Neuntes Capitel.

Verschiedene Beispiele von Anwendungen der vier Methoden.

[479] §. 1. Als erstes Beispiel will ich eine interessante Betrachtung von einem der eminentesten theoretischen Chemiker unserer und aller Zeiten, von Professor Liebig, wählen. Es betrifft die Bestimmung der unmittelbaren Ursache des Todes durch Metallgifte.

Arsenige Säuren und die Salze von Blei, Wismuth, Kupfer und Quecksilber, wenn sie in anderen als höchst geringen Dosen in den thierischen Organismus eingeführt werden, zerstören das Leben. Diese Thatsachen waren lange als vereinzelte Wahrheiten von Generalisationen der untersten Art bekannt, aber es war Liebig vorbehalten, durch einen geschickten Gebrauch der zwei ersten unserer Methoden der experimentellen Forschung, diese Wahrheiten durch eine höhere Induction mit einander zu verbinden, indem er die allen diesen Substanzen gemeinschaftliche Eigenschaft bezeichnete, welche die wirkliche Ursache dieser tödtlichen Wirkung ist.

Wenn Lösungen dieser Substanzen in hinreichend enge Berührung mit vielen thierischen Producten, wie Albumin, Milch, Muskelfaser und Membranen kom men, so tritt die Säure oder das Salz aus der Lösung in eine Verbindung mit der Thiersubstanz, welche nach dieser Einwirkung ihre Neigung zur freiwilligen Zersetzung oder Fäulniss verloren hat.

Auch zeigt die Erfahrung, dass in Fällen, wo der Tod durch diese Gifte verursacht wurde, diejenigen Theile des Körpers, welche mit dem Gift in Berührung waren, nicht faulen.

Und endlich, dass wenn die angewandte Menge des Giftes nicht hinreichend war, um das Leben zu vernichten, Schorfe gebildet,[479] d.h. gewisse oberflächliche Theile des Gewebes zerstört werden, welche dann von dem gesunden Theile abgestossen werden.

Diese drei Reihen von Fällen lassen eine Anwendung der Methode der Uebereinstimmung zu. In allen dreien wird die metallische Substanz mit den Substanzen, welche den menschlichen oder thierischen Körper zusammensetzen, in Berührung gebracht; die Fälle scheinen in keinem andern Umstande übereinzustimmen. Die übrigen Antecedentien sind so verschieden und sogar so entgegengesetzt, als sie möglicherweise gemacht werden können, denn in einigen sind die der Einwirkung des Giftes ausgesetzten Thiersubstanzen in einem Zustande des Lebens, in anderen nur in einem Zustande von Organisation, in anderen nicht einmal hierin. Welches Resultat erfolgt aber in allen Fällen? Die Umwandlung der Thiersubstanz in eine chemische Verbindung, die so kräftig zusammengehalten wird, dass sie der nachfolgenden Einwirkung der gewöhnlichen Ursachen der Zersetzung widersteht. Da nun das organische lieben (die nothwendige Bedingung des sensitiven Lebens) in einem fortwährenden Zustande von Zersetzung und Wiederbildung der verschiedenen Organe und Gewebe besteht, so wird alles, was diese Umsetzung hindert, das Leben zerstören, und hiermit ist die nächste Ursache des durch diese Art von Gift bewirkten Todes, soweit es die Methode der Uebereinstimmung vermag, bestimmt.

Wir wollen nun ungern Schluss durch die Differenzmethode prüfen. Indem wir von den bereits angeführten Fällen, in welchen das Antecedens die Gegenwart einer sich mit dem Gewebe verbindenden, fäulnisswidrigen Substanz (die a fortiori chemischer Actionen, welche das Leben ausmachen, unfähig ist), und das Consequens der Tod des ganzen oder eines Theils des Organismus ist, ausgehen, wollen wir mit diesen Fällen andere vergleichen, welche ihnen soviel wie möglich gleichen, in denen diese Wirkung jedoch nicht hervorgebracht wird. Vor allem ist bekannt, dass viele basischen Salze der arsenigen Säure nicht giftig sind. Das von Bunsen entdeckte Alkargen, welches eine bedeutende Quantität Arsenik enthält, und dessen Zusammensetzung sich der Zusammensetzung der in dem Körper gefundenen organischen Verbindungen nähert, hat nicht die geringste schädliche Wirkung auf den Organismus.[480] Wenn diese Körper mit den thierischen Geweben auf irgend eine Weise in Berührung gebracht werden, so verbinden sie sich nicht damit, sie verhindern die Zersetzung derselben nicht. So weit diese Fälle gehen, scheint es also, dass wenn die Wirkung ausbleibt, es wegen der Abwesenheit desjenigen Antecedens geschieht, welches wir guten Grund hatten, als nächste Ursache zu betrachten.

Den strengen Bedingungen der Differenzmethode ist aber hiermit noch nicht genügt worden, denn wir können nicht sicher sein, dass diese ungiftigen Körper mit den giftigen Substanzen in jeder Beziehung mit Ausnahme der besonderen einen, nämlich mit dem thierischen Gewebe eine schwer zersetzbare Verbindung einzugehen, übereinstimmen. Um die Methode genau anwendbar zu machen, bedürfen wir eines Falles, nicht einer verschiedenen, sondern derselben Substanz unter Umständen, welche sie verhindern, die in Rede stehende Art von Verbindung mit dem Gewebe zu bilden; wenn der Tod alsdann nicht erfolgt, so ist unser Fall ermittelt. Die Gegengifte jener Substanzen bieten nun solche Fälle dar. Wenn bei der Vergiftung mit arseniger Säure Eisenoxydhydrat eingegeben wird, so wird der zerstörenden Wirkung derselben sogleich Einhalt gethan. Man weiss aber, dass das Eisenoxyd mit der arsenigen Säure eine Verbindung eingeht, die ihrer Unlöslichkeit wegen nicht auf das thierische Gewebe wirken kann. Ebenso ist Zucker ein bekanntes Gegengift gegen Kupfersalze. Der Zucker reducirt diese Salze entweder zu metallischem Kupfer, oder zu rothem Kupferoxydul, wovon keines mit thierischer Substanz eine Verbindung eingeht. Die in Fabriken von Bleiweiss so gewöhnliche Bleikolik ist da unbekannt, wo die Arbeiter gewöhnt sind, als Präservativ täglich Schwefelsäure-Limonade (mit Schwefelsäure angesäuertes Zuckerwasser) zu sich zu nehmen. Verdünnte Schwefelsäure hat aber die Eigenschaft, alle Verbindungen des Bleies mit organischen Substanzen zu zersetzen, und natürlich auch zu verhindern, dass sie sich bilden.

Es giebt eine andere Classe von Fällen von dem Charakter, wie ihn die Differenzmethode verlangt, welche auf den ersten Anblick der Theorie zu widerstreiten scheinen. Lösliche Silbersalze, z.B. salpetersaures Silberoxyd, haben dieselbe steif machende, antiseptische Wirkung auf Thiersubstanzen wie der Aetzsublimat[481] und die tödtlichsten Metallgifte; mit den äusseren Theilen des Körpers zusammengebracht, ist das salpetersaure Silberoxyd ein kräftiges Aetzmittel, das diese Theile aller Lebensfähigkeit beraubt, und verursacht, dass sie von den gesunden Theilen in Form eines Schorfes abgestossen werden. Es möchte daher scheinen, dass wenn die Theorie richtig ist, das salpetersaure und andere Silbersalze giftig sein müssen; sie können jedoch ohne Schaden innerlich genommen werden. Aus dieser scheinbaren Ausnahme ersteht die strengste Bestätigung, welche die Theorie Liebig's bis jetzt erhalten hat. Trotz seiner chemischen Eigenschaften wirkt das salpetersaure Silberoxyd nicht als ein Gift, wenn es in den Magen gebracht wird; aber im Magen, wie in allen thierischen Flüssigkeiten, ist Kochsalz enthalten; auch ist im Magen freie Salzsäure vorhanden. Diese Substanzen wirken als ein Gegengift, indem sie das salpetersaure Silberoxyd, wenn seine Menge nicht zu gross ist, in Chlorsilber, eine sehr wenig lösliche Substanz, verwandeln, die unfähig ist, sich mit dem Thiergewebe zu verbinden, obgleich sie, soweit ihre Löslichkeit geht, einen medicinischen Einfluss, aber eine ganz verschiedene Art organischer Wirkungen hat.

Die vorhergehenden Beispiele boten eine Induction von sehr bündiger Art, um die zwei einfachsten unserer vier Methoden zu erläutern, wenn sie sich auch nicht zu dem Maximum von Gewissheit erhebt, welche die Differenzmethode in ihrer vollkommensten Anwendung darbieten kann. Denn (wir wollen dies nicht vergessen) der positive und negative Fall, welche die Strenge dieser Methode verlangt, dürfen nur in Anwesenheit oder Abwesenheit eines einzigen Umstandes differiren. In dem vorhergehenden Argument sind sie nun aber nicht durch einen einzigen Umstand, sondern durch eine einzige Substanz unterschieden, und da jede Substanz unzählige Eigenschaften besitzt, so weiss man nicht, wieviel wirkliche Differenzen in der angeblichen und scheinbaren Differenz eingeschlossen sind. Es ist begreiflich, dass das Gegengift, das Eisenoxydhydrat z.B., durch andere Eigenschaften als durch die Verbindung zu einem unlöslichen Körper dem Gift entgegenwirken könnte; wenn dies der Fall wäre, so würde die Theorie, so weit als sie durch diesen Fall gestutzt wird, fallen müssen. Diese Quelle von Unsicherheit, die in der Chemie ein grosses Hinderniss[482] aller Generalisationen ist, ist indessen in dem gegenwärtigen Falle auf den möglichst niedrigen Grad zurückgeführt wenn wir finden, dass nicht allein eine einzige, sondern dass viele Substanzen die Fähigkeit besitzen, als Gegengifte gegen metallische Gifte zu wirken, und dass alle in der Eigenschaft übereinstimmen, mit den Giften unlösliche Verbindungen zu bilden, während sie in keiner andern Eigenschaft übereinstimmend gefunden werden können. Wir haben also für diese Theorie allen Beweis, welcher durch das, was wir die indirecte Differenzmethode genannt haben, erhalten werden kann; einen Beweis, der nie den durch directe Differenzmethode erhaltenen erreichen, der sich ihm aber ohne Grenze nähern kann.

§. 2. Es sei die Aufgabe,101 die Gesetze der sogenannten inducirten Elektricität zu erforschen, zu finden, unter welchen Bedingungen ein positiv oder negativ elektrisirter Körper in einem andern benachbarten Körper die entgegengesetzte Elektricität erregt.

Die zu erforschende Naturerscheinung wird gewöhnlich in folgender Weise erläutert. Man findet, dass die den Conductor der Elektrisirmaschine umgebende Atmosphäre, oder eine in derselben aufgehangene leitende Fläche die entgegengesetzte Elektricität des Conductors besitzt. Der positive Conductor ist mit negativer, der negative mit positiver Elektricität umgeben. Bringt man in die Nähe des einen der Conductoren Kügelchen aus Hollundermark, so beladen sie sich mit der entgegengesetzten Elektricität, indem sie entweder Von der bereits elektrisirten Atmosphäre einen Theil Elektricität aufnehmen, oder auch durch den directen, inducirenden Einfluss des Conductors; sie werden nun von dem entgegengesetzt geladenen Conductor, oder, wenn man sie in ihrem elektrisirten Zustande entfernt, von einem jeden entgegengesetzt geladenen Körper angezogen. In derselben Weise empfängt oder giebt die[483] Hand, wenn sie dem Conductor genähert wird, eine elektrische Entladung. Wir haben nun aber keinen Beweis, dass eingeladener Conductor plötzlich anders als durch die Annäherung eines entgegengesetzt elektrisirten Körpers entladen werden könnte. Es scheint daher, dass bei der Elektrisirmaschine die Anhäufung der Elektricität in einem isolirten Conductor immer von der Erregung der entgegengesetzten Elektricität in umgehender Atmosphäre und in einem, dem ersten genäherten Conductor begleitet ist. Es scheint in diesem Falle nicht möglich, eine Elektricität allein hervorzubringen.

Wir wollen nun alle anderen bekannten Fälle betrachten, die diesem Falle in der gegebenen Folge, nämlich in der Erregung einer entgegengesetzten Elektricität in der Umgebung eines elektrisirten Körpers, gleichen. Ein merkwürdiges Beispiel ist die Leydner Flasche, und nach den schönen Versuchen Faraday's, die zu einem vollständigen Nachweis der Identität des Magnetismus und der Elektricität führten, können wir den natürlichen sowohl als den Elektromagneten anführen; in keinem von allen diesen Fällen ist es möglich, die eine Elektricität allein hervorzubringen, oder den einen Pol zu laden, ohne zugleich den andern mit der entgegengesetzten Elektricität zu laden. Wir können keinen Magnet mit einem Pole herstellen; brechen wir einen natürlichen Magneten in tausend Stücke, so wird jedes Stück seine beiden entgegengesetzt elektrisirten Pole haben. In der voltaischen Säule sehen wir immer einen galvanischen Strom von dem entgegengesetzten Strom begleitet. Bei der gewöhnlichen Elektrisirmaschine ist die Glasplatte immer positiv, das Reibezeug negativ elektrisch.

Nach der Methode der Uebereinstimmung behandelt, scheint aus allen diesen Fällen ein allgemeines Gesetz hervorzugehen. Diese Fälle umfassen alle bekannten Arten, in denen ein Körper mit Elektricität zu laden ist, und in allen findet man als Begleitung oder als Consequens die Erregung der entgegengesetzten Elektricität in einem andern Körper oder in andern Körpern. Es scheint daraus zu folgen, dass diese zwei Thatsachen unveränderlich mit einander verknüpft sind, und dass die Erregung der Elektricität in einem Körper die Möglichkeit einer gleichzeitigen Erregung der entgegengegetzten[484] Elektricität in einem benachbarten Körper zu einer ihrer nothwendigen Bedingungen hat.

Da die zwei Elektricitäten nur zusammen hervorgebracht werden können, so können sie auch nur zusammen aufhören. Man kann dies durch die Anwendung der Differenzmethode auf den Fall der Leydner Flasche nachweisen. Es ist bekannt, dass in der Leydner Flasche die Elektricität gesammelt und zurückgehalten werden kann. Wenn die eine Seite der Flasche positiv geladen ist, so ist die andere negativ geladen, und es ist unmöglich, die eine Belegung zu entladen, ohne zugleich die andere zu entladen. Ein auf die positive Seite gehaltener Conductor kann keine positive Elektricität ableiten, wenn nicht zugleich eine gleiche Menge negativer übergehen kann; wenn die eine Belegung vollkommen isolirt ist, so ist die Ladung sicher. Das Verschwinden der einen muss gleichen Schritt mit dem der andern Elektricität halten.

Das auf diese Weise nachgewiesene Gesetz wird durch die Methode der sich begleitenden Veränderungen bestätigt. Die Leydner Flasche ist einer stärkeren Ladung fähig, als der Conductor der Elektrisirmaschine gewöhnlich anzunehmen vermag. Die metallene Oberfläche der Leydner Flasche, welche die inducirte Elektricität aufnimmt, ist ein Conductor, der dem die primäre Ladung aufnehmenden ganz ähnlich und daher gerade so fähig ist, die eine Elektricität aufzunehmen und zurückzuhalten, wie die entgegengesetzte Oberfläche die andere Elektricität aufzunehmen und zurückzuhalten vermag; bei der Elektrisirmaschine aber ist der entgegengesetzt zu elektrisirende Körper die umgebende Atmosphäre, oder ein zufällig in die Nähe des Conductors gebrachter Körper; und da diese in ihrer Fähigkeit elektrisirt zu werden dem Conductor weit nachstellen, so geht aus dieser begrenzten Fähigkeit eine entsprechende Beschränkung der Fähigkeit des Conductors, geladen zu werden, hervor. So wie die Fähigkeit des benachbarten Körpers, die entgegengesetzte Elektricität aufzunehmen, d.i. den elektrischen Gegensatz auszuhalten, zunimmt, wird eine stärkere Ladung möglich, und hierin scheint der grössere Vortheil der Leydner Flasche zu bestehen.

Eine andere und noch grössere Bestätigung durch die Differenzmethode findet man in einem Experiment Faraday's in seinen Untersuchungen über die inducirte Elektricität.[485]

Die gewöhnliche oder Reibungselektricität kann zu dem vorliegenden Zwecke als identisch mit dem Galvanismus betrachtet werden; Faraday wollte nun wissen, ob ähnlich dem Conductor, der in einem benachbarten Conductor die entgegengesetzte Elektricität erregt, ein durch einen Draht gehender voltaischer Strom in einem andern, in kurzer Entfernung damit parallel gehenden, Draht einen entgegengesetzten Strom erregen würde. Dieser Fall ist nun den vorher untersuchten Fällen in einem jeden Umstände, mit Ausnahme des einen, dem wir die Wirkung zugeschrieben haben, ähnlich. In den vorhergehenden Fällen fanden wir, dass wenn in einem Körper eine der Elektricitäten erregt wird, in einem benachbarten Körper die entgegengesetzte Elektricität erregt wird. In Faraday's Versuch existirt aber dieser unumgängliche Gegensatz im Draht selbst. Der Natur der voltaischen Ladung nach sind die zwei für einander nothwendigen, entgegengesetzten Ströme in einem Draht vor handen, und es bedarf keines andern Drahtes, um den einen Strom zu enthalten, in der Weise wie die Leydner Flasche eine positive und eine negative Oberfläche haben muss. Die erregende Ursache kann die ganze Wirkung, welche ihre Gesetze erfordern, hervorbringen, und bringt sie unabhängig von einer elektrischen Erregung in einem benachbarten Körper hervor. Das Resultat von Faraday's Versuch mit dem zweiten Draht war nun, dass kein entgegengesetzter Strom hervorgebracht wird. Eine augenblickliche Wirkung war beim Schliessen und Oeffnen der Kette vorhanden, es erschienen elektrische Inductionen, wenn man die Drähte einander näherte oder von einander entfernte; dies sind jedoch Erscheinungen einer ganz andern Art. Es war keine inducirte Elektricität in dem Sinne, wie von der Leydner Flasche angegeben wurde, es war kein den einen Draht anhaltend aufwärts laufender, und ein anderer den benachbarten Draht abwärts laufender entgegengesetzter Strom vorhanden, was allein ein dem andern Falle wahrhaft paralleler Fall gewesen wäre.

Es geht also aus dem vereinigten Beweise nach der Methode der Uebereinstimmung, der Methode der sich begleitenden Veränderungen und der strengsten Form der Differenzmethode hervor, dass keine von den zwei Elektricitäten erregt werden kann, ohne dass zugleich die andere entgegengesetzte erregt wird, dass beide Wirkungen derselben Ursache sind, dass die Möglichkeit der einen[486] durch die Möglichkeit der andern bedingt, und dass die Quantität der einen die unüberschreitbare Grenze der Quantität der andern ist; ein wissenschaftliches Resultat von einem grossen Interesse und das die drei Methoden ebenso charakteristisch als leicht verständlich erläutert.102

§. 3. Ein drittes Beispiel entnehme ich Herschel's Discourse of the Study of Natural Philosophy, einem Werke, das eine Fülle von wohlgewählten Beispielen inductiver Forschung aus beinahe allen Zweigen der physikalischen Wissenschaften enthält, und in dem allein von allen Büchern, denen ich begegnet bin, die vier Methoden der Induction erkannt, obgleich sie weder so deutlich, als es mir wünschenswerth schien, charakterisirt und definirt, noch ihre gegenseitigen Beziehungen nachgewiesen sind. Der vorliegende Fall wird mit Recht von Herschel »als eines der schönsten Beispiele von inductiver experimenteller Forschung innerhalb eines beschränkten Gebietes« bezeichnet; es ist die Theorie des Thaues, die zuerst von dem verstorbenen Dr. Wells ausgesprochen und gegenwärtig von der wissenschaftlichen Welt allgemein angenommen ist. Die mit Anführungszeichen versehenen Stellen sind wörtlich dem Werke von Herschel entnommen.

»Es sei also der Thau das gegebene Phänomen, dessen Ursache wir wissen wollen. Zuerst müssen wir genau festsetzen, was wir unter Thau verstehen, welche Thatsache es ist, deren Ursache wir erforschen wollen. Wir müssen den Thau vom Regen und von der Feuchtigkeit des Nebels scheiden, und die Anwendung des[487] Wortes auf das beschränken, was wirklich damit gemeint ist, d.h. auf die freiwillige Erscheinung von Feuchtigkeit auf Körpern, die der Luft zu einer Zeit ausgesetzt sind, wo weder Regen noch eine sichtbare Feuchtigkeit herabfällt.« Dies entspricht einem vorläufigen Verfahren, das in der folgenden Abtheilung, die von den Hülfsoperationen der Induction handelt, charakterisirt werden soll. Nachdem die Frage so Festgesetzt worden ist, kommen wir zur Lösung.

»Hier haben wir nun analoge Erscheinungen in der Feuchtigkeit, welche ein kaltes Metall oder einen Stein benetzt, worauf wir hauchen; in der Feuchtigkeit, welche an einem Glas mit kaltem Wasser erscheint, wenn es über heisses Wasser gehalten wird; in der Feuchtigkeit, welche an der Innenseite der Fenster erscheint, wenn ein plötzlicher Regen oder Hagel die äussere Luft abkühlt; in derjenigen, welche nach einem langen Frost an Mauern herabläuft, wenn ein feuchtes Thauwetter eintritt. Wenn wir diese Fälle mit einander vergleichen, so finden wir, dass sie die Naturerscheinung enthalten, die als Gegenstand unserer Untersuchung dargestellt wurde. Alle diese Fälle stimmen nun in einem Punkte überein, nämlich in der Kälte des bethauten Gegenstandes im Vergleich mit der Luft, die in Berührung damit ist. Es bleibt aber noch der wichtigste Fall, der Nachtthau, übrig. Ist derselbe Umstand auch in diesem Falle vorhanden? Ist es eine Thatsache, dass der bethaute Gegenstand kälter ist als die Luft? Gewiss nicht, sollte man sagen; denn was macht ihn kälter? Aber... der Versuch ist leicht zu machen; wir haben nur ein Thermometer in Berührung mit dem bethauten Körper zu bringen, und ein anderes in einer kleinen Entfernung, ausserhalb des Einflusses desselben aufzuhängen. Der Versuch wurde gemacht, die Frage wurde gestellt, und die Antwort fiel beständig bejahend aus. Wenn ein Körper mit Thau beschlägt, so ist er kälter als die Luft.«

Wir haben also hier eine vollständige Anwendung der Methode der Uebereinstimmung, welche die Thatsache eines beständigen Zusammenhangs zwischen dem Absatz von Thau auf einer Fläche und der Kälte dieser Fläche, verglichen mit der der Luft, feststellt. Was ist aber hier Ursache und was Wirkung? Oder sind beide Wirkungen von irgend etwas Anderem? Die Methode der Uebereinstimmung kann aus hierüber keinen Aufschluss geben; wir[488] müssen eine wirksamere Methode zu Hülfe nehmen. »Wir müssen daher mehr Thatsachen sammeln, oder, was auf Eins hinausläuft, wir müssen die Umstände verändern, da ein jeder Fall, in welchem die Umstände differiren eine neue Thatsache ist; und besonders müssen wir die entgegengesetzten oder negativen Fälle, d.h. die Fälle, in denen kein Thau erzeugt wird, unterscheiden,« indem eine Vergleichung der Fälle, wo Thau sich absetzt, und der Fälle, wo nicht, die nothwendige Bedingung der Anwendung der Differenzmethode ist.

»Es Wird nun aber auf nach oben gekehrten polirten Metallflächen kein Thau abgesetzt, aber reichlich auf Glasflächen, die nach oben gekehrt sind und in manchen Fällen bedeckt sich auch die untere Fläche einer horizontalen Glasplatte mit Thau.« Wir haben hier einen Fall, in dem die Wirkung hervorgebracht wird, und einen andern Fall, in dem sie nicht hervorgebracht wird; wir können jedoch noch nicht wie es die Kegel der Differenzmethode verlangt, behaupten, dass der letztere Fall mit dem erstern in allen Umständen, mit Ausnahme eines einzigen, übereinstimmt; denn die Unterschiede zwischen Glas und polirtem Metall sind mannigfaltig, und Alles, was wir bis jetzt gewiss wissen, ist, dass die Ursache des Thaues sich unter den Umständen finden wird, durch welche sich die letztere Substanz von der ersteren unterscheidet. Wenn wir versichert sein könnten, dass Glas und die verschiedenen Substanzen, auf welche Thau abgesetzt wird, nur eine Eigenschaft gemein haben, und dass polirte Metalle und die anderen Substanzen, auf die sich kein Thau abgesetzt, ebenfalls nichts gemein haben, als den einen Umstand, dass sie nicht die eine Eigenschaft der anderen besitzen: so wäre den Anforderungen der Differenzmethode vollständig Genüge gethan und wir würden in dieser Eigenschaft die Ursache des Thaues erkennen. Dies ist demnach der nächste Schritt, den wir in der Untersuchung zu thun haben.

»Bei der Anwendung von polirtem Metall und polirtem Glas zeigt es sich deutlich, dass die Substanz für das Phänomen von Wichtigkeit ist; man andere daher so viel wie möglich die Substanz allein, indem man polirte Flächen verschiedener Art aussetzt. Hieraus ergiebt sich eine Intensitätsscala. Man findet, dass diejenigen Substanzen am meisten bethaut werden, welche die[489] Wärme am schlechtesten leiten, während die guten Wärmeleiter der Bethauung widerstehen.« Die Verwickelung nimmt zu und wir müssen die Methode der sich begleitenden Umstände zu Hülfe nehmen; keine andere Methode war hier anwendbar, denn die Eigenschaft der Wärmeleitung konnte nicht ausgeschlossen werden, indem alle Körper in einem gewissen Grade die Wärme leiten. Der Schluss lautet daher, dass caeteris paribus der Absatz von Thau in einem gewissen Verhältnisse zur Fähigkeit der Metalle, der Wärme den Durchgang zu wehren, steht, und dass daher dies (oder etwas, was damit zusammenhängt) wenigstens eine von den Ursachen sein muss, welche den Absatz von Thau auf einer Fläche hervorrufen.

»Nimmt man rauhe Flächen anstatt polirter, so findet man zuweilen, dass dieses Gesetz aufhört, gültig zu sein. So findet man, dass rauhes Eisen, besonders wenn es geschwärzt ist, eher mit Thau beschlägt als gefirnisstes Papier; es hat also die Art der Oberfläche einen grossen Einfluss. Man setze daher verschiedene Oberflächen desselben Materials aus« (d.h. man gebrauche die Differenzmethode, um die Begleitung von Veränderungen zu bestimmen), »so wird sich eine zweite Intensitätsscala darbieten; diejenigen Oberflächen, welche ihre Wärme am schnellsten durch Ausstrahlung verlieren, werden den Thau am meisten angezogen haben.« Es finden sich also hier die erforderlichen Umstände für eine zweite Anwendung der Methode der sich begleitenden Veränderungen, die in diesem Falle die einzig anwendbare Methode ist, indem alle Substanzen in einem gewissen Grade Wärme ausstrahlen. Der durch diese zweite Anwendung der Methode erhaltene Schluss ist, dass caeteris paribus der Absatz von Thau in einem gewissen Verhältniss zur Wärmestrahlung steht, und dass eine bedeutende Wärmestrahlung (oder eine Ursache, von welcher diese Eigenschaft abhängt) ebenfalls eine der Ursachen ist, welche den Absatz von Thau bewirken.

»Der von Substanz und Oberfläche nachgewiesene Einfluss führt zur Betrachtung des Einflusses, welchen die Textur besitzt, und der Versuch zeigt uns auch hier wieder bemerkenswerthe Unterschiede. Wir erhalten eine dritte Intensitätsscala, wonach Substanzen von einer dichten, festen Textur, wie Steine, Metalle etc., der Bethauung ungünstig, dagegen Substanzen von einer lockern[490] Textur, wie Tuch, Wolle, Sammet, Eiderdaun, Baumwolle etc., der Anziehung des Thaues ausserordentlich günstig sind.« Man war hier zum dritten Male durch die Nothwendigkeit gezwungen, seine Zuflucht zu der Methode der sich begleitenden Veränderungen zu nehmen, indem die Textur keiner Substanz absolut fest oder absolut locker ist. Die Lockerheit der Textur, oder etwas, das die Ursache dieser Eigenschaft ist, ist daher ebenfalls ein Umstand, der den Absatz des Thaues befördert; diese dritte Ursache ist jedoch schon in der ersten, in der Eigenschaft nämlich, der Wärme den Durchgang zu wehren, eingeschlossen; denn Substanzen von einer lockern Textur »sind gerade solche, welche sich sehr gut zur Kleidung eignen, oder einem freien Durchgang der Hautwärme in die Luft widerstehen, in der Art, dass ihre äussere Oberfläche sehr kalt sein kann, während die Innenseite warm bleibt«, und die letzte Induction (aus neuen Fällen abgeleitet) bekräftigt daher bloss eine frühere Induction.

Es scheint also, dass die sehr mannigfaltigen Fälle, in denen Thau abgesetzt wird, soweit wir beobachten können, nur darin übereinstimmen, dass die Wärme entweder rasch ausgestrahlt oder schlecht geleitet wird, Eigenschaften, die keinen andern Umstand gemein haben, als dass vermittelst beider die Wärme, welche ein Körper an seiner Oberfläche zu verlieren strebt, aus seinem Innern nicht ersetzt werden kann. Die Fälle dagegen, in denen kein oder nur wenig Thau gebildet wird, und welche ebenfalls sehr mannigfaltig sind, stimmen (soweit wir beobachten können) in nichts überein als nur darin, dass sie nicht dieselbe Eigenschaft besitzen. Es scheint daher, dass wir den einzigen Unterschied zwischen Substanzen, welche Thau hervorbringen, und Substanzen, welche ihn nicht hervorbringen, entdeckt, und so den Anforderungen der Methode, welche wir indirecte Differenzmethode oder die vereinigte Methode der Uebereinstimmung und des Unterschieds genannt haben, Genüge geleistet haben. Das Beispiel, welches wir in Beziehung auf diese Methode vorgebracht haben, und die Art, in welcher die Data durch die Methode der Uebereinstimmung und der sich begleitenden Veränderungen für dieselbe vorbereitet werden, ist die wichtigste aller Erläuterungen, welche diese interessante Betrachtung darbot.

Wir könnten nun die Frage, wovon hängt der Absatz des Thaues ab, als gänzlich gelöst betrachten, wenn wir gewiss sein[491] könnten, dass die Substanzen, auf welche der Thau sich absetzt, von denjenigen, bei denen dies nicht stattfindet, sich in nichts Anderm unterscheiden, als in der Eigenschaft, die Wärme von der Oberfläche schneller zu verlieren, als sie von innen ersetzt werden kann. Obgleich wir nun diese Gewissheit nie haben können, so ist dies doch weniger wichtig, als man im ersten Augenblicke annehmen möchte; denn wir haben auf jeden Fall ermittelt, dass wenn es eine bisher nicht beobachtete Eigenschaft gäbe, die in allen Substanzen, welche Thau anziehen, gegenwärtig, und abwesend in allen ist, welche dies nicht thun, so muss sie der Art Bein, dass sie in der grossen Anzahl von Substanzen anwesend oder abwesend ist, wenn die Eigenschaft, ein besserer Ausstrahler als Leiter zu sein anwesend oder abwesend ist, eine Uebereinstimmung, welche zur stärksten Vermuthung einer Gemeinschaftlichkeit der Ursache und einer daraus folgenden, unveränderlichen Coexistenz der beiden Eigenschaften Anlass giebt, so dass wenn die Eigenschaft, ein besserer Ausstrahler als Leiter zu sein, nicht selbst die Ursache ist, sie doch fast gewiss die Ursache jedesmal begleitet, und zum Zweck einer Voraussagung wird man keinen Irrthum begehen, wenn man sie wirklich als solche ansieht.

Indem wir nun zu einem frühern Stadium der Untersuchung zurückkehren, wollen wir uns erinnern, ermittelt zu haben, dass in einem jeden Falle, wo Thau gebildet wird, die Temperatur der Oberfläche niedriger als die der umgebenden Luft ist; wir waren jedoch nicht sicher, ob diese Kälte die Ursache oder die Wirkung des Thaues war. Wir sind nunmehr im Stande, diesen Zweifel zu lösen. Wir haben gefunden, dass in einem jeden derartigen Fall die Substanzen durch ihre eigenen Gesetze oder Eigenschaften kälter als die umgebende Luft werden, wenn sie bei Nacht ausgesetzt worden. Da demnach die Kälte unabhängig von dem Thau erklärt ist, während bewiesen ist, dass zwischen beiden ein Zusammenhang besteht, so muss der Thau von der Kälte abhängig sein, oder mit anderen Worten, die Kälte ist die Ursache des Thaues.

Das schon so vollkommen bestimmte Gesetz der Verursachung des Thaues lässt indessen nicht weniger als drei sehr kräftige Bestätigungen zu. Die erste leitet sich von den bekannten Gesetzen des in der Luft oder in einem andern Gas verbreiteten Wasserdampfes ab, und obgleich wir noch nicht bis zur deductiven Methode[492] gekommen sind, so wollen wir doch nichts unterlassen, was unsere Betrachtung vollständig machen kann. Aus dem directen Versuch ist bekannt, dass bei einem jeden Temperaturgrad nur eine begrenzte Menge Wasser in der Form von Dampf in der Luft verbreitet bleiben kann, und dass dieses Maximum sich in dem Maasse verringert, als die Temperatur abnimmt. Auf deductive Weise folgt daraus, dass wenn schon so viel Dampf verbreitet ist, als die Luft bei ihrer bestehenden Temperatur enthalten kann, so wird bei einer Erniedrigung der Temperatur ein Theil dieses Dampfes condensirt werden und Wasser bilden. Wir wissen aber auch durch Deduction aus den Gesetzen der Wärme, dass durch den Contact der Luft mit einem kaltem Körper die Temperatur der denselben unmittelbar umgebenden Luftschicht erniedrigt wird, wodurch sie einen Theil ihres Wassers abgiebt, welcher sich den gewöhnlichen Gesetzen der Schwere oder der Cohäsion nach auf der Oberfläche des Körpers absetzt und Thau bildet. Man wird bemerkt haben, dass dieser deductive Beweis den Vortheil hat, zugleich die Verursachung und die Coexistenz zu beweisen, auch hat er noch den Vortheil, dass er die Ausnahmen erklärt, die Fälle nämlich, wo kein Thau gebildet wird, obgleich der Körper kälter ist, als die Luft, indem er zeigt, dass dies nothwendig stattfinden muss, wenn die Luft, im Vergleich zu ihrer Temperatur, so wenig Wasserdunst enthält, dass sie selbst bei einiger Abkühlung durch den Contact mit kälteren Körpern allen darin schwebenden Dunst zurückhalten kann; so entsteht in einem sehr trocknen Sommer kein Thau, in einem trocknen Winter kein Reif. Wir sehen also hier eine weitere Bedingung der Erzeugung des Thaues, welche die früher gebrauchten Methoden nicht entdeckten, und welche wir auch jetzt noch nicht entdeckt hätten, wenn wir nicht unsere Zuflucht zu dem Verfahren genommen hätten, die Wirkung von den ermittelten Eigenschaften der als gegenwärtig erkannten Agentien abzuleiten.

Die zweite Bestätigung der Theorie besteht in dem directen Versuche nach der Regel der Differenzmethode. Indem wir die Oberfläche eines Körpers abkühlen, können wir in allen Fällen eine Temperatur finden (je nach dem Feuchtigkeitszustande der Luft mehr oder weniger verschieden von Lufttemperatur), bei welcher sich Thau zu bilden anfängt. Hier ist also die Ursache direct[493] bewiesen. In Wahrheit können wir dies nur nach einem kleinen Maassstab zu Stande bringen, wir haben jedoch allen Grund zu schliessen, dass die Operation, in dem grossen Laboratorium der Natur ausgeführt, dieselbe Wirkung hervorbringen würde.

Zuletzt nun sind wir auch im Stande, das Resultat nach diesem grossen Maassstabe zu verificiren. Der Fall ist einer von denjenigen (seltene Fälle, wie wir gezeigt haben), wo die Natur für uns das Experiment in derselben Weise macht, wie wir es selbst machen würden; indem sie nämlich in den vorherigen Zustand der Dinge einen einzigen und vollkommen bestimmten neuen Umstand einführt und die Wirkung so schnell zeigt, dass keine Zeit für irgend eine andere wesentliche Veränderung in den vorhergehenden Umständen vorhanden ist. »Man hat beobachtet, dass der Thau niemals reichlich auf Stellen abgesetzt wird, die nach dem offenen Himmel zu geschirmt sind, und dass in einer wolkigen Nacht gar keiner abgesetzt wird; wenn sich aber die Wolken auch nur für wenige Minuten verziehen und einen klaren Himmel hinterlassen, so beginnt sogleich ein Absatz von Thau, der immer stärker wird... Thau, der bei klarem Himmel gebildet wurde, wird sogar häufig wieder verdunsten, wenn der Himmel sich wieder bedeckt.« Der Beweis, dass die Gegenwart oder die Abwesenheit einer ununterbrochenen Verbindung mit dem Himmel den Absatz oder Nicht-Absatz des Thaues verursacht, ist daher vollständig. Da nun ein klarer Himmel nichts Anderes ist, als die Abwesenheit von Wolken, und es eine bekannte Eigenschaft der Wolken sowie aller anderen Körper ist, zwischen denen und einem gegebenen Object sich nichts als ein elastisches Fluidum befindet, dass sie die Temperatur der Oberfläche des Gegenstandes zu erhöhen oder zu erhalten streben, indem sie ihr Wärme zustrahlen, so sieht man zugleich, dass das Verschwinden der Wolken die Oberfläche abkühlen wird, so dass die Natur in diesem Falle durch bestimmte und bekannte Mittel eine Veränderung in dem Antecedens hervorbringt, was die entsprechende Folge nach sich zieht; ein natürliches Experiment, das den Anforderungen der Differenzmethode entspricht.103[494]

Der vielfältige Beweis, dessen die Theorie des Thaues fähig befunden wurde, ist ein schlagendes Beispiel von der ganzen Gewissheit, welche der inductive Beweis von Causalgesetzen in Fällen erreichen kann, wo die unveränderliche Sequenz keineswegs einem oberflächlichen Blick sichtbar ist.

§. 4. Ein Jeder, der diesem bewunderungswürdigen Beispiele gehörig gefolgt ist, wird dadurch einen so klaren Begriff von dem Nutzen und dem praktischen Gebrauche von dreien unserer vier Methoden der experimentellen Forschung bekommen haben, dass es unnöthig erscheint, sie weiter zu erläutern. Die noch übrige Methode, die der Rückstände, hat weder in dieser, noch in den zwei vorhergehenden Untersuchungen einen Platz gefunden, ich werde daher einige Beispiele aus Sir John Herschel's Werk ausziehen, sammt den einleitenden Bemerkungen, womit sie versehen sind.

»In ihrem jetzigen vorgerückten Zustand wird die Wissenschaft hauptsächlich durch dieses Verfahren gefördert. Die meisten Erscheinungen, welche die Natur darbietet, sind sehr verwickelt, und wenn die Wirkungen aller bekannten Ursachen mit Genauigkeit berechnet und abgezogen werden, so erscheinen die rückständigen[495] Thatsachen beständig unter der Form von ganz neuen Naturerscheinungen und führen zu den wichtigsten Schlüssen.

Zum Beispiel: Die oft wiederholte Rückkehr des von Encke im voraus angesagten Kometen, und die im allgemeinen gute Uebereinstimmung des berechneten mit seinem beobachteten Ort während irgend einer Periode seiner Sichtbarkeit könnte uns zu dem Ausspruche verleiten, dass seine Gravitation gegen die Sonne und die Planeten die einzige und hinreichende Ursache aller Erscheinungen seines Umlaufes ist; wenn aber die Wirkung dieser Ursache genau berechnet und von der beobachteten Bewegung abgezogen wird, so findet man, dass ein rückständiges Phänomen bleibt, dessen Existenz niemals auf eine andere Weise hätte nachgewiesen werden können, und welches in einer geringen Anticipation der Zeit seiner Wiedererscheinung oder in einer Verringerung seiner periodischen Zeit besteht, welche durch die Schwere nicht erklärt werden kann, und deren Ursache daher erforscht werden muss. Eine solche Anticipation würde durch den Widerstand eines in dem Himmelsraum verbreiteten Mediums verursacht werden, und da noch andere gute Gründe vorliegen, um dies für eine wahre Ursache (eine vera causa, ein wirklich existirendes Antecedens) zu halten, so hat man sie in der That einem solchen Widerstand zugeschrieben.

Als Arago eine Magnetnadel an einem Seidenfaden aufgehängt und in Schwingungen versetzt hatte, beobachtete er, dass dieselbe eher zur Ruhe kam, wenn sie über einer Kupferplatte aufgehängt war, als in dem Falle, wo die Kupferplatte fehlte. In beiden Fällen waren nun zwei wahre Ursachen (bekannte Antecedentien) vorhanden, wonach sie zuletzt zur Ruhe kommen musste, nämlich der Widerstand der Luft, der sich einer jeden Bewegung in derselben widersetzt und sie zuletzt aufhebt, und der Mangel an vollkommener Beweglichkeit des Seidenfadens. Da aber diese Ursachen aus den Beobachtungen, welche in Abwesenheit der Kupferplatte gemacht worden waren, genau bekannt waren und abgezogen wurden, so blieb ein rückständiges Phänomen in der Thatsache, dass durch die Kupferplatte selbst ein verzögernder Einfluss ausgeübt worden war; und diese Thatsache, nachdem sie einmal erforscht war, führte rasch zur Kenntniss einer ganz neuen und unerwarteten Classe von Beziehungen.« Dieses Beispiel[496] gehört indessen nicht der Methode der Rückstände, sondern der Differenzmethode an, indem das Gesetz durch eine directe Vergleichung der Resultate zweier Experimente bestimmt wurde, Experimente, die sich in nichts unterschieden, als in der Gegenwart oder Abwesenheit der Kupferplatte. Zur Erläuterung der Methode der Rückstände hätte dabei die Wirkung von dem Widerstände der Luft und der Steifigkeit der Seide aus den durch besondere und vorhergegangene Experimente erhaltenen Gesetzen a priori berechnet werden müssen.

»Unerwartete und besonders auffallende Bestätigungen inductiver Gesetze erscheinen häufig in der Form von rückständigen Naturerscheinungen in dem Laufe von Untersuchungen von ganz anderer Natur als diejenigen, woraus die Inductionen selbst entstanden. Als ein sehr elegantes Beispiel kann man die unerwartete Bestätigung des Gesetzes der Wärmeentwickelung durch Compression elastischer Flüssigkeiten betrachten, wie sie die Erscheinungen des Schalles darbieten. Die Erforschung der Ursache des Schalles führte in Beziehung auf die Art seiner Fortpflanzung zu Schlüssen, wonach seine Schnelligkeit in der Luft genau berechnet werden konnte. Die Rechnung wurde gemacht; als sie aber mit den Thatsachen verglichen wurde, so war zwar die Uebereinstimmung vollkommen hinreichend, um die allgemeine Richtigkeit der Ursache und der angegebenen Fortpflanzungsweise zu zeigen, aber die ganze Schnelligkeit konnte nach dieser Theorie nicht erklärt werden. Es war noch eine rückständige Schnelligkeit zu erklären, welche die Physiker lange Zeit in Verlegenheit setzte. Laplace hatte endlich den glücklichen Gedanken, dass die Ursache in der Wärme zu suchen sei, welche bei der Compression der Lufttheilchen durch die bei der Schallbewegung stattfindenden Vibrationen nothwendig entwickelt werden muss. Die Vermuthung wurde einer genauen Berechnung unterworfen, und das Resultat war zugleich die vollständige Erklärung des rückständigen Phänomens und eine auffallende Bestätigung des allgemeinen Gesetzes der Wärmeentwickelung durch Compression unter Umständen, die über der künstlichen Nachahmung stehen.«

»Viele von den chemischen Experimenten wurden durch Untersuchung der rückständigen Erscheinungen entdeckt. So entdeckte Arfwedson das Lithium, indem er einen Gewichtsüberschuss[497] in dem schwefelsauren Salze bemerkte, das nach seiner Meinung von einer kleinen Menge Bittererde, die in dem analysirten Mineral enthalten war, herrührte. So sind nach diesem Principe die concentrirten Rückstände grosser Operationen in den Künsten fast sicher Schlupfwinkel neuer chemischer Stoffe, wie Jod, Brom, Selen und die neuen Metalle, welche in den Versuchen von Wollaston und Tennant das Platin begleiteten, beweisen. Es war ein glücklicher Gedanke von Glauber, das zu untersuchen, was Jedermann hinwegwarf.«104

»Die grössten Entdeckungen in der Astronomie,« sagt derselbe Autor,105 »entsprangen fast alle der Betrachtung von rückständigen Phänomenen von einer quantitativen oder numerischen Art... So ging die grosse Entdeckung der Präcession der Nachtgleichen als ein rückständiges Phänomen aus der unvollkommnen Erklärung der Wiederkehr der Jahreszeiten bei der Wiederkehr der Sonne zu demselben scheinbaren Ort unter den Fixsternen hervor; und ebenso gingen die Aberration und Nutation als rückständige Phänomene aus jenem Theil der scheinbaren Ortswechsel der Fixsterne hervor, den die Präcession unerklärt gelassen hatte. Ebenso sind die scheinbaren eigenen Bewegungen der Sterne die beobachteten Rückstände ihrer scheinbaren Bewegungen, welche bei strenger Berechnung der Wirkungen der Präcession, der Aberration und Nutation unerklärt bleiben. Die nächste Annäherung menschlicher Theorien an die Vollkommenheit liegt in der thunlichsten Verminderung dieses Rückstandes, dieses caput mortuum's der Beobachtung, und womöglich in der Zurückführung desselben auf Null, indem man entweder nachweist, dass in unserer Berechnung bekannter Ursachen etwas vernachlässigt worden ist, oder indem man dasselbe als eine neue Thatsache betrachtet, und in Betreff seiner nach den Grundsätzen der inductiven Philosophie, von der Wirkung zu ihrer Ursache oder ihren Ursachen aufsteigend, verfährt.«

Die störenden Wirkungen, welche die Erde und die Planeten auf ihre beiderseitigen Bewegungen aus üben, wurden zuerst aus dem Unterschiede zwischen den beobachteten Orten dieser Körper und den Orten, welche sich aus Berechnungen ergaben, die sich[498] nur auf Betrachtungen ihrer Gravitation nach der Sonne stützten, als rückständige Erscheinungen erkannt. Dies veranlasste die Physiker, das Gesetz der Schwere als zwischen allen anderen Körpern und also auch als zwischen allen Partikeln der Materie bestehend zu betrachten, während es nach ihrer frühern Ansicht eine Kraft war, die nur zwischen einem jeden Planeten oder Trabanten und dem Centralkörper, zu dessen System er gehörte, wirkte. So unterstützen in der Geologie die Katastrophisten ihre Meinung, mag sie richtig oder falsch sein, durch die Behauptung, es bleibe, nachdem die Wirkung aller jetzt noch thätigen Ursachen bestimmt worden, in der gegenwärtigen Beschaffenheit der Erde ein grosser Rückstand von Thatsachen, welcher beweist, entweder dass in früheren Zeiten andere Kräfte, oder dass dieselben Kräfte in einem viel höhern Grade vorhanden gewesen sein müssen. Um noch ein Beispiel anzuführen: wenn es möglich ist, zu ermitteln (was gewöhnlich mehr vermuthet als bewiesen wird), dass in einem menschlichen Individuum, einem Geschlechte oder in einer Race von Menschen eine angeborne und unerklärliche Ueberlegenheit der Geisteskräfte liegt, so muss dies dadurch bewiesen werden, dass man von den Verstandesunter schieden, die wir in der That sehen, Alles abzieht, was durch bekannte Gesetze entweder auf erforschte Differenzen der physischen Organisation oder auf Differenzen, welche in den äusseren Umständen lagen, in denen sich die zu vergleichenden Menschen bisher befanden, zurückgeführt werden kann. Was diese Ursachen nicht erklären könnte, würde das rückständige Phänomen ausmachen; dies allein würde ein Beweis eines ursprünglichen Unterschiedes und zugleich ein Maass seiner Grösse sein. Aber sogar diejenigen, welche der Annahme eines solchen vermeintlichen Unterschiedes am stärksten anhingen, haben es bisher vernachlässigt, sich mit diesen, zur Begründung ihrer Lehre nothwendigen, logischen Bedingungen zu versehen.

Aus diesen Beispielen wird man, wie ich hoffe, den Geist der Methode der Rückstände hinreichend erkannt haben, und da die drei anderen Methoden in dem inductiven Verfahren, dem die Theorie des Thaues ihre Entstehung verdankt, so wohl erläutert wurden, so schliessen wir hier unsere Auseinandersetzung der vier Methoden in Rücksicht auf ihre Anwendung bei der Untersuchung[499] der einfacheren und mehr elementaren Classe von Verbindungen der Naturerscheinungen.

§. 5. Sowohl über die Nützlichkeit der vier Methoden, als auch über die Tauglichkeit der Beispiele, durch welche ich dieselben zu erläutern suchte, hat Dr. Whewell eine sehr ungünstige Meinung geäussert. Folgendes sind seine Worte:

»Ueber diese Methoden ist zu bemerken, dass sie offenbar gerade das Ding für zugegeben annehmen, was so sehr schwierig zu entdecken ist, die Zurückführung des Phänomens auf Formeln, wie sie uns hier dargeboten werden. Wenn sich uns eine Reihe von complexen Thatsachen darbietet, wie z.B. in den Fällten von Entdeckungen, welche ich angeführt habe, – die Thatsachen der Planetenbahnen, der fallenden Körper, der gebrochenen Lichtstrahlen, der kosmischen Bewegungen, der chemischen Analyse; und wenn wir in einigen dieser Fälle das Naturgesetz entdecken wollten, welches sie beherrscht, oder, wenn man es so nennen will, den Charakterzug, in dem alle Fälle übereinstimmen: wo sollen wir dann unsere A, B, C und a, b, c suchen? Ihr sagt, wenn wir die Verbindung von A B C mit abc und A B D mit a b d finden, so können wir unsere Folgerung machen. Zugegeben; aber wann und wo finden wir diese Verbindungen? Wer will uns sogar jetzt, wo die Entdeckungen bereits gemacht sind, zeigen, welches die A B C- und a b c Elemente der eben angeführten Fälle sind? Wer will uns sagen, welche von den Untersuchungsmethoden durch diese historisch realen und erfolgreichen Untersuchungen erläutert werden? Wer wird diese Formeln durch die Geschichte der Wissenschaften, wie sie in Wirklichkeit aufgewachsen sind, durchführen und uns zeigen, dass diese vier Methoden in deren Heranbildung wirksam waren; oder dass durch eine Beziehung auf diese Formeln auf ihren Fortschritt nur irgend ein Licht geworfen wird?«

Er fügt hinzu, dass die Methoden in diesem Werke nicht »auf eine grosse Menge von ansehnlichen und zweifellosen Beispielen von Entdeckungen, wie sie sich durch die ganze Geschichte der Wissenschaften ziehen« angewendet worden sind, was hätte geschehen müssen, um zu zeigen, dass die Methoden den »Vortheil« (den er als sein Eigenthum in Anspruch nimmt) besitzen, diejenigen[500] Methoden zu sein, »durch welche alle grossen Entdeckungen in der Wissenschaft wirklich gemacht worden sind.« –

Es besteht eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den hier gemachten Einwürfen gegen die Regeln der Induction und dem, was im vorigen Jahrhundert durch ebenso geschickte Männer wie Dr. Whewell gegen die anerkannten Regeln des Syllogismus vorgebracht wurde. Diejenigen, welche gegen die Aristotelische Logik protestirten, sagten dasselbe von dem Syllogismus, was Dr. Whewell von den inductiven Methoden sagt, dass er »gerade das Ding für gegeben annimmt, was so sehr schwierig zu entdecken ist, die Zurückführung des Phänomens auf die Formeln wie sie uns hier dargeboten werden«. Die grosse Schwierigkeit, sagten sie, besteht darin, zu eurem Syllogismus zu gelangen, nicht seine Richtigkeit zu beurtheilen, wenn er erlangt ist. Im Thatsächlichen haben sowohl sie wie Dr. Whewell Recht. In beiden Fällen ist die grösste Schwierigkeit zuvörderst die, den Beweis zu erlangen, und demnächst die, ihn auf die Form zurückzuführen, durch welche seine Beiweiskraft erprobt wird. Wenn wir aber versuchen, ihn zurückzuführen, ohne zu wissen auf was, so werden wir wahrscheinlich keine grosse Fortschritte machen. Es ist schwieriger, eine geometrische Aufgabe zu lösen, als zu beurtheilen, ob eine dargebotene Lösung richtig ist; wenn die Menschen aber nicht im Stande wären, die gefundene Lösung zu beurtheilen, so wäre auch wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass sie sie finden würden. Es kann aber nicht behauptet werden, eine gefundene Induction zu beurtheilen sei ganz leicht, und es bedürfe dazu keinerlei Hülfe und keinerlei Instrumente; denn irrige Inductionen, falsche Folgerungen aus der Erfahrung sind ebenso gewöhnlich und in Betreff einiger Gegenstände noch gewöhnlicher als wahre. Es, ist das Geschäft der inductiven Logik, Regeln und Vorbilder aufzustellen (wie es der Syllogismus und seine Regeln für das Schliessen sind), welche den inductiven Argumenten, die sich nach ihnen richten, allein Beweiskraft verleihen. Solche Regeln und Vorbilder wollen die vier Methoden sein, und ich glaube, als solche werden sie allgemein von experimentellen Forschern anerkannt, da sie in Wirklichkeit alle und zwar lange bevor jemand versuchte, die Praxis auf eine Theorie zurückzuführen, von denselben ausgeübt wurden.

Die Gegner des Syllogismus hatten Dr. Whewell auch in dem[501] anderen Theile seines Argumente vorgegriffen. Sie sagten, durch den Syllogismus wäre niemals eine Entdeckung gemacht worden; Dr. Whewell sagt, oder scheint zu sagen, durch die vier Methoden der Induction wäre niemals eine solche gemacht worden. Den Ersteren antwortete Erzbischof Whately ganz passend, dass, wenn ihr Argument überhaupt etwas taugte, es gegen das Schliessen überhaupt ginge, denn was nicht auf einen Syllogismus zurückzuführen ist, ist kein Schliessen, und wenn Dr. Whewell's Argument überhaupt gültig ist, so geht es gegen alles Folgern aus der Erfahrung. Wenn er sagt, dass durch die vier Methoden niemals Entdeckungen gemacht wurden, so behauptet er, dass durch Beobachtung und Experiment niemals Entdeckungen gemacht wurden, denn wenn irgend welche gemacht wurden, so geschah es sicherlich durch die eine oder die andere dieser Methoden.

Dieser zwischen uns bestehende Unterschied erklärt auch, warum ihn meine Beispiele nicht befriedigten, denn ich wählte sie nicht, um jemand zu überzeugen, dass Beobachtung und Experiment Modi sind, um Wissen zu erlangen. Ich gestehe, dass ich bei der Wahl derselben nur an eine Erläuterung und an eine Erleichterung des Verständnisses der vier Methoden durch concrete Beispiele dachte. Wenn es meine Absicht gewesen wäre, das Verfahren selbst als ein Mittel der Forschung zu rechtfertigen, so wäre es nicht nöthig gewesen, dunklere und verwickeltere Fälle weit zu suchen oder zu benutzen. Als ein Beispiel einer durch die Methode der Uebereinstimmung bestimmten Wahrheit hätte ich den Satz wählen können: »Hunde bellen«. Dieser Hund und jener Hund und der andere Hund entsprechen A B C, A D E, A F G. Der Umstand, ein Hund zu sein, entspricht A, Bellen entspricht a. Als eine durch die Differenzmethode erkannte Wahrheit hätte der Satz: »Feuer brennt« hingereicht. Ehe ich das Feuer berühre, verbrenne ich mich nicht, dies ist BC, ich berühre es und verbrenne mich, dies ist ABC, aBC.

Dergleichen familiäre experimentelle Processe betrachtete Dr. Whewell nicht als Inductionen, sie sind indessen vollkommen gleichartig mit denjenigen, durch welche, wie er selbst gezeigt hat, die Pyramide der Wissenschaft mit einer Grundlage versehen wird. Vergebens versucht er dieser Wahrheit zu entkommen, indem er der Auswahl von, als Fälle von Induction zulässigen, Beispielen die willkürlichsten Beschränkungen auferlegt; sie dürfen nicht[502] der Art sein, dass sie noch einen Gegenstand der Erörterung bilden (S. 265), sie dürfen weder geistigen oder socialen Gegenständen entnommen sein (S. 269), noch der gewöhnlichen Beobachtung und dem praktischen Leben (S. 241). Sie müssen den Generalisationen entnommen werden, durch welche wissenschaftliche Denker zu grossen und umfassenden Gesetzen der Naturerscheinungen aufgestiegen sind. Nun ist es bei diesen verwickelten Untersuchungen selten möglich, über die ersten Schritte hinauszugehen ohne das Instrument der Deduction und die zeitweilige Hülfe von Hypothesen in. Anspruch zu nehmen, wie ich selbst mit Dr. Whewell gegen die rein empirische Schule behauptet habe. Da demnach dergleichen Fälle nicht wohl gewählt werden konnten, um die Principien der blossen Beobachtung und des Experiments zu erläutern, so benutzt Dr. Whewell ihre Abwesenheit, um die experimentellen Methoden so darzustellen, als ob sie für wissenschaftliche Forschungen zwecklos wären; er vergisst so, dass, wenn diese Methoden nicht die ersten Generalisationen geliefert hätten, für seinen eigenen Begriff von der Induction kein zu verarbeitendes Material vorhanden gewesen wäre.

Seiner Aufforderung, zu zeigen, welche von den vier Methoden durch bestimmte wissenschaftliche Fälle von wissenschaftlicher Forschung erläutert werden, kann indessen leicht entsprochen werden. »Die Planetenbahnen,« soweit sie überhaupt ein Fall von Induction sind,106 fallen unter die Methode der Uebereinstimmung. Das Gesetz »fallender Körper«, nämlich dass sie Fallräume beschreiben, welche den Quadraten der Zeiten proportional sind, war historisch eine Deduction aus dem ersten Gesetz der Bewegung; aber die Versuche, durch welche es bestätigt wurde und durch welche es hätte entdeckt werden können, waren Beispiele von der Methode der Uebereinstimmung, und die durch den Widerstand der Luft verursachte scheinbare Abweichung von dem wahren Gesetz wurde durch Versuche im luftleeren Raume erklärt, was eine Anwendung der Differenzmethode constituirt. Das Gesetz der »Strahlenbrechung« (die Stetigkeit des Verhältnisses zwischen dem Sinus des Einfallswinkels und dem Sinus des Brechungswinkels für eine jede brechende Substanz) wurde durch directe Messung, und demnach[503] durch die Methode der Uebereinstimmung bestimmt. Die »kosmischen Bewegungen« wurden durch sehr verwickelte Denkprocesse, in denen die Deduction vorherrschte, bestimmt, aber in der Feststellung der empirischen Gesetze hatten die Methoden der Uebereinstimmung und der sich begleitenden Veränderungen einen grossen Antheil. Ein jeder Fall ohne Ausnahme von einer »chemischen Zerlegung« bietet ein wohlmarkirtes Beispiel von der Differenzmethode. Für einen jeden, der mit den Gegenständen bekannt ist, – für Dr. Whewell selbst wäre nicht die geringste Schwierigkeit vorhanden, die A B C und a b c Elemente dieser Fälle zu bezeichnen.

Wenn ohne Deduction durch Beobachtung und Experiment jemals Entdeckungen gemacht werden, so sind die vier Methoden Methoden der Entdeckung; aber wenn sie auch keine Methoden der Entdeckung wären, so wäre nichtsdestoweniger wahr, dass sie die einzigen Methoden des Beweises sind, und in diesem Charakter sind ihnen sogar die Resultate der Deduction verantwortlich. Die grossen Generalisationen, welche als Hypothesen beginnen, müssen am Ende bewiesen werden, und werden in Wirklichkeit (wie später gezeigt wird) durch die vier Methoden bewiesen. Die Logik hat nun als solche vorzüglich mit dem Beweise zu thun. Diese Unterscheidung hat in der That keine Aussicht, bei Dr. Whewell Gnade zu finden, denn es ist die Eigenthümlichkeit seines Systems, dass er die Nothwendigkeit des Beweises bei Fällen von Induction nicht anerkennt. Wenn bei der Annahme und sorgfältigen Vergleichung einer Hypothese mit den Thatsachen nichts mit derselben unverträgliches zu Tage kommt, d.h. wenn die Erfahrung sie nicht widerlegt, so ist er zufrieden, wenigstens so lange, als sich nicht eine mit der Erfahrung gleich verträgliche einfachere Hypothese darbietet. Wenn dies Induction ist, so bedürfen wir allerdings der vier Methoden nicht. Aber anzunehmen, dass dem so sei, Scheint mir ein radicales Missverstehen der Natur des Beweises physikalischer Wahrheiten zu sein.

So real und praktisch ist das Bedürfniss noch reiner ähnlichen Probe für die Induction, wie sie das Schliessen in der syllogistischen Probe besitzt, dass Folgerungen, welche den elementarsten Begriffen der inductiven Logik Trotz bieten, von in der physikalischen Wissenschaft hervorragenden Personen ganz unbesorgt vorgebracht werden,[504] sobald sie den Boden, auf welchem sie mit den Thatsachen verkehren, verlassen, und nicht darauf angewiesen sind, nur nach den Sachen zu urtheilen; und es dürfte zweifelhaft sein, ob Personen von Bildung im Allgemeinen eine gute oder eine schlechte Induction jetzt besser beurtheilen können, als sie beurtheilt wurde, ehe Bacon seine Werke schrieb. Die Verbesserungen in den Resultaten des Denkens haben sich selten auf die Denkprocesse erstreckt, oder wenn sie überhaupt einen von ihnen erreicht haben, so haben sie sich nur auf den Process der Untersuchung, nicht auf den des Beweises erstreckt. Die Kenntniss vieler Naturgesetze ist ohne Zweifel dadurch gewonnen worden, dass man Hypothesen aufgestellt und gefunden hat, dass die Thatsachen mit ihnen übereinstimmen, und viele Irrthümer ist man dadurch los geworden, dass man zur Kenntniss von Thatsachen gelangte, die mit ihnen unverträglich waren, nicht aber dadurch, dass man entdeckte, dass der Denkmodus, der zu den Irrthümern führte, selbst fehlerhaft war, und unabhängig von den Thatsachen, welche den specifischen Schluss widerlegten, als fehlerhaft hätte erkannt werden mögen. Daher kommt es, dass, während sich die Gedanken der Menschen über viele Gegenstände praktisch richtig hinausgearbeitet haben, das Denkvermögen so schwach wie immer blieb, und über alle Gegenstände, in Betreff derer die das Resultat durchkreuzenden Fälle nicht zugänglich sind, wie bei allem was sich auf die unsichtbare Welt bezieht, und wie man sah, sogar bei dem was sich auf die sichtbare Welt der Planetenregionen bezieht, urtheilen Menschen von der höchsten wissenschaftlichen Bildung ebenso jammervoll wie der ärgste Ignorant. Denn obgleich sie manche gute Induction vollzogen haben, so haben sie daraus nicht die Principien des inductiven Beweises gelernt (und Dr. Whewell hält es auch nicht für nöthig, dass sie dieselben lernen sollten).[505]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 479-506.
Lizenz:

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon