Zweites Capitel.

Von der Freiheit und der Nothwendigkeit.

[439] §. 1. Die Frage, ob sich das Causalgesetz in demselben strengen Sinne auf menschliche Handlungen, wie auf andere Erscheinungen, anwenden lässt, ist der berühmte Streit in Betreff der Freiheit des Willens, der wenigstens bis auf die Zeit des Pelagius zurück die philosophische und die religiöse Welt getheilt hat. Die bejahende Ansicht wird gewöhnlich die Nothwendigkeitslehre genannt; sie behauptet, das menschliche Wollen und Handeln sei nothwendig und unvermeidlich. Die verneinende Ansicht behauptet, der Wille werde nicht, wie andere Phänomene, durch Antecedentien bestimmt, sondern er bestimme sich selbst; unser Wollen sei nicht im eigentlichen Sinne die Wirkung von Ursachen, oder wenigstens nicht von Ursachen, denen es gleichförmig und unbedingt gehorcht.

Ich habe bereits gezeigt, dass ich die erstere dieser Ansichten für die wahre halte, aber die irreführenden Worte, in denen sie oft ausgedrückt, und die unklare Weise, in welcher sie gewöhnlich verstanden wurde, haben entweder ihre Aufnahme verhindert, oder ihren Einfluss da verkehrt, wo sie etwa angenommen worden war. Die metaphysische Theorie des freien Willens, wie sie die Philosophen auffassen (denn das in einem höheren oder geringeren Grad der ganzen Menschheit gemeinsame praktische Gefühl desselben ist in keiner Weise mit der entgegengesetzten Theorie unverträglich), wurde erfunden, weil man die Zulassung der supponirten Alternative, wonach menschliche Handlungen nothwendig sind, für ebenso unverträglich mit dem instinctiven Bewusstsein eines Jeden, als demüthigend für den Stolz und sogar entwürdigend[439] für die geistige Natur des Menschen hielt. Auch läugne ich nicht, dass die Lehre, wie sie häufig aufgefasst wird, diesen Vorwürfen ausgesetzt ist; denn das Missverständniss, in welchem sie, wie ich im Stande sein werde zu zeigen, ihren Ursprung nehmen, beschränkt sich unglücklicherweise nicht auf die Gegner der Lehre, sondern wird auch von vielen, vielleicht von den meisten ihrer Anhänger getheilt.

§. 2. Richtig aufgefasst ist die Philosophische Nothwendigkeit genannte Lehre einfach die folgende: wenn die in dem Geiste eines Individuums vorhandenen Motive und der Charakter und die Neigungen des Individuums gegeben sind, so kann seine Handlungsweise unfehlbar gefolgert werden; d.h. wenn wir mit dem Individuum durch und durch bekannt wären, und wenn wir alle Beweggründe wüssten, welche auf dasselbe einwirken, so könnten wir seine Handlungsweise mit derselben Sicherheit voraussagen, wie einen physikalischen Vorgang. Diesen Satz halte ich für eine blosse Interpretation der allgemeinen Erfahrung, für eine Einkleidung dessen in Worte, wovon ein Jeder innerlich überzeugt ist. Niemand, der die Umstände eines Falles und den Charakter der verschiedenen in Frage stehenden Persönlichkeiten durchaus zu kennen glaubt, wird Anstand nehmen, voraus zu sagen, wie sie alle handeln werden. Der Zweifel, welchen er vielleicht factisch hegen dürfte, entsteht aus der Ungewissheit, ob er die Umstände, oder die eine oder die andere Persönlichkeit wirklich genau genug kennt; keineswegs aber daraus, dass er denkt, es könnte in Betreff dieser Handlungsweise eine Ungewissheit herrschen, wenn er alle diese Dinge wüsste. Auch widerstreitet diese volle Gewissheit nicht im geringsten unserer sogenannten Freiheit des Willens. Wir fühlen uns darum nicht weniger frei, weil diejenigen, welche uns genau kennen, wohl wissen, wie wir in einem besonderen Falle handeln würden. Wir sehen im Gegentheil den Zweifel in Beziehung auf unsere Handlungsweise oft als ein Zeichen der Unbekanntschaft mit unserem Charakter an, oder nehmen ihn als einen Vorwurf auf. Die religiösen Metaphysiker, welche die Freiheit des Willens behaupteten, haben sie immer mit der göttlichen Voraussicht unserer Handlungen verträglich gehalten, und weil mit der göttlichen Voraussicht, auch mit einer jeden anderen.[440] Wir können frei sein, und ein Anderer kann dennoch Grund haben, um gewiss zu wissen, welchen Gebrauch wir von unserer Freiheit machen werden. Es wird daher der Lehre, dass unser Wollen und Handeln unveränderliche Folgen unseres vorausgängigen Geisteszustandes sind, weder von unserem Gewissen widersprochen, noch wird man sie für eine entwürdigende Lehre halten dürfen.

Aber die Lehre von der Verursachung, wenn die letztere so betrachtet wird, als bestehe sie zwischen unserem Wollen und seinen Antecedentien, wird fast allgemein so aufgefasst, als ob noch etwas weiteres darin inbegriffen läge. Viele glauben nicht, und sehr wenige fühlen wirklich, dass in der Verursachung nichts steckt als unveränderliche, bestimmte und unbedingte Sequenz. Es giebt nur wenige Menschen, denen blosse Beständigkeit der Folge als ein hinreichend starkes Band der Vereinigung für eine so eigenthümliche Relation, wie die von Ursache und Wirkung, erscheint. Wenn auch die Vernunft das Gefühl irgend eines innigeren Zusammenhangs, eines besonderen Bandes, oder eines geheimnissvollen von dem Antecedens auf das Consequens ausgeübten Zwanges verwirft, so wird es die Einbildungskraft doch bewahren. Dies ist nun das, was, in seiner Anwendung auf den menschlichen Willen betrachtet, unserem Bewusstsein widerstreitet und unsere Gefühle empört. Wir sind gewiss, dass bei unserm Wollen ein solcher geheimnissvoller Zwang nicht vorhanden ist. Wir wissen, dass wir nicht wie durch Zauber gezwungen sind, einem besondern Motiv zu gehorchen. Wir fühlen, dass, wenn wir zu beweisen wünschten, dass wir die Macht haben, dem Motiv zu widerstehen, wir dies könnten (während dieser Wunsch, wie kaum nöthig zu bemerken, ein neues Antecedens ist); und es würde demüthigend für unsern Stolz und lähmend für unser Verlangen nach Vollkommenheit sein, wenn wir anders dächten. Gegenwärtig nehmen die besseren philosophischen Autoritäten aber auch nicht mehr an, es werde ein solcher geheimnissvoller Zwang von irgend einer Ursache auf ihre Wirkung ausgeübt. Diejenigen, welche der Ansicht sind, dass die Ursachen ihre Wirkungen durch ein mystisches Band nach sich ziehen, haben Recht, wenn sie glauben, das Verhältniss zwischen dem Wollen und seinen Antecedentien sei von einer anderen Natur. Aber sie sollten weiter gehen und zugeben, dass[441] dies von allen anderen Wirkungen und ihren Antecedentien wahr ist. Wenn ein solches Band in dem Worte Notwendigkeit inbegriffen liegt, so ist die Lehre in Beziehung auf die menschlichen Handlungen nicht wahr; sie ist aber dann auch in Beziehung auf leblose Gegenstände nicht wahr. Es wäre richtiger zu sagen, die Materie sei nicht durch die Notwendigkeit beherrscht, als zu sagen, der Geist sei es.

Da die den freien Willen annehmenden Metaphysiker meistens der Schale angehörten, welche Hume's und Brown's Analyse von Ursache und Wirkung verwirft, so ist es nicht zu verwundern, wenn sie in Ermangelung des Lichtes, welches diese Analyse darbietet, ihren Weg verfehlten. Es ist nur sonderbar, dass die Vertheidiger der Nothwendigkeitslehre, welche die philosophische Theorie derselben gewöhnlich annehmen, dieselbe in der Praxis ebenfalls aus den Augen verlieren. Dasselbe Missverstehen der Philosophische Nothwendigkeit genannten Lehre, welche die Gegenpartei verhindert, deren Wahrheit zu erkennen, existirt, wie ich glaube, mehr oder weniger dunkel in dem Geiste der meisten Anhänger der Nothwendigkeitslehre, wie sehr sie es auch in ihren Worten läugnen mögen. Ich müsste mich sehr irren, wenn sie gewöhnlich fühlten, dass die von ihnen in den Handlungen anerkannte Nothwendigkeit nur Gleichförmigkeit der Ordnung und die Fähigkeit ist, vorausgesagt zu werden. Sie haben ein Gefühl, als ob zwischen dem Wollen und seinen Ursachen am Ende doch ein stärkeres Band vorhanden sei; als ob sie mit der Behauptung, der Wille sei durch die Summe der Motive beherrscht, etwas unwiderstehlicheres gemeint hätten, als wenn sie nur gesagt hätten, dass derjenige, welcher mit unseren Motiven und unserer gewohnten Empfänglichkeit dafür bekannt wäre, voraussagen könnte, wie wir zu handeln gewillt sind. Sie begehen ihrem eigenen wissenschaftlichen System entgegen denselben Irrtum, den ihre Gegner in Folge ihres Systems begehen, und erleiden in Folge davon wirklich jene demüthigenden Folgen, welche ihre Gegner irrthümlich der Lehre selbst zur Last legen.

§. 3. Ich bin geneigt zu glauben, dass dieser Irrthum fast gänzlich eine Wirkung der durch das Wort Nothwendigkeit hervorgerufenen Ideenassociation ist, und dass er vermieden würde,[442] wenn man sich enthalten wollte, ein so äusserst unpassendes Wort, wie Nothwendigkeit, zu gebrauchen, um die einfache Thatsache der Verursachung auszudrücken. In seinen anderen Bedeutungen schliesst dieses Wort viel mehr ein, als blosse Gleichförmigkeit der Folge; es schliesst Unwiderstehlichkeit ein. Auf den Willen angewendet bedeutet es nur, dass auf die gegebene Ursache die Wirkung so folgt, dass sie allen Möglichkeiten ausgesetzt ist, von anderen Ursachen aufgehoben zu werden; aber im gewöhnlichen Sprachgebrauch steht es ausschließlich für die Thätigkeit jener Ursachen, welche man für zu gewaltig hält, um überhaupt aufgehoben zu werden. Wenn wir sagen, alle menschlichen Handlungen fänden aus Nothwendigkeit Statt, so meinen wir damit nur, dass sie gewiss stattfinden werden, wenn sie durch nichts verhindert werden; wenn wir sagen, es sei eine Nothwendigkeit, dass diejenigen, welche keine Nahrung erhalten können, vor Hunger sterben, so meinen wir damit, dass sie gewiss sterben werden, was wir auch sonst thun mögen, um es zu verhindern. Die Anwendung desselben Wortes auf die die menschlichen Handlungen beherrschenden Agentien, welches gebraucht wird, um jene wirklich unwiderstehlichen Agentien in der Natur zu bezeichnen, muss, wenn sie zur Gewohnheit wird, auch in Betreff der ersteren ein Gefühl von Unwiderstehlichkeit erzeugen. Es ist dies indessen eine blosse Illusion. Es giebt physikalische Sequenzen, welche wir für nothwendig halten, wie der Tod aus Mangel an Nahrung oder Luft; andere hält man nicht für nothwendig, wie der Tod durch Gift, den ein Gegengift oder die Magenpumpe zuweilen verhindern kann. Selbst wenn der Verstand sie daran erinnert, so vergessen doch die Gefühle der Menschen leicht, dass sich die menschlichen Handlungen in der letzteren Lage befinden; sie werden niemals (ausgenommen in einigen Fällen von Wahnsinn) durch irgend ein Motiv so absolut beherrscht, dass einem jeden andern Motiv kein Raum bleibt. Es sind daher die Ursachen, von denen die Handlungen abhängen, niemals unwiderstehlich, und eine gegebene Wirkung ist nur nothwendig, wenn den Ursachen, welche sie zu erzeugen streben, nicht Einhalt geschieht. Dass das, was geschieht, nicht anders geschehen konnte, es hätte denn Etwas stattfinden müssen, was es verhindern konnte, kann gewiss jedermann ohne Bedenken zugeben. Aber dies mit dem Namen Nothwendigkeit benennen, heisst das Wort[443] in einem von seiner ursprünglichen und familiären Bedeutung, von der Bedeutung, welche es in den gewöhnlichen Fällen des Lebens besitzt, so abweichenden Sinne gebrauchen, dass es fast auf ein Wortspiel hinausläuft. Die von dem gewöhnlichen Sinne des Worts abgeleiteten Ideenassociationen werden ihm trotz Allem, was wir thun mögen, anhängen; und obgleich die Nothwendigkeitslehre, sowie sie von den meisten ihrer Anhänger dargestellt wird, vom Fatalismus sehr weit entfernt ist, so ist es doch wahrscheinlich, dass die meisten Anhänger der Nothwendigkeitstheorie ihren Gefühlen nach mehr oder weniger Fatalisten sind.

Ein Fatalist glaubt nicht nur oder glaubt es halb (denn Niemand ist ein consequenter Fatalist), dass das, was geschehen wird das unfehlbare Resultat der es erzeugenden Ursachen sei (was die wahre Nothwendigkeitslehre ist), sondern er glaubt auch, es sei nutzlos, dagegen anzukämpfen; es werde geschehen, was wir auch dagegen thun mögen. Nun wird ein Bekenner der Nothwendigkeitslehre, da er glaubt, unsere Handlungen gehen aus unserem Charakter hervor, und unser Charakter sei eine Folge unserer Organisation, unserer Erziehung und unserer Umstände, in Beziehung auf seine eigenen Handlungen leicht und mehr oder weniger bewusst zum Fatalisten und glaubt, seine Natur sei von der Art, oder seine Erziehung und seine Umstände hätten seinen Charakter so geformt, dass ihn nun nichts mehr verhindern könne, auf eine besondere Weise zu fühlen und zu handeln, oder dass ihn wenigstens seine eigenen Bemühungen nicht daran verhindern können. Mit den Worten der Secte, welche diese bedeutungsvolle Lehre in unseren Tagen am beharrlichsten gepredigt und am verkehrtesten aufgefasst hat, wird sein Charakter für ihn nicht durch ihn gebildet; es ist daher für ihn nutzlos zu wünschen, er wäre andere gebildet; es steht nicht in seiner Macht, ihn zu ändern. Dies ist aber ein grosser Irrthum. Bis zu einem gewiesen Grade hat er die Macht seinen Charakter zu ändern. Wenn er auch in letzter Instanz für ihn gebildet ist, so ist dies doch damit nicht unverträglich, dass er zum Theil durch ihn als durch eines der unmittelbaren Agentien gebildet werde. Sein Charakter wird durch seine Umstände gebildet (unter diesen seine besondere Organisation inbegriffen), aber sein eigener Wunsch, ihn in einer besonderen Weise zu bilden, ist einer dieser Umstände und keineswegs einer von[444] denen, die am wenigsten Einfluss haben. Wir können zwar nicht direct anders sein wollen als wir sind, aber diejenigen, von denen angenommen wird, sie hätten unsern Charakter gebildet, wollten auch nicht direct, dass wir das sein sollten, was wir sind. Ihr Wille hat nur über ihre eigenen Handlungen eine directe Gewalt. Sie machten uns zu dem, wozu sie uns machen wollten, indem sie nicht das Ende, sondern die erforderlichen Mittel wollten; und wenn unsere Gewohnheiten nicht zu sehr eingewurzelt sind, so Können auch wir, wenn wir die erforderlichen Mittel wollen, uns anders machen. Wenn jene uns unter den Einfluss gewisser Umstände bringen konnten, so können wir uns unter den Einfluss anderer Umstände bringen. Wir sind genau so gut im Stande, unsern eigenen Charakter für uns zu machen, wenn wir wollen, als andere ihn für uns machen können.

Ja (antwortet der Owenit), aber diese Worte »wenn wir wollen« geben die ganze Behauptung wieder auf, da der Wille, unsern eigenen Charakter zu ändern, uns nicht durch unsere eigenen Bemühungen, sondern durch Umstände gegeben wird, die wir nicht ändern können; er kommt uns entweder von äusseren Ursachen oder gar nicht. Sehr wahr; wenn der Owenit dabei stehen bleibt, so befindet er sich in einer Position, aus der ihn nichts vertreiben kann. Unser Charakter wird sowohl durch uns gebildet, als auch für uns; aber der Wunsch, der uns zu dem Versuche veranlasst, ihn zu bilden, wird für uns gebildet; und wie? Im allgemeinen nicht durch unsere Organisation, noch gänzlich durch unsere Erziehung, aber durch unsere Erfahrung; durch die Erfahrung der schmerzlichen Folgen des Charakters, den wir früher hatten, oder durch irgend ein starkes zufällig erregtes Gefühl der Bewunderung oder des Verlangens. Aber zu glauben, wir hätten nicht die Macht, unsern Charakter zu ändern, und zu glauben, wir werden unsere Macht nicht gebrauchen, es sei denn, wir wünschten, sie zu gebrauchen, sind sehr verschiedene Dinge und haben eine sehr verschiedene Wirkung auf den Geist. Ein Mensch, der seinen Charakter nicht zu ändern wünscht, kann nicht der Mensch sein, von dem man annimmt, er fühle sich dadurch entmuthigt und gelähmt, dass er denkt, er wäre unfähig es zu thun. Die niederdrückende Wirkung der fatalistischen Lehre kann nur da gefühlt werden, wo ein Wunsch vorhanden ist, das zu thun,[445] was diese Lehre als unmöglich darstellt. Es ist ohne Bedeutung, was wir als das unsern Charakter Bildende annehmen, wenn wir selbst keinen eigenen Wunsch in Betreff seiner Bildung haben; aber es ist von grosser Wichtigkeit, uns nicht dadurch abhalten zu lassen, einen solchen Wunsch zu fassen, dass wir dessen Erfüllung für unausführbar halten; es ist von Wichtigkeit, dass, wenn wir den Wunsch haben, wir wissen, dass das Werk nicht so unabänderlich gethan ist, um einer Aenderung gar nicht mehr zugänglich zu sein.

Und in der That werden wir bei genauer Prüfung finden, dass dieses Gefühl der Fähigkeit, unsern Charakter zu ändern wenn wir wünschen, selbst das Gefühl von geistiger Freiheit ist dessen wir uns bewusst sind. Derjenige fühlt sich moralisch frei welcher fühlt, dass seine Gewohnheiten und seine Versuchungen nicht Herr über ihn sind, sondern dass er Herr über sie ist; welcher, auch wenn er ihnen nachgiebt, weiss, er könnte ihnen widerstehen, und dass, wenn er sie gern vollständig abwerfen möchte kein stärkeres Verlangen dazu erforderlich wäre, als er sich selbst im Stande weiss, zu fühlen, um unser Bewusstsein der Freiheil vollständig zu machen ist es natürlich nöthig, dass es uns gelungen sei, unsern Charakter zu allem dem zu machen, wozu wir ihn bisher zu machen suchten; denn wenn wir gewünscht und unsern Wunsch nicht erfüllt gesehen haben, so haben wir keine Gewalt über unsern eigenen Charakter, wir sind nicht frei. Oder wir müssen wenigstens fühlen, dass unser Wunsch, wenn er auch nicht stark genug ist, um unsern Charakter zu ändern, doch stark genug ist, um denselben zu besiegen, wenn Wunsch und Charakter in einem besonderen praktischen Falle mit einander in Conflict gerathen sollten.

Die Anwendung eines so unpassenden Wortes, wie Nothwendigkeit, auf die Lehre von Ursache und Wirkung in Betreff des menschlichen Charakters scheint mir einer der ausgezeichnetsten Fälle von Missbrauch der Wörter in der Philosophie, und die praktischen Folgen desselben eines der schlagendsten Beispiele vor der Gewalt der Sprache über unsere Ideenassociationen zu sein. Ehe dieses Wort aufgegeben ist, wird man den Gegenstand niemals allgemein verstehen. Indem die Lehre vom freien Willen genau jenen Theil der Wahrheit im Auge behielt, den das Wort[446] Nothwendigkeit dem Blick entrückt, die Macht des Geistes nämlich, bei der Bildung seines eigenen Charakters mitzuwirken, hat sie ihren Anhängern ein praktisches Gefühl gegeben, das der Wahrheit viel näher ist, als es im Geiste der Anhänger der Nothwendigkeitslehre im allgemeinen (wie ich glaube) existirt hat. Die letzteren mögen ein stärkeres Bewusstsein von der Wichtigkeit dessen gehabt haben, was menschliche Wesen thun können, um einander die Charaktere zu bilden, aber die Lehre vom freien Willen hat, wie ich glaube, bei ihren Anhängern einen viel stärkeren Geist der Selbstcultur genährt.

§. 4. Es bleibt (ausser der Existenz eines Vermögens der Selbstbildung) noch eine Thatsache zu beachten, bevor die Lehre von der Verursachung menschlicher Handlungen von der Verwirrung und den Missverständnissen befreit werden kann, womit sie in dem Geiste Vieler umgeben ist. Wenn man sagt, der Wille sei durch Motive bestimmt, so versteht man unter Motiv nicht immer, oder nicht allein, die Anticipation eines Vergnügens oder eines Schmerzes. Ich werde hier nicht untersuchen, ob es wahr ist, dass alle unsere freiwilligen Handlungen im Anfang bloss mit Bewusstsein gebrauchte Mittel sind, um ein Vergnügen zu erlangen, oder einen Schmerz zu vermeiden. Es ist wenigstens gewiss, dass wir durch den Einfluss der Ideenassociation allmälig dahin kommen, die Mittel zu wünschen, ohne an den Zweck zu denken; die Handlung selbst wird zu einem Gegenstand des Verlangens und wird ausgeführt, ohne dass sie auf irgend ein anderes Motiv bezogen würde, als auf sich selbst. Soweit kann noch immer der Einwurf gemacht werden, dass, da uns die Handlung durch Ideenassociation angenehm geworden ist, wir soviel wie vorher durch die Anticipation eines Vergnügens bewegt werden zu handeln; nämlich durch das Vergnügen an der Handlung selbst. Aber wenn wir auch dieses zugeben, so ist die Sache damit nicht zu Ende. Sowie wir bei der Bildung von Gewohnheiten fortschreiten und uns gewöhnen, eine besondere Handlung oder Handlungsweise zu wollen, weil sie angenehm ist, so werden wir sie zuletzt auch noch ahne eine jede Beziehung auf ihr Angenehmsein wollen. Obgleich wir wegen einer Veränderung in uns oder in unseren Umständen kein Vergnügen mehr an der Handlung, oder vielleicht in der[447] Anticipation eines Vergnügens als einer Folge derselben finden, so wünschen wir die Handlung doch immer noch und begehen sie folglich. In dieser Weise geschieht es, dass die Gewohnheiten einer schädlichen Ausschweifung immer noch befolgt werden, wenn sie auch aufgehört haben angenehm zu sein; und in dieser Weise geschieht es auch, dass die Gewohnheit, in der gewählten Bahn beharren zu wollen, den moralischen Helden auch dann nicht verlässt, wenn der Lohn, den er ohne Zweifel in dem Bewusstsein des Rechtthuns findet, wie reell er auch sein mag, alles andere, nur kein Aequivalent für die Leiden ist, welche er erduldet, oder für die Wünsche, denen er vielleicht entsagt.

Eine Gewohnheit zu wollen wird gewöhnlich ein Vorsatz genannt; und unter die Ursachen unseres Wollens und der daraus fliessenden Handlungen müssen nicht allein Neigungen und Abneigungen, sondern auch Vorsätze gerechnet werden. Nur wenn unsere Vorsätze von den Gefühlen von Schmerz oder Vergnügen, aus denen sie ursprünglich entsprangen, unabhängig geworden sind, sagt man von uns, wir hätten einen festen Charakter. »Ein Charakter,« sagt Novalis, »ist ein vollständig gebildeter Wille,« und der einmal so gebildete Wille kann stetig und beständig bleiben, wenn auch die passiven Empfänglichkeiten für Vergnügen und Schmerz sehr geschwächt oder wesentlich verändert sind.

Nach den nun gegebenen Berichtigungen und Erklärungen kann hoffentlich die Lehre von der Verursachung unseres Wollens durch Motive, und der Motive durch die aus dargebotenen wünschenswerthen Gegenstände in Verbindung mit unseren besonderen Empfänglichkeiten für das Verlangen für die Zwecke dieses Werkes als hinlänglich festgestellt betrachtet werden.[448]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 439-449.
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