Drittes Capitel.

Die Benennung, eine Hülfsoperation der Induction.

[222] §. 1. Es gehört nicht zu dem gegenwärtigen Unternehmen, bei der Wichtigkeit der Sprache als bei einem Mittel des menschlichen Verkehrs, sei es zu Zwecken der Sympathie oder der Belehrung, lange zu verweilen. Auch lässt der Plan dieses Werkes nur eine leichte Andeutung in Beziehung auf jene grosse Eigenschaft der Namen zu, von welcher ihre Functionen als ein geistiges Instrument in Wahrheit zuletzt abhängig sind, nämlich ihre Macht, Associationen unter unseren anderen Ideen zu bilden und zu befestigen, ein Gegenstand, über den sich ein ausgezeichneter Denker (Hr. Bain) in folgender Weise ausdrückt:

»Namen sind Sinneseindrücke, der Geist hält sie am stärksten fest, und von allen anderen Eindrücken können sie am leichtesten zurückgerufen und im Auge behalten werden. Sie dienen daher als ein Anknüpfungspunkt für alle flüchtigere Gedanken und Gefühle; Eindrücke, die für immer zerstört wären, wenn sie einmal vorüber sind, bleiben durch ihre Verknüpfung mit der Sprache immer erreichbar. Die Gedanken an sich entschlüpfen fortwährend aus unserem unmittelbaren geistigen Gesichtsfelde, aber der Name bleibt bei uns und das Aussprechen desselben stellt die Gedanken in einem Augenblicke wieder her. Wörter sind Erhalter eines jeden Geistesproductes, das einen geringeren Eindruck macht, als sie selbst. Alle Erweiterungen der menschlichen Erkenntniss, alle neuen Generalisationen werden, sogar unabsichtlich, durch den Gebrauch von Wörtern fixirt und verbreitet. Das aufwachsende Kind lernt mit den Wörtern seiner Muttersprache, dass Dinge, welche es für[222] verschieden gehalten habe würde, in wichtigen Punkten dieselben sind. Ohne einen förmlichen Unterricht lehrt uns die Sprache, in der wir aufgewachsen sind, die ganze allgemeine Philosophie des Zeitalters. Sie veranlasst uns, Dinge zu beobachten und zu erkennen, die wir übersehen haben würden; sie versieht uns mit schon fertigen Classificationen, durch welche die Dinge mit den Gegenständen, mit denen sie die grösste Aehnlichkeit haben, zusammengeordnet werden (soweit es die Aufklärung vergangener Geschlechter zulässig macht). Die Zahl der Gemeinnamen einer Sprache und der Grad von Allgemeinheit dieser Namen bieten ein Mittel, um das Wissen des Zeitalters und die geistige Einsicht zu prüfen, welche das Geburtsrecht eines Jeden ist, der in demselben geboren ist.«

Wir haben indessen hier nicht von den Functionen der Namen, allgemein betrachtet, sondern von der Art und dem Grade zu sprechen, in welchem sie der Erforschung der Wahrheit, oder mit anderen Worten, dem inductiven Verfahren dienen.

§. 2. Beobachtung und Abstraction, die Operationen, welche den Gegenstand der zwei vorhergehenden Capitel bilden, sind unerlässliche Bedingungen der Induction; es kann keine Induction Statt finden, wo sie nicht vorhanden sind. Man hat sich eingebildet, das Benennen sei eine ebenso unerlässliche Bedingung. Es giebt Philosophen, welche der Ansicht sind, die Sprache sei nicht allein, nach einem sehr gangbaren Ausdrucke, ein Werkzeug des Gedankens, sondern das Werkzeug des Gedankens; Namen oder etwas Aequivalentes, irgend eine Art künstlicher Zeichen seien zum Urtheilen nothwendig; ohne sie könne keine Folgerung und also auch keine Induction Statt finden. Wenn aber die Natur des Schliessens in dem früheren Theil dieses Werkes richtig dargestellt worden ist, so muss diese Meinung als eine Uebertreibung wenn auch einer wichtigen Wahrheit angesehen werden. Wenn das Schliessen vom Besonderen auf Besonderes Statt findet, und wenn es darin besteht, eine Thatsache als ein Merkmal einer andern, oder als ein Merkmal von einem Merkmale einer andern zu erkennen, so ist, um das Schliessen möglich zu machen, nichts erforderlich, als Sinne und Ideenassociation; Sinne, um wahrzunehmen, dass zwei Thatsachen verbunden sind, Association als das Gesetz, durch welches die eine der zwei Thatsachen die Idee[223] der andern erweckt.152 Für diese geistigen Phänomene sowohl als für den Glauben oder die Erwartung, welche folgt, und wodurch wir erkennen, dass das, wovon wir ein Merkmal wahrgenommen haben, Statt gefunden hat, oder auf dem Punkte ist Statt zu finden, bedürfen wir offenbar nicht der Sprache. Und diese Folgerung einer besondern Thatsache aus einer andern ist ein Fall von Induction. Es ist dies eine Art Induction, deren die Thiere fähig sind, es ist die Weise, in der alle ungebildeten Geister fast alle ihre Inductionen machen, und in der wir Alle sie machen in den Fällen, wo eine familiäre Erfahrung uns unsere Schlüsse ohne einen thätigen Process der Forschung von unserer Seite aufdringt, und wo der Glaube oder die Erwartung mit der Schnelligkeit und der Gewissheit eines Instinctes auf die Induction folgt.153

