Die Seevölker – Allgemeine Betrachtungen

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Ich will mich nicht auf Sprachforschung einlassen, aber ich frage: Gibt es einen Zusammenhang der Namen Agamemnon, Achmemnon; Achilleus, Agis, Aigyptos; Achaier?[303]


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Damals wechselten die Länder und Inseln sehr oft die Namen: Wie Sardinien [einst] hieß? Ein längst verschollener Name. Später wurde es nach den Schardana genannt, wie Etrurien [nach den Etruskern], Palästina [nach den Philistern: Syria Palaistine], Sizilien [nach den Sikulern]. Das waren Bezeichnungen der Küstenplätze und ihrer politischen Herren. Eine große Insel mit einem Einheitsnamen zu bezeichnen, hatte niemand ein Bedürfnis.


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Herrenstämme: Gegensatz von Seestämmen und Landstämmen. Jene setzen sich an den Küsten fest und plündern Festland und Meer. Diese beherrschen weite Landstrecken mit Unterworfenen. Herren sind beide. Auch die Küstenstämme des Westens waren Herren, aber nur durch Raubzüge. Ihre ›Heimat‹ war die Burg, nicht das ›Reich‹.


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Seevölker: Damals hatte Südeuropa noch die dichten rauschenden Laubwälder, damit also Schneewinter, grüne Bergtäler – noch nicht kahle Höhen, Kaktus, Palmen. Mit der antiken Kultur fällt die nordische Flora, die noch Homer, Vergil kannten, und die Sahara bricht ein.


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Wir müssen uns, um diese Zeiten zu verstehen, von dem Dasein zivilisierter Großstädte in das frühe menschliche Dasein zurückdenken, wo der Anblick vergossenen Blutes und getöteter Menschen alltäglich war, wo kein Mann alt wurde, der nicht andre getötet hatte, wo die Waffe Tag und Nacht nötig war und nicht nur Schmuck, sondern vielgebrauchtes alltägliches Werkzeug, wo der Sieg über den Feind in seiner Ausrottung bestand. Die Instinkte, die heute in Kriegen[304] und Revolutionen wach werden, waren damals im Blute. Sie waren virtus, Tugend, Mannhaftigkeit. Das Gefühl des Friedens empfand man nur am Abend nach der Vernichtung des Feindes, wenn die brennenden Dörfer die Leichen beleuchteten. So waren die Achäer, Pelasger.


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Die Seevölker [sind] offenbar von Westen gekommen, unbestimmbar woher. Ihre Einheiten (Orlog) [sind] gemischt aus Leuten von Tunis, Marokko, Ost-, Westspanien, Frankreich, England, alles Küstenstämme. [Sie haben sich] offenbar durch die riesenhafte Streitwagenbewegung nach Westeuropa in Bewegung gesetzt, wo die beweglichen Stämme den Seßhaften das Leben schwer machten. Ihre Sprachen – nicht alle Stämme werden eigne Sprachen gehabt haben – [haben] ›etruskische‹ und ›pelasgische‹ Schwärme immer wieder gewechselt, neue angenommen (Normannen), [sie] behalten nur Worte des Krieges, der Organisation, des Meeres. [Manche] verlieren [ihre] Sprache: Etrusker [in Italien], Phil[ister] in Palästina – das Land erhielt ihre Orlognamen, die Sprache schwand. Wenig eigne Religion – darauf legten solche Kerle wenig Wert. Sie wollten nach Ägypten und Kreta, blieben nachher in Sizilien, Sardinien, Etrurien hängen. Auch in Karien. Von da [ging es] nach Tyrus – Gaza.


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›Kreta‹ [wurde] also zunächst [auf] die Ostspitze der Insel, von den griechischen Seefahrern dann auf die Insel überhaupt angewandt. [Ähnlich erging es Namen] wie Kypros, Ägypten, Phöniker. Seemannssprache. Milatos = Miletos. Seevölker in Griechenland: Peloper = Pelasger, Kekroper = Karer.

–op [ist] die Endung in einer vorgriechischen nordischen Sprache. Peloponnes bezeichnet ursprünglich also das Stück etwa hinter Korinth, erst langsam die Halbinsel, als man sie erst in ihrer geographischen Gestalt begriffen hatte. Wir setzen mit unserem Landkartengedächtnis[305] bei damaligen Stämmen viel zuviel Wissen um Geographie voraus. Die Leute zogen ins Unbekannte. Sie wußten nie, wo das Land zu Ende war und was für eine Gestalt es, von oben gesehen, hatte. Sie interessierte auch nur das, was praktisch in ihrer Nähe lag.

Dann Hellenen statt Helloper. Wieder eine andere Sprache. Tyrrhener. Die ›Tyrrhener‹ haben sich hier nur selten blicken lassen, deshalb fehlt Tyrrh-oper. Die Sprache auf Lemnos ist eine Seevölkersprache, wie die der Tyrrhener, und nicht ihre einzige.


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Pel-asger – Pel-oper? Kreter – Kekroper? turscha – Tyrrhener – Dryoper? Wann? Wo? Dorer – Doroper. Hellenen – Helloper.


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Seevölker und Wanderstämme: Selbstverständlich [existierte] keine einheitliche Rasse und Sprache. Das sind moderne politische Ideale. Nur tüchtige Kerle. Die ›Goten‹ (S. Kaufmann) [sind] ein Sammelbegriff von Kriegern aller möglichen Herkunft, darunter führend altgotische Sippen, von denen der Name Goten stammt.


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Was es heißt, in Gefahr zu leben, das wissen wir gar nicht mehr. In den Gefängnissen hoher Kultur eingefangen, vor der rüden Faust der Natur gesichert. Aber damals lebte man noch in Gefahr. Die Lebensangst war noch schöpferisch, weil sie fruchtbar war.


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Die Schardana eroberten offenbar von Süden her das Land und nahmen die Sardensprache an. Ebenso die Turscha. Die Römer des 5./4. Jahrhunderts hatten einen engeren Horizont als die Tarquinier.[306] Sie kannten nur das Gebiet südlich des Volsinischen Sees genauer. Das war für sie ›Etrurien‹ (Caere, Tarquinia). Das Gebiet des Umbro (Vetulonia) war ›Umbrien‹. Dort gab es andre Alphabete. Der Name Etrurien für das ganze Gebiet hat sich also erst infolge der römischen Expansion festgesetzt.


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Zahlen: Z.B. Kreta. Wo war damals eine ›große‹ Stadt? Knossos 5–8000? Alle Kafti zusammen [zählten] vielleicht 100000, dazu 100000 Sklaven und Hörige? Philister, Wikingertrupps von 3–50 Schiffen zu je 30 Mann? Die Javones ein paar hundert reiche Familien in Sardes und Milet? Die Dorer, größere und kleinere Trupps von 50–1000 Kriegsmarinen, die überall umherzogen, blieben oder weiterzogen, sengend, mordend, gemordet. In Sparta [lebten] ein paar Haufen zusammen, aus denen ein Stamm erwuchs. Tausend Krieger – ohne eigne Weiber? Andre Trupps (Enak) gehen zugrunde. Enak – vielleicht hundert Mann. Überall schlössen sich Überläufer an. Jeder tüchtige Kerl war willkommen. Akt der Blutsbrüderschaft.


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Seevölker, Italiker: Italien [war] dünn bevölkert, ohne Reiz. Wälder. Von drei Seiten ›kolonisiert‹: von Sardinien her in Toskana (das Tyrrhenische Meer, besser das Sardische Meer). Der adriatische Bereich vom Balkan her. Der südliche, ›achäische‹: Sizilien, Apulien, Leukas, Epirus. Von dort her, jedenfalls von Westen (incl. Kyrene) libysches Eindringen in Osthellas: Argolis, Orchomenos, Thessalien 2. Jahrtausend. Von ›Kafti‹ her 1. Hälfte [des] 2. Jahrtausends. Alaschia und ›Tarschisch‹. [Die] Toskana [wurde] erst seit 1500–1200 wichtig, deshalb [kam] der Name von den Turscha.[307]


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Wenn die antiken Schriftsteller mit ihrer Behauptung, die Sikuler seien von Italien aus hinausgewandert, irgendeine Tradition weitergeben – was zweifelhaft ist, da sie Sikaner und Sikuler als zwei ›Völker‹ behandeln –, so waren das natürlich nicht die alten Bewohner der Insel, deren Namen wir nicht kennen, sondern die Seevölkerstämme des 13. Jahrhunderts.


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Es gibt einen Beweis dagegen, daß die Scharden, Sikuler, Turscha schon von dort [aus Sardinien, Sizilien, Etrurien] kamen: In dieser Zeit verschwinden nämlich an der sizilianischen Küste alle Siedlungen der Eingeborenen, die sich ins Innere zurückziehen (Reallexikon 12, 200). Sie sind also vor den Seevölkern geflohen. Ist es in Sardinien und Etrurien ebenso? Folglich hieß die Insel [Sizilien] vor den Stürmen damals anders und die ›Sikuler‹ kamen erst um 1200. 3. sikulische Periode. Orsi etwa 1000–700. Das sind also die Sikuler? Statt der Massengrüfte bei fast gleicher Grabform 1–2 Tote. Diese Sikuler werden dann von Griechen und Karthagern ins Innere gedrängt, wie die Umbrer von den Turscha und die X ... von den Sarden.


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Zu den Ethnika, welche den Seevölkern unter sich eigen waren, gehört vielleicht [das Suffix] – sk: Peleset = Pelasker. Kyrnes, Kyrene = Korska. Turscha = Etrusci, Osci, Falisci. Vielleicht ist das einer Gruppe eigen, so daß Pelaski und Pelasti auf verschiedenen Sprachgebrauch deuten.


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Seevölker: Von ihren Sprachen wissen wir bisher nichts. Es ist die allgemeine Regel, daß kriegerische Eroberungsschwärme ihre Sprache sehr bald zu Gunsten der Unterworfenen aufgeben, wie es die[308] germanische Völkerwanderung lehrt: Normannen, Goten, Franken. Eine Ausnahme machten die Angeln – weil sie nur über ein schmales Meer und deshalb nicht als abgelöster Schwärm, sondern [als Volk mit] Bauernmassen kamen. Also mögen die Scharden, Turscha, Philister noch soviele Sprachen – libysche, arische, noch ganz andre – geredet haben, wir könnten sie nur aus Eigennamen und einigen Titeln erschließen. Was wir später finden, sind die Sprachen der Unterworfenen: so wie Französisch nicht die Sprache der Franken, sondern der gallischen Provinzen ist. Also wird in Palästina kanaanäisch, in Etrurien Rasena, in Lykien tramilisch geredet, im Danaerland griechisch, in Sardinien die Sprache der Nuraghenbewohner, die noch viele Worte im heutigen Dialekt hinterlassen haben muß.


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Wenn unter den Seevölkerschwärmen protogriechische Mundarten gewesen sein sollten (die vom Schriftgriechischen entfernt gewesen sein müssen, mit einer Mehrheit später verlorener Worte), so haben sie diese bei der Landnahme verloren. Erst die große Landnahme des 13./12. Jahrhunderts führte zur Ausbildung von griechisch redenden Landschaften, zwischen denen noch lange anders redende Dörfer gelegen haben müssen.


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Seevölker: Sie nahmen überall die überlegene Sprache und Kultur der Unterworfenen an (Rasena, Kanaan, Termulen), vielleicht mit Ausnahme des Schwarmes, der sich bei Novilara ansetzte und dort, unter Wilden, seine primitive Kultur behielt, noch in den Stelen des 5. Jahrhunderts. Demnach sind die italisch redenden Schwärme noch jünger als 500! [Die Sprache von Novilara (5. Jahrhundert, eventuell noch 6.) [ist] vielleicht ein primitiver indogermanischer Typus.[309]


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Antike: Wie unzuverlässig [sind] antike Angaben! Norden (115 und 125, 127 f.) zeigt, daß die Schilderung des germanischen Typus bei Tacitus bis auf den Wortlaut aus der Darstellung der Kelten und Skythen bei Poseidonios entnommen und auf die Germanen übertragen ist.

Seevölker: In dieser bunten Masse [sind] viele Sprachen und viele Rassen vertreten, aber mit entschiedenem Übergewicht eines blonden, nordischen großen Schlages und einer Sprache, aus welcher später das ›Griechische‹ entstand. Die Sprache verschwindet in einzelnen Bezirken: Phöniker, Philister, Etrusker, Sarden, Lykien. Es erscheint mir ganz zweifellos, daß der uralte Zusammenhang zwischen Troja, Karthago und Rom geschichtlich ist. Die Tyrrhener haben einmal Troja gehabt oder unterstützt. Wenn man sieht, wie die germanischen Stämme sich bekämpften, 300–500, so sind die Kämpfe der Seevölker gegeneinander selbstverständlich. Noch heute schimmert der [Kampf] um Troja durch – wie die Katalaunischen Felder.

Auf der andren Seite [steht] eine große Kampfgemeinschaft der Achäer und Danaer, welche den Peloponnes beherrschten. Diese Namen, wie die der Goten, Pelasger und Normannen, bezeichnen einen Begriff. Aber wichtig [ist]: 1200 [wurde] Troja zerstört, 1100 Karthago von den Tyrern gegründet, 1100 [siedeln] Turscha im Umbrerland, streifen vielleicht vorher Karthago, bringen den Heldensang des Priamos mit. Da ist der Zusammenhang.


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Seevölkerzeit: Aus genialen Zügen und gewaltigen Synthesen ein knappes Bild aufbauen. Fürs Auge. Wirrwarr, aus dem leise eine Seelenrichtung anhebt. Ein urtümliches Seelentum schildern.

Die Seevölker fanden von Portugal und den Kanarischen Inseln bis zum Kaukasus eine Masse fremdartiger Sprachen und Sprachgruppen vor, von denen sich wenige im Baskischen, Etruskischen, [in] Boghazköi erhalten haben.[310]


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Wenn die Seevölker, viele kleine Schwärme, überhaupt Sprachen von einem Typus hatten, so war es vielleicht Indogermanisch, aber sicher nicht von einem der uns noch bekannten Typen. Die Sprache der Lemnosstele, halb ›etruskisch‹, hat damit nichts zu tun. Sie beweist nur, daß eine Sprache, die vor den Turscha in Italien war und sich dort erhielt, hier einige Verwandte hatte.


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Etrusker und Pelasger [sind] Orlognamen wie Wikinger, Geusen, Vitalienbrüder (vielleicht von turan und pelagos). Ich behaupte es nicht, ich stelle es nur als möglich hin. Wenn sie vom Norden des Schwarzen Meeres kamen, brachten sie das Wort Lar, Larissa (Herr) und Pyrg, Perga (Burg) mit, das nachher die Goten fanden und verbreiteten. Vielleicht im Kaukasus zu Hause. Ptolis [entspricht] nicht ›pur‹, sondern ›patan‹; Pteira; der befestigte Mittelpunkt des Stammes.


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Seevölker: Sicher nordisch. Ich möchte annehmen, [sie sind] auf beiden Wikingerwegen gekommen. Den Westweg über Spanien, zur See (Normannenweg), vielleicht schon die T[urscha], dann die Schardana, Schekelescha. Sicher nach Tunis, Barka, Malta. Den Warägerweg, [durchs] Schwarze Meer: Etrusker-Philister. Vorübergehend in Kolchis, [dann an] kleinasiatischen Küsten, wo vielleicht die Mermnadendynastie eines ihrer Geschlechter ist. Pelasger sind vielleicht die Männer, die sich aufs hohe Meer [(Pelagos)] hinauswagen, statt an den Küsten zu fahren. Hochseeleute. [Heißen die] Turscha nach den Seeräuberburgen am Meer?[311]


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Griechische Kolonisation, italischer Import in Westeuropa (Reallexikon): Die alte Handelsstraße geht nicht durchs Tyrrhenische Meer zur Rhônemündung, sondern durch die Adria nach dem Tessin, Brenner, Semmering. Deshalb hatten Epirus, Aetolien, Apulien, Picenum größere Bedeutung als später, auch für [die] Seevölkereinfälle (Novilara).


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Seevölker: Ihre Sprache [ist] vielleicht ›indogermanisch‹, aber nicht von einem der bekannten Typen, sondern [von einem] verschwundenen, wie die [der] alten ›Ostgermanen‹. Aber sie haben doch überall einmal vorübergehend gesessen: Argos, Thessalien (›Larissa‹). Die Kreter gehören dazu. Enak. Bildeten sie eine der Schichten, von denen Wilamowitz redet? Wir wissen viel weniger als wir zu wissen glauben. Sehr viel ist philologische Konstruktion aus der Sprachgeschichte, in welche die archäologischen Funde hineingelegt wurden.

Wenn man Sage, Religion, Keramik, Namen, Dialekte, Waffen nach den Erfahrungen früherer geschichtlicher Bewegungen betrachtet, wächst die Unsicherheit. Das Bild ist nicht so, daß ›die Griechen‹ in mehreren Wellen gewandert sind. Es waren noch sehr viele andre Elemente dabei. Überall, wohin die Ostgermanen und Mongolen gekommen sind, ist ihre Sprache verschwunden. Es ist also wahrscheinlich, daß vielfach – wie in Thessalien – die ältere Sprache die jüngere verdrängt. Es hängt davon ab, ob die seßhafte Bevölkerung abgeschlachtet oder unterworfen wurde: Philister, Normannen, Etrusker, Spartaner.


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Pelopsinsel – der Name [wurde] von Argos aus verbreitet, zuerst bei Tyrtaios überliefert (offenbar [besteht] doch ein Gegensatz zu Attika-Böotien, so daß der Isthmos die Inselbrücke bildet). Also haben die Peloper in Argos gesessen.[312]


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1. Daten des Einbruchs. Sprache: Phoinikes, Aigyptos – ist das griechisch? Rasse. 1400–1200. Bahnen. Namen haften an Küsten. Gerade gegen die reichsten Gebiete nicht des Ackerbaus, sondernder Beute wegen.

2. Was fanden sie vor? Komplexe Sprachen, Namen, Rassen, Siedlungsform. West, Ost, Libyen, Balearen. a) Kreta. Epoche um 2000. b) Minos.

3. Schicksal: Majorität setzt sich durch. Namen, Sitte, Kult. Rom und Athen entstehen.

4. Der letzte Stoß um 1100 (›Dorische Wanderung‹), Troja II (Seevolk) und VI (Dorer), Landratten. Dorische Festen in Kreta. Entstehung [der] Spartiaten.

1/2 Exkurs: Methode der Namensforschung (Ort, Person, Länder – Wanderung), das ganze 2. Jahrtausend umfassend. Religion. Seevölker- und Eingeborenenmotive. Was bleibt? Bild des minoischen Kreta. Tempelanlagen. Heiliges Land. 1600 Chian. Krise um 2000. ›Krethi und Plethi‹ seit 1400. Kreti-Seevölker mit vorgefundenen Namen Kaftor, Japhet. Exkurs: Odysseus. Exkurs: Sarpedon. Die ›minoischen‹ Wikingerzüge nach Italien (Daunier, Sikuler um 1100?). Die alte West-Ostrichtung (Schuchhardt, Frobenius) von Nordafrika bis Kreta. Das vorgriechische Sizilien. Garamanten. Nuraghen. Etrusker und Tyrrhener. Alter der Stammnamen – nicht vor 1200? Triumphworte? Epoche 2000. Hethiter. ›men‹ Numen von Kleinasien bis Libyen.


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Seevölker: So disponieren:

1. Das rein Geschichtliche. Die Namen (zu bemerken, daß nur Vornehme Grabinschriften erhielten). Volk, Personen, Titel, Götter.

2. Hausbau, Gräber, Kunstgeschmack (Imitation), Waffen.

3. Religion. Ornament, Kult.

4. Ganz unabhängig davon erhebt sich die Frage: Welche Sprache gebrauchten diese Stämme? Woher empfingen sie sie? Haben sie sie[313] den Besiegten aufgedrängt oder umgekehrt? Alles das ist ganz unabhängig von dem Namenbestand, der trotz Aussprache und Deklination der Sprache fremd sein kann. Beispiel Hans (aramäisch, griechisch, lateinisch, germanisch), Guillaume, Elsa = Lise – Betty (aramäisch).

Noch seltener als eine völlig einheitliche Sprache eines Wanderstammes (Odoaker) ist eine eroberte Landessprache. Wie oft sitzen da mehrere Sprachen nebeneinander, noch öfter übereinander: Philistäisch über Kannaanäisch, in Rom Etruskisch über Lateinisch. Es ist sehr schwer zu raten, welche Sprache siegt. Die Philister waren eine Herrenrasse, sie hatten die überlegene Kultur, sie sind von den Kanaanäern nie besiegt worden. – Wozu nahmen sie deren [Landes-]sprache an, ebenso die siegreichen Israeliten? Dasselbe muß auch in Rom gelten, wo vielleicht schon die Tarquinier lateinisch sprachen. Alle Titel sind lateinisch.


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Seevölker: Luk – Lykien (Bilabel). Luggaländer. Es ist meiner Meinung nach dasselbe Element von Seeräubern, das in der griechischen Sage als Leleger erhalten blieb. Ob der Name mit dem der Lugga und Lykier identisch ist, ist Nebensache. Sehr wichtig ist die Frage der Reduplikation, die zu irgendeiner Sprache oder Sprachgruppe des 2. Jahrtausends gehören muß: Eine Sammlung ist notwendig. Ich nenne nur ein paar Beispiele: Titanen – Giganten. Tantalus – Sisyphus. Kekropes. (Leleger. Philologisches Jahrbuch 85 [1862] S. 744 ff.)


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Seevölker: Woher sie kommen, läßt sich nicht durch Ornamentik, Keramik, etc. ermitteln. Auch die Namen nicht, weil man nicht weiß, ob sie [nicht] unterwegs mitgenommen sind. Vielleicht durch Waffen, Kampfweise: Goliath. Ihre Schiffe – waren sie eigne, nach heimischer Art gebaute, oder nach Art der vorgefundenen ägäischen gebaut oder erbeutet, gezwungen (Vandalen) 2 Waren sie zuhause ein seefahrendes Volk, anders als Italiker, Hellenen, Kelten, so können sie nur aus dem[314] Nord- und Ostseegebiet oder aus ›Atlantis‹ stammen. Bohuslän, Bretagne, Spanien. Im letzten Falle könnten die Namen Turscha, Sarden, Sekelascha schon von Ländern am Tyrrhenischen Meer stammen.


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Zum Pelasgerbuch überhaupt: Es enthält das Heldentum, die trotzige Seele, und diese hat die Gewitterschläge der Hochkultur erzeugt, in deren Blitzen die Menschheit verbrennt. Durchaus tragisch. Die Ruinen sind das Fellachentum. Hier die grandiose endgültige Ordnung der Weltgeschichte: das System der acht Kulturen. Aus dem Schutt der zwei ältesten geht der Fellachenbegriff ›Orient‹ hervor, von der magischen Kultur überlagert. Andrerseits tritt mit dem Mongolensturm 1200 in Asien die endgültige Ruhe ein, heute vom Russentum überlagert. Lebendig ist um 1200 nur Abendland, Mexiko, Peru. Dieser Band muß wie Goethes Faust konzipiert werden.


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Seevölker: Entscheidend ist die Tatsache, welche der Bezeichnung ›arkadisch-cyprischer Dialekt‹ zugrunde liegt. Läßt man den irreführenden Landnamen weg, so ergibt sich, daß man im Innern des Peloponnes seit 1000 so sprach wie auf der Insel Alaschia. Das heißt 1. daß diese Sprache auf dem Westrand, wenn nicht dem ganzen Peloponnes zuhause war, bis die dorischen Eroberer ihre Herrensprache durchsetzten; 2. daß das die Sprache eines der Seevölker gewesen sein muß, das den Weg der Philister zog. Welches war das? Waren es die ›Danaer‹ in Argos mit dem Straßennetz ins Innere? Waren es die Philister selbst? Ihre fünf Fürsten, ihr Ajax Goliath mit Einzelkampf und homerischer Rüstung? Ihre Namen beweisen nichts: sie fanden wie alle Seevölker feste Städte vor und nahmen Sprache und Religion des Landes an – wie [später] die Normannen, wie die Dorer selbst, die überall die ›karischen‹ Namen annahmen (Korinth, Tiryns).[315]


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Diese Seevölker [sind] innerlich gleich, von gleichem Schicksal, gleicher Herkunft; erst die überschichteten Völker haben die Verschiedenheit hineingetragen. [Der Name] Umbrer muß ein großer voretruskischer Name gewesen sein: Rasena-Name?

Zeitalter des Rausches, des Weines, der aufgesuchten Narkotika und Ekstasen: Zeitalter der Grammatik, wo der wache Geist das Weltleid erfindet, den Blick voll Grauen. Damals bricht die ungeheure Sehnsucht aus, den eben geborenen freien Geist, das ewig nagende Nachdenken, das Wissen, wieder zu übertäuben, das Danaergeschenk jener Stufe. Auch [durch] die Kunst: Musik, Bewegung, Tanz als Rausch.


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Der homerischen Welt waren Hafenbauten völlig unbekannt. Keine Spur in schriftlichen und archäologischen Zeugnissen. Die kleinen Schiffe suchten einfach geschützte Ankerplätze. Daher stets Flußmündungen, in die man einfuhr, oder tiefe Buchten. Die Schiffbrüche müssen zahllos gewesen sein, daher die peinliche Beobachtung von Wind und Wetter. Ohne Zweifel ließ man die Schiffe auflaufen und zog sie später wie der ins Wasser.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 303-316.
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