Sechstes Capitel.

Von der Zusammensetzung der Ursachen.

[432] §. 1. Um die allgemeine Vorstellung von der Causalität, auf welcher die Regeln der experimentellen Erforschung der Naturgesetze gegründet sind, zu ergänzen, muss noch eine Unterscheidung hervorgehoben werden; eine Unterscheidung, welche so fundamental und wichtig ist, dass sie einer besondern Betrachtung bedarf.

Die vorhergehende Discussion hat uns mit dem Falle vertraut gemacht, in welchem verschiedene Agentien oder Ursachen als Bedingungen zur Hervorbringung einer Wirkung zusammenwirken, ein Fall, der in Wahrheit allgemein ist, da es nur wenige Wirkungen giebt, zu deren Hervorbringung nur ein einziges Agens beiträgt. Wir wollen daher annehmen, dass zwei verschiedene, vereint wirkende Agentien unter gewissen parallel gehenden Bedingungen von einer gegebenen Wirkung begleitet wären. Wenn das eine dieser Agentien, statt vereint mit dem andern, für sich allein unter derselben Reihe von Bedingungen in allen andern Beziehungen gewirkt hätte, so wäre wahrscheinlich irgend eine Wirkung erfolgt, welche von der vereinigten Wirkung der beiden Agentien verschieden, und ihr mehr oder weniger unähnlich gewesen wäre. Wenn wir die Wirkungen der einzeln und getrennt von einander wirkenden Ursachen kennen, so können wir häufig deductiv oder a priori voraussagen, was geschehen wird, wenn die Agentien vereint wirken. Um dies thun zu können, ist es nur nöthig, dass dasselbe Gesetz, welches die Wirkung der einzeln wirkenden Ursachen ausdrückt, auch den Theil von der ganzen Wirkung der beiden ausdrückt, welcher dieser Ursache zukommt. Diese Bedingung wird bei einer sehr umfassenden und wichtigen Classe von Naturerscheinungen, den[432] sogenannten mechanischen, namentlich bei dem Phänomen der Uebertragung der Bewegung eines Körpers auf einen andern (oder des Drucks, was ein Streben nach Bewegung ist), erfüllt. In dieser wichtigen Classe von Erscheinungen wird niemals eine Ursache von der andern vernichtet oder aufgehoben, sondern beide haben ihre volle Wirkung. Wenn ein Körper durch zwei Kräfte in zwei verschiedenen Richtungen bewegt wird, so bewegt er sich in einer gegebenen Zeit genau so weit in beiden Richtungen, als wenn die Kräfte einzeln auf ihn gewirkt hätten und er kommt genau da an, wo er angekommen wäre, wenn erst die eine und dann die andere Kraft auf ihn gewirkt hätte. Dies ist das Naturgesetz, welches in der Mechanik das Princip der Zusammensetzung der Kräfte genannt wird; ich werde, indem ich diesen wohlgewählten Ausdruck nachahme, Zusammensetzung der Ursachen das Princip nennen, welches sich in allen Fällen ausspricht, in denen die vereinte Wirkung verschiedener Ursachen identisch mit der Summe der einzelnen Wirkungen ist.

Dieses Princip herrscht jedoch keineswegs in allen Kreisen der Natur. Die chemische Verbindung zweier Substanzen bringt bekanntlich eine dritte Substanz hervor, deren Eigenschaften von denen der einzelnen Substanzen oder auch beider zusammengenommen gänzlich verschieden sind. Keine einzige der Eigenschaften von Sauerstoff und Wasserstoff ist in ihrer Verbindung, dem Wasser, bemerkbar. Der Geschmack des Bleizuckers ist nicht die Summe der Geschmacke seiner Bestandtheile, der Essigsäure und des Bleioxyds, und die Farbe des blauen Vitriols ist nicht eine Mischung der Farben von Schwefelsäure und Kupfer. Dies erklärt, warum die Mechanik eine deductive oder demonstrative Wissenschaft ist, und die Chemie nicht. In der einen können wir die Combinationen der wirklichen oder hypothetischen Ursachen aus den Gesetzen, welche die einzeln wirkenden Ursachen in uns bekannter Weise beherrschen, berechnen; was in Folge einer jeden einzeln genommenen Ursache geschehen wäre, geschieht wenn sie alle zusammengenommen werden, wir haben die Resultate nur zu addiren. Bei den Naturerscheinungen, die der besondere Gegenstand der Chemie sind, hören die meisten Gleichförmigkeiten, nach denen sich die Ursachen richten so lange sie einzeln sind, auf, wenn sie vereinigt sind, und wir sind nicht im Stande, wenigstens[433] nicht bei dem jetzigen Stande der Wissenschaft, vorauszusagen, welches Resultat aus einer neuen Combination folgen wird, wenn wir es nicht durch das specifische Experiment versucht haben.

Wenn dies von chemischen Verbindungen wahr ist, so gilt es noch viel mehr von jenen complexen Verbindungen der Elemente, welche die organisirten Körper zusammensetzen, und aus welchen jene ausserordentlichen neuen Gleichförmigkeiten entstehen, welche wir die Gesetze des Lebens nennen. Alle organisirten Körper sind aus Theilen zusammengesetzt, die denen der unorganischen Natur ganz ähnlich sind, und welche vorher in einem unorganischen Zustande existirten; aber die Erscheinungen des Lebens, welche aus der Juxtaposition dieser Theile hervorgehen, haben keine Aehnlichkeit mit den Wirkungen, welche durch die Wirkung der als blosse physikalische Agentien betrachteten Bestandtheile hervorgebracht würden. Bis zu welchem Grade wir uns auch unsere Kenntniss der Eigenschaften der Bestandtheile von den lebenden Körpern ausgedehnt und vervollkommnet denken mögen, so ist gewiss, dass ein blosses Summiren der einzelnen Wirkungen dieser Elemente die Wirkung des lebenden Körpers selbst nicht wiedergeben wird. Die Zunge z.B. ist wie die anderen Theile des Thierkörpers aus Albumin, Fibrin und anderen Producten des Verdauungsprocesses zusammengesetzt, aber keine Kenntniss der Eigenschaften dieser Substanzen würde uns erlauben vorauszusagen, dass die Zunge Geschmack besitzt, wenn nicht Albumin und Fibrin selbst Geschmack besitzen, denn es kann keine elementare Thatsache in dem Schlusse liegen, wenn sie nicht vorher in den Prämissen enthalten war.

Es giebt also zwei verschiedene Arten von der vereinigten Wirkung von Ursachen, woraus zwei Arten von Conflicten oder gegenseitigen Interferenzen unter den Naturgesetzen entstehen. Nehmen wir an, in einem gegebenen Punkte des Baumes und der Zeit brächten zwei oder mehr Ursachen entgegengesetzte, oder wenigstens einander widerstreitende und einander ganz oder theilweise sich aufhebende Wirkungen hervor. So strebt die Expansivkraft der durch die Verbrennung des Schiesspulvers erzeugten Gase eine Kugel in die Hohe zu schleudern, während dieselbe durch ihre Schwere nach der Erde gezogen wird. Ein Strom[434] fliesst an dem einen Ende in ein Reservoir und strebt es mehr und mehr zu füllen, während ein Abzugsgraben an dem andern Ende es zu leeren strebt. In solchen Fällen nun, wo die beiden vereint wirkenden Ursachen sich genau gegenseitig annulliren, wird das Gesetz beider dennoch erfüllt; die Wirkung ist dieselbe, als wenn der Abzugsgraben zuerst eine halbe Stunde geöffnet gewesen97 und der Strom hernach eben so lange hineingeflossen wäre. Wir haben also hier zwei Ursachen, welche vereint eine Wirkung hervorbringen, welche von derjenigen, welche sie einzeln hervorbringen, sehr verschieden zu sein scheint, die sich aber bei näherer Prüfung wirklich als die Summe dieser einzelnen Wirkungen ergiebt. Es wird bemerkt werden, dass wir den Begriff der Summe zweier Wirkungen hier so erweitert haben, dass er ihre gewöhnlich sogenannte Differenz, die in Wahrheit das Resultat der Addition entgegenwirkender Ursachen ist, einschliesst, ein Begriff, dem man bekanntlich jene bewunderungswürdige Erweiterung des algebraischen Calcüls verdankt, das als ein Werkzeug der Entdeckung seine Stärke dadurch so sehr vermehrt hat, dass es in seine Schlüsse (mit dem vorgesetzten Zeichen der Subtraction und unter dem Namen negativer Grössen) eine jede Art von positiven Phänomenen eingeführt hat, vorausgesetzt dass sie in Beziehung auf die vorhereingeführten von einer solchen Qualität sind, dass es einerlei ist, ob man die eine addirt, oder eine gleiche Quantität von der andern abzieht.

Es giebt also eine Art von gegenseitiger Interferenz der Naturgesetze, in welcher, wenn auch die zusammenwirkenden Ursachen ihre Wirkungen einander aufheben, eine jede doch ihre volle Kraft nach dem eigenen Gesetze als ein besonderes Agens ausübt. In einer andern Art von Fällen hören jedoch die Agentien, welche zusammengebracht werden, gänzlich auf, und es entsteht eine gänzlich verschiedene Reihe von Erscheinungen, wie bei dem Experiment, wo zwei Flüssigkeiten, die in gewissen Verhältnissen[435] miteinander gemischt werden, augenblicklich eine feste Masse werden, statt einfach zu einer grössern Menge von Flüssigkeit zu werden.

§. 2. Dieser Unterschied zwischen dem Falle, in welchem die vereinigte Wirkung der Ursachen die Summe ihrer einzelnen Wirkungen, und dem Falle, wo sie davon verschieden ist, zwischen Gesetzen, welche ohne Veränderung zusammenwirken, und solchen, welche beim Zusammenwirken aufhören und anderen Platz machen, ist einer der wesentlichen Unterschiede in der Natur. Der erstere Fall, der von der Zusammensetzung der Ursachen, ist der allgemeine; der andere ist immer ein besonderer und exceptioneller Fall. Es giebt keine Gegenstände, welche nicht in einigen ihrer Erscheinungen dem Gesetze der Zusammensetzung der Ursachen gehorchten; keine, welche nicht einige Gesetze hätten, die nicht in allen Verbindungen, welche die Gegenstände eingehen, streng er füllt würden. Das Gewicht eines Körpers z.B. ist eine Eigenschaft, welche er in allen seinen Verbindungen beibehält. Das Gewicht einer chemischen Verbindung oder eines organisirten Körpers ist gleich der Summe der Gewichte der Elemente, aus welchen er zusammengesetzt ißt. Das Gewicht der Elemente oder der Verbindung wird sich ändern, je nachdem sie von ihrem Mittelpunkte der Anziehung entfernt oder ihm genähert werden; aber was das eine afficirt, afficirt auch das andere. Sie bleiben immer genau gleich. Ebenso verlieren die Bestandtheile einer Pflanzen-oder Thiersubstanz ihre mechanischen und chemischen Eigenschaften als besondere Agentien nicht, wenn sie noch durch eine besondere Art von Juxtaposition, als ein aggregirtes Ganze physiologische oder vitale Eigenschaften erlangen. Diese Körper gehorchen wie vorher mechanischen und chemischen Gesetzen, insoweit der Wirkung dieser Gesetze nicht andere Gesetze, welche die organischen Körper beherrschen, entgegenwirken. Kurz, wenn ein Zusammenwirken von Ursachen stattfindet, das neue Gesetze in Thätigkeit ruft, welche keine Aehnlichkeit mit denen haben, welche wir die der einzelnen Wirkung der Ursachen nachweisen können, so können die neuen Gesetze, während sie den einen Theil der früheren Gesetze aufheben, mit einem andern coexistiren, und sogar die Wirkung dieser früheren Gesetze mit der ihrigen vereinigen.[436]

Gesetze, welche auf die zweite Weise hervorgerufen worden sind, können wiederum auf die erstere Weise andere hervorrufen. Obgleich es Gesetze giebt, welche, wie die chemischen und physiologischen Gesetze, ihre Existenz einer Verletzung des Princips der Zusammensetzung der Ursachen verdanken, so folgt daraus nicht, dass diese eigenthümlichen, oder wie man sie nennen könnte, heteropathischen Gesetze einer Vereinigung miteinander nicht fähig sind. Die Ursachen, deren Gesetze durch eine Verbindung geändert wurden, können ihre neuen Gesetze bis in ihre letzten Verbindungen mitnehmen. Es giebt daher keinen Grund, um an der Möglichkeit, die Chemie und Physiologie in die Reihe der deductiven Wissenschaften zu erheben, zu zweifeln; denn obgleich es unmöglich ist, alle chemischen und physiologischen Wahrheiten aus den Gesetzen der einfachen Körper oder elementaren Agentien abzuleiten, so können sie doch wahrscheinlich von Gesetzen abgeleitet werden, welche anfangen, wenn diese einfachen Agentien in eine massige Anzahl von nicht sehr complexen Verbindungen zusammengebracht werden. Die Gesetze des Lebens werden niemals von den blossen Gesetzen der Bestandtheile abgeleitet werden können, aber die wunderbar verwickelten Thatsachen des Lebens mögen aus verhältnissmässig einfachen Gesetzen des Lebens abgeleitet werden, welche Gesetze (von Combinationen, aber verhältnissmässig einfachen Combinationen von Antecedentien abhängig) in verwickelteren Umständen unter sich und mit den physikalischen und chemischen Gesetzen der Bestandtheile verbunden sein können. Die Einzelheiten der Lebenserscheinungen bieten sogar jetzt schon unzählige Beispiele von der Zusammensetzung von Ursachen, und im Verhältniss, als diese Erscheinungen genauer studirt werden, stellt sich immer mehr der Grund zu glauben heraus, dass dieselben Gesetze, welche in einfacheren Combinationen von Umständen wirken, in der That auch in verwickelteren Combinationen befolgt werden. Auch von den Erscheinungen des Geistes, und sogar von den socialen und politischen Erscheinungen, als Resultate der Gesetze des Geistes, wird man dies gleich wahr finden. In Beziehung auf die chemischen Naturerscheinungen ist das Streben, die speciellen Gesetze auf allgemeine zurückzuführen, von denen sie abgeleitet werden können, von dem geringsten Erfolg begleitet gewesen; aber es sind sogar in der Chemie einige Umstände vorhanden,[437] welche zu der Hoffnung berechtigen, dass solche allgemeinen Gesetze noch entdeckt werden. Man wird ohne Zweifel niemals finden, dass die verschiedenen Wirkungen einer chemischen Verbindung die Summe der Wirkungen ihrer einzelnen Elemente sind, aber es kann zwischen den Eigenschaften der Verbindung und denen ihrer Bestandtheile ein constantes Verhältniss bestehen, welches, im Falle es einer hinreichenden Induction entdeckbar wäre, uns in den Stand setzen würde, die Art einer neuen Verbindung vorauszusehen, ehe wir sie untersucht hätten, und zu urtheilen, welche Elemente in die Zusammensetzung einer neuen Substanz eingegangen sind, ehe wir dieselbe analysirt haben. Das Gesetz der bestimmten Proportionen, in seiner ganzen Allgemeinheit zuerst von Dalton entdeckt, ist eine vollständige Lösung dieser Aufgabe in einer Beziehung, wenn auch einer untergeordneten, in Beziehung auf die Quantität; in Beziehung auf die Qualität besitzen wir schon einige partielle Generalisationen, welche die Möglichkeit eines weitern Fortschritts hinlänglich beweisen. Wir können viele gemeinsame Eigenschaften jener Classe von Verbindungen voraussagen, welche aus der Verbindung, in einer jeden der wenigen möglichen Proportionen, von einer Säure mit einer Basis hervorgehen. Auch besitzen wir die sehr merkwürdigen Gesetze von Berthollet, wonach zwei lösliche Salze einander zersetzen, wenn die eine der neuen Verbindungen unlöslich, oder weniger löslich als die beiden früheren ist. Eine andere Gleichförmigkeit, welche man beobachtet hat, ist bekannt als das Gesetz des Isomorphismus, der Identität der Krystallform von Substanzen, welche gewisse Eigenthümlichkeiten der chemischen Zusammensetzung gemein haben. So scheint es, dass sogar heteropathische Gesetze, Gesetze einer vereinigten Wirkung und nicht aus den Gesetzen der besonderen Agentien zusammengesetzt, in einigen Fällen wenigstens, dennoch nach einem festen Princip aus diesen abgeleitet werden können. Es mag wohl Gesetze der Erzeugung von Gesetzen aus anderen, ihnen ähnlichen Gesetzen geben, und in der Chemie können diese noch unentdeckten Gesetze von der Abhängigkeit der Eigenschaften einer Verbindung von den Eigenschaften ihrer Bestandtheile, im Verein mit den Gesetzen der Elemente selbst die Prämissen abgeben, vermittelst derer diese Wissenschaft sich dereinst zu einer deductiven erheben wird.[438]

Wie es scheint, giebt es keine Art von Naturerscheinungen, in denen die Zusammensetzung der Ursachen nicht besteht; es scheint, dass man es als eine allgemeine Regel betrachten kann, dass combinirte Ursachen dieselben Wirkungen hervorbringen, als wenn sie einzeln wirken; dass diese Regel aber, obgleich eine allgemeine, keine universale ist; dass in einigen Fällen, bei besondern Uebergangspunkten der gesonderten zur vereinigten Wirkung, die Gesetze sich andern, und eine ganz neue Reihe von Wirkungen sich denjenigen, welche aus der getrennten Action derselben Ursachen entspringen, addirt, oder dass sie deren. Stelle einnimmt; dass die Gesetze dieser neuen Wirkungen, wie die Gesetze, welche sie aufhoben, in unbeschrankter Weise ebenfalls der Verbindung fähig sind.

§. 3. Manche Schriftsteller haben als ein Axiom in der Theorie der Verursachung angegeben, dass die Wirkungen ihren Ursachen proportional sind, und man hat in den sich auf Naturgesetze beziehenden Schlüssen von diesem Princip häufig einen wichtigen Gebrauch gemacht, obgleich es mit vielen Schwierigkeiten und scheinbaren Ausnahmen behaftet ist, und viel Scharfsinn aufgewendet wurde, um zu zeigen, dass dieselben keine wirklichen Ausnahmen sind. Soweit er wahr ist schliesst sich dieser Satz als ein besonderer Fall dem allgemeinen Princip der Zusammensetzung der Ursachen an, indem die zusammengesetzten Ursachen in diesem Falle homogen sind, und wenn in irgend einem, so darf man in diesem Fall erwarten, dass die vereinigte Wirkung der Summe der einzelnen Wirkungen identisch ist. Wenn eine Kraft von hundert Pfund einen Körper auf einer geneigten Ebene in die Höhe zieht, so wissen wir, dass eine Kraft von zweihundert Pfund zwei jenem ganz gleiche Körper bewegen wird, die Wirkung ist hier der Ursache proportional. Enthält aber hier die Kraft von zweihundert Pfund nicht wirklich zwei Kräfte von hundert Pfund eine jede, welche die beiden Körper einzeln bewegen würden? Die Thatsache, dass sie vereint wirkend die beiden Körper zugleich bewegen, ist also ein Resultat des Gesetzes der Zusammensetzung der Ursachen, und bloss ein Fall der allgemeinen Thatsache, dass mechanische Kräfte dem Gesetze der Zusammensetzung unterworfen sind. Sie sind es in einem jeden andern voraussetzbaren Falle, denn die Lehre von der Proportionalität von Ursache und Wirkung kann natürlicherweise[439] nicht auf Fälle angewendet werden, in welchen die Vermehrung der Ursache die Art der Wirkung ändert, d.h. auf solche, wo der Zuwachs der vermehrten Ursache sich nicht mit ihr vereint, sondern wo beide zusammen ein ganz neues Phänomen erzeugen. Wir wollen annehmen, die Zuführung einer gewissen Menge Wärme vergrössere das Volumen eines Körpers, die doppelte Quantität schmelze, und die dreifache zersetze ihn; da diese drei Wirkungen ganz heterogen sind, so kann kein, dem der zugeführten Wärme entsprechendes, oder auch nicht entsprechendes Verhältniss zwischen ihnen aufgestellt werden. Wir sehen also, dass das supponirte Axiom von der Proportionalität der Ursachen und Wirkungen genau in demselben Punkte fehl geht, in dem das Gesetz der Zusammensetzung der Ursachen fehl geht, da nämlich, wo das Zusammentreffen von Ursachen der Art ist, das es eine Veränderung der Eigenschaften des Körpers hervorbringt, und ihn neuen Gesetzen unterwirft, die mehr oder weniger von denen, wonach er vorher existirte, abweichen. Es wird daher die Anerkennung irgend eines Gesetzes der Art durch das viel umfassendere Princip, in welchem soviel als von ihm wahr, implicite ausgesprochen ist, überflüssig.

Die allgemeinen Bemerkungen über die Verursachung, welche als eine Einleitung in die Theorie des inductiven Verfahrens nöthig schienen, mögen hiermit ihr Ende finden. Das Verfahren ist wesentlich eine Untersuchung der Ursachen. Alle Gleichförmigkeiten in der Folge der Naturerscheinungen, und die meisten Gleichförmigkeiten in deren Coexistenz sind, wie wir gesehen haben, entweder selbst Causalgesetze, oder Consequenzen derselben und Folgesätze, welche aus diesen Gesetzen abgeleitet werden können. Wenn wir bestimmen könnten, welches die Ursachen von irgend welchen Wirkungen, und welches die Wirkungen von irgend welchen Ursachen sind, so würden wir mit dem ganzen Gange der Natur bekannt sein. Man würde alle jene Gleichförmigkeiten, welche bloss ein Resultat von Ursachen sind, erklären können, und jede einzelne Thatsache, jedes einzelne Ereigniss könnte vorausgesagt werden, vorausgesetzt, dass wir die erforderlichen Data, d.h. die erforderliche Kenntniss der Umstände hätten, welche ihm in dem besondern Falle vorhergegangen sind.[440]

Zu bestimmen, welches die in der Natur existirenden Causalgesetze sind, die Wirkung einer jeden Ursache, und die Ursachen aller Wirkungen festzusetzen, ist daher das vornehmste Geschäft der Induction; es ist der höchste Gegenstand der inductiven Logik, zu zeigen wie dies geschehen muss.[441]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 432-442.
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