Zur Indogermanenfrage

[290] 39


Es ist Mode geworden, den Namen Illyrer – ursprünglich eine kleine Gruppe von Stämmen zwischen Dalmatien und Epirus – auf den ganzen Ostbalkan und darüber hinaus bis zur Weichsel auszudehnen, den Namen Ligurer – Iberer, Thraker [desgleichen auszudehnen], so daß man mit diesen sinnlos gewordenen Namen alles bezeichnet, was nicht keltisch, griechisch, italisch [oder] germanisch ist. Aber erstens sind vor [den] Stämmen mit indogermanischen Sprachen solche mit nichtindogermanischen überall dagewesen, und es ist Unfug, hier jedesmal eine Sprache anzunehmen (ägäisch, kleinasiatisch), statt vieler Sprachen, die zu mehreren sehr verschiedenen Sprachfamilien gehören. Und zweitens ist es Unfug, indogermanische Sprachen in die acht mehr oder weniger bekannten oder gar nicht bekannten Sprachen aufzuteilen. Es hat nicht acht, sondern hundert indogermanische Sprachen gegeben, von denen die meisten verschwunden sind und ein paar infolge politischer und wirtschaftlicher Ereignisse sich zu neuen Sprachfamilien ausgebildet haben. Was als ›illyrische‹ Wurzel und Endungen gesammelt wird, stammt aus sehr vielen Sprachen, indogermanischen und nichtindogermanischen, so daß diese Art des Schließens Unsinn wird.[290]


40


Es handelt sich also, genau gesagt, um die Frage, ob diese Stämme, die aus dem Norden kamen – wobei unter Norden das ganze Gebiet von der Nordsee bis Korea verstanden ist –, griechische Mundarten gesprochen haben. Das ist nicht dasselbe wie ›indogermanisch‹. Es muß immer wieder dagegen [angegangen] werden, daß die Sprachforscher sich die Sache zu leicht machen. Sie kennen nur spätere griechische, italische, keltische, germanische [Sprachen] und rechnen damit, als ob es nur diese schon zwei Jahrtausende lang gegeben hätte. Aber es hat Hunderte gegeben, von denen diese aus geschichtlichen Gründen übrig blieben und sich zu Sprachfamilien vereinten; und es hat außerdem im Norden nichtindogermanische Spracharten gegeben, wie die ungeheuer ausgedehnte Gruppe des Finnischen, die zahllosen Reste des Etruskischen [und] Kaukasischen beweisen. Es ist nicht erlaubt, alle Sprachen, die man nicht kennt, wegen dieser gemeinsamen Eigenschaft zu einer ›Familie‹ zu erheben. Bei den Stämmen (Zahl!), die seit 2000 in dem späteren Hellas eindringen, werden solche mit sehr verschiedenartiger Sprache gewesen sein, darunter auch solche von vollkommen verschwundenem ›indogermanischem‹ Bau. Möglicherweise [gab es] auch hier und da einen Stamm mit einem urgriechischen Dialekt, aber gerade das ist unwahrscheinlich, denn diese Dialekte sind durch ihre Träger offenbar in geschlossenen Gruppen hierhergelangt. [Im] ›Illyrischen‹ [werden] Wurzeln und Endungen aus einem geographischen Gebiet einer hypothetischen Sprache zugerechnet.


41


Indogermanische Sprachfamilien: Wie entsteht überhaupt geschichtlich eine so eng verbundene ›Sprachfamilie‹ wie das Indogermanische, die romanischen Sprachen, Semitisch? Nur durch große Eroberungen: Imperium Romanum. So müssen auch die indogermanischen Sprachen, von denen einige sich erhalten haben, weil sie aus politischen Ereignissen zu einer Gruppe herangewachsen sind, aus einer großen [291] Eroberungszeit stammen. Streitwagennomaden. Was man sonst ›Sprachverwandtschaft‹ nennt, – z.B. Kaukasisch mit ural-altaischer ›Familie‹, sind flüchtige Ähnlichkeiten infolge des Verkehrs benachbarter Stämme mit gleichen Lebensbedingungen. Ähnlichkeit und Verwandtschaft ist nicht dasselbe. Herr Müller ist nicht mit Herrn Schulze verwandt, weil er dessen abgelegten Anzug trägt.

Daß die lykischen, lydischen etc. Sprachen einzelne Ähnlichkeiten mit dem Indogermanischen zeigen, liegt an der Nachbarschaft. Ähnlichkeit des Lautbildes ist Zeichen der Lage (Menschenschlag).


42


›Nordische‹ Stämme [kommen] entweder aus Deutschland oder aus Südrußland, [sie sind] sehr verschieden [nach] Sprache, Religion, Sitte.

Thraker, Illyrer, [das sind] künstliche Namen: [die] Behauptung, daß diese unmäßig erweiterten Landschaftsnamen Sprachgruppen bezeichnen, [ist] Unsinn. ›Thraker‹ [sind den] ›Hellenen‹ verwandt. Heros [heißt] ein thrakischer Hauptgott. ›Illyrer‹ und ›Italiker‹ – äolisch und umbrisch. Woher stammt nun die Gruppe der hellenischen Mundarten? Sie können nur zu einer Einwanderungsschicht gehören. Die andren – Dorer? – haben sie angenommen. Die Namen (Personennamen) geben ein ganz andres Bild als die Dialekte. Grammatik und Wortschatz. Wir müssen mit zahlreichen – indogermanischen und andren – Sprachgruppen rechnen, von denen wir nichts wissen.


43


Gegen dasIndogermanen‹-Problem: Es ist sehr naiv und stammt außerdem aus der Sprachwissenschaft, die sich an der Untersuchung von Schriftsprachen gebildet hat, die in Literaturen erhalten sind. Das gibt ein grundfalsches Bild. Da wird von ›Griechen‹ geredet, weil die ›griechische‹ Literatur eine Einheit zu bilden schien. Deshalb wird – naiv – angenommen, daß ›die Griechen‹ als Einheit eingewandert seien. Es wird gar nicht daran gedacht, daß es unendlich viele ›indogermanische‹[292] Sprachgruppen gegeben haben muß, die keine Literatur herausgebildet haben und welche für den Philologen verschollen sind. Man vergißt zu bedenken, daß Sprachen sich aus politischen Gründen auf Völker ausdehnen, die ganz verschiedener Herkunft sind. Weil es eine lateinische Literatur gibt, wird der italischen Sprache ein ganz falsches Herkunftsschema unterschoben.


44


Die arische Dialektgruppe ist in Ariana (Turkestan) zuhause. Sie wurde von den Streitwagenvölkern als Herrensprache verbreitet, von andren Rasseelementen (Westen, Europa) angenommen. Die Ursprechweisen liegen vor den Typen arisch und ugrofinnisch. Bevor es ›Sprachen‹ gab, gab es Arten des Sprechens: Namen und Ansätze zu grammatikalischen Formelementen.


45


Sprache: Am Anfang stehen zahllose Dialekte. Der ›Lautbestand‹ ist Rasse plus Landschaft: Gebirgs-, Wüsten-, Wasservokabeln etc. Die Grammatik ist Ausdruck des metaphysischen Weltgefühles, [der] Religion, Dichtung, unbewußt. Die Wörter haften an den Dingen. Mit den politisch-wirtschaftlichen Ereignissen schwinden die meisten Dialekte, einzelne bleiben und dehnen sich aus: Volkssprache, Verkehrssprache. Dieses Schwinden und Bleiben geht immer weiter; neue Dialekte neuer Sprachen.

So ist das uns bekannte ›Indogermanisch‹ eine Gruppe von Schriftsprachen, die aus Tausenden von Dialekten übriggeblieben sind, sich verbreitet, verengt haben, von Stamm zu Stamm gewandert sind und endlich politisch [und] schriftlich fixiert wurden.

Ein andrer Dialekt, der Glück hatte, ist der, aus dem die finnisch-altaischen Sprachen hervorgegangen sind. Andre sind in Splittern übriggeblieben: Kaukasus, Kleinasien, Alpen. Die weitaus meisten sind verschollen.[293]


46


Sprachen, die nicht durch Schrift gebunden sind, ändern sich schnell. Gerade die am häufigsten gebrauchten Wörter ändern Sinn und Form und werden durch Neubildungen ersetzt. Die ›Indogermanen‹ hätten also eine rechte, aber keine linke Körperseite gehabt (gauche, sinistra, links), kein Pferd (cavallo, Roß, horse).


47


Griechen‹: Im Norden eine vielgespaltene Dialektgruppe, von der die meisten untergingen, der Rest sich in neue Dialekte, zum Teil von anderssprachigen Völkern angenommen, spaltete. ›Urgriechisch‹ gibt es nicht. Von vornherein [waren es] verschiedene indogermanische Dialekte, von denen einige korrumpiert, zur κοινή [wurden]. Wollte man vom heutigen Rumänisch, Portugiesisch, Sardinisch, Neapolitanisch aus das ›Urlatein‹ rekonstruieren? Ebenso hat es nie ein Urgermanisch gegeben oder gar Uritalisch. Arisch: Das ›Persische‹ war einfach ein indischer Dialekt einiger kleiner Stämme, die nach dem Hochland Persis verschlagen waren und sich danach nannten. Den ›Persern‹ gehörten auch noch andre ethnische Einheiten an. Die indisch Sprechenden bildeten nur einen Teil.


48


Was wir z.B. von indogermanischen Sprachen älterer Zeit wissen, sind Schriftreste. Geschrieben wurde aber von wenigen, an Höfen, Tempeln etc. Es ist die Sprache der Oberschicht, nicht die Umgangssprache, die sich schneller entwickelte.


49


Es gibt auf der ganzen Welt keinen erhaltenen Sprachtypus, der das verbale Satzelement so zur Herrschaft über die Struktur des Sprechens[294] herausgebildet hat. Ob es neben dem ›indogermanischen‹ Typ noch andre gegeben hat, die verschollen sind, kann man nicht wissen. Die Scheidung des aktiven und passiven Geschehens, von Befehl, Wunsch, ist niemals so deutlich. Wir kennen natürlich nur die Formen der seßhaft gewordenen Stämme in Hellas und Indien aus der schriftlichen, also spät fest gewordenen Form. Der hethitische Jargon kommt nicht in Betracht. Es ist das Denken erobernder, herrenhafter, befehlender Stämme, das sich in diesem Denksystem – denn das ist die Grammatikspiegelt. Die Grammatik ist der früheste, noch völlig unbewußte Ausdruck einer Weltanschauung. Die Gewohnheit des Sprechens in Satzbildungen und der unwillkürlichen Auffassung des Lebens in seinen Formen sind dasselbe.


50


K. Classen, Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Hafers, der Ziege und des Haushuhns. Indogermanische Forschungen 49, 1931, 253 ff.: Die Worte kakra = Hafer, kana = Hahn, kapris = Ziege (altnordisch hafr, süddeutsch Habergeiß) sind vor der ersten germanischen Lautverschiebung ins Finnische übernommen worden, sind aber erst zu Beginn der Bronzezeit im Norden bekannt geworden. Also liegt die Lautverschiebung in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends. Das Germanische entstand also damals. Also [mit] Hafer, Roggen (?), Ziege, Pferd, Bronze [ist die] indogermanische Sprache zugleich nach der Ost- und Nordsee gelangt (Reallexikon!). Der rassehafte Lautbestand der nordischen Rasse geht auf das Germanische zurück.


51


Die ›indogermanischen‹ Sprachen sind, von Turan ausgehend – wie sie entstanden sind, wissen wir nicht – vermutlich von Stämmen bis nach China getragen. Die jungindogermanische Sprachgruppe – Centum-Form durch die nordische Rasse-lautlich und geistig umgeformt. An die Stelle der indogermanischen Sprache traten dann das Turktatarische, Ugrofinnische etc. – wieder ein Strom aus dem austrocknenden[295] Gebiet. Dieselben Wege: Ungarn, Hunnen, Bulgaren, Roxolanen, Petschenegen nach Westen, Türken nach Süden, andre nach Osten. Die Rasse blieb dabei bodenständig. – Seele der Landschaft.


52


Es ist falsch, bei den Völkerwanderungen des 2. Jahrtausends nordisches Volkstum und indogermanische Sprache gleichzusetzen; erstens ist ›Norden‹ nicht Nordeuropa allein, sondern das ganze Gebiet von dort über Südrußland bis Innerasien. Dann ist Indogermanisch in der Ägäis nicht ohne weiteres Hellenisch, in Italien Italisch. Das sind Sprachreste, die sich dann wieder verbreitet haben durch politische Entscheidungen. Es sind andre, verschollene ›indogermanische‹ Spracharten und vor allem nichtindogermanische vom Norden her anzunehmen, als deren Reste etwa Kaukasisch, Finnisch und ganz verschwundene anzunehmen sind: Etruskisch, Novilara, Kleinasiatisch – tausend Sprachen. Was wissen wir z.B. von den Sprachen der Sikuler, Sarden, Korsen, Minoer? Aus welcher Sprache stammen die (durchweg?) nichtgriechischen Namen der ›griechischen‹ Heldensage?


53


Genau unterscheiden: ›Germanen‹ und ›Kelten‹ sind Sprachgruppen. Das Rasseelement [ist] dasselbe. ›Rasse‹ im üblichen Sinn [ist] eine Gruppe von somatischen Typen – fürs Auge –, die für eine Bevölkerung charakteristisch sind. ›Germanische‹ Völker, Stämme mögen sich etwa seit 1500 vor Chr. langsam von keltischen, italischen und andern (verschollenen) durch sprachliche Sonderung zu einem Bewußtsein des Sondervolkes entwickelt haben. Aber ›Germanen‹, ›Kelten‹, ›Italer‹, ›Hellenen‹ um 500 v. Chr. sind erst in Gallien, Italien, Griechenland, am Rhein zu Sonderformen geworden.[296]


54


Die zentralasiatische ›Wanderung‹ im 3./2. Jahrtausend infolge der Ausbreitung der Steppe. Wie später Hunnen, Türken, Mongolen.

Verdrängung der Tripoljekultur durch Reitervölker? Streitwagen? Indogermanische Sprache?

Tripoljestämme bis Malta, Kreta, Syrien.

Wozu zählen die ›Etrusker‹ (›Sprache‹), Novilara, Teisbasleute, Philister, Schardana?

Unter dem Druck von Osten, später von Mitteleuropa, hier neue Ströme nach Italien, Hellas, Kleinasien (1500–1000). Schachermeyer, Chronologie der Zerstörungen. Gegensturm von Afrika, wegen der Trocknung der Sahara: Nuraghen, Kuppelgräber.


55


Die altindogermanischen Schichten (dazu die Thraker, Skythen) waren vorwiegend Viehzüchter, Pferd, den südrussischen Wald verwüstend (vgl. Reallexikon: Südrußland, Ende der Tripoljekultur) bis in den Peloponnes. Die jungindogermanischen Schichten [in] Mitteleuropa [waren] Bauern. Dazu [gehören] nicht nur Italiker, sondern auch ›Hethiter‹. Die Kaukasussprache enthält Reste einer vorindogermanischen Sprachwelt, auch Osteuropa. Die ›Achäer‹ haben sich vielleicht nach vergeblichen Eroberungsversuchen Kretas (1600 Zerstörung) erfolgreich nach Griechenland gewendet. Woher kamen die Seevölker? Altindogermanisch oder kaukasisch sprechende Stämme, von den Jungindogermanen vertrieben.


56


Die ›Arier‹ – das sind nach heutiger Betrachtung ›Inder‹ und ›Perser‹. Da sieht man so recht die Methodik der Philologie. Kein Gedanke daran, daß noch andre ›Stämme‹ dagewesen sein können, ohne der Philologie gütigst Material zu hinterlassen. Man ahnt zwar, daß Skythen, Sarmaten etc. ›arisch‹ gesprochen haben, aber man bringt sie[297] deshalb höchstens in einer Anmerkung unter die Seite. In Wirklichkeit müssen da zahllose Stämme um 1500 gewohnt haben, von sehr verschiedenem indogermanischem Sprachtypus, gemischt mit ganz andren Sprachen. Von diesen haben einige durch die Eroberungen im Pandschab höhere Geschichte erhalten, aus ihren Dialekten hat sich die eine oder andre zur Schriftsprache entwickelt. Die meisten sind verschollen, vernichtet, in andren Stämmen aufgegangen (Dschou!). Von Skythen etc. haben wir wenigstens dunkle Kunde, es waren zahllose Stämme, von denen wir nichts als ein paar Namen haben. Einer davon hat in der Landschaft Persis 1000 Jahre später großen Erfolg gehabt.


