232.
An Georg Brandes

[1284] Torino (Italia), ferma in posta,

den 10. April 1888


Aber, verehrter Herr, was ist das für eine Überraschung! – Wo haben Sie den Mut hergenommen, von einem vir obscurissimus öffentlich reden zu wollen! ... Denken Sie vielleicht, daß ich im lieben Vaterlande bekannt bin? Man behandelt mich daselbst, als ob ich etwas Absonderliches und Absurdes wäre, etwas, das man einstweilen nicht nötig hat, ernst zu nehmen ... Offenbar wittern sie, daß auch ich sie nicht ernst nehme: und wie sollte ich's auch, heute, wo »deutscher Geist« ein contradictio in adjecto geworden ist! – Für die Photographie bedanke ich mich auf das verbindlichste. Leider gibt es nichts dergleichen auf meiner Seite: die letzten Bilder, die ich besaß, hat meine Schwester, die in Südamerika verheiratet ist, mit dahin genommen.

Anbei folgt eine kleine Vita, die erste, die ich geschrieben habe.

Was die Abfassungszeiten der einzelnen Bücher betrifft, so stehen sie auf dem Titel-Rückblatt von »Jenseits von Gut und Böse«. Vielleicht haben Sie das Blatt nicht mehr.

»Die Geburt der Tragödie« wurde zwischen Sommer 1870 und Winter 1871 abgefaßt (beendet in Lugano, wo ich zusammen mit der Familie des Feldmarschalls Moltke lebte).

Die »Unzeitgemäßen Betrachtungen« zwischen 1872 und Sommer 1875 (es sollten 13 werden; die Gesundheit sagte glücklicherweise nein!).

Was Sie über »Schopenhauer als Erzieher« sagen, macht mir große Freude. Diese kleine Schrift dient mir als Erkennungszeichen; wem sie nichts Persönliches erzählt, der hat wahrscheinlich auch sonst nichts mit mir zu tun. Im Grunde steht das Schema darin, nach dem ich bisher gelebt habe; sie ist ein strenges Versprechen.

»Menschliches, Allzumenschliches« samt seinen zwei Fortsetzungen,[1284] Sommer 1876 bis 1879. Die »Morgenröte« 1880. Die »Fröhliche Wissenschaft« Januar 1882. Zarathustra 1883 bis 1885 (jeder Teil in ungefähr zehn Tagen. Vollkommener Zustand eines »Inspirierten«. Alles unterwegs auf starken Märschen konzipiert: absolute Gewißheit, als ob jeder Satz einem zugerufen wäre. Gleichzeitig mit der Schrift größte körperliche Elastizität und Fülle –).

»Jenseits von Gut und Böse«, Sommer 1885 im Oberengadin und den folgenden Winter in Nizza.

Die »Genealogie« zwischen dem 10. und 30. Juli 1887 beschlossen, durchgeführt und druckfertig an die Leipziger Druckerei geschickt. (Natürlich gibt es auch philologica von mir. Das geht aber uns beide nichts mehr an.)

Ich mache eben einen Versuch mit Turin, ich will hier bis zum 5. Juni bleiben, um dann ins Engadin zu gehen. Winterlich hart, böse bis jetzt. Aber die Stadt superb ruhig und meinen Instinkten schmeichelnd. Das schönste Pflaster der Welt.

Es grüßt Sie Ihr dankbar ergebener

Nietzsche


Ein Jammer, daß ich weder Dänisch noch Schwedisch verstehe.


Vita. Ich bin am 15. Oktober 1844 geboren, auf dem Schlachtfelde von Lützen. Der erste Name, den ich hörte, war der Gustav Adolfs. Meine Vorfahren waren polnische Edelleute (Niëzky); es scheint, daß der Typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher »Mütter«. Im Auslande gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter einzeichnete mich die Fremdenliste Nizzas comme Polanais. Man sagt mir, daß mein Kopf auf Bildern Matejkos vorkomme. Meine Großmutter gehörte zu dem Schiller-Goetheschen Kreise Weimars; ihr Bruder wurde der Nachfolger Herders in der Stellung des Generalsuperintendenten Weimars. Ich hatte das Glück, Schüler der ehrwürdigen Schulpforta zu sein, aus der so viele (Klopstock, Fichte, Schlegel, Ranke usw. usw.), die in der deutschen Literatur in Betracht kommen, hervorgegangen sind. Wir hatten Lehrer, die jeder Universität Ehre gemacht hätten (oder haben –). Ich studierte in Bonn, später in Leipzig; der alte Ritschl, damals der erste Philolog Deutschlands, zeichnete mich fast von Anfang an aus. Ich war mit 22 Jahren Mitarbeiter des »Literarischen Zentralblattes« (Zarncke). Die Gründung des philologischen[1285] Vereins in Leipzig, der jetzt noch besteht, geht auf mich zurück. Im Winter 1868-69 trug mir die Universität Basel eine Professur an; ich war noch nicht einmal Doktor. Die Universität Leipzig hat mir die Doktorwürde hinterdrein gegeben, auf eine sehr ehrenvolle Weise, ohne jedwede Prüfung, selbst ohne eine Dissertation. Von Ostern 1869 bis 1879 war ich in Basel; ich hatte nötig, mein deutsches Heimatrecht aufzugeben, da ich als Offizier (reitender Artillerist) zu oft einberufen und in meinen akademischen Funktionen gestört worden wäre. Ich verstehe mich nichtsdestoweniger auf zwei Waffen: Säbel und Kanonen – und, vielleicht noch auf eine dritte ... Es ging alles sehr gut in Basel, trotz meiner Jugend; es kam vor, bei Doktorpromotionen namentlich, daß der Examinand älter war als der Examinator. Eine große Gunst wurde mir dadurch zuteil, daß zwischen Jacob Burckhardt und mir eine herzliche Annäherung zustande kam, etwas Ungewöhnliches bei diesem sehr einsiedlerischen und abseits lebenden Denker. Eine noch größere Gunst, daß ich vom Anfang meiner Baseler Existenz an in eine unbeschreiblich nahe Intimität mit Richard und Cosima Wagner geriet, die damals auf ihrem Landgute Triebschen bei Luzern wie auf einer Insel und wie abgelöst von allen früheren Beziehungen lebten. Wir haben einige Jahre alles Große und Kleine gemeinsam gehabt, es gab ein Vertrauen ohne Grenzen. (Sie finden in den gesammelten Schriften Wagners Band VII ein »Sendschreiben« desselben an mich abgedruckt, bei Gelegenheit der »Geburt der Tragödie«.) Von jenen Beziehungen aus habe ich einen großen Kreis interessanter Menschen (und »Menschinnen«) kennengelernt, im Grunde fast alles, was zwischen Paris und Petersburg wächst. Gegen 1876 verschlimmerte sich meine Gesundheit. Ich brachte damals einen Winter in Sorrent zu, mit meiner alten Freundin, der Baronin Meysenbug (»Memoiren einer Idealistin«) und dem sympathischen Dr. Rée. Es wurde nicht besser. Ein äußerst schmerzhaftes und zähes Kopfleiden stellte sich heraus, das alle meine Kräfte erschöpfte. Es steigerte sich in langen Jahren bis zu einem Höhepunkt habitueller Schmerzhaftigkeit, so daß das Jahr damals für mich 200 Schmerzenstage hatte. Das Übel muß ganz und gar lokale Ursache gehabt haben, es fehlt jedwede neuropathologische Grundlage. Ich habe nie ein Symptom von geistiger Störung gehabt; selbst kein Fieber, keine Ohnmacht.[1286] Mein Puls war damals so langsam wie der des ersten Napoleons (= 60). Meine Spezialität war, den extremen Schmerz cru, vert mit vollkommener Klarheit zwei bis drei Tage hintereinander auszuhalten, unter fortdauerndem Schleim-Erbrechen. Man hat das Gerücht verbreitet, als ob ich im Irrenhaus sei (und gar darin gestorben sei). Nichts ist irrtümlicher. Mein Geist wurde sogar in dieser fürchterlichen Zeit erst reif: Zeugnis die »Morgenröte«, die ich 1881, in einem Winter von unglaublichem Elend in Genua, abseits von Ärzten, Freunden und

Verwandten, geschrieben habe. Das Buch ist eine Art »Dynamometer« für mich: ich habe es mit einem Minimum von Kraft und Gesundheit verfaßt. Von 1882 an ging es, sehr langsam freilich, wieder aufwärts: Die Krisis war überwunden (– mein Vater ist sehr jung gestorben, exakt in dem Lebensjahr, in dem ich selbst dem Tode am nächsten war). Ich habe auch heute noch eine extreme Vorsicht nötig; ein paar Bedingungen klimatischer und meteorologischer Art sind unerläßlich. Es ist nicht Wahl, sondern Zwang, daß ich die Sommer im Oberengadin, die Winter an der Riviera zubringe ... Zuletzt hat mir die Krankheit den allergrößten Nutzen gebracht: sie hat mich herausgelöst, sie hat mir den Mut zu mir selbst zurückgegeben ... Auch bin ich, meinen Instinkten nach, ein tapferes Tier, selbst ein militärisches. Der lange Widerstand hat meinen Stolz ein wenig exasperiert. – Ob ich ein Philosoph bin? – Aber was liegt daran! ...

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 1284-1287.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Briefe
Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Abt.1, Bd.1, Briefe von Nietzsche, Juni 1850 - September 1864. Briefe an Nietzsche Oktober 1849 - September 1864.
Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Abt.2, Bd.2, Briefe an Nietzsche, April 1869 - Mai 1872
Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe in 8 Bänden.
Sämtliche Briefe, 8 Bde.
Sämtliche Briefe: Kritische Studienausgabe in 8 Bänden

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon