Zwanzigstes Capitel.

Von der Analogie.

[93] §. 1. Das Wort Analogie, als der Name einer Schliessweise, wird allgemein als eine Art Argument angesehen, das einen inductiven Charakter hat, ohne sich jedoch zu einer vollständigen Induction zu erheben. Es giebt jedoch kein Wort, das nachlässiger und in einem mannigfaltigeren Sinne gebraucht würde, als das Wort Analogie. Man gebraucht es manchmal für Schlüsse, welche als Beispiele von der strengsten Induction dienen könnten. Wately z.B., indem er Ferguson und anderen Schriftstellern folgt, definirt die Analogie der ursprünglichen Bedeutung nach, welche die Mathematiker ihr beilegten, als die Aehnlichkeit der Relationen. Wenn ein Land Colonien ausgeschickt hat, und das Mutterland derselben genannt wird, so ist der Ausdruck in diesem Sinne analog, indem er sagen will, dass die Colonien eines Landes in derselben Relation, in demselben Verhältniss zu ihm stehen wie Kinder zu ihren Eltern. Und wenn aus dieser Aehnlichkeit des Verhältnisses irgend ein Schluss gezogen wird, wie z.B. dass die Colonien dem Mutterland denselben Gehorsam und dieselbe Liebe schuldig sind, wie Kinder ihren Eltern, so heisst dies ein Schluss der Analogie. Oder wenn man aus der zugegebenen Thatsache, dass Gesellschaften, die für einen gemeinschaftlichen Zweck gebildet sind, wie Actiengesellschaften, am besten durch einen von den Betheiligten gewählten Ausschuss geleitet werden, beweisen wollte, dass ein Volk am vortheilhaftesten durch eine von dem Volke erwählte Versammlung regiert wird, so ist dies in dem Sinne von Wately ein Schluss der Analogie, denn seine Grundlage ist nicht, dass eine Nation gleich einer Actiengesellschaft oder ein Parlament gleich einem Directoriatscollegium sei, sondern dass das Parlament in demselben Verhältniss[93] zur Nation steht, wie das Directoriatscollegium zu einer Actiengesellschaft. In einem solchen Argument liegt aber nun kein geringer Grad von Schlussrichtigkeit. Wie andere Schlüsse aus der Aehnlichkeit, kann es ganz ungültig sein, oder es kann sich zu einer vollkommenen und beweiskräftigen Induction erheben. Der Umstand, in welchem sich die zwei Fälle gleichen, kann des Nachweises fähig sein, dass er der wesentliche Umstand ist, derjenige, von welchem alle in der besondern Erörterung in Betracht zu nehmenden Folgen abhängen. In dem fraglichen Falle ist die Aehnlichkeit eine Aehnlichkeit der Relation und das fundamentum relationis ist die von wenigen Personen besorgte Führung von Geschäften, an denen ausser ihnen noch eine grosse Anzahl anderer betheiligt sind. Es mögen nun manche behaupten, dass dieser den zwei Fällen gemeinschaftliche Umstand und die verschiedenen Folgen, welche daraus hervorgehen, den Hauptantheil an der Bestimmung aller jener Wirkungen haben, welche das ausmachen, was wir eine gute oder schlechte Verwaltung nennen. Wenn sie dieses darthun können, so hat ihr Argument die Stärke einer strengen Induction, wenn nicht, so sagt man, es wäre ihnen misslungen, die Analogie zwischen den zwei Fällen zu beweisen, eine Sprechweise, welche einschliesst, dass, wenn die Analogie bewiesen werden kann, das darauf gegründete Argument unwiderstehlich ist.

§. 2. Es ist indessen im Ganzen gebräuchlicher, den Namen Analogiebeweis auf Argumente nach einer jeden Art von Aehnlichkeit, insofern sie sich nicht zu einer vollständigen Induction erheben, auszudehnen, ohne die Aehnlichkeit der Verhältnisse besonders zu unterscheiden. In diesem Sinne können analoge Schlüsse auf die folgende Formel zurückgeführt werden: Zwei Dinge gleichen einander in einer oder in mehreren Hinsichten, eine gewisse Behauptung ist von dem einen wahr, daher ist sie auch von dem anderen wahr. Wir haben aber hier nichts, wodurch wir die Analogie von der Induction unterscheiden könnten, da derselbe Typus für alles Schliessen aus der Erfahrung dienen wird. Bei der strengsten Induction sowohl als bei der schwächsten Analogie schliessen wir, dass weil A in einer oder mehreren Eigenschaften B gleicht, es ihm auch in einer gewissen andern Eigenschaft gleichen wird. Der Unterschied besteht darin, dass bei einer wirklichen Induction[94] durch eine gehörige Vergleichung von Fällen vorher gezeigt worden ist, dass zwischen der ersten Eigenschaft oder den ersten Eigenschaften und der letzten Eigenschaft eine unveränderliche Verbindung besteht; aber in dem, was man einen analogen Schluss nennt, ist eine solche Verbindung nicht nachgewiesen. Es bot sich keine Gelegenheit, die Differenzmethode oder auch nur die Methode der Uebereinstimmung anzuwenden; wir schliessen aber (und nur so weit geht der analoge Schluss), dass eine Thatsache m, von der man weiss, dass sie von A wahr ist, wahrscheinlicher von B wahr sein wird, wenn B mit A in einer oder einigen seiner Eigenschaften übereinstimmt (obgleich kein Zusammenhang zwischen m und diesen Eigenschaften bekannt ist), als wenn gar keine Aehnlichkeit zwischen B und einem andern Dinge, von dem man weiss, dass es die Attribute m besitzt, nachgewiesen werden kann.

Zu diesem Argument ist natürlich bloss erforderlich, dass es unbekannt sei, dass die A und B gemeinschaftlichen Eigenschaften mit m verknüpft sind; sie dürfen keine Eigenschaften sein, von denen man weiss, dass sie damit nicht zusammenhängen. Wenn entweder aus einem Eliminationsverfahren, oder durch Deduction aus einer früheren Kenntniss der Gesetze der fraglichen Eigenschaften geschlossen werden kann, dass sie nichts mit m zu schaffen haben, so ist das Argument der Analogie umgeworfen. Die Voraussetzung muss sein, dass m eine wirklich von irgend einer Eigenschaft von A abhängige Wirkung ist, ohne dass wir wissen, von welcher. Wir können keine von den Eigenschaften von A als die Ursache von m, oder als durch ein Gesetz damit verbunden bezeichnen. Nachdem wir alle verworfen haben, von denen wir wissen, dass sie nichts damit zu schaffen haben, so bleiben noch mehrere andere übrig, zwischen denen wir nicht im Stande sind zu entscheiden: von diesen übrigbleibenden Eigenschaften besitzt B eine oder mehrere. Wir glauben demnach, dass hieraus mehr oder weniger gewichtige Gründe hervorgehen, um nach der Analogie zu schliessen, dass B das Attribut m besitzt.

Es kann nicht bezweifelt werden, dass eine jede derartige Aehnlichkeit, welche zwischen B und A nachgewiesen werden kann, ausser dem sonst Vorhandenen, einen Grad von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des daraus gezogenen Schlusses darbietet. Wenn B[95] in allen seinen letzten Eigenschaften A gliche, so würde sein Besitzen des Attributes m eine Gewissheit und keine Wahrscheinlichkeit sein; eine jede Aehnlichkeit, welche zwischen ihnen nachgewiesen werden kann, bringt es aber diesem Punkt um gerade so viel näher. Wenn die Aehnlichkeit die einer letzten Eigenschaft ist, so wird eine Aehnlichkeit in allen von dieser letzten Eigenschaft abhängigen abgeleiteten Eigenschaften vorhanden sein, und zu diesen kann m gehören. Wenn die Aehnlichkeit die einer abgeleiteten Eigenschaft ist, so ist Grund vorhanden, eine Aehnlichkeit in den letzten Eigenschaften, von denen sie abhängt, und in den anderen derivativen Eigenschaften, welche von denselben letzten Eigenschaften abhängig sind, zu erwarten. Eine jede Aehnlichkeit, die nachgewiesen werden kann, gewährt einen Grund, eine unbestimmte Anzahl anderer Aehnlichkeiten zu erwarten; die besondere, gesuchte Aehnlichkeit wird daher öfter unter Dingen gefunden, von denen in dieser Weise bekannt ist, dass sie ähnlich sind, als unter Dingen, von denen uns keine Aehnlichkeit bekannt ist.135

Man könnte z.B. folgern, dass, weil die Erde, das Meer und die Luft bewohnt sind, der Mond auch wahrscheinlich bewohnt ist, und dies ist ein Beweis der Analogie. Der Umstand, bewohnt zu sein, ist hier nicht als eine letzte Eigenschaft angenommen, sondern (wie es vernünftig ist anzunehmen) als eine Folge anderer Eigenschaften, und daher bei unserer Erde von einer ihrer Eigenschaften als eines Theils des Weltalls abhängig, ohne dass wir wüssten, von welcher. Der Mond gleicht nur der Erde darin, dass[96] er ein fester, dunkler, beinahe runder Körper ist, der thätige Vulcane besitzt, von der Sonne Wärme und Licht in fast derselben Menge wie die Erde empfängt, der sich um seine Achse dreht, dessen Theilchen Schwere besitzen, und welcher allen den verschiedenen, aus diesen Eigenschaften hervorgehenden Gesetzen gehorcht. Ich glaube niemand wird leugnen, dass wenn dies Alles wäre, was wir von dem Monde wissen, so würde die Existenz von Mondbewohnern aus diesen verschiedenen Aehnlichkeiten mit der Erde einen grösseren Grad von Wahrscheinlichkeit erhalten, als sie sonst haben würde, obgleich ein Versuch, die Vermehrung der Wahrscheinlichkeit zu berechnen, nutzlos erscheinen würde.

Wenn aber eine jede nachgewiesene Aehnlichkeit zwischen A und B in irgend einem Punkte, von dem man nicht weiss, dass er in Beziehung auf m unwesentlich ist, einen neuen Grund für die Vermuthung abgiebt, dass B das Attribut m besitzt, so ist e contra klar, dass eine Unähnlichkeit, die man zwischen ihnen nachweisen kann, eine entgegengesetzte Wahrscheinlichkeit von derselben Natur auf der anderen Seite bildet. Es ist in der That nicht ungewöhnlich, dass verschiedene letzte Eigenschaften in einigen besondern Fällen dieselbe abgeleitete Eigenschaft hervorbringen; aber im Ganzen ist es gewiss, dass Dinge, welche sich in ihren letzten Eigenschaften unterscheiden, sich wenigstens ebensoviel in dem Aggregat ihrer abgeleiteten Eigenschaften unterscheiden werden, und dass die unbekannten unterschiede im Durchschnitt der Fälle in irgend einem Verhältniss zu den bekannten stehen werden. Es wird daher zwischen den bekannten Punkten der Uebereinstimmung und den bekannten Punkten der Differenz zwischen A und B eine Concurrenz stattfinden, und je nachdem man die einen oder die anderen überwiegend hält, wird die aus der Analogie abgeleitete Wahrscheinlichkeit dafür oder dagegen sein, dass B die Eigenschaft m besitzt. Der Mond z.B. stimmt mit der Erde in den bereits erwähnten Umständen überein, unterscheidet sich jedoch von ihr dadurch, dass er kleiner ist, eine ungleichere, anscheinend durchaus vulkanische Oberfläche hat, und keine Atmosphäre besitzt, die das Licht zu brechen vermöchte, dass er keine Wolken und (deductiv gefolgert) also auch kein Wasser besitzt. Diese Unterschiede, bloss als solche betrachtet, dürften vielleicht die Aehnlichkeit aufwiegen, so dass[97] die Analogie auf keine Weise eine Vermuthung darbieten würde. Wenn wir aber berücksichtigen, dass einige von den Umständen, welche auf dem Monde fehlen, zu den Umständen gehören, welche auf der Erde die unentbehrlichen Bedingungen des thierischen Lebens ausmachen, so können wir schliessen, dass wenn dieses Phänomen (das Leben) auf dem Monde existirt, es eine Wirkung von Ursachen sein muss, die ganz verschieden sind von denjenigen, von welchen es auf der Erde abhängig ist; als eine Folge also des Unterschieds des Mondes von der Erde und nicht der Uebereinstimmung beider. In diesem Lichte betrachtet, ergeben alle Aehnlichkeiten eine Vermuthung gegen und nicht für sein Bewohntsein. Da ein Leben wie es hier stattfindet, dort nicht existiren kann, so haben wir um so weniger Grund zu glauben, er sei bewohnt, je grösser seine Aehnlichkeit mit der Erde in allen übrigen Beziehungen ist.

Es giebt aber in unserm Sonnensystem andere Körper, welche eine durchgehendere Aehnlichkeit mit der Erde haben, welche eine Atmosphäre, Wolken und folglich Wasser (oder eine ähnliche Flüssigkeit) besitzen und sogar Zeichen von Schnee in ihren Polargegenden darbieten, während die Kälte oder Wärme, obgleich im Durchschnitt sehr verschieden von der unsrigen, in einigen Gegenden dieser Planeten wenigstens möglicherweise nicht grösser ist, als in einigen bewohnbaren Gegenden der Erde. Die ermittelten Unterschiede, welche diesen Uebereinstimmungen das Gegengewicht halten, bestehen hauptsächlich in der mittleren Wärme und Kälte, in der Schnelligkeit der Rotation, Intensität der Schwere und ähnlichen Umständen einer mehr untergeordneten Art. In Beziehung auf diese Planeten ergiebt also der Analogieschluss ein entschiedenes Uebergewicht zu Gunsten einer Aehnlichkeit mit der Erde in einer ihrer abgeleiteten Eigenschaften, in der nämlich, bewohnt zu sein; obgleich wir, wenn wir berücksichtigen, wie unermesslich zahlreich ihre uns nicht bekannten Eigenschaften im Vergleich mit den uns bekannten sind, Betrachtungen der Aehnlichkeit, in denen die bekannten Elemente in einem so geringen Verhältniss zu den unbekannten stehen, nur ein sehr geringes Gewicht beilegen können.

Ausser der Concurrenz zwischen Analogie und Verschiedenheit kann noch eine Concurrenz zwischen entgegengesetzten Analogien[98] stattfinden. Der neue Fall kann Fällen, worin m existirt, in einigen Umständen ähnlich sein; aber in andern Umständen kann er Fällen ähnlich sein, worin es nicht existirt. Die Ambra hat einige Eigenschaften mit den Pflanzen, andere mit Mineralproducten gemein. Ein Gemälde von einem unbekannten Ursprung kann in einigen seiner Charaktere bekannten Werken irgend eines Meisters gleichen, in anderen kann es jedoch Kunstwerken höchst ähnlich sehen, von denen man weiss, dass sie nicht von diesem Meister herrühren. Eine Vase kann einige Analogie mit Werken griechischer, etruskischer oder egyptischer Kunst haben. Wir setzen natürlich voraus, dass sie nicht irgend eine Eigenschaft besitzt, von welcher durch eine hinreichende Induction ermittelt worden ist, dass sie ein entscheidendes Merkmal von dem einen oder dem andern ist.

§. 3. Da der Werth eines analogen Schlusses, der eine Aehnlichkeit aus anderen Aehnlichkeiten folgerte ohne einen vorhergängigen Beweis eines Zusammenhangs zwischen denselben, von der Grösse der ermittelten Aehnlichkeit im Vergleich erstlich mit der Grösse des Unterschiedes und zunächst mit dem Umfang der unermittelten Eigenschaften abhängt, so folgt, dass da, wo die Aehnlichkeit sehr gross, der ermittelte Unterschied sehr gering, und unsere Kenntniss des Gegenstandes ziemlich ausgedehnt ist, das Argument der Analogie in Beziehung auf Strenge einer gültigen Induction sehr nahe kommen kann. Wenn wir nach einer häufigen Beobachtung von B finden, dass es mit A in neun von zehn bekannten Eigenschaften übereinstimmt, so können wir mit einer Wahrscheinlichkeit von neun zu eins schliessen, dass es eine jede abgeleitete Eigenschaft von A ebenfalls besitzen wird. Wenn wir z.B. ein unbekanntes Thier oder eine unbekannte Pflanze entdecken, welche einer bekannten Pflanze in der grössten Anzahl der Eigenschaften, welche wir daran entdecken, ähnlich, in wenigen aber davon verschieden ist, so dürfen wir mit Recht erwarten, in dem nicht beobachteten Rest ihrer Eigenschaften eine allgemeine Uebereinstimmung mit den Eigenschaften der ersteren, aber auch einen der Grösse der beobachteten Abweichung proportionalen Unterschied zu finden.

Es scheint also, dass die aus der Analogie abgeleiteten Schlüsse nur dann von einem beträchtlichen Werthe sind, wenn der Fall ein[99] angrenzender ist, angrenzend nicht wie früher in Raum und Zeit, sondern in Umständen. In dem Falle von Wirkungen, deren Ursachen nur unvollkommen oder gar nicht bekannt sind, wenn folglich die beobachtete Ordnung ihres Vorkommens sich nur zu einem empirischen Gesetze erhebt, geschieht es oft, dass die Bedingungen, welche coexistirten, als die Wirkungen beobachtet wurden, jedesmal sehr zahlreich waren. Wenn sich nun ein neuer Fall darbietet, in welchem nicht alle diese Bedingungen, aber der bei weitem grösste Theil von ihnen existirt, und nur eine oder einige fehlen: so wird sich der Schluss, dass die Wirkung ungeachtet dieses Mangels an vollständiger Aehnlichkeit mit den Fällen in denen sie beobachtet wurde, eintreten wird, obgleich er von der Natur der Analogie ist, zu einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit erheben. Es ist kaum nöthig hinzuzufügen, dass, wie beträchtlich diese Wahrscheinlichkeit auch sein mag, doch kein competenter Naturforscher sich damit zufrieden stellen wird, wenn es möglich ist eine vollständige Induction zu erhalten, sondern er wird die Analogie als einen blossen Wegweiser betrachten, der ihm die Richtung zeigt, in welcher eine strengere Untersuchung anzustellen ist.

In der letzteren Beziehung haben Betrachtungen der Analogie den höchsten philosophischen Werth. Die Fälle, in denen der Analogiebeweis an sich selbst einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit darbietet, sind, wie wir eben bemerkt haben, nur diejenigen, in welchen die Aehnlichkeit sehr gross und umfassend ist; es giebt aber keine noch so schwache Analogie, welche nicht dadurch von dem höchsten Werthe sein könnte, dass sie auf Beobachtungen und Versuche leitet, welche zu positiveren Schlüssen führen. Wenn die Agentien und ihre Wirkungen ausserhalb des Bereichs weiterer Beobachtungen oder Versuche liegen, wie in unserer obigen Betrachtung in Beziehung auf den Mond und die Planeten angeführt wurde, so sind solche geringe Wahrscheinlichkeiten nichts als ein interessantes Thema für eine angenehme Uebung unserer Phantasie; aber irgend eine noch so geringe Vermuthung, welche einen scharfsinnigen Menschen auf einen Versuch führt, oder einen Grund abgiebt, den einen Versuch eher als den andern zu machen, kann in der Naturforschung die grössten Dienste leisten.

Obgleich ich aus diesem Grunde keiner von denjenigen Hypothesen als positiven Lehren beipflichten kann, welche einer letzten[100] Prüfung durch wirkliche Induction nicht fähig sind, wie die beiden Theorien vom Licht, die Emissionstheorie des vorigen Jahrhunderts und die in dem gegenwärtigen Jahrhundert herrschende Undulationstheorie, so kann ich doch nicht mit denjenigen übereinstimmen, welche diese Hypothesen mit gänzlicher Geringschätzung betrachten. »Eine jede Hypothese,« sagt Hartley (und ihm stimmt der ihm fast diametral gegenüberstehende Dugald Stewart hierin bei), »welche so viel Schein von Wahrheit besitzt, um eine bedeutende Anzahl von Thatsachen zu erklären, hilft uns, diese Thatsachen in der gehörigen Ordnung verstehen, neue entdecken, und experimenta crucis für künftige Untersuchungen machen«.136 Wenn eine Hypothese nicht allein bekannte Thatsachen zu erklären vermag, sondern wenn sie uns auch zu der Voraussagung anderer unbekannter und seitdem durch die Erfahrung bestätigter Thatsachen geführt hat, so müssen die Gesetze des Phänomens, welches der Gegenstand der Untersuchung ist, wenigstens eine grosse Aehnlichkeit mit denjenigen der Classe von Erscheinungen haben, denen sie die Hypothese assimilirt; und da die Analogie, welche so weit geht, sich wahrscheinlich noch weiter erstrecken kann, so ist nichts geeigneter auf Experimente zu führen, welche Licht auf die wirklichen Eigenschaften des Phänomens werfen können, als das Verfolgen einer solchen Hypothese. Zu diesem Zwecke ist es jedoch keineswegs nöthig, dass man irrthümlich die Hypothese für eine wissenschaftliche Wahrheit halte. Im Gegentheil ist die Täuschung in dieser Beziehung wie in jeder anderen ein Hinderniss für den Fortschritt einer wirklichen Erkenntniss, indem sie die Menschen verleitet, sich willkürlich auf die besondere Hypothese zu beschränken, welche gerade am meisten in Ansehen steht, anstatt eine jede Classe von Erscheinungen aufzusuchen, deren Gesetze mit denen des gegebenen Phänomens eine Aehnlichkeit haben, und alle Versuche anzustellen, welche zur Entdeckung weiterer Analogien in derselben Richtung geeignet sind.[101]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 93-102.
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