Viertes Capitel.

Von den Gesetzen des Geistes.

[455] §. 1. Was der Geist, oder was die Materie ist, und ähnliche Fragen in Beziehung auf die Dinge an sich und als von ihren fühlbaren Kundgebungen unterschieden, sind Betrachtungen, die dem Zwecke dieses Werkes fremd sind. Wie bei unserer ganzen Untersuchung, so werden wir uns auch hier aller Speculationen über die eigene Natur des Geistes enthalten, und unter den Gesetzen des Geistes die Gesetze der geistigen Phänomene, der verschiedenen Gefühle oder Zustände des Bewusstseins empfindender Wesen verstehen. Nach der von uns beständig befolgten Classification sind dieselben: Gefühle, Gemüthsbewegungen (Emotionen), Willensacte und Empfindungen (Sensationen), indem die letzteren eben so gut Zustände des Geistes sind, wie die ersteren. In der That ist es üblich, von Empfindungen als von Zuständen des Körpers und nicht des Geistes zu sprechen. Es ist dies aber die gewöhnliche Verwechselung, indem man einem Phänomen und der nächsten Ursache oder den Bedingungen des Phänomens ein und denselben Namen giebt. Das unmittelbare Antecedens einer Sensation ist ein Zustand des Körpers, aber die Sensation selbst ist ein Zustand des Geistes. Wenn das Wort Geist überhaupt etwas bedeutet, so bedeutet es das Fühlende. Welche Ansicht wir auch in Betreff der fundamentalen Verschiedenheit oder Identität von Materie und Geist haben mögen, so wird doch in einem jeden Falle die Unterscheidung zwischen geistigen und physischen Thatsachen, zwischen der inneren und äusseren Welt als ein Gegenstand der Classification verbleiben; und in dieser Classification müssen Sensationen, sogut wie alle anderen Gefühle, als geistige Phänomene[455] angeführt werden. Der Mechanismus ihrer Erzeugung sowohl im Körper selbst, als auch in der sogenannten äusseren Natur ist alles, was füglich als physisch classificirt werden kann.

Die Phänomene des Geistes sind also die verschiedenen Gefühle unserer Natur, sowohl die unpassend als physisch bezeichneten, als auch die als besonders geistig bezeichneten Gefühle; und unter Gesetzen des Geistes verstehe ich die Gesetze, nach denen sich diese Gefühle einander erzeugen.

§. 2. Alle Zustände des Geistes werden unmittelbar entweder durch andere Zustände des Geistes oder durch Zustände des Körpers erzeugt. Wenn ein Geisteszustand durch einen anderen Geisteszustand erzeugt wird, so nenne ich das dabei in Betracht kommende Gesetz ein Gesetz des Geistes. Wenn ein Geisteszustand durch einen Zustand des Körpers erzeugt wird, so ist das Gesetz ein Gesetz des Körpers, und als solches gehört es der physikalischen Wissenschaft an.

In betreff der Sensationen genannten Geisteszustände stimmen Alle darin überein, dass dieselben körperliche Zustände als unmittelbare Antecedentien haben. Eine jede Empfindung hat als nächste Ursache eine Erregung des Theiles unseres Körpers, den man das Nervensystem nennt, es entspringe diese Erregung aus der Wirkung eines äusseren Gegenstandes oder aus einem pathologischen Zustand des Nervensystems selbst. Die Gesetze dieses Theiles unserer Natur – unsere verschiedenen Sensationen und die physischen Zustände, von denen sie zunächst abhängen – gehören offenbar in den Bereich der Physiologie.

Ob der übrige Theil unserer Geisteszustände in ähnlicher Weise von physischen Zuständen abhängt, ist eine der vexatae quaestiones der Wissenschaft von der menschlichen Natur. Es wird noch darüber gestritten, ob unsere Gedanken, Emotionen und Willensacte durch die Vermittlung eines materiellen Mechanismus erzeugt werden; ob wir in demselben Sinne, wie wir Organe der Empfindung, auch Organe des Gedankens und der Emotion haben. Viele eminente Physiologen behaupten es. Sie behaupten (z.B.), dass ein Gedanke ebenso sehr das Resultat einer Nerventhätigkeit sei, wie eine Empfindung; dass ein besonderer[456] Zustand unseres Nervensystems, insbesondere jenes centralen Gehirn genannten Theils einem jeden Zustand unseres Bewusstseins beständig vorausgehe und von ihm vorausgesetzt werde. Nach dieser Theorie wird niemals ein Zustand des Geistes wirklich von dem anderen erzeugt, sondern alle Geisteszustände werden durch Zustände des Körpers hervorgerufen. Wenn ein Gedanke den andern durch Ideenassociation hervorzurufen scheint, so ist es nicht wirklich ein Gedanke, welcher einen Gedanken zurückruft; die Association bestand nicht zwischen den zwei Gedanken, sondern zwischen den zwei Zuständen des Gehirns oder der Nerven, die den Gedanken vorausgingen; der eine dieser Zustände ruft den andern hervor, während ein jeder bei seinem Vorübergehen von jenem besonderen Zustand des Bewusstseins begleitet ist, der eine Folge von ihm ist. Nach dieser Theorie wären die Gleichförmigkeiten der Succession von Geisteszuständen blosse abgeleitete Gleichförmigkeiten, die aus den Gesetzen der Succession der sie verursachenden Zustände des Körpers hervorgehen. Es würde darnach keine ursprünglichen geistigen Gesetze, keine Gesetze des Geistes in dem Sinne geben, in dem ich das Wort gebrauche, und die Wissenschaft des Geistes würde ein blosser Zweig, wenn auch der höchste und dunkelste Zweig der Physiologie sein. Hr. Comte will deshalb die Erkenntniss moralischer und intellectueller Erscheinungen ausschliesslich den Physiologen vorbehalten sehen, und spricht der Psychologie oder der Geistesphilosophie im eigentlichen Sinne nicht allein den Charakter einer Wissenschaft ab, sondern setzt sie auch der chimärischen Natur ihres Gegenstandes und ihrer Ansprüche wegen fast auf gleiche Stufe mit der Astrologie.

Nachdem alles gesagt worden ist, was gesagt werden kann, bleibt es aber unbestreitbar, dass zwischen Zuständen des Geistes Gleichförmigkeiten der Folge bestehen, und dass dieselben durch Beobachtung und Experiment bestimmt werden können. Ebenso, dass wenn es auch höchst wahrscheinlich ist, dass ein jeder Geisteszustand als unmittelbares Antecedens und nächste Ursache einen Nervenzustand hat, dies doch bis jetzt nicht in derselben bündigen Weise bewiesen ist, wie es von den Sensationen bewiesen werden kann; und selbst wenn es gewiss wäre, so müsste doch ein jeder zugeben, dass wir mit dem Charakteristischen dieser Nervenzustände[457] durchaus unbekannt sind; wir wissen nicht, und besitzen auch bis jetzt noch keine Mittel, um zu erkennen, in welcher Beziehung sie sich von einander unterscheiden, und die einzige Art und Weise, ihre Successionen oder ihre Coexistenz zu studiren, kann nur in der Beobachtung des Aufeinanderfolgens oder des Zugleichseins der geistigen Zustände bestehen, von denen sie der Voraussetzung nach die Erzeuger und die Ursachen sind. Die Successionen welche zwischen geistigen Phänomenen bestehen, können daher nicht aus den physiologischen Gesetzen unseres Nervensystems abgeleitet werden, und eine jede reale Erkenntniss derselben muss, für eine lange Zeit wenigstens, wenn nicht für immer, in dem directen Studium der geistigen Successionen selbst durch Beobachtung und Experiment gesucht werden. Da also die Ordnung unserer geistigen Erscheinungen an diesen Erscheinungen selbst studirt werden muss, und nicht aus den Gesetzen allgemeinerer Erscheinungen gefolgert werden kann, so giebt es eine unterschiedene und besondere Wissenschaft des Geistes.

Das Verhältniss dieser Wissenschaft zur Physiologie darf in der That nicht übersehen oder unterschätzt werden. Es darf keineswegs vergessen werden, dass die Gesetze des Geistes derivative, aus den Gesetzen des thierischen Lebens hervorgehende Gesetze sein können, und dass daher ihre Wahrheit zuletzt von physischen Zuständen abhängig sein kann; dass der Einfluss der physiologischen Zustände oder der physiologischen Veränderungen auf die Veränderung oder Aufhebung der geistigen Successionen einer der wichtigsten Zweige der Psychologie ist. Aber die Hilfsmittel der psychologischen Analyse zu verwerfen, und die Geisteslehre auf Data zu gründen, wie sie die Physiologie bis jetzt darbietet, scheint mir von der andern Seite ein eben so grosser Irrthum im Princip zu sein, und ein sehr ernstlicher Irrthum in der Praxis. Wie unvollkommen auch die Wissenschaft des Geistes sein mag, so stehe ich doch nicht an zu behaupten, dass sie bedeutend weiter vorgeschritten ist, als der ihr entsprechende Theil der Physiologie: und die erstere für die letztere hinwegzugeben, scheint mir eine Verletzung der wahren Regeln der inductiven Philosophie, eine Verletzung, welche in einigen sehr wichtigen Zweigen der Wissenschaft von der menschlichen Natur irrige Schlüsse nach sich zieht und ziehen muss.

[458] §. 3. Die Gleichförmigkeiten der Folge, die letzten oder auch die abgeleiteten Gesetze, nach denen unsere geistigen Zustände aufeinanderfolgen; nach denen der eine Zustand von dem andern verursacht wird, oder wenigstens veranlagst wird, ihm zu folgen, bilden den Gegenstand der Psychologie. Von diesen Gesetzen sind einige allgemeine Gesetze, andere sind specielle. Die folgenden sind Beispiele der allgemeineren Gesetze.

Erstens: Wenn, gleichgültig durch welche Ursache, irgend ein Zustand des Bewusstseins einmal in uns erregt worden ist, so kann ein niedrigerer Grad desselben Zustandes des Bewusstseins, ein dem ersteren ähnlicher, aber weniger intensiver Zustand des Bewusstseins in uns hervorgebracht werden, ohne dass die Ursache, welche ihn zuerst erregte, zugegen wäre. Wenn wir einen Gegenstand einmal gesehen oder berührt haben, so können wir uns später den Gegenstand denken, wenn er auch nicht im Bereich unseres Gesichtes und unserer Berührung ist. Wenn wir bei einem Ereigniss einmal Schmerz oder Freude empfunden haben, so können wir an unseren vergangenen Schmerz und unsere vergangene Freude denken, oder uns ihrer erinnern, wenn auch kein neues Ereigniss voll einer glücklichen oder schmerzhaften Natur stattgefunden hat. Wenn ein Dichter ein geistiges Bild eines imaginären Gegenstandes, ein Schloss der Indolenz, eine Una, oder einen Hamlet zusammengesetzt hat, so kann er alsdann an die idealen Gegenstände seiner Schöpfung denken, ohne dass ein neuer Act einer geistigen Combination nöthig wäre. Dieses Gesetz wird so ausgedrückt, dass man in der Sprache von Hume sagt, ein jeder geistige Eindruck habe seine Idee.

Zweitens: Diese Ideen oder secundären Geisteszustände werden durch unsere Eindrücke, oder durch andere Ideen nach gewissen Gesetzen, welche Gesetze der Ideenassociation heissen, erregt. Von diesen Gesetzen ist das erste, dass sich ähnliche Ideen einander zu erregen suchen. Das zweite ist, dass, wenn zwei Eindrücke häufig erfahren worden sind (oder auch gedacht worden sind), sei es gleichzeitig oder auch in unmittelbarer Folge, und es kehrt einer dieser Eindrücke oder die Idee desselben wieder, er die Idee des andern zu erregen sucht. Das dritte Gesetz ist, dass grössere Intensität in dem einen oder in beiden Eindrücken in Beziehung auf gegenseitige Erregung gleichbedeutend mit häufigerer[459] Verbindung ist. Dies sind die Gesetze der Ideen, über welche ich mich nicht weiter verbreiten werde, sondern wofür ich den Leser auf die psychologischen Fachwerke verweise, insbesondere auf Mill's Analysis of the Phenomena of the Human Mind (Analyse der Erscheinungen des menschlichen Geistes), wo die Hauptgesetze der Ideenassociation sammt vielen Anwendungen derselben meisterhaft und weitläufig erläutert werden.200

Diese einfachen oder elementaren Gesetze des Geistes sind durch die gewöhnlichen Methoden der experimentellen Forschung bestimmt worden; auch konnten sie in keiner anderen Weise bestimmt werden. Nachdem aber eine gewisse Anzahl elementarer Gesetze auf diese Weise gewonnen worden ist, ist es eine geeignete Aufgabe für die Wissenschaft, zu untersuchen, wie weit diese Gesetze für die Erklärung der wirklichen Phänomene verwendet werden können. Es ist klar, dass complexe Gesetze des Denkens und Fühlens aus diesen einfachen Gesetzen nicht allein abgeleitet werden können, sondern dass sie in der That daraus abgeleitet werden müssen. Auch ist zu bemerken, dass nicht jeder Fall ein Fall von Zusammensetzung von Ursachen ist; die Wirkung zusammenwirkender Ursachen ist nicht immer genau die Summe der einzelnen Wirkungen dieser Ursachen, noch auch immer eine Wirkung von derselben Art, wie diese Wirkungen. Wenn wir hier eine ähnliche Distinction machen, wie die in der Theorie der Induction eine so hervorragende Stelle einnehmende, so sind die Gesetze der Geisteserscheinungen zuweilen den mechanischen, zuweilen aber den chemischen[460] Gesetzen analog. Wenn Eindrücke so oft in Verbindung erfahren worden sind, dass ein jeder derselben leicht und augenblicklich die Idee der ganzen Gruppe hervorruft, so verschmelzen diese Ideen zuweilen miteinander und scheinen keine verschiedenen Ideen, sondern nur eine Idee zu sein; ähnlich wie die Sensation von weiss erzeugt wird, wenn die sieben prismatischen Farben dem Auge in rascher Folge dargeboten werden. So wie es aber im letzteren Falle correct ist zu sagen, die rasch aufeinander folgenden sieben Farben erzeugten weiss, nicht aber sie seien wirklich weiss: so scheint es mir, dass man sagen sollte, die durch das Verschmelzen von verschiedenen einfacheren Ideen gebildete complexe Idee, wenn sie wirklich einfach erscheint (d.h. wenn die einzelnen Elemente darin nicht mit Bewusstsein zu unterscheiden sind), resultire aus den einfachen Ideen, oder werde durch dieselben erzeugt, nicht aber, sie bestehe daraus. Unsere Idee von einer Orange besteht wirklich aus den einfachen Ideen einer gewissen Farbe, einer gewissen Form, eines gewissen Gefühls und Geruchs etc., weil wir durch Befragen unseres Bewusstseins alle diese Elemente in der Idee wahrnehmen können. Bei einem anscheinend so einfachen Gefühl, wie unsere Wahrnehmung der Gestalt eines Gegenstandes durch das Auge, können wir aber nicht jene Menge von Ideen wahrnehmen, die sich von anderen Sinnen ableiten und ohne welche, wie nachgewiesen ist, solche Gesichtswahrnehmungen niemals stattgefunden hätten; auch können wir in unserer Idee von Ausdehnung jene elementaren, von unserem Muskelwerk sich ableitenden Ideen von Widerstand nicht entdecken, aus denen, wie Dr. Brown und andere nachgewiesen haben, diese Idee entspringt. Es sind dies daher Fälle von geistiger Chemie, in denen es passender ist zu sagen, die einfachen Ideen erzeugten die complexe Idee, als sie setzten sie zusammen.

In Beziehung auf alle anderen Bestandtheile des Geistes, in Beziehung auf seine Meinungen (Glauben), seine abstruseren Begriffe, seine Gedanken, seine Emotionen und sein Wollen glauben Manche (unter ihnen Hartley und der Verfasser der Analysis), das Ganze derselben sei durch eine Chemie, wie wir sie eben erläutert haben, aus einfachen Ideen der Sensation erzeugt. Ich kann mich bei dem jetzigen Stand unseres Wissens nicht überzeugen, dass dieser Schluss erwiesen ist. In vielen Fällen kann ich nicht einmal sehen,[461] dass die angenommene Schlussweise sehr darauf hinarbeitet. Jene Philosophen haben in der That dargethan, dass es ein solches Ding wie eine geistige Chemie giebt; dass die heterogene Natur eines in Beziehung auf B und C betrachteten Gefühles A kein beweiskräftiges Argument gegen seine Erzeugung durch B und C ist. Nachdem sie dieses bewiesen haben, zeigen sie weiter, dass da, wo A angetroffen wird, B und C gegenwärtig waren oder doch sein konnten, und warum also, fragen sie, sollte A nicht von B und C erzeugt worden sein? Aber selbst wenn dieser Beweis auf den zulässigen höchsten Grad von Vollständigkeit gebracht wäre; wenn gezeigt wäre (was bis jetzt nicht geschah), dass gewisse Gruppen von associirten Ideen nicht allein gegenwärtig gewesen sein konnten, sondern auch, dass sie wirklich immer gegenwärtig waren, wenn das mehr verborgene geistige Gefühl erfahren wurde: so würde dies nur eine Anwendung der Methode der Uebereinstimmung sein und könnte, ohne durch den bündigeren Beweis der Differenzmethode bestätigt zu sein, keine Verursachung beweisen. Wenn die Frage wäre, ob der Glaube ein blosser Fall von enger Ideenassociation ist, so würde es nöthig sein, experimentell zu untersuchen, ob es wahr ist, dass irgend welche Ideen, vorausgesetzt, sie seien eng genug associirt, Glauben veranlassen. Wenn der Ursprung moralischer Gefühle, z.B. das Gefühl der moralischen Verdammung, die Frage wäre, so muss der erste Schritt darin bestehen, dass man alle Arten von Handlungen oder von Geisteszuständen, die moralisch verdammt werden, vergleicht und sieht, ob in allen diesen Fällen gezeigt werden kann, dass die Handlung oder der Geisteszustand mit einer besonderen Classe von hassenswerthen und widrigen Ideen in dem verdammenden Geiste durch Association verknüpft war; und so weit ist die angewandte Methode die der Uebereinstimmung. Dies ist aber nicht genug. Wenn wir auch alles als bewiesen annehmen, so müssen wir noch durch die Differenzmethode prüfen, ob diese besondere Art von hassenswerthen und widrigen Ideen, wenn sie sich mit einer vorher gleichgültigen Handlung associirt hat, diese Handlung zu einem Gegenstand moralischer Verdammung machen wird. Wenn diese Frage im bejahenden Sinne beantwortet werden kann, so ist es als ein Gesetz des menschlichen Geistes nachgewiesen, dass eine derartige Association die erzeugende Ursache moralischer Verdammung[462] ist. Aber diese Experimente sind entweder niemals versucht worden, oder doch nicht mit dem für die Beweiskraft unerlässlichen Grade von Genauigkeit, und werden auch in Anbetracht der Schwierigkeit des genauen Experimentirens mit dem menschlichen Geiste lange nicht angestellt werden.

Man muss sich ferner daran erinnern, dass, wenn auch das, was diese Theorie der geistigen Phänomene behauptet, bewiesen werden könnte, wir darum nicht mehr im Stande sein würden, die Gesetze der complexeren Gefühle in die der einfachen Gefühle zu zerlegen. Die Erzeugung der einen Art von Geistesphänomenen aus der anderen ist, wenn sie erwiesen werden kann, immer eine höchst interessante Thatsache der psychologischen Chemie; aber sie erspart uns so wenig die Nothwendigkeit eines experimentellen Studiums der erzeugten Phänomene, als die Kenntniss der Eigenschaften des Sauerstoffs und Schwefels uns in den Stand setzt, die Eigenschaften der Schwefelsäure ohne specifische Beobachtung und Experiment aus jenen Eigenschaften abzuleiten. Wie daher auch der Versuch, den Ursprung unserer Meinungen, Wünsche und Willensacte aus einfacheren Geistesphänomenen zu erklären, zuletzt ausschlagen möge, so ist es darum nicht weniger erforderlich, die Sequenzen der complexen Phänomene selbst durch specifisches Studium nach den Regeln der Induction zu bestimmen. So werden in Betreff des Glaubens die Psychologen immer zu untersuchen haben, welchen Glauben wir durch das directe Bewusstsein haben, und nach welchen Gesetzen ein Glaube den andern erzeugt; welches die Gesetze sind, kraft deren ein Ding entweder mit Recht oder aus Irrthum von dem Geiste als ein Beweis eines anderen Dinges anerkannt wird. In Beziehung auf das Begehren werden sie zu untersuchen haben, welche Gegenstände wir naturgemäss begehren, und welche Ursachen uns veranlassen, uns ursprünglich gleichgültige, oder sogar unangenehme Dinge zu begehren u.s.w. Es darf bemerkt werden, dass zwischen jenen verwickelteren Geisteszuständen dieselben allgemeinen Gesetze der Association herrschen, wie zwischen den einfacheren Zuständen. Ein Verlangen, eine Emotion, eine Idee von der höheren Art von Abstraction, sogar unsere Meinungen und unser Wollen, wenn sie zur Gewohnheit geworden sind, werden genau nach denselben Gesetzen durch Association hervorgerufen, wie die einfachen Ideen.

[463] §. 4. Es wird natürlich und nothwendig sein, im Verlauf dieser Untersuchungen zu prüfen, wie weit die Erzeugung eines Geisteszustandes durch den andern durch irgend einen nachweisbaren körperlichen Zustand beeinflusst wird. Die gewöhnlichste Beobachtung zeigt, dass verschiedene Geister für dieselben psychologischen Ursachen sehr verschieden empfänglich sind. Die Idee eines gegebenen wünschenswerthen Gegenstandes z.B. wird in verschiedenen Geistern ein Verlangen von sehr verschiedener Intensität erregen. Derselbe Gegenstand der Betrachtung wird, verschiedenen Geistern dargeboten, in denselben einen sehr ungleichen Grad von Geistesthätigkeit erregen. Diese Verschiedenheiten der geistigen Empfänglichkeit bei verschiedenen Individuen können erstens sein, ursprüngliche und letzte Thatsachen, oder, zweitens, Folgen der früheren geistigen Geschichte dieser Individuen, oder, drittens und letztens, Folgen einer verschiedenen physischen Organisation. Dass die frühere geistige Geschichte der Individuen einen Antheil in der Herstellung oder in der Modification ihres ganzen geistigen Charakters haben muss, ist eine unvermeidliche Folge der Gesetze des Geistes; dass aber Unterschiede im Körperbau ebenfalls mitwirken, ist die durch die gewöhnliche Erfahrung bestätigte Meinung aller Physiologen. Es ist zu bedauern, dass diese Erfahrung, da sie ohne gehörige Prüfung in Bausch und Bogen angenommen wurde, bisher zur Grundlage von empirischen Generalisationen gemacht worden ist, die für den Fortschritt des realen Wissens sehr verderblich waren.

Es ist gewiss, dass die in den geistigen Prädispositionen oder Empfänglichkeiten verschiedener Personen wirklich bestehenden natürlichen Verschiedenheiten oft mit Verschiedenheiten in ihrer organischen Constitution im Zusammenhang stehen. Es folgt aber hieraus nicht, dass diese organischen Verschiedenheiten in allen Fällen die geistigen Phänomene direct und unmittelbar beeinflussen müssen. Sie afficiren dieselben häufig vermittelst ihrer psychologischen Ursachen. Die Idee eines besondern Vergnügens z.B. kann auch unabhängig von Gewohnheit und Erziehung bei verschiedenen Personen ein verschieden starkes Verlangen erregen, und dieses kann die Wirkung von verschiedenen Graden oder Arten von nervöser Sensibilität sein; aber wir müssen uns erinnern dass diese organischen Verschiedenheiten die angenehme Sensation[464] selbst in der einen dieser Personen intensiver machen wird, als in der andern; so dass auch die Idee des Vergnügens ein intensiveres Gefühl sein wird, und durch die Wirkung blosser geistiger Gesetze ein intensiveres Verlangen erregen wird, ohne dass es dafür nöthig wäre anzunehmen, das Begehren selbst sei direct durch die physische Eigenthümlichkeit beeinflusst. Wie in diesem, so werden in vielen anderen Fällen solche Verschiedenheiten in der Art oder in der Intensität der physischen Sensationen, wie sie nothwendig aus Verschiedenheiten der körperlichen Organisation hervorgehen müssen, für sich allein viele Unterschiede nicht nur in dem Grade, sondern auch in der Art der anderen geistigen Phänomene erklären. Dies ist so wahr, dass sogar verschiedene Beschaffenheiten (Qualitäten) des Geistes, verschiedene Typen des geistigen Charakters naturgemäss durch blosse Unterschiede in der Intensität der Sensationen im allgemeinen hervorgebracht werden, wie in der in einem früheren Capitel angeführten schönen Abhandlung von Dr. Priestley angedeutet wird:

»Wir erhalten die Empfindungen, welche die Elemente alles Wissens bilden, entweder gleichzeitig oder nacheinander; wenn wir mehrere gleichzeitig erhalten, wie den Geruch, den Geschmack, die Farbe, die Form u.s.w. einer Frucht, so macht ihre Association unsere Idee von einem Gegenstand aus; wenn wir sie nacheinander empfangen, so bildet ihre Association die Idee von einem Ereigniss. Alles was die Association gleichzeitiger Ideen begünstigt, wird daher streben, eine Kenntniss der Gegenstände, eine Wahrnehmung von Eigenschaften hervorzubringen; während alles, was die Association des Aufeinanderfolgens begünstigt, eine Kenntniss von Ereignissen, von der Ordnung der Begebenheiten und von der Verknüpfung von Ursache und Wirkung hervorzubringen suchen wird; mit anderen Worten, in dem einen Falle wird ein perceptiver Geist mit einem unterschiedenen Gefühl der angenehmen und der schmerzerregenden Eigenschaften der Dinge, ein Gefühl des Grossen und Schönen das Resultat sein; in dem andern Falle ein auf Bewegungen und Phänomene achtender Geist, ein argumentirender und philosophischer Verstand. Nun ist es ein anerkannter Grundsatz, dass sich alle während der Anwesenheit eines lebhaften Eindrucks erfahrenen Sensationen mit diesem Eindruck und mit sich selbst stark associren; folgt aber daraus nicht, dass die gleichzeitigen[465] Gefühle einer sensitiven Constitution (d.h. derjenigen, welche lebhafte Eindrücke empfängt) sich inniger vermischen, als in einem anders geformten Geiste? Wenn diese Meinung richtig ist, so führt sie zu der nicht unwichtigen Folgerung, dass da, wo die Natur ein Individuum mit grosser ursprünglicher Sensibilität begabt hat, es sich wahrscheinlich durch Liebe zur Naturgeschichte, durch einen Geschmack am Schönen und Grossen und durch geistigen Enthusiasmus auszeichnen wird; dass aber da, wo nur eine mittelmässige Sensibilität vorhanden ist, eine Liebe zur Wissenschaft, zur abstracten Wahrheit bei Mangel an Geschmack und Enthusiasmus wahrscheinlich das Resultat sein werden.«

Aus diesem Beispiel ersehen wir, dass wenn die allgemeinen Gesetze des Geistes genauer bekannt wären, und vor allem, wenn sie auf die ausführliche Erklärung der geistigen Eigenthümlichkeiten geschickter angewendet würden, sie viel mehr von diesen Eigenthümlichkeiten erklären würden, als man gewöhnlich glaubt. Unglücklicherweise hat die Reaction der letzten und der gegenwärtigen Generation gegen die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts eine grosse Vernachlässigung dieses Zweiges der analytischen Forschung erzeugt, und der neuere Fortschritt derselben war daher keineswegs ihren früheren Versprechungen angemessen. Die grösste Anzahl derjenigen, welche die menschliche Natur zum Gegenstand ihrer Betrachtungen machen, nehmen lieber dogmatisch an, die geistigen Verschiedenheiten, welche sie unter menschlichen Wesen wahrnehmen oder wahrzunehmen glauben, seien letzte Thatsachen, die weder zu erklären noch zu ändern sind, als dass sie sich die Mühe geben, sich durch die erforderlichen Denkprocesse in den Stand zu setzen, diese geistigen Verschiedenheiten auf die äusseren Ursachen, von denen sie meistens abhängen, und bei deren Beseitigung sie aufhören würden zu existiren, zurückzuführen. Die deutsche metaphysische Schule, welche ihre temporäre Herrschaft über den europäischen Gedanken noch nicht verloren hat, hat unter vielen anderen schädlichen Einflüssen auch diesen Einfluss gehabt; und auf der entgegengesetzten Seite der psychologischen Scala fällt diese Abirrung vom wahren wissenschaftlichen Geist niemand schwerer zur Last, als Herrn Comte.

Es ist gewiss, dass Verschiedenheiten in der Erziehung und in den äusseren Umständen bei menschlichen Wesen wenigstens[466] eine adäquate Erklärung des bei weitem grösseren Theils des Charakters darbieten können, und dass der Rest zum grossen Theil durch physische Unterschiede in den Sensationen, die in verschiedenen Individuen durch dieselbe äussere oder innere Ursache hervorgerufen werden, zu erklären ist. Es giebt indessen einige geistige Thatsachen, welche eine solche Erklärungsweise nicht zuzulassen scheinen. Der Art sind, um den stärksten Fall zu nehmen, die Instincte der Thiere und der diesen Instincten entsprechende Theil der menschlichen Natur. In welcher Weise dieselben eine genügende oder auch nur plausible Erklärung durch psychologische Ursachen allein erhalten können, hat man nicht einmal hypothetisch ausgesprochen, und es ist starker Grund vorhanden zu glauben, dass sie einen ebenso positiven, und sogar einen ebenso directen und unmittelbaren Zusammenhang mit physischen Zuständen des Gehirns und der Nerven haben, als irgend eine unserer blossen Sensationen. Eine Voraussetzung (wie vielleicht nicht überflüssig ist zu bemerken), welche in keiner Weise der unbestreitbaren Thatsache entgegen ist, dass diese Instincte, bei menschlichen Wesen wenigstens, durch andere Einflüsse und durch Erziehung bis zu einem gewissen Grade modificirt oder gänzlich besiegt werden können.

Ob organische Ursachen einen directen Einfluss auf andere Classen von geistigen Erscheinungen ausüben, ist bis jetzt ebenso wenig nachgewiesen worden, als die genaue Natur der organischen Bedingungen der Instincte, Die Physiologie des Gehirns und des Nervensystems ist indessen in einem so raschen Fortschreiten begriffen und bringt fortwährend so viele neue und interessante Resultate, dass, wenn zwischen geistigen Eigenthümlichkeiten und den durch unsere Sinne erkennbaren Verschiedenheiten im Bau des Gehirns und des Nervenapparats wirklich ein Zusammenhang stattfindet, die Natur dieses Zusammenhanges auf dem besten Wege ist erkannt zu werden. Die letzten Entdeckungen in der Physiologie des Gehirns scheinen bewiesen zu haben, dass ein jeder derartige Zusammenhang einen von dem durch Gall und seine Anhänger behaupteten radical verschiedenen Charakter besitzt, und dass, welches auch die wahre Theorie des Gegenstandes einst Bein mag, die Phrenologie unhaltbar ist.[467]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 455-468.
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