§. 3. Aber obgleich eine Folgerung von einem inductiven Charakter ohne den Gebrauch von Zeichen möglich ist, so könnte sie doch niemals ohne dieselben weit über die eben beschriebenen einfachen Fälle hinaus gehen, und diese Fälle sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Grenzen des Schliessens jener Thiere, denen eine conventionelle Sprache unbekannt ist. Ohne Sprache oder etwas Aequivalentes könnte nur soviel Schliessen aus der Erfahrung Statt finden, als ohne die Hülfe allgemeiner Urtheile Statt finden kann. Obgleich wir nun streng genommen von der[224] vergangenen Erfahrung auf einen neuen einzelnen Fall ohne die Zwischenstufe eines allgemeinen Urtheils schliessen können, so würden wir uns ohne allgemeine Urtheile doch selten erinnern, welche vergangene Erfahrung wir gehabt haben, und kaum jemals, welcherlei Schlüsse diese Erfahrung rechtfertigen wird. Die Theilung des inductiven Processes in zwei Theile, von denen der erste bestimmt, was ein Merkmal der gegebenen Thatsache ist, und der zweite, ob dieses Merkmal in dem neuen Falle existirt, ist eine natürliche und wissenschaftlich unerlässliche. Sie ist in der That in einer grossen Anzahl von Fällen durch den blossen Abstand der Zeit nothwendig gemacht. Die Erfahrung, wonach wir unser Urtheil richten sollen, kann die Erfahrung Anderer sein, von der uns in keiner anderen Weise als durch die Sprache etwas mitgetheilt werden kann; ist sie unsere eigene, so ist es gemeinlich eine längst vergangene Erfahrung; wenn wir uns ihrer daher nicht vermittelst künstlicher Zeichen erinnerten, so würde (ausgenommen in den Fällen, welche unsere stärkeren Sensationen oder Emotionen, oder die Gegenstände unserer täglichen oder stündlichen Betrachtungen einschliessen) wenig davon im Gedächtniss zurückbleiben. Es ist kaum nöthig hinzuzufügen, dass, wenn der inductive Schluss nicht von der directesten und einleuchtendsten Natur ist; wenn er verschiedene Beobachtungen und Experimente unter veränderten Umständen und die Vergleichung eines derselben mit einem andern verlangt: es unmöglich ist, ohne das künstliche Gedächtniss, welches Worte gewähren, einen Schritt vorwärts zu thun. Ohne Wörter könnten wir, wenn wir A und B oft in unmittelbarer und deutlicher Verbindung gesehen hätten, B erwarten, wenn wir A sähen; aber ihre Verbindung entdecken, wenn sie nicht deutlich ist, oder entscheiden, ob sie wirklich beständig oder nur zufällig und ob Grund vorhanden ist, sie unter einer gegebenen Veränderung von Umständen zu erwarten, ist ein viel zu verwickelter Process, um ohne eine Erfindung oder einen Kunstgriff, der uns eine genaue Erinnerung unserer geistigen Operation ermöglicht, bewerkstelligt zu werden. Es ist nun die Sprache eine solche Erfindung. Wenn wir dieses Instrument zu Hülfe nehmen, so reducirt sich die Schwierigkeit darauf, unsere Erinnerung an die Bedeutung der Wörter genau zu machen. Wenn dies geschehen ist, so können wir alles dessen, was durch[225] unsern Geist geht, genau erinnern, wenn wir es sorgfältig in Worte fassen, und die Worte entweder der Schrift oder unserm Gedächtniss anvertrauen.

Die Function der Namen und insbesondere die Function der Gemeinnamen bei der Induction können wir nochmals kurz angehen, wie folgt. Eine jede inductive Folgerung, welche überhaupt gut ist, ist gut für eine ganze Classe von Fällen; und damit die Folgerung eine bessere Bürgschaft ihrer Richtigkeit habe, als das blosse Zusammenhängen zweier Ideen, ist ein Process des Experimentirens und Vergleichens nothwendig, in welchem die ganze Classe von Fällen vor das Auge gebracht und irgend eine Gleichförmigkeit in dem Gang der Natur entwickelt und bestimmt werden muss, indem die Existenz einer solchen Gleichförmigkeit als eine Rechtfertigung des Folgerns sogar in einem einzelnen Falle erforderlich ist. Diese Gleichförmigkeit kann daher ein- für allemal bestimmt werden; und wenn sie, einmal bestimmt, im Gedächtniss bleibt, so wird sie als eine Formel dienen, um in besonderen Fällen alle diejenigen Folgerungen zu ziehen, welche die vorausgängige Erfahrung verbürgt. Aber wir können die Erinnerung daran nur dadurch sichern, es wird uns nur dadurch eine Wahrscheinlichkeit gegeben, in unserem Gedächtniss eine beträchtliche Anzahl solcher Gleichförmigkeiten zu bewahren, dass wir sie vermittelst bleibender Zeichen aufzeichnen; diese Zeichen sind (da es der Natur des Falles nach Zeichen nicht einer einzelnen Thatsache, sondern einer Gleichförmigkeit, d.h. einer unbestimmten Anzahl von einander ähnlichen Fällen sind) allgemeine Zeichen, Universalien, allgemeine Namen und allgemeine Urtheile.

§. 4. Ich muss hier noch eines Versehens erwähnen, welches einige eminente Metaphysiker darin machen, dass sie behaupten, es sei die Ursache unsers Gebrauches von Gemeinnamen in der unendlichen Menge von individuellen Gegenständen zu suchen, welche es unmöglich macht, einen Namen für alle zu haben, und die uns zwingt, uns eines Namens für viele Gegenstände zu bedienen. Dies ist eine sehr beschränkte Ansicht von der Function der Gemeinnamen. Wenn auch ein jeder Gegenstand seinen Namen hätte, so würden wir doch eben so sehr der Gemeinnamen bedürfen, als jetzt. Ohne sie könnten wir nicht das Resultat einer einzigen[226] Vergleichung ausdrücken, noch uns irgend einer von den in der Natur existirenden Gleichförmigkeiten erinnern; wir würden in Beziehung auf Induction kaum besser daran sein, als wenn wir gar keine Namen hätten. Nur durch Namen von Individuen (oder, mit anderen Worten, durch Eigennamen) könnten wir, indem wir den Namen aussprechen, die Idee von dem Gegenstande hervorrufen, aber wir könnten kein einziges Urtheil aufstellen, mit Ausnahme des bedeutungslosen Urtheils, das in der Aussage zweier Eigennamen von einander besteht. Nur vermittelst der Gemeinnamen können wir eine Information mittheilen, ein Attribut von sogar nur einem Individuum, und um so viel mehr von einer ganzen Classe aussagen. Strenge genommen könnten wir ohne irgend andere Gemeinnamen, als die abstracten Namen der Attribute, fertig werden; alle unsere Urtheile könnten von der Form sein »dieser einzelne Gegenstand besitzt dieses Attribut« oder »dieses oder jenes Attribut ist immer (oder niemals) mit diesem oder jenem andern Attribute verbunden«. In Wahrheit haben aber die Menschen den Gegenständen sowohl als den Attributen, und den ersteren in der That vor den Attributen stets Gemeinnamen gegeben; aber die den Gegenständen gegebenen Gemeinnamen schliessen Attribute ein, leiten ihre ganze Bedeutung von Attributen ab, und sind hauptsächlich von Nutzen als die Sprache, vermittelst deren wir die Attribute aussagen, welche durch sie mitbezeichnet werden.

Es bleibt uns noch zu betrachten, welche Grundsätze bei dem Beilegen von Gemeinnamen zu befolgen sind, damit diese Namen, und die allgemeinen Urtheile, in denen sie eine Stelle einnehmen, am besten die Zwecke der Induction fördern.[227]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 222-228.
Lizenz:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Catharina von Georgien

Catharina von Georgien

Das Trauerspiel erzählt den letzten Tag im Leben der Königin von Georgien, die 1624 nach Jahren in der Gefangenschaft des persischen Schah Abbas gefoltert und schließlich verbrannt wird, da sie seine Liebe, das Eheangebot und damit die Krone Persiens aus Treue zu ihrem ermordeten Mann ausschlägt. Gryphius sieht in seiner Tragödie kein Geschichtsdrama, sondern ein Lehrstück »unaussprechlicher Beständigkeit«.

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon