Elftes Capitel.

Von der deductiven Methode.

[533] §. 1. Die Methode der Untersuchung, welche uns wegen der Unanwendbarkeit der drei directen Methoden der Beobachtung und des Experimentirens als die Hauptquelle der Kenntniss, die wir in Beziehung auf die Bedingungen und Gesetze der Wiederkehr der verwickelteren Naturerscheinungen besitzen oder erlangen können, übrig bleibt, wird in dem allgemeinsten Ausdruck die deductive Methode genannt; sie besteht aus drei Operationen: die erste ist eine directe Induction, die zweite ein Syllogismus, die dritte eine Bestätigung (Verification).

Ich nenne den ersten Schritt in dem Verfahren eine inductive Operation, weil eine directe Induction als die Basis des Ganzen vorhanden sein muss, obgleich in vielen besonderen Untersuchungen die Induction von einer frühern Deduction vertreten werden kann; die Prämissen dieser frühern Deduction müssen aber von einer Induction abgeleitet sein.

Die Aufgabe der deductiven Methode ist das Gesetz einer Wirkung aus den verschiedenen Bestreben, wovon sie das vereinigte Resultat ist, zu finden. Das erste Erforderniss ist daher, dass wir die Gesetze die ser Bestreben, die Gesetze einer jeden der mitwirkenden Ursachen kennen, und dies setzt eine vorhergehende Beobachtung oder ein Experiment mit einer jeden Ursache gesondert, oder sonst eine vorausgängige Deduction voraus, die in ihren ersten Prämissen ebenfalls von der Beobachtung oder dem Experiment abhängig sein muss. Wenn also historische oder sociale Phänomene der Gegenstand sind, so müssen die Gesetze der Ursachen, welche diese Classe von Erscheinungen hervorbringen, die Prämissen der deductiven Methode bilden; diese Ursachen sind[533] menschliche Handlungen, verbunden mit den allgemeinen äussern Umständen, unter deren Herrschaft die Menschen stehen, und welche die Stellung des Menschen in der Welt ausmachen. Die auf sociale Erscheinungen angewandte deductive Methode muss daher damit beginnen, die Gesetze der menschlichen Handlungen und jene Eigenschaften der Aussendinge, wodurch die Handlungen der Menschen bestimmt werden, zu untersuchen, oder muss voraussetzen, sie ermittelt zu haben. Einige dieser allgemeinen Wahrheiten werden natürlich durch Beobachtung und Experiment, andere durch Deduction erhalten werden; die complexen Gesetze menschlicher Handlungen mögen z.B. aus einfacheren abgeleitet werden, aber die elementaren und einfachen Gesetze werden nothwendig immer durch ein direct inductives Verfahren erhalten worden sein.

Die Gesetze einer jeden besondern Ursache, die Antheil an der Erzeugung der Wirkung nimmt, zu ermitteln, ist daher das erste Erforderniss der deductiven Methode. Zu wissen, welches die Ursachen sind, welche diesem Stadium unterworfen werden müssen, kann schwierig sein oder nicht. In dem letztgenannten Falle ist diese erste Bedingung leicht erfüllt. Dass sociale Phänomene von den Handlungen und den geistigen Eindrücken menschlicher Wesen abhängen, konnte niemals ein Gegenstand des Zweifels sein, wie unvollkommen man auch wissen mochte, von welchen Gesetzen diese Handlungen und Eindrücke regiert werden, oder zu welchen socialen Folgen ihre Gesetze naturgemäss führen. Ebensowenig konnte, nachdem die physikalischen Wissenschaften eine gewisse Entwickelung erreicht hatten, ein wirklicher Zweifel darüber bestehen, wo man die Gesetze, von denen die Erscheinungen des Lebens abhängen, zu suchen habe, da es die mechanischen und chemischen Gesetze der festen Körper und der Flüssigkeiten, welche den organisirten Körper und das Medium, in dem er lebt, zusammensetzen, verbunden mit den besondern vitalen Gesetzen der verschiedenen, den organischen Bau zusammensetzenden Gewebe, sein müssen. In anderen, und in der That viel einfacheren Fällen als diese war es viel weniger einleuchtend, wo man die Ursachen zu suchen hatte, wie z.B. bei den Erscheinungen des Himmels. So lange man nicht durch eine Combination der Gesetze bestimmter Ursachen gefunden hatte, dass diese Gesetze alle[534] durch die Erfahrung in Beziehung auf die Bewegung der Himmelskörper bewiesenen Thatsachen erklärten und zu Voraussagungen führten, welche die Erfahrung immer bestätigte, wussten die Menschen nicht, dass jene die Ursachen waren. Aber wir mögen im Stande sein, die Frage vorher zu stellen oder erst nachdem wir in den Stand gesetzt worden sind, sie zu beantworten: in beiden Fällen muss sie beantwortet werden, die Gesetze der verschiedenen Ursachen müssen erforscht werden, ehe wir aus ihnen die Bedingungen der Wirkung ableiten können.

Die Bestimmungsweise jener Gesetze kann weder eine andere sein, noch ist sie eine andere, als die bereits besprochene vierfältige Methode der experimentellen Forschung. Einige Bemerkungen über die Anwendung dieser Methode auf Fälle, wo Vielfachheit der Ursachen stattfindet, werden in dieser Beziehung hinreichend sein.

Es ist einleuchtend, dass wir nicht erwarten dürfen, das Gesetz eines Bestrebens durch eine Induction aus Fällen zu finden, in denen dem Streben entgegengewirkt wird. Die Gesetze der Bewegung hätten niemals aus der Beobachtung von Körpern, die durch entgegengesetzte Kräfte in Kühe gehalten werden, erkannt werden können. Sogar wo das Streben in dem gewöhnlichen Sinne des Worts nicht aufgehoben, sondern nur modificirt wird, indem seine Wirkung sich mit einem andern Bestreben oder anderen Bestreben verbindet, sind wir immer in einer ungünstigen Stellung, um vermittelst solcher Fälle das Gesetz des Bestrebens selbst nachzuweisen. Es wäre schwierig gewesen, das Gesetz, dass alle in Bewegung begriffene Körper ein Bestreben haben, ihre Bewegung in einer geraden Linie fortzusetzen, durch eine Induction aus Fällen zu entdecken, in denen die Bewegung durch das Hinzutreten der Wirkung einer beschleunigenden Kraft in eine Curve übergeht. Ungeachtet der Hülfsmittel, welche die Methode der sich begleitenden Umstände in Fällen dieser Art darbietet, schreiben die Principien eines verständigen Experimentirens vor, dass das Gesetz eines jeden Strebens wo möglich in Fällen studirt werde, in denen dieses Bestreben allein thätig ist, oder in Verbindung mit nur solchen Agentien, deren Wirkung einer vorhergehenden Kenntniss wegen berechnet werden kann.

Es besteht demnach in den unglücklicherweise sehr zahlreichen und wichtigen Fällen, in welchen sich die Ursachen nicht[535] von einander sondern, und getrennt beobachten lassen, eine grosse Schwierigkeit, um mit erforderlicher Gewissheit den zur Stütze der deductiven Methode nöthigen inductiven Grund zu legen. Diese Schwierigkeit wird bei den physiologischen Erscheinungen am ersichtlichsten, indem es unmöglich ist, die verschiedenen Agentien, welche einen organisirten Körper zusammensetzen, zu trennen, ohne das Phänomen, das der Gegenstand unserer Untersuchung ist, selbst zu zerstören.


– following life, in creatures we dissect

We loose it, in the moment we detect.

(Dem Leben nachspürend zergliedern wir die Geschöpfe

und verlieren es in demselben Augenblick, wo wir es entdecken.)


Aus diesem Grunde neige ich mich auch zu der Ansicht, dass die Physiologie grösseren natürlichen Schwierigkeiten begegnet, und dass sie wahrscheinlich eines geringern Grades von letzter Vervollkommnung fähig ist, als die socialen Wissenschaften, insofern es eher möglich ist, die Gesetze des Geistes und der Handlungen eines Menschen von anderen Menschen getrennt zu studiren, als die Gesetze der Organe oder Gewebe des menschlichen Körpers getrennt von anderen Organen oder Geweben.

Es ist sehr richtig hervorgehoben worden, dass pathologische Thatsachen, oder in gewöhnlicher Sprache, dass Krankheiten in ihren verschiedenen Formen und Graden für die physiologische Forschung das vortheilhafteste Aequivalent für das eigentlich so genannte Experimentiren darbieten, insofern sie uns oft eine bestimmte Störung von Organen oder organischen Functionen darbieten, während die übrigen Organe oder Functionen unangegriffen bleiben. Es ist wahr, dass der fortwährenden Actionen und Reactionen wegen, welche in allen Theilen des thierischen Haushaltes stattfinden, keine längere Störung eines Organes vorgehen kann, ohne die Störung der andern Organe zuletzt nach sich zu ziehen, und wenn dies einmal geschehen ist, so verliert das Experiment meistens seinen wissenschaftlichen Werth. Alles hängt von der Beobachtung der ersten Stadien der Störung ab, die unglücklicherweise nothwendig die am wenigsten markirten sein werden. Wenn indessen die in dem ersten Falle nicht gestörten Organe und Function[536] in einer festen Ordnung der Succession afficirt werden, so wird hierdurch einiges Licht auf die Wirkung geworfen, die ein Organ auf das andere ausübt, und wir erhalten gelegentlich eine Reihe von Wirkungen, die wir mit einigem Vertrauen auf die ursprüngliche locale Störung zurückführen können; aber hierzu wäre es nothwendig zu wissen, dass die ursprüngliche Störung local war. Wenn sie, wie man sagt, constitutionell war, d.h. wenn wir den Theil des thierischen Organismus, wo sie ihre Entstehung nahm, oder wenn wir die genaue Natur der Störung, die in diesem Theil stattfand, nicht kennen, so sind wir nicht im Stande zu entscheiden, welche von den verschiedenen Störungen Ursache und welche Wirkung war, welche von ihnen von der andern Störung, und welche durch die directe, obgleich vielleicht späte Action der ursprünglichen Ursache hervorgebracht worden ist.

Ausser den natürlichen können wir auch pathologische Thatsachen künstlich erzeugen; wir können, sogar in dem populären Sinne des Wortes, Versuche anstellen, indem wir das lebende Wesen irgend einem äussern Agens aussetzen, wie dem Quecksilber in unserm frühern Beispiele. Da dieses Experimentiren nicht eine directe Lösung irgend einer praktischen Frage, sondern die Entdeckung allgemeiner Gesetze, aus denen sodann die Bedingungen irgend einer besondern Wirkung durch Deduction erhalten werden können, zum Zweck hat: so sind für unsere Wahl die besten Fälle diejenigen, von denen die Umstände am besten bestimmt werden können, und es sind dies gewöhnlich nicht die Fälle, bei denen man einen praktischen Zweck im Auge hat. Die Versuche werden am besten nicht in einem Zustande von Krankheit, der naturgemäss ein veränderlicher ist, sondern in dem vergleichungsweise festen Zustande von Gesundheit angestellt. In dem einen Zustand sind ungewöhnliche Agentien thätig, deren Resultate vorauszusagen wir keine Mittel besitzen; in dem andern würde der gewohnte Gang der physiologischen Erscheinungen muthmaasslicherweise ungestört bleiben, wenn wir nicht die störende Ursache einführten.

Dieser Art sind, bei gelegentlicher Mithülfe der Methode der sich begleitenden Veränderungen (die letztere durch die eigenthümliche Schwierigkeit des Gegenstandes nicht weniger behindert, als die mehr elementaren Methoden), unsere inductiven Hülfsmittel,[537] um die Gesetze der separat betrachteten Uraachen zu bestimmen, wenn wir es nicht in unserer Gewalt haben, sie in einem Zustande von wirklicher Trennung zu prüfen. Die Unzulänglichkeit dieser Hülfsmittel ist so augenfällig, dass niemand von dem niedern Stande der Physiologie überrascht sein kann. Unsere Kenntniss der Ursachen ist in der Physiologie in der That so unvollkommen, dass wir viele von den Thatsachen, von denen uns die allergewöhnlichste Erfahrung Kenntniss giebt, weder erklären noch ohne specifische Erfahrung voraussagen könnten. Glücklicherweise sind wir in Betreff der empirischen Gesetze der Naturerscheinungen, d.h. der Gleichförmigkeiten, in Beziehung auf welche wir noch nicht entscheiden können, ob sie Fälle oder blosse Resultate von Verursachung sind, besser unterrichtet. Man hat nicht allein die Ordnung, in der sich die Thatsachen der Organisation und des Lebens von dem ersten Keim der Existenz an bis zum Tode successive kundgeben, gleichförmig und sehr genau nachweisbar befunden, sondern durch eine grosse Anwendung der Methode der sich begleitenden Umstände auf die Thatsachen der vergleichenden Anatomie und Physiologie hat man auch die Zustände (die Bedingungen) der organischen Structur, die einer jeden Art von Function entsprechen, mit grosser Genauigkeit ermittelt. Ob diese organischen Bedingungen das Ganze der Bedingungen, und ob sie überhaupt Bedingungen oder bloss collaterale Wirkungen einer gemeinsamen Ursache sind, wissen wir in keiner Weise, noch werden wir es wahrscheinlich je wissen, wir müssten denn einen organisirten Körper zusammensetzen und sehen können, ob er lebt.

So gross sind die Schwierigkeiten, unter denen wir in Fällen dieser Art den anfänglichen oder inductiven Schritt bei der Anwendung der deductiven Methode auf complexe Naturerscheinungen versuchen. Es ist dies aber glücklicherweise nicht der gewöhnliche Fall. Im Allgemeinen können die Gesetze der Ursachen, von denen die Wirkungen abhängen, durch eine Induction aus verhältnissmässig einfachen Fällen, oder im schlimmsten Falle durch Deduction aus den Gesetzen so erhaltener, einfacher Ursachen gewonnen werden. Unter einfachen Fällen sind natürlich solche verstanden, in welchen die Wirkung einer jeden Ursache nicht, oder nicht in einem hohen Grade mit anderen Ursachen, deren Gesetze unbekannt sind, vermischt und durchkreuzt ist. Wenn die Induction, welche[538] die Prämisse für die deductive Methode lieferte, auf solche Fälle gestützt war, so ist die Anwendung derselben auf die Bestimmung der Gesetze complexer Wirkungen von glänzenden Resultaten begleitet gewesen.

§. 2. Wenn die Gesetze der Ursachen ermittelt sind, und der erste Theil der eben in Rede stehenden grossen logischen Operation genügend ausgeführt worden ist, so folgt der zweite Theil derselben, der darin besteht, aus den Gesetzen der Ursachen zu bestimmen, welche Wirkung eine gegebene Combination dieser Ursachen hervorbringen wird. Dies ist eine Berechnung in dem weitesten Sinne des Worts, und schliesst häufig eine Berechnung in dem engsten Sinne ein. Es ist ein Syllogismus, und wenn unsere Kenntniss von den Ursachen so vollkommen ist, dass sie sich auf die richtigen numerischen Gesetze, welche sie bei der Erzeugung ihrer Wirkungen beobachten, erstreckt, so kann der Syllogismus unter seine Prämissen die Lehrsätze der Wissenschaft von den Zahlen in der ganzen unermesslichen Ausdehnung dieser Wissenschaft rechnen. Nicht allein dass wir häufig der höchsten Wahrheiten der Mathematik bedürfen, um eine Wirkung zu berechnen, deren numerisches Gesetz wir bereits kennen, sondern sogar mit Hülfe dieser höchsten Wahrheiten können wir häufig nur eine kleine Strecke vorwärts kommen. In dem so einfachen Falle wie ihn das berühmte Problem der drei Körper darbietet, die mit einer Kraft gegen einander gravitiren, die in geradem Verhältniss zu ihrer Masse und im umgekehrten zu dem Quadrat ihrer Entfernung steht, haben bisher alle Hülfsmittel des Calcüls nicht hingereicht, um mehr als eine annähernde allgemeine Lösung zu erhalten. In einem nur wenig verwickelteren, aber immer noch einem der einfachsten Fälle, denen man in der Praxis begegnet, bei der Bewegung eines Wurfgeschosses, können die Ursachen, welche auf die Schnelligkeit und Flugweite z.B. einer Kanonenkugel einwirken, bekannt und berechnet sein, wie die Kraft des Pulvers, der Elevationswinkel, die Dichtigkeit der Luft, die Stärke und Richtung des Windes: aber es ist eine der schwierigsten mathematischen Aufgaben, diese Ursachen so zu combiniren, dass die aus ihrer Collectivwirkung hervorgehende Wirkung dadurch bestimmt werden kann.

Wo die Wirkungen in dem Raume stattfanden, wenn sie Bewegung[539] und Ausdehnung hatten, wie in der Mechanik, Optik, Akustik, Astronomie, so kommen auch noch die geometrischen Lehrsätze als Prämissen hinzu. Wenn aber die Verwickelung wächst, und die Wirkungen unter dem Einfluss so vieler und so veränderlicher Ursachen stehen, um weder festen Zahlen, noch geraden Linien und regelmässigen Curven Anwendung zu gestatten, wie in der Physiologie, der geistigen und socialen Erscheinungen gar nicht zu erwähnen: so sind die Gesetze der Zahlen und des Raums, wenn überhaupt, nur nach jenem grossen Maassstabe anwendbar, bei welchem die Genauigkeit des Details unwichtig wird und obgleich diese Gesetze in den auffallendsten Beispielen der Erforschung der Natur durch die deductive Methode, wie z.B. in der Newton'schen Theorie der Bewegung der Himmelskörper, eine ansehnliche Rolle spielen, so sind sie doch keineswegs ein unentbehrlicher Theil eines jeden derartigen Verfahrens. Wesentlich ist in einem solchen Verfahren nur das Schliessen von einem allgemeinen Gesetz auf einen besondern Fall, d.h. die Bestimmung vermittelst der besondern Umstände dieses Falles des Resultats, das zur Erfüllung des Gesetzes in diesem Falle erforderlich ist. Wenn bei dem Torricellischen Versuche die Thatsache, dass die Luft Gewicht besitzt, vorher bekannt gewesen wäre, so würde es ein Leichtes gewesen sein, ohne irgend numerische Data, aus dem allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts zu deduciren, dass das Quecksilber in der Röhre in einer solchen Höhe stehen bleiben wird, dass die Quecksilbersäule einer Luftsäule von derselben Grundfläche genau das Gleichgewicht hält, indem auf andere Weise kein Gleichgewicht stattfinden könnte.

Durch solche Schlüsse aus den besondern Gesetzen der Ursachen kann es uns bis zu einem gewissen Grade gelingen, eine von den folgenden Fragen zu beantworten: Es ist eine gewisse Combination von Ursachen gegeben, von welcher Wirkung wird sie begleitet sein? Und: Welche Combination von Ursachen würde, wenn sie existirte, eine gegebene Wirkung hervorbringen? In dem einen Falle bestimmen wir die Wirkung, die von complexen Umständen, von denen die verschiedenen Elemente bekannt sind, zu erwarten ist; in dem anderen Falle lernen wir, nach welchem Gesetze – unter welchen vorausgängigen Bedingungen – eine gegebene complexe Wirkung wiederkehren wird.

[540] §. 3. Aber, so kann man hier fragen, sind nicht dieselben Argumente, nach welchen die Methoden der directen Beobachtung und des Experimentirens, wenn sie auf Gesetze von complexen Naturerscheinungen angewendet wurden, als illusorisch befunden worden, mit gleicher Stärke gegen die deductive Methode anwendbar? Wenn in einem jeden einfachen Fall eine Menge, und oft eine unbekannte Menge von Agentien sich bekämpfen oder verbinden, welche Sicherheit haben wir, dass wir in unserer aprioristischen Berechnung alle diese Agentien aufgenommen haben? Wie viele müssen uns im allgemeinen gar nicht bekannt sein? Wie wahrscheinlich ist es, dass unter den vielen, die wir kennen, einige übersehen worden sind; und wenn sogar alle eingeschlossen wären, wie eitel ist das Unternehmen, die Wirkungen vieler Ursachen zu summiren, wenn wir nicht genau das numerische Gesetz einer jeden kennen, – eine Bedingung, die in den meisten Fällen nicht erfüllt werden kann; und sogar wenn sie erfüllt ist, so übersteigt die Ausführung der Rechnung bis auf sehr einfache Fälle die höchsten Leistungen der Mathematik mit Einschluss ihrer neuesten Erweiterungen.

Diese Einwendungen haben in der That ein grosses Gewicht, und es ist unmöglich, ihnen etwas entgegenzusetzen, wenn es nicht eine Probe giebt, nach welcher wir bei dem Gebrauche der deductiven Methode urtheilen können, ob ein Irrthum von der obigen Art begangen worden ist oder nicht. Es giebt indessen eine solche Probe, und ihre Anwendung bildet, unter dem Namen der Bestätigung (Verification), den dritten wesentlichen Bestandtheil der deductiven Methode, ohne welchen alle Resultate, die sie gewähren kann, keinen andern Werth haben, als den einer Vermuthung. Um das Vertrauen auf die durch Deduction erhaltenen allgemeinen Schlüsse zu rechtfertigen, müssen diese Schlüsse bei einer sorgfältigen Vergleichung mit den Resultaten der directen Beobachtung, wo man sie nur immer haben kann, übereinstimmend befunden werden. Wenn wir eine Erfahrung haben, womit wir dieselben vergleichen können, und wenn diese Erfahrung sie bestätigt, so können wir ihnen mit Sicherheit in anderen Fällen trauen, in welchen wir die specifische Erfahrung noch zu machen haben. Wenn aber unsere Deductionen zu dem Schlusse geführt haben, dass aus einer besondern Combination von Ursachen eine gegebene Wirkung resultiren[541] wird, so müssen wir in allen bekannten Fällen, wo die Existenz dieser Combination bewiesen werden kann, und die Wirkung nicht erfolgt ist, im Stande sein, zu zeigen (oder wenigstens eine wahrscheinliche Vermuthung aufzustellen), was sie vereitelt hat; wenn wir das nicht können, so ist die Theorie unvollkommen und noch nicht zuverlässig. Auch ist die Bestätigung nicht vollständig, wenn nicht einige von den Fällen, bei denen die Theorie durch das beobachtete Resultat unterstützt wird, wenigstens eben so verwickelt sind, als irgend andere Fälle, in denen ihre Anwendung nöthig sein dürfte.

Es braucht kaum bemerkt zu werden, dass wenn uns die directe Beobachtung oder die Vergleichung von Fällen empirische Gesetze der Wirkung geliefert hat (gleichgültig ob sie in allen beobachteten Fällen, oder nur im grössten Theil derselben wahr sind), die wirksamste Verification, deren die Theorie fähig ist, darin bestehen würde, dass sie deductiv zu diesen empirischen Gesetzen führte; dass die Gleichförmigkeiten, ob vollständig oder unvollständig, welche als zwischen den Naturerscheinungen existirend beobachtet wurden, durch die Gesetze der Ursachen erklärt würden, dass sie der Art wären, dass sie existiren müssten, wenn jene wirklich die Ursachen waren, durch welche die Naturerscheinungen erzeugt wurden. So hielt man es ganz billig für ein wesentliches Erforderniss einer jeden wahren Theorie der Himmelsbewegungen, dass sie durch Deduction zu Kepler's Gesetzen führe, wie es in der That bei der Newton'schen Theorie der Fall ist.

Um daher die Bestätigung von durch Deduction erhaltenen Theorien zu erleichtern, ist es wichtig, sowohl dass so viel als möglich von den empirischen Gesetzen der Naturerscheinungen durch eine Vergleichung von Fällen nach der Methode der Uebereinstimmung bestimmt, als auch (wie hinzugefügt werden muss) dass die Erscheinungen in der umfassendsten und genauesten Weise beschrieben seien, indem man aus der Beobachtung von Theilen den möglichst einfachen Ausdruck für das entsprechende Ganze folgert; ähnlich wie die Reihe der beobachteten Orte eines Planeten zuerst durch ein System von Epicykeln und später durch eine Ellipse ausgedrückt wurde.

Es verdient bemerkt zu werden, dass complexe Fälle, die für die Entdeckung der einfachen Gesetze, in die wir die Erscheinungen[542] zuletzt zerlegen, von keinem Nutzen gewesen wären, nichtsdestoweniger zu einem neuen Beweis der Gesetze selbst werden, wenn sie dazu gedient haben, die Analyse zu bestätigen. Obgleich wir nicht aus complexen Fällen zu den Gesetzen hätten gelangen können, so wird doch, wenn man das auf andere Weise gefundene Gesetz in Uebereinstimmung mit dem Resultate eines complexen Falles findet, dieser Fall zu einem neuen Experiment in Beziehung auf dieses Gesetz, und hilft das bestätigen, zu dessen Entdeckung er nicht dienen konnte. Es ist eine neue Probe des Princips durch eine andere Reihe von Umständen, und dient gelegentlich dazu, einen vorher nicht ausgeschlossenen Umstand zu eliminiren, dessen Ausschliessung ein unmöglich auszuführendes Experiment erfordern könnte. Dies war höchst augenfällig in dem früher angeführten Beispiel, in welchem gefunden wurde, dass die Differenz zwischen berechneter und beobachteter Geschwindigkeit des Schalles von der Wärme herrühre, die durch die, bei einer jeden Schallschwingung stattfindende, Verdichtung der Luft entbunden wurde. Es war dies eine Probe unter neuen Umständen von dem Gesetze der Wärmeentwickelung durch Verdichtung der Luft, und vermehrte sicher den Beweis von der Allgemeinheit des Gesetzes sehr wesentlich. Demnach hätte ein jedes Naturgesetz in Betreff der Gewissheit gewonnen, wenn es einen complexen Fall erklärt, von dem man vorher nicht dachte, dass er damit in Verbindung steht, und es ist dies in der That eine Betrachtung, auf welche die Männer der Wissenschaft gewöhnt sind, eher einen zu grossen als einen zu kleinen Werth zu legen.

Der in ihren drei constituirenden Theilen, der Induction, dem Syllogisiren und der Bestätigung, betrachteten deductiven Methode verdankt der menschliche Geist seine rühmlichsten Triumphe in der Erforschung der Natur. Ihr verdanken wir alle Theorien, durch welche ausgedehnte und verwickelte Naturerscheinungen in wenige Gesetze zusammengefasst werden, und die, als Gesetze dieser grossen Erscheinungen betrachtet, durch directes Studium nie hätten entdeckt werden können. Aus dem Beispiele von den Himmelsbewegungen können wir uns einen Begriff bilden, was die Methode für uns gethan hat; es ist dies einer der einfachsten Fälle von einer Zusammensetzung von Ursachen, da (mit Ausnahme einiger wenigen Fälle von nicht der[543] grössten Wichtigkeit) jeder der Himmelskörper ohne wesentliche Ungenauigkeit betrachtet werden kann, als wäre er zu einer gegebenen Zeit von nie mehr als zwei Körpern influirt, indem die Sonne und ein Planet oder Satellit sammt der Gegenwirkung des Körpers selbst und der Tangentialkraft (wie ich die durch des Körpers eigene Bewegung erzeugte und in der Richtung der Tangente109 wirkende Kraft zu nennen keinen Anstand nehme) nur vier verschiedene Agentien bilden, von deren Zusammenwirken die Bewegungen des Körpers abhängig sind; ohne Zweifel eine viel geringere Zahl als jene, durch welche irgend eine andere von den grossen Naturerscheinungen bestimmt oder modificirt wird. Und doch, wie hätten wir je die Combination von Kräften, von denen die Bewegung der Erde und der Planeten abhängig ist, durch ein blosses Vergleichen der Bahnen oder Schnelligkeiten verschiedener Planeten, oder der verschiedenen Schnelligkeiten und Stellungen desselben Planeten bestimmen können? Ungeachtet der Regelmässigkeit, dies ich in diesen Bewegungen in einem Grade zeigt, der bei dem Zusammenwirken von Ursachen so selten ist, und obgleich die periodische Wiederkehr von genau derselben Wirkung den positiven Beweis liefert, dass alle Combinationen von Ursachen, die überhaupt vorkommen, periodisch wiederkehren: so hätten wir doch niemals die Ursachen erkannt, wenn nicht die Existenz genau ähnlicher Agentien auf unserer Erde die Ursachen selbst in den Bereich unseres Experimentirens unter einfachen Umständen gebracht hätte. Da wir noch Gelegenheit haben werden, dieses grosse Beispiel von der Methode der Deduction zu erläutern, so wollen wir uns hier nicht weiter damit beschäftigen, sondern zu jener secundären Anwendung der deductiven Methode übergehen, deren Resultat ist, die Gesetze der Naturerscheinungen nicht zu beweisen, sondern zu erklären.[544]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 533-545.
Lizenz:

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon