Vierzehntes Capitel.

Von den Grenzen der Erklärung von Naturgesetzen, und von den Hypothesen.

[3] §. 1. Die vorhergehenden Betrachtungen führten uns zur Unterscheidung zweier Arten von Gesetzen oder beobachteten Gleichförmigkeiten in der Natur, nämlich zur Unterscheidung zwischen letzten Gesetzen und sogenannten abgeleiteten (derivativen) Gesetzen. Abgeleitete Gesetze sind solche, welche in einer der angeführten Weisen von anderen, allgemeineren Gesetzen abgeleitet oder in solche zerlegt werden können. Mit den letzten Gesetzen kann eine solche Zerlegung nicht stattfinden. Obgleich wir nicht gewiss wissen, ob irgend welche von den uns bekannten Gleichförmigkeiten letzte Gesetze sind, so wissen wir doch, dass es letzte Gesetze geben muss, und dass uns eine jede Zerlegung von abgeleiteten Gesetzen denselben näher bringt.

Da wir fortwährend entdecken, dass Gleichförmigkeiten, die wir für letzte hielten, in der That abgeleitete Gleichförmigkeiten und in allgemeinere Gesetze zerlegbar sind, oder (mit anderen Worten) da wir fortwährend die Erklärung irgend einer Sequenz entdecken, welche vorher nur als eine Thatsache bekannt war, so entsteht die interessante Frage, ob diese philosophische Verfahrungsweise irgend eine nothwendige Grenze hat, oder ob sie so lange fortschreiten kann, bis alle gleichförmigen Sequenzen in der Natur in irgend ein universales Gesetz, aufgelöst sind. Dies scheint beim ersten Anblick das letzte Ziel zu sein, nach dem die[3] fortschreitende Induction, mit Hülfe der auf einer Basis von Beobachtung und Experiment ruhenden deductiven Methode nach und nach strebt. Auch waren Versuche, dasselbe zu erreichen, zur Zeit, als die Naturphilosophie in der Kindheit war, ganz gewöhnlich; Betrachtungen, welche dieses glänzende Ziel nicht in Aussicht stellten, hielt man zu jener Zeit nicht für werth verfolgt zu werden. Auch scheinen die merkwürdigen Resultate der neueren Wissenschaft dieser Idee eine so grosse Stütze zu verleihen, dass es sogar in unseren Tagen noch immer Denker giebt, welche behaupten, das Problem gelöst zu haben, oder doch die Mittel angeben zu können, wie es einst gelöst werden könne. Aber wenn so grosse Ansprüche auch nicht gemacht werden, so schliesst doch der Charakter von den Auflösungen, welche von besonderen Classen von Naturerscheinungen gegeben oder gesucht werden, häufig solche Begriffe von dem, was eine Erklärung ausmacht, ein, dass darnach die Meinung, alle Naturerscheinungen möchten sich aus einer einzigen Ursache oder einem einzigen Gesetz erklären lassen, vollkommen zulässig erscheint.

§. 2. Es ist nach dem Vorhergehenden von Nutzen zu bemerken, dass die letzten Naturgesetze möglicherweise nicht weniger zahlreich sein können, als die unterscheidbaren Sensationen oder anderen Gefühle unserer eigenen Natur, als diejenigen, meine ich, welche nicht bloss der Quantität und dem Grade nach, sondern auch der Qualität nach von einander unterschieden werden können. Da es z.B. eine Naturerscheinung sui generis giebt, die man Farbe nennt, und von der uns das Bewusstsein sagt, dass sie nicht ein besonderer Grad irgend einer andern Naturerscheinung, wie Wärme, Geruch oder Bewegung, sondern dass sie wesentlich verschieden von allen anderen ist, so folgt hieraus, dass es letzte Gesetze der Farben giebt; dass obgleich die Thatsachen der Farbe eine Erklärung zulassen, sie doch niemals durch die Gesetze der Wärme, des Geruchs oder der Bewegung allein erklärt werden können, sondern dass immer ein Gesetz der Farbe darin bleiben wird, wie weit die Erklärung auch getrieben werden mag. Ich will hiermit nicht sagen, dass es unmöglich wäre nachzuweisen, dass irgend ein anderes Phänomen, eine mechanische oder chemische Wirkung z.B., einer jeden Farbenerscheinung beständig[4] vorhergeht und sie verursacht. Aber obgleich dies, wenn es bewiesen wäre, eine wichtige Erweiterung unserer Kenntniss der Natur sein würde, so würde doch dadurch nicht erklärt, warum eine Bewegung oder eine chemische Thätigkeit eine Empfindung von Farbe hervorbringen kann; wie emsig wir auch die Erscheinung verfolgen, wieviel verborgene Glieder wir in der, in eine Farbenerscheinung auslaufenden Kette von Ursachen entdecken mögen: das letzte Glied würde immer ein Gesetz der Farbe, nicht aber ein Gesetz der Bewegung oder irgend eines andern Phänomens sein. Diese Bemerkung ist nicht bloss auf die Farbe im Vergleich mit irgend einer andern der grossen Classen von Empfindungen, sondern sie ist auch auf jede besondere und mit anderen Farben verglichene Farbe anwendbar. Die weisse Farbe kann in keiner Weise ausschliesslich durch die Gesetze der Erzeugung der rothen Farbe erklärt werden. Bei einem jeden Versuche, sie zu erklären, müssen wir als ein Element der Erklärung das Urtheil einführen, dass irgend ein Antecedens die Empfindung von weiss hervorbringt.

Die ideale Grenze der Erklärung von Naturerscheinungen (nach welcher wir wie nach anderen idealen Grenzen fortwährend streben, ohne die Aussicht zu haben, sie jemals vollständig zu erreichen) wäre also, zu zeigen, dass eine jede unterscheidbare Art unserer Empfindungen oder anderer Zustände des Bewusstseins nur eine einzige Art Ursache hat; dass z.B. jedesmal, wenn wir eine weisse Farbe wahrnehmen, eine Bedingung oder eine Reihe von Bedingungen gegenwärtig ist, und dass deren Gegenwart in uns immer diese Empfindung erzeugt. So lange es verschiedene bekannte Erzeugungsweisen einer Naturerscheinung giebt (verschiedene Substanzen z.B., welche die Eigenschaft besitzen, weiss zu sein, ohne dass wir irgend eine andere Aehnlichkeit zwischen denselben nachzuweisen vermöchten), so lange ist es auch möglich, dass die eine dieser Erzeugungsweisen in die andere, oder dass sie alle in eine bisher nicht erkannte, allgemeinere Art der Erzeugung aufgelöst werden. Wenn aber die Erzeugungsweisen auf eine einzige zurückgeführt worden sind, so können wir in der Vereinfachung nicht weiter gehen. Es mag diese einzige vielleicht nicht die letzte Weise sein, es mag zwischen der angenommenen Ursache und der Wirkung andere noch zu entdeckende Glieder geben, wir[5] können aber dennoch das bekannte Gesetz nicht weiter zerlegen, als indem wir ein bisher unbekanntes Gesetz einführen; was die Anzahl der letzten Gesetze nicht vermindert.

In welchen Fällen hat demnach die Wissenschaft in der Erklärung der Naturerscheinungen durch Zerlegen ihrer complexen Gesetze in Gesetze von grösserer Einfachheit und Allgemeinheit die grössten Erfolge errungen? Bisher vorzüglich in den Fällen von Fortpflanzung verschiedener Phänomene durch den Raum, und vor allem in Beziehung auf die umfassendste und wichtigste aller Thatsachen dieser Art, die Thatsache der Bewegung. Dies ist nun aber gerade das, was man von den hier aufgestellten Principien erwarten konnte. Die Bewegung ist nicht allein eine der allgemeinsten Naturerscheinungen, sie ist auch (wie nach diesem Umstande zu erwarten) eine von denjenigen, welche scheinbar wenigstens in den allerverschiedensten Weisen hervorgebracht werden; das Phänomen selbst ist aber für unsere Sensationen in jeder Beziehung dasselbe, nur nicht dem Grade nach. Unterschiede der Dauer oder der Schnelligkeit sind offenbar nur Unterschiede des Grades, und Unterschiede der Richtung im Raume, die allein eine Aehnlichkeit mit einem Unterschiede in der Art hat, verschwinden gänzlich (so weit unsere Sensationen in Betracht kommen) durch eine Veränderung unserer eigenen Stellung. Dieselbe Bewegung scheint uns je nach unserer Stellung in der That in einer jeden Richtung, und Bewegungen von den verschiedensten Richtungen in nur einer einzigen Richtung stattzufinden. Auch unterscheidet sich die Bewegung in einer geraden Linie von der in einer Curve nur dadurch, dass die erstere eine Bewegung in derselben Richtung, die andere eine Bewegung ist, welche jeden Augenblick ihre Richtung ändert. Dieser Betrachtungsweise nach ist es daher keine Absurdität anzunehmen, dass alle Bewegung in einer und derselben Richtung, und von derselben Art Ursache hervorgebracht werden kann. Die grössten Arbeiten der physikalischen Wissenschaften bestanden demnach in der Zerlegung eines beobachteten Gesetzes der Erzeugung von Bewegung in Gesetze anderer bekannter Arten der Erzeugung von Bewegung, oder in der Auflösung der Gesetze verschiedener solcher Arten in eine allgemeinere Art. Eine solche Zerlegung fand Statt, als man den Fall der Körper nach der Erde, oder die Bewegungen der Planeten unter ein Gesetz der gegenseitigen Anziehung[6] aller Partikeln der Materie brachte; als man nachwies, dass die Bewegungen, deren Erzeugung man dem Magnetismus zuschrieb, durch Elektricität hervorgebracht werden; als man zeigte, dass die Bewegungen der Flüssigkeiten in einer seitlichen oder sogar in einer der Schwerkraft entgegengesetzten Richtung durch die Schwerkraft hervorgebracht werden und dergleichen mehr. Es giebt noch eine ganze Menge von unterschiedenen Ursachen der Bewegung, die noch nicht in einander übergeführt worden sind: Schwere, Wärme, Elektricität, chemische Action, Nerventhätigkeit u.s.w. Wie unwahrscheinlich es aber auch sein mag, dass sie jemals in einander übergeführt werden können, so ist der Versuch, dies zu thun, dennoch ganz berechtigt. Denn obgleich diese verschiedenen Ursachen in anderer Beziehung wesentlich verschiedene Sensationen hervorbringen und deswegen nicht in einander zerlegt werden können, so ist es dennoch ganz möglich, dass, insofern sie alle Bewegung hervorbringen, das unmittelbare Antecedens der Bewegung in allen diesen verschiedenen Fällen ein und dasselbe sei, dass die anderen Ursachen durch die vermittelnde Wirkung der Wärme z.B. oder der Elektricität oder eines andern noch zu entdeckenden gemeinsamen Mediums Bewegung hervorbringen können.

Es ist unnöthig, diese Erörterungen auf andere Fälle auszudehnen, wie z.B. auf die Fortpflanzung des Lichts, des Schalles, der Wärme, der Elektricität u.s.w. durch den Raum, oder auf eine von den anderen Naturerscheinungen, von denen wir fanden, dass sie durch Zerlegung ihrer beobachteten Gesetze in allgemeinere Gesetze zu erklären sind. Das Gesagte ist hinreichend, um den Unterschied zwichen einer chimärischen Art von Erklärung und Zerlegung von Gesetzen und derjenigen Art auseinanderzusetzen, deren Ausführung das grosse Ziel der Naturforschung ist, sowie auch die Art der Elemente der Auflösung zu zeigen, wenn letztere überhaupt stattfinden soll.

§. 3. Da es indessen unter den Principien einer wahren Methode des Philosophirens kaum eines giebt, welches nicht allseitig gegen Irrthümer zu verwahren wäre, so muss ich hier eine Verwahrung gegen ein Missverständniss von einer ganz entgegengesetzten Art wie das vorhergehende einlegen. Bei einer anderen Gelegenheit,[7] wo Hr. Comte mit einiger Härte einen jeden Versuch einer Erklärung von Naturerscheinungen die »augenscheinlich ursprünglich (primordial)« sind (indem er offenbar damit nichts Anderes meint, als dass eine jede Naturerscheinung der Art wenigstens ein besonderes und unerklärbares Gesetz haben muss), verdammt, spricht er von dem Versuche, die einer jeden Substanz zugehörige Farbe »la couleur élémentaire propre à chaque substance« zu erklären, als von einem wesentlich illusorischen. »Niemand«, sagt er, »versucht in unseren Tagen das besondere specifische Gewicht einer jeden Substanz oder einer jeden Structur zu erklären. Warum sollte es in Beziehung auf die specifische Farbe, wovon die Idee unzweifelhaft ebenso ursprünglich ist, anders sein?«117

Obgleich nun, wie Herr Comte anderswo bemerkt, eine Farbe etwas von einem Gewicht oder einem Tone Verschiedenes bleiben muss, so können nichtsdestoweniger Varietäten von Farben gegebenen Varietäten von Gewichten, Tönen oder anderen Phänomenen, die von der Farbe ebenso verschieden sind wie diese, folgen oder ihnen entsprechen. Es ist eine Frage, was ein Ding ist, und eine andere Frage, wovon es abhängt; und obgleich die Bedingungen einer elementaren Naturerscheinung erforschen nicht eine neue Einsicht in die Natur des Phänomens selbst erlangen heisst, so liegt hierin doch kein Grund, die Erforschung dieser Bedingungen gar nicht zu versuchen. Das Interdict gegen das Bestreben, die Unterschiede der Farben auf ein gemeinsames Princip zurückzuführen, würde in gleicher Weise gegen ein ähnliches Streben in Beziehung auf die Unterscheidungen der Töne gerichtet sein, man hat aber nichtsdestoweniger von diesen gefunden, dass eine unterscheidbare Anzahl von Vibrationen elastischer Körper ihnen unmittelbar vorhergeht und sie verursacht; obgleich ein Ton ohne Zweifel so gut wie eine Farbe von irgend einer schwingenden oder andern Bewegung materieller Theilchen verschieden ist. In Beziehung auf die Farben könnten wir noch hinzufügen, dass positive Anzeigen vorhanden sind, wonach sie nicht letzte Eigenschaften von den verschiedenen Arten von Substanzen, sondern wonach sie von Bedingungen abhängig sind,[8] welche man auf alle Substanzen übertragen kann, indem es keine Substanz giebt, der wir nicht je nach der Beleuchtung eine jede Farbe geben könnten, da fast eine jede Veränderung in der Art der Zusammenfügung der Partikeln derselben Substanz von einer Veränderung ihrer Farben und ihrer optischen Eigenschaften im Allgemeinen begleitet ist.

Der wirkliche Mangel in dem Versuche, die Farben durch die Schwingungen eines Fluidums zu erklären, besteht nicht darin, dass der Versuch selbst unphilosophisch ist, sondern dass die Existenz des Fluidums und die Thatsache einer schwingenden Bewegung nicht bewiesen, sondern auf keinen andern Grund hin als die Leichtigkeit, womit sie, wie man glaubt, die Erscheinungen erklären, angenommen worden sind. Diese Betrachtungen führen uns auf die wichtige Frage von dem richtigen Gebrauche wissenschaftlicher Hypothesen, eines Gegenstandes, dessen Zusammenhang mit der Erklärung der Naturgesetze und den nothwendigen Grenzen dieser Erklärungen nicht weiter gezeigt zu werden braucht.

§. 4. Eine Hypothese ist eine Voraussetzung, welche wir machen (entweder ohne einen wirklichen, oder bei einem anerkannt unzureichenden Beweise), um Schlüsse daraus abzuleiten, die mit Thatsachen in Uebereinstimmung sind, welche wir als real erkannt haben. Wir sind dabei von dem Gedanken geleitet, dass, wenn die Schlüsse, zu denen die Hypothese führt, bekannte Wahrheiten sind, die Hypothese selbst wahr sein muss, oder wenigstens sehr wahrscheinlich wahr sein wird. Wenn die Hypothese sich auf die Ursache oder Erzeugungsweise des Phänomens bezieht, so kann sie, wenn sie zulässig befunden worden ist, dazu dienen, um die von ihr ableitbaren Thatsachen zu erklären. Und diese Erklärung ist der Zweck vieler, wenn nicht der meisten Hypothesen; da in dem wissenschaftlichen Sinne Erklären nichts Anderes heisst, als eine Gleichförmigkeit, die nicht ein Causalgesetz ist, oder complexe Causalgesetze in einfachere, allgemeinere Gesetze, aus denen sie deductiv gefolgert werden können, zerlegen. Wenn keine bekannten Gesetze existiren, welche diesem Bedürfniss entsprechen, so fingiren oder erfinden wir Gesetze, die es thun, und dies heisst eine Hypothese aufstellen.

Da eine Hypothese eine blosse Voraussetzung ist, so giebt es[9] für Hypothesen keine anderen Grenzen, als die Gesetze der menschlichen Einbildungskraft, und wir können behufs der Erklärung einer Wirkung eine Ursache von einer völlig unbekannten Art, und nach einem ganz erdichteten Gesetze wirkend ersinnen. Aber da solche Hypothesen nicht so plausibel sein würden, wie diejenigen, welche sich durch Analogie an bekannte Naturgesetze anschliessen, und da sie überdies dem Bedürfniss nicht abhelfen würden, wofür die willkürlichen Hypothesen gewöhnlich erfunden werden, indem sie nämlich die Einbildungskraft fähig machen sollen, sich ein dunkles Phänomen in einem gewohnten Lichte vorzustellen: so giebt es in der Geschichte der Wissenschaft wahrscheinlich keine Hypothese, worin zugleicherzeit das Agens selbst und das Gesetz seiner Thätigkeit erdichtet waren. Entweder besteht das Phänomen, welches man als die Ursache ansieht, wirklich, aber das Gesetz, wonach es wirkt, ist ein bloss angenommenes, oder die Ursache ist erdichtet, aber es ist vorausgesetzt, dass sie ihre Wirkungen nach Gesetzen hervorbringt, die den Gesetzen irgend einer bekannten Classe von Erscheinungen ähnlich sind. Ein Beispiel dieser Art bieten die verschiedenen Voraussetzungen in Beziehung auf das Gesetz der Centralkraft der Planeten, die der Entdeckung des wahren Gesetzes, wonach diese Kraft im umgekehrten Verhältniss des Quadrates der Entfernung sich ändert, vorausgingen. Das Gesetz wurde von Newton zuerst als eine Hypothese aufgestellt und dadurch bestätigt, dass es deductiv zu Kepler's Gesetzen führte. Hypothesen der zweiten Art waren die Wirbel Descartes', die zwar nur erdichtet waren, von denen man aber annahm, dass sie den bekannten Gesetzen einer rotirenden Bewegung gehorchten; oder die beiden rivalisirenden Hypothesen über die Natur des Lichtes, wovon die eine das Phänomen einem aus allen leuchtenden Körpern ausstrahlenden Fluidum, die andere (jetzt fast allgemein angenommene) den schwingenden Bewegungen eines das ganze Weltall durchdringenden Aethers zuschreibt. Bis auf die Erklärung, welche einige von diesen Erscheinungen dadurch erhalten, ist die Existenz keiner dieser Fluida bewiesen; man nimmt aber an, dass sie ihre Wirkungen nach bekannten Gesetzen hervorbringen, nämlich in dem ersten Falle nach den gewöhnlichen Gesetzen einer fortwährenden Ortsveränderung, in dem andern[10] nach Gesetzen der Fortpflanzung einer schwingenden Bewegung in den Theilchen eines elastischen Fluidums.

Nach den vorhergehenden Bemerkungen werden Hypothesen ersonnen, um die deductive Methode früher auf die Naturerscheinungen anwenden zu können. Um jedoch die Ursache einer Naturerscheinung durch diese Methode entdecken zu können, muss das Verfahren aus drei Theilen bestehen, aus der Induction, dem Syllogismus und der Bestätigung. Aus der Induction (deren Stelle jedoch von einer früheren Deduction vertreten werden kann), um die Gesetze der Ursachen zu erforschen; aus dem Syllogismus, um aus diesen Gesetzen zu berechnen, wie die Ursachen in der besonderen Combination, von der man in dem jedesmaligen Falle weiss, dass sie existirt, wirken werden; aus der Bestätigung, indem man die berechnete Wirkung mit dem wirklichen Phänomen vergleicht. Keiner dieser drei Theile des Verfahrens ist entbehrlich. In der Deduction, welche die Identität der Schwere mit der Centralkraft des Sonnensystems beweist, finden sich alle drei vor. Aus der Bewegung des Mondes wird zuerst bewiesen, dass ihn die Erde mit einer Kraft an zieht, die in dem umgekehrten Verhältniss zum Quadrat der Entfernung variirt. Dieses entspricht (obgleich von früheren Deductionen abhängig) dem ersten oder rein inductiven Theil, der Bestimmung des Gesetzes der Ursachen. Aus diesem Gesetz und aus der früher gewonnenen Kenntniss der mittleren Entfernung des Mondes von der Erde und der Grösse seiner Abweichung von der Tangente wird bestimmt, mit welcher Schnelligkeit ihn die Anziehung der Erde veranlassen würde zu fallen, wenn er nicht weiter entfernt wäre und keine anderen Kräfte mehr auf ihn wirkten, als dies bei den irdischen Körpern der Fall ist; dies ist die zweite Stufe, die Folgerung. Wird endlich diese berechnete Schnelligkeit mit der beobachteten Schnelligkeit, womit alle schweren Körper durch die blosse Schwere nach der Erdoberfläche fallen (nämlich sechszehn englische Fuss in der ersten Secunde, achtundvierzig in der zweiten u.s.f. in dem Verhältniss der ungeraden Zahlen 1, 3, 5 etc.), verglichen, so findet man, dass die zwei Grössen übereinstimmen. Die Ordnung, in welcher ich die Stufen des Verfahrens aufgezählt habe, war nicht genau die ihrer Entdeckung, es ist aber genau ihre logische Ordnung, indem sie Theile des Beweises sind, dass dieselbe Anziehung der[11] Erde, welche die Bewegung des Mondes hervorbringt, auch den Fall schwerer Körper zur Erde verursacht, eines Beweises der so in allen Theilen vollständig ist.

Die erste dieser drei Stufen, die Induction nämlich für die Ermittelung des Gesetzes, übergeht nun die hypothetische Methode und begnügt sich mit den zwei anderen Operationen, mit der Folgerung und der Bestätigung, indem das Gesetz, aus dem gefolgert wird, vorausgesetzt anstatt bewiesen wird.

Dieses Verfahren kann unter einer Voraussetzung ganz legitim sein, unter der Voraussetzung nämlich, die Natur des Falles sei der Art, dass die letzte Stufe (die Bestätigung) die Bedingungen einer vollständigen Induction erfüllt. Wir wollen uns überzeugen, ob das Gesetz, das wir hypothetisch annahmen, wahr sei, und wir erhalten diese Ueberzeugung dadurch, dass es deductiv zu wahren Resultaten führt, nur muss der Fall der Art sein, dass ein falsches Gesetz nicht zu einem wahren Resultat führen kann, auch muss die Bedingung erfüllt sein, dass kein anderes Gesetz als das eine angenommene deductiv zu denselben Schlüssen führen kann. Diese Bedingung wird sehr oft erfüllt. In dem soeben angeführten Beispiel von einer sehr vollständigen Deduction wurde die ursprüngliche obere Prämisse des Schlusses, das Gesetz der anziehenden Kraft, in dieser Weise, nämlich durch den richtigen Gebrauch der hypothetischen Methode, bestimmt. Newton begann mit der Annahme, die Kraft, welche in einem jeden Augenblicke einen Planeten von seiner geradlinigten Bahn ablenkt und ihn eine Curve um die Sonne beschreiben lässt, sei eine Kraft, die in gerader Richtung nach der Sonne wirkt. Hierauf bewies er, dass in einem solchen Falle der Planet in gleichen Zeiten gleiche Flächen beschreiben würde, wie dies in Wahrheit aus Kepler's erstem Gesetze bekannt ist; zuletzt bewies er, dass wenn die Kraft in irgend einer anderen Richtung wirkte, der Planet in gleichen Zeiten nicht gleiche Flächen beschreiben würde. Durch den Nachweis, dass keine andere Hypothese mit den Thatsachen übereinstimmt, wurde die Voraussetzung bewiesen, die Hypothese wurde zu einer inductiven Wahrheit. Durch dieses hypothetische Verfahren bestimmte Newton nicht allein die Richtung der ablenkenden Kraft, sondern er bestimmte auch genau in derselben Weise das Gesetz der Veränderung der Grösse dieser Kraft. Er[12] nahm an, dass die Kraft im umgekehrten Verhältniss zum Quadrat der Entfernung sich änderte, zeigte, dass aus dieser Annahme die zwei übrigen Gesetze Kepler's abgeleitet werden können, und wies zuletzt nach, dass ein jedes andere Gesetz der Veränderung zu Resultaten führen würde, welche mit diesen Gesetzen, und daher mit den wahren Bewegungen der Planeten, wovon bekanntlich Kepler's Gesetze der wahre Ausdruck sind, nicht übereinstimmen.

Ich habe gesagt, in diesem Falle erfülle die Bestätigung die Bedingungen einer Induction; aber welcher Art von Induction? Wir finden, dass sie den Regeln der Differenzmethode angepasst ist, indem sie die zwei Fälle A B C, a b c und B C, b c darbietet. A repräsentirt die Centralkraft, A B C die Planeten plus einer Centralkraft, B C die Planeten ohne Centralkraft. Die Planeten mit einer Centralkraft geben a (Flächenräume, die den Zeiten proportional sind); die Planeten ohne eine Centralkraft geben b c (eine Reihe von Bewegungen) ohne a, oder mit etwas anderem als a. Dies ist die Differenzmethode in ihrer ganzen Strenge. Es ist wahr, die zwei Fälle, welche die Methode verlangt, werden diesmal nicht durch das Experiment, sondern durch vorausgängige Deduction erhalten, aber dies thut nichts zur Sache. Es ist gleichgültig, welches die Natur des Beweises sei, aus dem wir die Gewissheit schöpfen, dass A B C, a b c und B C nur b c hervorbringen wird; es ist genug, dass wir diese Gewissheit haben. In dem vorliegenden Fall kam Newton durch Schliessen gerade zu den zwei Fällen, welche er durch das Experiment gesucht haben würde, wenn die Natur des Falles es zugelassen hätte.

Auf diese Weise ist es vollkommen möglich und geschieht in der That ganz gewöhnlich, dass, was im Anfang einer Untersuchung eine Hypothese war, beim Schluss derselben zu einem bewiesenen Naturgesetz wird. Es kann dies jedoch nur dann stattfinden, wenn wir die beiden von der Differenzmethode verlangten Fälle entweder durch Deduction oder durch das Experiment zu erhalten im Stande sind. Dass wir aus der Hypothese die bekannten Thatsachen abzuleiten im Stande sind, giebt nur den bejahenden Fall A B C, a b c, wir müssen aber auch wie Newton den negativen Fall B C, b c erhalten können, indem wir zeigen, dass[13] ausser dem in der Hypothese angenommenen kein anderes Antecedens in Verbindung mit B C, a hervorbringen würde.

Es scheint mir nun, dass diese Gewissheit nicht zu erhalten ist, wenn die in der Hypothese angenommene Ursache eine unbekannte, bloss für die Erklärung von a ersonnene Ursache ist. Wenn wir bloss das genaue Gesetz einer bereits festgestellten Ursache zu bestimmen, oder wenn wir nur das besondere Agens zu unterscheiden suchen, welches unter mehreren Agentien derselben Art, von denen eins oder das andere schon bekannt ist, in Wirklichkeit die Ursache vorstellt, so können wir alsdann den negativen Fall erhalten. Die Untersuchung, welcher von den Körpern des Sonnensystems durch seine Anziehung irgend eine besondere Unregelmässigkeit in der Bahn oder der periodischen Zeit eines Satelliten oder eines Kometen verursacht, würde ein Fall der zweiten Art sein, Newton's Fall war ein Fall der ersten Art.

Wenn es nicht bereits bekannt gewesen wäre, dass die Planeten verhindert sind, sich in einer geraden Linie zu bewegen, und zwar durch eine Kraft, die nach der Innenseite ihrer Bahnen wirkt, obgleich ihre genaue Richtung zweifelhaft war, oder wenn es nicht bekannt gewesen wäre, dass die Kraft in irgend einem Verhältnis zunimmt, wenn die Entfernung abnimmt, oder dass sie abnimmt, wenn die letztere zunimmt: so würde Newton's Argument ohne Beweiskraft gewesen sein. Da indessen diese Thatsachen bereits gewiss waren, so war die Reihe der zulässigen Annahmen auf die verschiedenen möglichen Richtungen einer Linie, und die verschiedenen möglichen numerischen Verhältnisse zwischen den Veränderungen der Entfernung und den Veränderungen der anziehenden Kraft beschränkt; es war nun leicht, in Beziehung hierauf nachzuweisen, dass verschiedene Voraussetzungen nicht zu identischen Resultaten führen konnten.

Es hätte demnach Newton seine zweite grosse philosophische Operation, wodurch er die irdische Schwere mit der Centralkraft des Sonnensystems identificirte, nach derselben hypothetischen Methode nicht ausführen können. Wenn das Gesetz der Anziehung des Mondes aus von dem Monde selbst gelieferten Datis bewiesen worden wäre, und er es mit den Erscheinungen der irdischen Schwere übereinstimmend gefunden hätte, so wäre er berechtigt gewesen, es ebenfalls als das Gesetz dieser Erscheinungen an zunehmen;[14] aber es wäre ihm, ohne im Besitz dieser Data vom Monde selbst zu sein, nicht erlaubt gewesen anzunehmen, dass der Mond gegen die Erde hin mit einer Kraft angezogen wird, die im umgekehrten Verhältniss zum Quadrat der Entfernung steht, bloss weil dieses Verhältniss ihn in Stand gesetzt hätte, die terrestrische Schwere zu erklären: denn es wäre ihm unmöglich gewesen zu beweisen, dass das beobachtete Gesetz des Falles der schweren Körper zur Erde aus keiner andern Kraft als einer sich bis auf den Mond erstreckenden, und im umgekehrten Verhältniss zum Quadrat der Entfernung stehenden hervorgehen könnte.

Es scheint demnach eine Bedingung einer wahrhaft wissenschaftlichen Hypothese zu sein, dass sie nicht dazu bestimmt sei immer eine Hypothese zu bleiben, sondern dass sie der Art sei, dass sie durch die Verification genannte Vergleichung mit bekannten Thatsachen entweder bewiesen oder widerlegt werde. Diese Bedingung ist erfüllt, wenn es bereits bekannt ist, dass die Wirkung in der That von der vorausgesetzten Ursache abhängig ist, und die Hypothese sich nur auf den genauen Abhängigkeitsmodus, auf das Gesetz der Veränderung der von den Veränderungen in der Quantität oder in den Verhältnissen der Ursache abhängigen Wirkung bezieht. Hierher kann man auch diejenigen Hypothesen rechnen, welche nicht in Beziehung auf eine Causalität eine Voraussetzung machen, sondern nur in Beziehung auf das Gesetz des Zusammenhangs von Thatsachen, die sich in ihren Veränderungen einander begleiten, obgleich vielleicht gar kein Verhältniss von Ursache und Wirkung zwischen ihnen existirt. Von dieser Art sind die verschiedenen falschen Hypothesen, welche Kepler in Beziehung auf die Brechung des Lichtes aufstellte. Es war bekannt, dass die Richtung der Brechungslinie (des gebrochenen Strahls) sich mit einer jeden Aenderung der Einfallslinie verändert, man wusste aber nicht, wie, d.h. man wusste nicht, welche Veränderungen der einen Linie den verschiedenen Veränderungen der anderen entsprachen. In diesem Falle musste ein jedes andere und von dem wahren abweichende Gesetz zu falschen Resultaten führen. Endlich müssen wir noch dazu rechnen alle hypothetische Arten, die Naturerscheinungen bloss zu beschreiben, wie die Hypothesen der alten Astronomen, dass die Himmelskörper sich in Kreisen bewegen, die verschiedenen Hypothesen von excentrischen und deferirenden Kreisen,[15] Epicykel, welche dieser ersten Hypothese hinzugefügt wurden, die neunzehn falschen Hypothesen, welche Kepler in Beziehung auf die Planetenbahnen aufstellte und wieder aufgab, und sogar die wahre Lehre, bei welcher er zuletzt stehen blieb, dass diese Bahnen Ellipsen seien, und welche, so lange sie nicht durch Thatsachen bestätigt, eine Hypothese war, wie die anderen.

In allen diesen Fällen ist Bestätigung Beweis; wenn die Voraussetzung mit den Thatsachen übereinstimmt, so bedarf es keines anderen Beweises. Damit dies aber der Fall sei, halte ich es für nöthig, dass, wenn die Hypothese sich auf eine Verursachung bezieht, die angenommene Ursache nicht allein eine wirkliche Naturerscheinung, etwas in der Natur wirklich Existirendes, sondern dass auch bereits bekannt sei, dass sie einen Einfluss auf die vorausgesetzte Wirkung hat oder wenigstens haben kann, indem der genaue Grad und die Art des Einflusses der einzige unbekannte Punkt ist. In einem jeden anderen Falle ist es kein Beweis von der Wahrheit der Hypothese, dass wir im Stande sind, das wirkliche Phänomen daraus abzuleiten.

Ist es denn einer wissenschaftlichen Hypothese niemals erlaubt, eine Ursache anzunehmen, und darf sie nur einer bekannten Ursache ein angenommenes Gesetz zuschreiben? Ich habe dies nicht behauptet; ich sage nur, dass in dem letzten Falle allein die Hypothese bloss desshalb als wahr angenommen werden kann, weil sie die Thatsachen erklärt, in dem ersteren Falle ist sie nur dadurch nützlich, dass sie eine Richtungslinie für die Untersuchung abgiebt, die möglicherweise zu einem wirklichen Beweise führen kann. Zu diesem Ende ist es unerlässlich, wie Herr Comte richtig bemerkt, dass die in der Hypothese angegebene Ursache ihrer eigenen Natur nach fähig sei, durch einen andern Beweis bewiesen zu werden. Es scheint die philosophische Bedeutung der Maxime Newton's (derer von den späteren Schriftstellern so oft lobend gedacht wird) gewesen zu sein, dass die einer Naturerscheinung zugeschriebene Ursache nicht allein der Art sein muss, dass ihre Annahme die Naturerscheinung erklären würde, sondern auch dass sie eine vera causa sein muss. Was er unter einer vera causa verstand, hat Newton nicht deutlich erklärt, und Herr Whewell, der die Zulässigkeit einer solchen Beschränkung der Freiheit in der Aufstellung von Hypothesen nicht zugiebt, hat wenig[16] Schwierigkeit gefunden zu zeigen,118 dass seine Vorstellung von derselben weder genau noch consequent war; seine Theorie des Lichts war ein glänzendes Beispiel von Verletzung seiner eigenen Regel. Herr Whewell hat ganz Recht zu läugnen, dass die angenommene Ursache eine bereits bekannte Ursache sein müsse; wie könnten wir sonst je mit einer neuen Ursache bekannt werden? Was aber in der Maxime Wahres liegt, ist, dass die Ursache, obgleich sie vorher nicht bekannt ist, doch fähig sein muss später bekannt zu werden; dass ihre Existenz fähig sein muss entdeckt zu werden, und dass ihr Zusammenhang mit der ihr zugeschriebenen Wirkung durch einen unabhängigen Beweis muss bewiesen werden können. Indem uns die Hypothese auf Beobachtungen und Experimente führt, führt sie uns auf den Weg zu diesem unabhängigen Beweise, wenn er wirklich gewonnen werden kann, und so lange er nicht gewonnen ist, darf man die Hypothese für nichts Anderes halten als für eine Vermuthung.

§. 5. Die Function der Hypothesen in der Wissenschaft ist aber der Art, dass wir dieselben durchaus nicht entbehren können. Als Newton sagte »Hypotheses non fingo«, so meinte er damit nicht, dass er sich jener Erleichterung der Untersuchung berauben wolle, die darin liegt, dass man zuerst voraussetzt, was man hofft zuletzt beweisen zu können. Ohne solche Voraussetzungen würde die Wissenschaft ihren jetzigen Stand nicht erreicht haben; sie sind nothwendige Stufen bei dem Suchen nach etwas Gewisserem, und beinahe alles, was jetzt Theorie ist, war einst Hypothese. Sogar in den rein experimentellen Wissenschaften muss irgend ein Beweggrund vorhanden sein, um das eine Experiment eher als das andere anzustellen, und obgleich es in abstracto möglich ist, dass alle Experimente, welche angestellt worden sind, durch das blosse Verlangen hervorgerufen wurden, zu ermitteln, was unter gewissen Umständen geschehen würde, ohne dass man eine vorhergehende Vermuthung über das Resultat hatte: so würden doch in Wahrheit jene wenig von selbst einleuchtenden, delicaten, oft beschwerlichen und lästigen Versuche, welche so viel Licht auf die allgemeine Einrichtung der Natur geworfen haben, schwerlich angestellt[17] worden sein, wenn es nicht geschienen hätte, es hänge von ihnen ab, ob irgend eine allgemeine Lehre oder Theorie, die aufgestellt, aber noch nicht bewiesen war, zulässig sei oder nicht. Wenn dies sogar von der bloss experimentellen Forschung wahr ist, so konnte die Ueberführung experimenteller Wahrheiten in deductive noch viel weniger ohne eine bedeutende vorübergehende Hülfe von Hypothesen ausgeführt werden. Das Verfahren, durch welches in eine verwickelte und auf den ersten Anblick confuse Reihe von Erscheinungen Regelmässigkeit gebracht wird, ist nothwendig ein probirendes; wir beginnen damit, eine Voraussetzung, wenn auch eine falsche, zu machen, um zu sehen, welche Folgen daraus entstehen würden, und indem wir beobachten, worin diese Folgen von den wirklichen Erscheinungen abweichen, lernen wir, welche Correctionen wir mit unserer Annahme vornehmen müssen. Die einfachste, mit den augenfälligeren Thatsachen übereinstimmende Annahme ist für den Anfang die beste, weil ihre Folgen am leichtesten anzugeben sind. Diese rohe Hypothese wird sodann roh corrigirt und das Verfahren wiederholt; die Vergleichung der von der corrigirten Hypothese ableitbaren Folgen mit den beobachteten Thatsachen führt auf eine neue Correction und so fort, bis die deductiven Resultate zuletzt mit den Erscheinungen übereinstimmen. »Irgend eine Thatsache ist uns noch nicht verständlich, oder irgend ein Gesetz ist uns unbekannt; wir stellen eine Hypothese auf, die so viel wie möglich mit dem Ganzen der Data, in deren Besitz wir bereits sind, übereinstimmt, und indem die Wissenschaft auf diese Weise in den Stand gesetzt wird frei vorwärts zu schreiten, führt sie zuletzt immer zu neuen Consequenzen, die der Beobachtung fähig sind, und die auf eine unzweideutige Weise die erste Voraussetzung entweder bestätigen oder widerlegen.« Weder Induction noch Deduction würde uns in den Stand setzen, die einfachsten Naturerscheinungen zu verstehen, »wenn wir nicht oft anfingen, den Resultaten vorzugreifen, indem wir eine vorläufige Voraussetzung, die zuerst wesentlich eine Vermuthung ist, in Beziehung gerade auf einige von den Ideen machen, welche den letzten Gegenstand der Untersuchung ausmachen«.119 Es bewache Einer die Weise, in welcher er eine verwickelte Masse[18] von Aussagen selbst zu entwirren sucht; er beobachte z.B., wie er die wahre Geschichte eines Vorfalls aus den verworrenen Angaben eines oder vieler Zeugen herausbringt, so wird er bemerken, dass er nicht alle Punkte der Aussagen auf einmal in seinem Geiste auffasst und sie zu verbinden sucht; die menschlichen Fähigkeiten sind einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; er extemporirt aus einigen wenigen Theilen eine erste rohe Theorie der Art und Weise, in der die Thatsachen stattfanden, und betrachtet dann die anderen Angaben einzeln, um zu versuchen, ob sie mit dieser vorläufigen Theorie übereinstimmen, oder welche Correctionen oder Zusätze erforderlich sind, um sie damit übereinstimmend zu machen. Auf diesem Wege, der ganz richtig mit der Näherungsmethode der Mathematiker verglichen worden ist, gelangen wir vermittelst Hypothesen zu Schlüssen, welche nicht hypothetisch sind.120

[19] §. 6. Es ist mit dem Geiste der Methode vollkommen verträglich, in dieser vorläufigen Weise nicht allein eine Hypothese in Beziehung auf das Gesetz von dem, was uns bereits als die Ursache bekannt ist, sondern auch eine Hypothese in Beziehung auf die Ursache selbst aufzustellen. Es ist erlaubt, nützlich und oft sogar nothwendig, dass wir damit beginnen, uns zu fragen, welche Ursache die Wirkung hervorgebracht haben möge, damit wir wissen, in welcher Richtung wir den Beweis zu suchen haben, ob sie es wirklich that. Die Wirbel des Descartes wären eine vollkommen zulässige Hypothese gewesen, wenn es möglich gewesen wäre, durch irgend eine Untersuchungsweise, wie wir sie jemals zu besitzen hoffen können, die Frage, ob es solche Wirbel giebt oder[20] nicht, in den Bereich unserer Beobachtung zu bringen. Die Hypothese war nur deshalb fehlerhaft, weil sie nicht zu einer Untersuchung führen konnte, welche die Hypothese in eine bewiesene Thatsache hätte verwandeln können. Sie konnte vielleicht widerlegt werden, sei es dadurch, dass sie nicht mit den Erscheinungen, welche sie erklären sollte, in Einklang zu bringen war, oder (wie es wirklich geschah) durch irgend eine fremde Thatsache. »Der freie Durchgang der Kometen durch die Räume, in denen sich diese Wirbel befinden sollten, überzeugte die Menschen, dass diese Wirbel nicht existirten«.121 Aber die Hypothese wäre falsch gewesen, wenn auch kein solcher directer Beweis ihres Falschseins zu geben gewesen wäre. Der directe Beweis ihrer Wahrheit war nicht zu haben.

Die herrschende Hypothese eines Lichtäthers, in anderen Beziehungen nicht ohne Analogie mit der Hypothese von Descartes, ist ihrer Natur nach nicht der Möglichkeit eines directen Beweises beraubt. Es ist bekannt, dass der Unterschied zwischen berechneter und beobachteter Zeit der Wiederkehr des Enke 'schen Kometen zu der Vermuthung geführt hat, dass ein der Bewegung Widerstand entgegensetzendes Medium durch den Weltraum verbreitet ist. Wenn sich im Verlauf der Jahrhunderte eine ähnliche Differenz in Betreff der anderen Körper des Sonnensystems allmälig anhäufen und die Vermuthung bestätigen würde, so wäre der Lichtäther dadurch einer vera causa bedeutend näher gekommen, da die Existenz eines cosmischen Agens, das einige der in der Hypothese angenommenen Attribute bezitzt, nachgewiesen wäre, wenn auch noch viele Schwierigkeiten übrig bleiben, und die Identificirung des Lichtäthers mit dem widerstehenden Medium, wie ich glaube, zu neuen Schwierigkeiten Anlass geben würde. Vor der Hand kann aber jene Voraussetzung nur als eine Vermuthung betrachtet werden; die Existenz desselben beruht immer nur auf der Möglichkeit, aus den angenommenen Gesetzen desselben eine beträchtliche Anzahl von Lichterscheinungen ableiten zu können, und diesen Beweis kann ich nicht für bündig ansehen, indem wir bei einer solchen Hypothese nicht die Gewissheit haben können, dass, wenn die Hypothese falsch wäre, sie zu Resultaten führen müsste, die mit den wahren Thatsachen nicht im Einklang stehen.[21]

Die meisten Denker, welche einen gewissen Grad von Nüchternheit besitzen, geben zu, dass eine derartige Hypothese nicht als wahr anzunehmen ist, weil sie alle bekannten Erscheinungen erklärt, da dies eine Bedingung ist, die oft von zwei einander widerstreitenden Hypothesen erfüllt wird, und da, wenn wir uns die Freiheit nehmen, sowohl die Ursachen selbst als auch ihre Gesetze zu erfinden, ein Mensch von einer fruchtbaren Phantasie hundert Arten, irgend eine gegebene Thatsache zu erklären, ersinnen kann, während es wahrscheinlich noch tausend andere gleich mögliche giebt, die aber unser Geist ans Mangel an etwas Analogem in seiner Erfahrung unfähig zu fassen ist. Man scheint jedoch der Ansicht zu sein, dass eine Hypothese von der Art wie die in Rede stehende zu einer günstigeren Aufnahme berechtigt ist, wenn sie ausser der Erklärung, die sie von vorher bekannten Thatsachen giebt, zu einer Anticipation und Voraussagung von anderen Thatsachen führt, welche die Erfahrung nachher bestätigt; so wie die Undulationstheorie des Lichtes zu der durch den Versuch bestätigten Voraussagung führte, dass zwei Lichtstrahlen sich in einer Weise begegnen können, dass sie Dunkelheit erzeugen. Solche Voraussagungen und ihre Erfüllung sind in der That wohlberechnet, um den Unwissenden zu überraschen, dessen Glaube an die Wissenschaft nur auf einem ähnlichen Zusammentreffen von seinen Prophezeiungen mit den kommenden Dingen beruht. Es wäre jedoch befremdend, wenn einer solchen Uebereinstimmung von wissenschaftlichen Denkern irgend ein besonderes Gewicht beigelegt werden sollte. Wenn die Gesetze von der Fortpflanzung des Lichtes mit denjenigen der Schwingungen elastischer Flüssigkeiten in so vielen Beziehungen übereinstimmen als nothwendig ist, um die Hypothese zu einer plausiblen Erklärung aller oder der meisten jeweil bekannten Naturerscheinungen zu machen, so liegt darin, dass sie nun auch noch in einer Beziehung mehr übereinstimmen, nichts Ueberraschendes. Wenn auch zwanzig solcher Uebereinstimmungen stattfänden, so würden sie die Wahrheit der Undulationen eines Aethers nicht beweisen; es würde daraus nicht folgen, dass die Lichterscheinungen Resultate der Gesetze elastischer Flüssigkeiten sind, sondern höchstens, dass sie durch Gesetze regiert werden, die jenen in einem gewissen Grade analog sind, was, wie wir bemerken können, aus der Thatsache hervorgeht, dass die[22] Hypothese für einen Augenblick haltbar sein konnte.122 Bei all unserer unvollkommenen Bekanntschaft mit der Natur können wir Fälle anführen, wo Agentien, die wir gute Gründe haben für radical verschieden zu halten, ganz oder theilweise nach identischen Gesetzen wirken. Das umgekehrte Quadrat der Entfernung ist das Maass der Intensität der Schwerkraft, des Lichts und der von einem Mittelpunkt ausstrahlenden Wärme. Niemand hält aber diese Identität für einen Beweis von der Aehnlichkeit in dem Mechanismus, durch welchen die drei Arten von Bewegung erzeugt werden.

Nach Herrn Whewell ist die Uebereinstimmung zwischen den von der Hypothese vorausgesagten Resultaten mit den später beobachteten Thatsachen ein bündiger Beweis von der Wahrheit der Theorie. »Wenn ich eine lange Reihe von Briefen copire, wovon das letzte Halbdutzend versiegelt ist, und wenn ich errathe, was letztere enthalten, wie sich dies beim Entsiegeln derselben ergiebt, so muss die Ursache gewesen sein, dass ich die Bedeutung der Aufschrift erkannt habe. Zu sagen, in meinem Errathen der nicht gesehenen Briefe liege nichts Befremdendes, weil ich alle diejenigen copirt habe, welche ich gesehen habe, wäre, ohne einen solchen Grund für das Errathen anzunehmen, absurd«.123 Wenn jemand nach der Prüfung des grösseren Theils einer langen Inschrift die Charaktere derselben so auslegen kann, dass die Inschrift in einer bekannten Sprache ausgedrückt einen vernünftigen Sinn erhält, so entsteht eine starke Vermuthung für die Richtigkeit der Auslegung; ich glaube aber nicht, dass die Vermuthung viel zunimmt, weil einige übrige Briefe errathen werden konnten, ohne sie zu sehen, denn wir würden naturgemäss erwarten (wenn die Natur[23] des Falls den Zufall ausschliesst), dass sogar eine irrige Auslegung, die mit allen sichtbaren Theilen der Inschrift übereinstimmt, auch mit dem kleinen Rest übereinstimmen würde; wie dies z.B. der Fall sein würde, wenn die Inschrift absichtlich so abgefasst worden wäre, dass sie einen doppelten Sinn zulässt. Ich nehme an, die Uebereinstimmung der unverdeckten Charaktere sei zu gross, um bloss zufällig zu sein, sonst ist die Erläuterung nicht in der Ordnung. Kein Mensch nimmt an, die Uebereinstimmung der Lichterscheinungen mit der Undulationstheorie sei bloss zufällig. Sie muss der wirklichen Identität einiger der Gesetze der Undulationen mit einigen Gesetzen des Lichts entspringen; und wenn diese Identität vorhanden ist, so ist es vernünftig anzunehmen, dass ihre Folgen nicht mit den Erscheinungen zu Ende gehen werden, welche zuerst zur Identificirung Anlass geben, und dass sich dieselben auch nicht auf diejenigen Erscheinungen beschränken werden, welche gerade zu der Zeit bekannt waren. Es folgt aber nicht, dass weil einige von diesen Gesetzen mit den Gesetzen der Undulationen übereinstimmen, auch Undulationen wirklich vorhanden sind, so wenig es folgte, dass weil einige (obgleich nicht so viele) dieser Gesetze mit denen der Ausstrahlung von Partikeln übereinstimmten, auch eine wirkliche Emission von Partikeln Statt fand. Auch die undulatorische Hypothese erklärt nicht alle Lichterscheinungen. Die natürliche Farbe der Gegenstände, die zusammengesetzte Natur der Lichtstrahlen, die Absorption des Lichts, seine chemischen und vitalen Wirkungen lässt die Hypothese so geheimnissvoll wie sie sie fand, und einige von diesen Thatsachen sind, wenigstens scheinbar, mit der Emissionstheorie besser in Einklang zu bringen als mit der von Young und Fresnel. Wer weiss, ob nicht vielleicht eine dritte Hypothese, welche alle diese Erscheinungen einschliesst, mit der Zeit die Undulationstheorie ebenso weit hinter sich lässt, als diese die Theorie von Newton und seinen Nachfolgern liess?

Auf die Behauptung, die Bedingung der Erklärung aller bekannten Erscheinungen sei oft gleich gut durch zwei widerstreitende Hypothesen erfüllt, antwortet Hr. Whewell, dass er in der Geschichte der Wissenschaft keine derartigen Fälle, in denen die Erscheinungen einigermaassen zahlreich und verwickelt waren, kennt. Eine solche Erklärung von einem Schriftsteller, der, wie Hr. Whewell[24] so genau mit der Geschichte der Wissenschaft bekannt ist, würde entscheidend sein, wenn er nicht selbst einige Seiten vorher Sorge getragen hätte, sie dadurch zu widerlegen, dass er behauptet, sogar die verworfenen wissenschaftlichen Hypothesen hätten immer, oder fast immer, so modificirt werden können, dass sie richtige Darstellungen der Erscheinungen abgegeben hätten. Die Hypothese von Wirbeln, sagt er uns, wurde in Betreff ihrer Resultate durch succesive Modificationen in Uebereinstimmung mit der Newton'schen Theorie und mit den Thatsachen gebracht. Die Wirbel erklären in der Thut nicht alle Erscheinungen, welche die Newton'sche Theorie zuletzt erklärte, wie z.B. die Präcession der Nacht gleichen; aber dieses Phänomen wurde zur Zeit von keiner der zwei Seiten als eine zu erklärende Thatsache in Betracht gezogen. Von allen in Betracht gezogenen Thatsachen können wir auf Herrn Whewell's Autorität hin glauben, dass sie mit der endgültig verbesserten Cartesianisohen Hypothese ebenso gut übereingestimmt hätten, wie mit der Newton'schen Theorie.

Es ist aber, denke ich, kein gültiger Grund, eine gegebene Hypothese deswegen anzunehmen, weil wir unfähig sind, eine andere zu ersinnen, welche die Thatsachen erklärt. Es ist nicht nothwendig vorauszusetzen, die wahre Erklärung müsse so sein, wie wir sie mit unserer gegenwärtigen Erfahrung ersinnen könnten. Unter den uns bekannten natürlichen Agentien mögen die Schwingungen einer elastischen Flüssigkeit die einzigen sein, deren Gesetze den Gesetzen des Lichtes genau ähnlich sind; wir können aber nicht sagen, dass nicht eine unbekannte Ursache existirt, die sich zwar von dem durch den Weltraum verbreiteten elastischen Aether unterscheidet, die aber dennoch Wirkungen hervorbringt, welche in manchen Beziehungen identisch mit denjenigen sind, die aus den Undulationen eines solchen Aethers hervorgehen würden. Anzunehmen, eine derartige Ursache könne nicht existiren, scheint mir ein extremer Fall von Assumtion ohne Beweis zu sein.

Ich will indessen nicht alle diejenigen gänzlich verdammen welche sich damit beschäftigen, diese Art von Hypothesen im Detail zu verarbeiten. Es ist nützlich zu ermitteln, wie sich die bekannten Naturerscheinungen zu den Gesetzen verhalten, mit denen die Gesetze des Gegenstandes der Untersuchung die grösste oder auch nur eine grosse Analogie haben,[25] da dies (wie es nach der Annahme eines Lichtäthers wirklich der Fall war) auf Versuche führen kann, welche entscheiden, ob die so weit gehende Analogie sich noch weiter erstreckt. Dass man sich aber allen Ernstes dabei einbilden könnte wirklich zu ermitteln, ob die Hypothese von einem Aether, einem elektrischen Fluidum oder dergleichen wahr ist oder nicht; dass man es für möglich halten sollte, die Gewissheit zu erlangen, dass die Naturerscheinungen auf diesem und auf keinem andern Wege hervorgebracht werden: dies scheint mir, ich gestehe es, der gegenwärtig klareren Begriffe von den Methoden der physikalischen Wissenschaften unwürdig, und auf die Gefahr hin für unbescheiden gehalten zu werden, muss ich hier mein Erstaunen ausdrücken, dass ein Philosoph von so ungewöhnlichen Talenten wie Hr. Whewell eine sehr durchgearbeitete Abhandlung über die Philosophie der Induction schreiben konnte, worin er absolut keine andere Art von Induction anerkennt, als die, Hypothesen auf Hypothesen zu probiren, bis man eine findet, welche den Erscheinungen angepasst und welche dann als wahr anzunehmen ist, und zwar unter keinem andern Vorbehalt, als dass, wenn es sich bei wiederholter Prüfung herausstellen sollte, dass sie mehr voraussetzt als zur Erklärung der Erscheinungen nöthig ist, dieser überflüssige Theil hinwegzuschneiden ist; und dies ohne die geringste Unterscheidung zwischen den Fällen, wo es zum Voraus bekannt sein kann, dass zwei verschiedene Hypothesen nicht zu demselben Resultate führen können, und denjenigen, in welchen, so weit wir jemals wissen können, die Menge von mit den Erscheinungen gleich verträglichen Voraussetzungen unbegrenzt sein kann.124

[26] §. 7. Ehe ich die Lehre von den Hypothesen verlasse, ist es nöthig, dass ich mich gegen den Schein verwahre, als hätte ich den philosophischen Werth verschiedener Zweige der physikalischen Forschung, die ich, wenn sie auch noch in ihrer Kindheit stehen, für streng inductiv halte, in Zweifel ziehen wollen. Es ist ein grosser Unterschied zwischen der Erfindung von Agentien, welche ganze Classen von Naturerscheinungen erklären sollen, und dem blossen Versuch, in Uebereinstimmung mit bekannten Gesetzen zu muthmaassen, welche früheren Collocationen von bekannten Agentien den jetzt existirenden einzelnen Thatsachen ihre Entstehung gegeben haben mögen. In dem letzteren besteht das streng legitime Verfahren, aus einer beobachteten Wirkung auf die Existenz, in einer vergangenen Zeit, von einer Ursache zu schliessen, die der Ursache ähnlich ist, welche, so weit unsere Erfahrung geht, diese Wirkung jetzt noch hervorbringt. Dies ist z.B. der Zweck der geologischen Forschungen, die eben so wenig unlogisch und träumerisch sind, als gerichtliche Untersuchungen, die ebenfalls zum Zweck haben, einen vergangenen Vorfall aus seinen noch vorhandenen Wirkungen durch Folgerung zu entdecken. So wie wir aus den Anzeigen, die uns ein Leichnam liefert, nach der Gegenwart oder Abwesenheit von Zeichen eines Kampfes auf dem Boden oder an den benachbarten Gegenständen, nach den Blutspuren, den Fussstapfen des vermuthlichen Mörders u.s.w. ermitteln können,[27] ob ein Mensch ermordet wurde oder ob er eines natürlichen Todes starb, indem wir uns dabei durchaus auf Gleichförmigkeiten stützen, die durch eine strenge Induction ohne eine Beimischung einer Hypothese erforscht sind: so können wir ganz mit Recht schliessen, dass wenn wir auf oder unter der Oberfläche unseres Planeten Massen finden, die den sich aus dem Wasser bildenden Absätzen, oder Substanzen, die nach einer vorhergegangenen Schmelzung durch Abkühlung erstarren, ähnlich sind, der Ursprung derselben auch ganz ähnlich sei; und wenn die Wirkungen, obgleich der Art nach ähnlich, in einem viel grösseren Maassstabe vorhanden sind als gegenwärtig Wirkungen hervorgebracht werden, so können wir rationell und ohne Hypothese schliessen, dass die Ursachen früher in erhöhter Intensität vorhanden waren, oder dass sie während einer ungeheuern Zeit hindurch gewirkt haben. Kein Geologe von Bedeutung hat aber seit der Entstehung der gegenwärtig aufgeklärteren geologischen Lehre versucht weiter zu gehen.

Bei vielen geologischen Untersuchungen kommt es zwar vor, dass obgleich die Gesetze, denen man die Erscheinungen zuschreibt, bekannt, und die Agentien bekannte Agentien sind, man doch nicht weiss, ob diese Agentien in dem besonderen Falle gegenwärtig waren. So lassen bei der Betrachtung des feurigen Ursprungs von Trapp oder Granit die Thatsachen den directen Beweis davon, dass diese Substanzen in der That einer intensiven Hitze ausgesetzt waren, nicht zu. Man könnte jedoch dasselbe von allen gerichtlichen Untersuchungen sagen, die sich auf einen Indicienbeweis stützen. Wir können schliessen, dass ein Mensch ermordet wurde, obgleich es nicht durch die Aussage eines Augenzeugen bewiesen ist, dass irgend Jemand, der die Absicht hatte, ihn zu ermorden, an dem Ort gegenwärtig war. Es ist hinreichend, wenn keine andere bekannte Ursache die nachgewiesenen Wirkungen hervorgebracht haben konnte.

Die berühmte Ansicht von Laplace in Betreff des Ursprungs der Erde und der Planeten trägt wesentlich den streng inductiven Charakter der neueren geologischen Lehre. Nach dieser Ansicht erstreckte sich die Atmosphäre der Sonne ursprünglich bis zu den jetzigen Grenzen des Sonnensystems, zog sich aber durch Abkühlung bis auf ihre gegenwärtigen Dimensionen zusammen, und da nach allgemeinen mechanischen Principien[28] die Rotation der Sonne und ihrer Atmosphäre in dem Verhältniss an Schnelligkeit zunehmen musste, als das Volumen abnahm, so bewirkte die durch schnellere Umdrehung vermehrte und die Wirkung der Gravitation überwiegende Centrifugalkraft, dass sich von der Sonne successive Ringe von gasförmiger Materie losrissen, sich sodann durch Abkühlung condensirten und zu unseren Planeten wurden. In diese Theorie ist weder eine unbekannte supponirte Substanz eingeführt, noch einer bekannten Substanz eine unbekannte Eigenschaft oder Gesetz zugeschrieben worden. Die bekannten Gesetze der Materie berechtigen uns zu der Annahme, dass ein Körper, der fortwährend eine so grosse Quantität Wärme von sich giebt wie die Sonne, sich nach und nach abkühlen und dass er durch diese Abkühlung sich zusammenziehen muss; wenn wir daher versuchen, von dem gegenwärtigen Zustande dieses Körpers einen Schluss auf seinen früheren Zustand zu machen, so müssen wir noth wendig annehmen, dass seine Atmosphäre sich viel weiter erstreckte als gegenwärtig, und wir dürfen voraussetzen, dass sie sich so weit erstreckte, als die Wirkungen nachweisbar sind, die sie bei ihrem Rückzug hinter sich zurückliess, und dies sind die Planeten. Aus diesen Voraussetzungen folgt aber nach bekannten Gesetzen, dass aufeinanderfolgende Zonen der Sonnenatmosphäre Preis gegeben wurden, dass diese fortfahren mussten, sich mit derselben Schnelligkeit um die Sonne zu bewegen, als machten sie einen Theil ihrer Substanz aus, und dass sie sich lange vor der Sonne selbst bis auf eine gegebene Temperatur und folglich auch bis auf diejenige abkühlen mussten, bei welcher der grösste Theil der gasförmigen Stoffe, woraus sie bestanden, flüssig oder fest werden. Das bekannte Gesetz der Schwere veranlasste sie sodann, sich in Massen zusammenzuballen, welche die Gestalt unserer Planeten annahmen, eine drehende Bewegung um ihre Axe erlangten und sich in diesem Zustande, wie es die Planeten wirklich thun, um die Sonne bewegten und zwar in der Richtung von der Rotation der Sonne, aber mit geringerer Geschwindigkeit, weil in derselben periodischen Zeit, welche die Umdrehung der Sonne bedurfte, als ihre Atmosphäre sich noch bis zu jenem Punkt erstreckte. In der Theorie von Laplace liegt also strenggenommen nichts Hypothetisches, sie ist ein Beispiel eines begründeten Schlusses von einer gegenwärtigen Wirkung[29] auf eine mögliche vergangene Ursache, und zwar in Uebereinstimmung mit bekannten Gesetzen jener Ursache. Die Theorie ist daher, wie ich bereits angeführt habe, von einem ähnlichen Charakter, wie die Theorien der Geologen, sie steht jedoch, was den Beweis betrifft, den letzteren weit nach. Sogar wenn es bewiesen wäre (wie es nicht ist), dass die notwendigen Bedingungen für das Abbrechen successiver Ringe gewiss eintreffen wurden, so läge immer noch eine viel grössere Wahrscheinlichkeit des Irrthums in der Annahme, die jetzigen Naturgesetze wären dieselben, wie die bei der Entstellung des Sonnensystems existirenden, als in der blossen Vermuthung (der Geologen), diese Gesetze hätten einige Revolutionen und Verwandlungen hindurch, die ein einziger von den jenes System zusammensetzenden Körper erlitt, gedauert.[30]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 3-31.
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