmen darauf gefolgt ist. Auf diese Weise kann eine jede Behauptung bezüglich eines Attributs in eine genau gleichbedeutende Behauptung bezüglich der den Grund des Attributs bildenden Thatsache oder Erscheinung verwandelt werden, und es kann kein Fall angegeben werden, wo das von der Thatsache oder Erscheinung Ausgesagte nicht der einen oder der andern der oben angegebenen fünf Dinge angehörte, und wonach es entweder einfache Existenz, oder Coexistenz, oder Sequenz, Causalität oder Similarität ist.

Da dies die einzigen fünf Dinge sind, welche affirmirt werden können, so sind sie auch die einzigen Dinge, welche verneint werden können. »Keine Pferde besitzen Füsse mit Schwimmhäuten,« verneint, dass die Attribute eines Pferdes jemals mit Füssen mit Schwimmhäuten coexistiren. Es ist kaum nöthig, dieselbe Analyse auf besondere Behauptungen und Verneinungen anzuwenden. »Einige Vögel haben Füsse mit Schwimmhäuten,« affirmirt, dass mit den durch Vogel mitbezeichneten Attributen die Erscheinung Füsse mit Schwimmhäuten zuweilen coexistirt. » Einige Vögel haben keine Füsse mit Schwimmhäuten,« behauptet, dass es andere Fälle giebt, in welchen dieses Zugleichsein nicht stattfindet. Eine jede weitere Erklärung eines Dinges ist, wenn man der vorhergehenden Auseinandersetzung zustimmt, so einleuchtend, dass sie hier übergangen werden kann.[127]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 104-128.
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