Zehnter Abschnitt
Verschiedene Gedanken über Philosophie und Literatur.
1.

[190] Je mehr Geist man hat, desto mehr Originalmenschen findet man. Der große Haufe findet keinen Unterschied unter den Menschen.


2.

[190] Man kann einen richtigen Verstand haben und doch ihn nicht zu allen Dingen gleich anwenden; denn es giebt Menschen, die für eine gewisse Klasse von Dingen einen richtigen Verstand haben und doch in den übrigen sich verwirren. Die einen ziehen ganz gut die Folgerungen aus wenigen Grundsätzen, die andern ziehen gut die Folgerungen aus den Dingen, bei denen viele Grundsätze sind. So z.B. einige begreifen sehr gut die Wirkungen des Wassers, wobei es wenig Grundsätze giebt, deren Folgerungen aber so fein sind, daß nur ein scharfer Blick im Stande ist sie zu durchdringen, und eben diese Menschen würden vielleicht nicht große Mathematiker sein, weil die Mathematik eine große Menge von Grundsätzen umfaßt und weil die Natur eines Geistes so eingerichtet sein kann, daß er sehr wohl wenig Principien bis auf den Grund durchdringen mag und doch nicht die Dinge durchdringen kann, bei welchen viel Principien sind.

Es giebt also zwei Arten von Geistern: der eine durchdringt lebhaft und tief die Folgen der Grundsätze, und das ist der Geist der richtigen Beobachtung: der andre umfaßt eine große Zahl von Grundsätzen ohne sich zu vermengen, und das ist der Geist der Mathematik. Das eine ist Stärke und Richtigkeit des Geistes, das andre Ausdehnung des Geistes, eins kann ohne das andre sein, der Geist kann stark sein und enge, weit und schwach.

Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Geist der[191] Mathematik und dem Geist der feinen Beobachtung. Bei dem ersten sind die Grundgesetze handgreiflich, kommen aber nicht im gemeinen Gebrauch vor, so daß es schwer ist das Auge nach der Seite hin zu kehren, weil man nicht daran gewöhnt ist, kehrt man sich aber hin, so sieht man die Gesetze völlig vor sich und man müßte einen gänzlich irrigen Verstand haben um falsch zu schließen nach Gesetzen, die so in die Augen fallen, daß sie uns fast unmöglich entgehen können.

Dagegen wo es auf feine Beobachtung ankommt, sind die Grundgesetze im gemeinen Gebrauch und vor den Augen aller Welt. Man hat nur sich um zu schauen und braucht sich keine Gewalt zu thun. Es fragt sich nur, ob man einen guten Blick hat. Gut muß er sein, denn die Principien sind hier sehr zart und es ist beinahe unmöglich, daß uns nicht eins entgeht. Aber das Auslassen eines Gesetzes führt zum Irrthum; also muß man einen recht scharfen Blick haben um alle zu sehen und dann einen richtigen Verstand um nach den erkannten nicht falsch zu schließen.

So würden denn alle Mathematiker feine Beobachter sein, wenn sie einen guten Blick hätten, denn sie schließen nicht falsch aus den Grundsätzen, die sie kennen und die feinen Beobachter würden gute Mathematiker sein, wenn sie ihren Blick auf die ungewohnten Sätze der Mathematik wenden könnten.

Daß nun manche feine Beobachter keine Mathematiker sind, das kommt daher, weil sie durchaus nicht im Stande sind sich zu den Sätzen der Mathematik hin zu kehren und daß die Mathematiker nicht fein beobachten, das kommt daher, weil sie nicht sehen was vor ihnen liegt, weil sie an die klaren und in die Augen fallenden Principien der Mathematik gewöhnt sind und immer, ehe sie urtheilen, erst[192] ihre Principien wohl zu betrachten und zu handhaben pflegen, so verlieren sie sich in den Gegenständen der feinen Beobachtung, bei denen sich die Grundgesetze nicht auf diese Weise handhaben lassen. Man sieht sie kaum, man fühlt sie mehr als man sie sieht; es ist unendlich schwer, sie denen fühlbar zu machen, die sie nicht von selbst fühlen, es sind Dinge so zart und zahlreich, daß es ein recht feiner und klarer Sinn dazu gehört sie zu fühlen und meistens ohne daß man sie der Ordnung nach beweisen kann wie in der Mathematik, weil man nicht so die Grundgesetze davon besitzt und sie zu suchen eine unendliche Arbeit sein würde. Mit einem Mal muß man die Sache sehen mit einem einzigen Blick und nicht durch fortschreitendes nachdenken, wenigstens bis auf einen gewissen Grad.

Daher ist es selten, daß die Mathematiker feine Beobachter und die feinen Beobachten Mathematiker sind. Die Mathematiker wollen die Dinge, die fein beobachtet werden müssen, mathematisch behandeln und machen sich lächerlich, indem sie mit Definitionen anfangen und dann mit den Principien kommen. Das ist nicht die Art, wie bei dergleichen Scharfsinn zu Werke geht. Nicht daß der Geist es nicht thäte, aber er thut es stillschweigend, natürlich und ohne Kunst; denn die Beschreibung davon ist allen Menschen zu hoch und das Gefühl davon gehört nur für wenige.

Die feinen Geister im Gegentheil, gewöhnt mit einem Blick zu urtheilen, sind ganz erstaunt, wenn man ihnen Sätze vorbringt, in denen sie nichts verstehen und wenn sie, um ein zu dringen, sich durcharbeiten müssen durch unfruchtbare Definitionen und Principien, die sie nicht gewöhnt sind so genau zu besehen: und so schaudern die davor und fassen ein Widerwillen.

Freilich die falschen Geister sind weder feine Beobachter noch Mathematiker.[193]

Die Mathematiker, die nichts als das sind, haben also einen richtigen Verstand, aber nur sobald man ihnen alle Dinge recht mit Definitionen und Principien erklärt, sonst sind sie irrig und unerträglich, denn sie haben richtigen Verstand nur für wohl erklärte Principien. Und die feinen Geister, die nur fein sind, können nicht die Geduld haben bis zu den ersten Grundgesetzen der spekulativen und abstracten Dinge, welche sie nie in der Welt und im Gebrauch gesehen haben, sich zu versteigen.


3.

Oft nimmt man zum Beweis für gewisse Dinge Beispiele, die so sind, daß man wieder jene Dinge zum Beweis für diese Beispiele nehmen könnte. Das hat aber doch seine Wirkung. Denn da man immer glaubt, daß die Schwierigkeit in dem ist, was man beweisen will, so findet man die Beispiel klarer. So wenn man eine allgemeine Sache darthun will, giebt man die Regel für einen besondern Fall; will man aber einen besondern Fall darthun, so fängt man mit der allgemeinen Regel an. Man findet immer die Sache, die man beweisen will, dunkel und die klar, deren man sich zum Beweise bedient; denn wenn man sich vorsetzt eine Sache zu beweisen, so erfüllt man sich von vorne herein mit der Vorstellung, daß sie also dunkel ist, und daß dagegen die, welche sie beweisen soll, klar ist und so versteht man sie leicht.


4.

All unser Denken kommt darauf zurück, daß wir dem Gefühl weichen. Aber die Einbildung ist dem Gefühl ähnlich und entgegen, ähnlich weil sie nicht nach denkt, entgegen, weil sie unwahr ist. Daher ist es sehr schwer zwischen diesen beiden Gegensätzen zu unterscheiden. Jemand sagt: mein Gefühl sei Einbildung und seine Einbildung sei Gefühl und ich sage ein Gleiches von meiner Seite. Man brauchte[194] dazu eine Regel, die Vernunft bietet sich wohl dar, aber sie ist für alle Sinne biegsam und so giebt es keine Regel.


5.

Wer über ein Werk nach Regeln urtheilt ist im Vergleich zu den andern, wie einer, der eine Uhr hat, im Vergleich zu denen, die keine haben. Einer sagt: »Wir sind zwei Stunden hier.« Der andre sagt: »Es sind nur drei Viertelstunden.« Ich sehe nach meiner Uhr und sage zu dem einen: »Du langweilst dich« und zum andern: »Die Zeit wird dir nicht lang, denn es ist anderthalb Stunden« und ich lache über die, welche sagen: die Zeit komme mir nur so vor und ich urtheile nach meiner Einbildung. Sie wissen nicht, daß ich darüber nach meiner Uhr urtheile.


6.

Es giebt Leute, die sprechen gut, schreiben aber nicht so. Das kommt daher, daß der Ort, die gegenwärtigen Personen u.s.w. sie in Feuer setzen und aus ihrem Geist mehr herausziehen als sie ohne Hitze darin finden würden.


7.

Was Montaigne Gutes hat ist nur schwer zu erlangen; was er Schlechtes hat (ich meine abgesehen von der Moral,) hätte in einem Augenblick können gebessert werden, wenn man ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, daß er so viel erzählt und zu viel von sich redet.


8.

Es ist ein großes Uebel der Ausnahme zu folgen statt der Regel. Man muß strenge sein und der Ausnahme widerstehn. Da es aber nichts desto weniger Ausnahmen von der Regel giebt, so muß man streng darüber urtheilen, doch gerecht.


9.

Es giebt Leute, die wollen, daß ein Schriftsteller nie von Dingen rede, über welche schon andre gesprochen haben;[195] sonst klagt man ihn an nichts Neues zu sagen. Aber wenn auch die Gegenstände, die er behandelt, nicht neu sind, ist doch die Anordnung neu. Wenn man Ball spielt, so ist es derselbe Ball, mit welchem der eine wie der andre spielt, aber der eine schlägt ihn besser als der andre. Ich würde es eben so natürlich finden ihn an zu klagen, daß er sich der alten Worte bedient. Als wenn nicht dieselben Gedanken durch eine verschiedne Anordnung ein andres Ganzes bildeten, eben so gut als dieselben Worte durch die verschiednen Anordnungen andre Gedanken bilden.


10.

Gewöhnlich überzeugt man sich besser durch die Gründe, die man selbst gefunden hat, als durch die, welche den andern eingefallen sind.


11.

Der Geist glaubt von Natur und der Willen liebt von Natur, so daß sie, wenn ihnen wahre Gegenstände fehlen, sich an falsche hängen müssen.


12.

Die großen Anstrengungen des Geistes, zu denen sich die Seele zuweilen erhebt, sind Punkte, wo sie sich nicht erhält. Sie macht nur einen Sprung, um sogleich wieder zurück zu fallen.


13.

Der Mensch ist weder Engel, noch Thier; und das Unglück ist, daß wer Engel sein will, Thier wird.


14.

Sobald man nur die herschende Leidenschaft von jemand kennt, so ist man sicher ihm zu gefallen und doch hat[196] jeder seine Einfälle, die seinem eignen Wohl selbst in dem Begriff, den er von Wahl hat, entgegen sind. Das ist eine Wunderlichkeit, welche diejenigen, die ihre Neigung gewinnen wollen, in Verwirrung setzt.


15.

Ein Pferd sucht nicht die Bewunderung seines Genossen zu erregen. Man sieht wohl an ihnen eine Art von Wetteifer im Lauf, aber das ist ohne weitere Bedeutung, denn im Stall wird darum doch der schwerste und schlechteste Gaul nicht dem andern seinen Haber lassen. Anders ists mit den Menschen, ihre Tugend genügt sich nicht selbst und sie sind nicht zufrieden, wenn sie nicht daraus einen Vortheil ziehn zum Nachtheil der andern.


16.

Wie man sich den Verstand verdirbt, so auch verdirbt man sich das Gefühl. Man bildet sich den Verstand und das Gefühl, durch die Unterhaltungen; gute oder schlechte bilden oder verderben ihn. Es kommt daher alles darauf an gut zu wählen, um sich ihn zu bilden und nicht zu verderben, und man kann diese Wahl nicht treffen, wenn man ihn nicht schon gebildet und nicht verdorben hat. So macht das einen Kreis und glücklich sind die, welche da heraus kommen.


17.

Wenn es unter den Dingen der Natur, deren Kenntniß uns nicht nöthig ist, etwas giebt, von dessen Wahrheit wir nichts wissen, so ist es vielleicht nicht übel, daß ein allgemeiner Irrtuhm den Geist der Menschen beruhigt, wie man z.B. dem Monde die Veränderung des Wetters zuschreibt, das Fortschreiten der Krankheiten u.s.w. Denn es ist eine von den Hauptkrankheiten des Menschen, daß er eine unruhige Neugierde hat nach den Sachen, die er nicht wissen[197] kann, und ich weiß nicht ob es für ihn nicht ein geringeres Uebel ist über Dinge dieser Art im Irrthum zu sein als in jener unnützen Neugierde zu schweben.


18.

Fiele der Blitz auf die niedrigen Stellen, so würden den Poeten und denen, die nur nach Dingen dieser Art zu raisonniren wissen, Beweise fehlen.


19.

Der Geist hat seine Ordnung, nämlich durch Grundsätze und Beweisführungen, das Herz hat eine andre Ordnung. Man beweist nicht, daß man geliebt werden soll, indem man der Ordnung nach die gründe zur Liebe ausführt; das würde lächerlich sein.

Jesus Christus und der heilige Paulus sind weit mehr der Ordnung des Herzens gefolgt, (das ist der Ordnung der Liebe,) als der Ordnung des Geistes; denn ihr Hauptzweck war nicht zu belehren, sondern zu erwärmen. Eben so der heilige Augustin.

Diese Ordnung besteht hauptsächlich darin, daß man auf jeden Punkt, der einen Bezug aufs Ende hat, abschweifen um es immer vor Augen zu stellen.


20.

Es giebt Leute, welche die Natur maskiren. Bei ihnen giebt es keinen König sondern einen erhabnen Monarchen, kein Paris sondern eine Hauptstadt des Reichs. Aber an Stellen muß man Paris Paris nennen und an andern muß man es Hauptstadt des Reichs nennen.


21.

Wenn in einer Abhandlung sich Wörter wiederholen und[198] man findet, wen man sie ändern will, sie so passend, daß man die Rede verderben würde, so muß man sie stehen lassen. Das ist das Zeichen und das ist die Sache des Neides, der blind ist und nicht weiß, daß diese Wiederholung an diesem Ort kein Fehler ist. Denn es giebt keine allgemeine Regel.


22.

Wer Gegensätze macht, indem er die Worte zwängt, gleich denen, die um der Symmetrie willen falsche Fenstern machen. Ihr Gesetz ist nicht, richtig zu reden, sondern richtige Figuren zu bilden.


23.

Eine Sprache im Vergleich mit der andern ist eine Geheimschrift, worin die Worte in Worte verwandelt sind und nicht die Buchstaben in Buchstaben. Also ist jede unbekannte Sprache zu entziffern.


24.

Es giebt ein Muster der Lieblichkeit und Schönheit, das besteht in einer gewissen Uebereinstimmung unsrer schwachen oder starken Natur, wie sie nun ist, mit der Sache, die uns gefällt. Alles, was nach diesem Muster gebildet ist, gefällt uns wohl, Haus, Gesang, Rede, Vers, Prosa, Weiber, Vögel, Flüsse, Bäume, Zimmer, Kleider. Alles, was nicht das diesem Muster ist, mißfällt denen, die guten Geschmack haben.


25.

Wie man sagt: poetische Schönheit, sollte man auch sagen mathematische Schönheit oder medicinische Schönheit. Allein man sagt es nicht und der Grund davon ist, daß man wohl weiß, was der Gegenstand der Mathematik und der Medicin ist, nicht aber weiß, worin das Wohlgefallen, welches der Gegenstand der Poesie ist, besteht. Man weiß nicht, was jenes natürliche Muster ist, welches man[199] nachahmen muß und weil man das nicht weiß, hat man gewisse verschrobene Redensarten erfunden »das goldne Zeitalter,« »das Wunder unsrer Tage,« »unseliger Lorbeer,« »schönes Gestirn,« u.s.w. und diesen Wortschwall nennt man poetische Schönheit. Aber wer sich nach diesem Muster eine Frau gekleidet denkt, der wird ein schönes Mädchen ganz bedeckt mit Spiegeln und messingenen Ketten sehen und statt sie hübsch zu finden, wird er sich nicht enthalten können über sie zu lachen, weil man besser weiß, worin der Liebreiz eines Weibes, als worin der Reiz eines Gedichtes besteht. Diejenigen aber, welche sich nicht darauf verstehen, würden sie vielleicht in diesem Aufzuge bewundern und es giebt genug Dörfer, wo man sie zur Königinn nehmen würde. Darum nennen auch manche die Sonnette, die nach diesem Muster gemacht sind, Dorfköniginnen.


26.

Wenn eine natürliche Darstellung eine Leidenschaft malt oder eine Begebenheit, so findet man sich selbst die Wahrheit von dem, was man hört. Sie war in uns, ohne daß man es wußte und man fühlt sich gedrungen den zu lieben, der sie uns fühlbar macht; denn er giebt uns nicht eine Probe von seinem Gut, sondern von dem unsern und diese Wohlthat macht ihn uns liebenswürdig; wozu noch kommt, daß diese Gemeinschaft der Einsicht, die wir mit ihm haben, unser Herz geneigt macht ihn zu lieben.


27.

In der Beredsamkeit muß Angenehmes und Wahres sein; aber dieses Angenehme muß wahr sein.


28.

Wenn man die natürliche Sprache findet, wird man ganz überrascht und hingerissen, denn man erwartete einen Autor zu sehn und findet einen Menschen. Dagegen die, welche guten Geschmack haben und welche, wenn sie ein[200] Buch sehen, einen Menschen zu finden meinen, die sind ganz betroffen einen Autor zu finden; plus poetice quam humane locutus est (er hat mehr dichterisch als menschlich geredet).

Die ehren recht die Natur, welche sie lehren, daß sie von allem sprechen könne, selbst von der Theologie.


29.

Was man zuletzt findet, wenn man ein Werk abfaßt, ist die Einsicht, was man zuerst stellen muß.


30.

Im Gespräch muß man den Geist nicht von einer Sache auf die andre wenden, es sei denn ihm zur Erholung; aber zur gelegenen Zeit und sonst nicht, denn wer außer der gelegenen Zeit Erholung geben will, der ermüdet. Man wird abgeschreckt und läßt alles liegen. So schwer ist es, vom Menschen etwas zu erlangen anders als durchs Vergnügen; das ist die Münze, für die wir alles geben, was man will.


31.

Welch ein leeres Ding ist doch ein Gemälde, das Bewunderung erregt wegen Aehnlichkeit der Dinge, deren Originale man nicht bewundert.


32.

Ein gleicher Sinn ändert sich nach den Worten, die ihn ausdrücken. Der Sinn erhält von den Worten seine Bedeutung statt sie ihnen zu geben.


33.

Wer gewohnt ist nach dem Gefühl zu urtheilen begreift nichts von den Gegenständen des Denkens, denn er will sogleich mit einem Blick eindringen und ist nicht gewöhnt erst die Principien zu suchen. Die andern hingegen, die gewohnt sind nach Grundsätzen zu denken, begreifen nichts von den Sachen des Gefühls, indem sie darin Principien suchen und nicht im Stande sind mit einem Blick zu sehen.


34.

[201] Die wahre Beredsamkeit spottet über die Beredsamkeit, die wahre Moral spottet über die Moral, d.h. die Moral der Vernunft spottet über die Moral des Verstandes, die ohne Regel ist.


35.

Alle die falschen Schönheiten, die wir an Cicero tadeln, haben Bewunderer in großer Zahl.


36.

Ueber die Philosophie spotten, das ist wahrhaft philosophiren.


37.

Es giebt viele Leute, die hören die Predigt eben so wie sie die Vesper hören.


38.

Die Flüsse sind Wege, die gehen und die tragen wohin man gehen will.


39.

Zwei ähnliche Gesichter, von denen keins für sich besonders zum Lachen reizt, die erregen neben einander durch ihre Aehnlichkeit Gelächter.


40.

Die Astrologen, die Alchimisten u.s.w. haben einige Principien, aber sie mißbrauchen sie. Der Mißbrauch der Wahrheiten muß aber eben so sehr gestraft werden als die Einführung der Lüge.


41.

Das kann ich Descartes nicht vergeben: er wäre gern in seiner ganzen Philosophie ohne Gott fortgekommen; aber er konnte sich nicht enthalten ihn einen Anstoß geben zu lassen um die Welt in Bewegung zu setzen, nachher hat er nichts mehr mit Gott zu thun.[202]

Quelle:
Pascal's Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände. Berlin 1840, S. 190-203.
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