57


Um 2000 die Verdrängung der Tripoljeleute (Spiralornament, Feuer- oder Luftbestattung, Gräber sind unbekannt) in Südrußland, durch die bestattenden Okergräberleute (Nomaden? Nur Gräber, keine Häuser sind bekannt), also Kibitken, fahrende Zigeuner. Die ersteren wurden von dort bis nach Sizilien, Kreta hin verstreut, andre Völker mitreißend. Vielleicht altindogermanische Sprache redend, aus der vielleicht irgendein nachweisbarer Satemdialekt stammt (z.B. Illyrer). Von Tripolje her die Schachtgräber (das widerspricht aber der Verbrennung), wegen der Spirale. Aber die Streitwagen. Gehören die zu den Okergräbern? Ja.

Im Kubangebiet herrscht um 2000 eine viel luxuriösere Kultur, die mit Fatjanowo (Moskau) und dem späteren Armenien, den Hethitern, zusammenhängt: eine Stammgruppe. Um 2000 die verbrennenden ›Italiker‹ von der Adria her (Sprache Italisch oder ›Etruskisch‹?). Die Schachtgräberstämme sind von den verbrennenden Stämmen aus dem Donaugebiet nach Süden gedrängt worden. Sie kannten die östlichere Verbrennung noch nicht.


58


Der Philologe konstruiert auf Grund folgenden Gesetzes: Was an Sprachen nicht belegt ist, war nicht vorhanden. Also gibt es nur acht[298] indogermanische ›Sprachstämme‹. Also gibt es im Norden nur indogermanische, altai-ugrische und kaukasische Formen. Ich sage aber: Das sind nur sehr speziell gewordene Reste eines großen Reichtums an ursprünglichen Formen. Es gab neben der ›indogermanischen‹ Form unendlich andre und von indogermanischen Formen unendlich viele. Was wir als Urindogermanisch erschließen, ist ein Fehlschluß von einigen spezialisierten Zufällen auf eine Urform. (Als wollte man aus englischem Vollblut, Maulesel, Dromedar etc. das ›Urreittier‹ erschließen.)


59


Auch heute noch ist die Forschung durch die Tatsache belastet, daß sie – der Quellen wegen – Sprachkenntnisse voraussetzt, infolgedessen nach Philologenart die Sprache selbst als Schlüssel zu Geheimnissen ansieht, die mit Sprache überhaupt nichts zu tun haben. Die ›Verbreitung‹ der hellenischen, italischen und andrer Sprachen kennen wir durch Inschriften und Reste der Literatur – Homer ist ein Rest – bestenfalls bis gegen 1000. Was davor und was ohne Schrift daneben hegt, wissen wir nicht. Wenn also von Schriftsprachen aus auf urzeitliche Verhältnisse geschlossen wird, ist das Bild falsch. Von der eigentlichen Literatur der Etrusker, Osker und anderer Spracheinheiten ist nichts erhalten. Sie kann sehr viel bedeutender gewesen sein als die ›römische‹ vor 200. Noch viel schlimmer ist das Wirtschaften mit ›Volks‹namen: Wenn man nicht weiß, ob der Name einen Stamm, ein Land oder eine politische Einheit bezeichnet hat, ob er von den Leuten selbst oder von ihren Nachbarn gebraucht wurde, ob er von ihnen geschaffen oder übernommen war, können wir damit gar nichts anfangen.


60


Das Verständnis des sprachlichen Zusammenhangs ist durch die Schubkastenmethode der indogermanistischen Philologen verhindert worden: Sie nehmen, seit die indogermanische ›Ursprache‹ erfunden ist, ein halbes Dutzend ›Trostsprachen‹ an – die sie ›Völker‹ nennen –,[299] und nun muß alles in diese Fächer gestopft werden. Am schlimmsten ist die Aufteilung aller Namen, Endungen, Aussprachen zwischen Rom und Byzanz in zwei Schubfächer mit der Aufschrift Illyrer und Thraker.

Hilurii war ein kleiner dalmatischer Stamm, Thrakien hieß die Küste bei Saloniki. In diesem Gebiet haben selbstverständlich sehr viele Sprachen neben- und nacheinander gelebt, und nicht nur indogermanische, sondern auch solche vom Typ des Etruskischen, des Kaukasischen, des Finnischen und andre von ganz verschollenen Typen. Die Nordstämme, die seit 2000 in Italien, Griechenland, Kleinasien einbrachen, haben durchaus nicht [ausschließlich] indogermanische Sprachtypen mitgebracht, und Indogermanisch war durchaus nicht [nur] entweder Italisch oder Griechisch.

Wenn sich ›illyrische‹ Elemente im Griechischen, Italischen und Hethitischen ergaben, so beweist das nur, daß sehr viele indogermanische und nichtindogermanische Sprachtypen von der Donau her verbreitet wurden. Wenn der Wortschatz des Lateinischen und Umbrosabellischen nur zu 10–15% [gemeinsam ist], so haben nach 1000 hellenische und lateinische Dialekte sich gebildet auf Grund von ganz andren Sprachen.

Nach Boghazköi können sehr wohl einige hundert Krieger von einem Stamm gelangt sein, der auch an der Adria ein paar Orte eroberte.


61


Die schnellfertige Bezeichnung ›der Hethiter‹ als ›Indogermanen‹ beweist, wie naiv man in solchen Dingen denkt. Es ist lediglich festgestellt, daß die Schreiber der Tafeln indogermanische Flexionselemente und einige sehr geläufige Wörter einfließen lassen. Es ist, soviel ich sehe, kein einziger indogermanischer Name aufgetaucht, wie es in Syrien und Palästina der Fall ist. Woher wissen wir, ob die regierende Oberschicht dieses Kauderwelsch ebenso sprach? Es handelt sich beim Luischen und Hethitischen um Kanzleisprachen, in denen die eigentliche Umgangssprache inkorrekt gebraucht wurde. Trotzdem ist kein[300] Zweifel darüber, daß das Reich von 2400 – nach Schwerpunkt und Lage ein andres als das von 2000 – die Schöpfung eines Erobererschwarmes war, wie damals allgemein, denn die Baukunst von Boghazköi deutet nach Troja und Kreta, die Lehnsformen und Stempelsiegel nach dem Norden. Die Herrschernamen aber sind offenbar den berühmten des älteren Staates (und also dessen Sprache) entlehnt. Also gibt es kein ›indogermanisches Hethitervolk‹. Es gibt auch keinen Namen dafür. Die alte Landessprache ist das Präfix – Hattisch.


62


Germanen: Wenn im jüngeren Neolithikum sich der altnordische Kreis vom mitteleuropäischen immer streng abscheidet (Scheltema und Menghin widersprechen sich, auch Schuchhardt hat andre Ansichten), so [bedeutet] das die Entwicklung der germanisch sprechenden Stammesgruppe. Und wenn Feist ein Drittel des Wortschatzes aus dieser zersetzten Sprache von einer unbekannten stammen läßt, so ist es die der hier hausenden (atlantischen) Megalith-Stämme, deren Blondheit sich durchsetzte, während die Träger der germanischen Sprache vielleicht dunkelhaarig waren, wie überhaupt [die Menschen] im Donaukreis.


63


[Es ist] möglich, daß die Bevölkerung Südrußlands-Turkestans, welche den indogermanischen Sprach- und Denktypus schuf, den blonden Typus überhaupt nicht kannte. Erst die Ausbreitung dieses Sprachtypus in der Richtung der Donaustraße und der Weichselstraße führt zur Übernahme des Sprachtyps durch die nordische ›Rasse‹ (blond, blauäugig, eine ganz andre Erbeinheit ist der Langschädel und das hohe Skelett). Diese jungindogermanischen Sprachen, von denen uns die keltische, italische, latinische, germanische erhalten sind, haben manches gemeinsam. Die slavischen stammen noch von dem alten Turantypus. Die ›Arier‹ in Indien, Persien, Turkestan haben alle dem Blut nach mit den nordischen Rassen nichts zu tun.[301]


64


Centum – satem: Diese ›Spaltung‹ in der Art des Aussprechens ist eine rein rassemäßige Unterscheidung. Es muß also im 2. Jahrtausend das Sprechen indogermanischer Sprachen bei zwei im Kern wesentlich verschiedenen Bevölkerungen durchgedrungen sein, zwei ›Rassen‹ also, die man rein geographisch als nordeuropäisch und nordasiatisch unterscheiden kann. Und zwar verträgt sich das sehr wohl damit, daß in beiden Fällen die adlige Oberschicht eine andre war. Übrigens sind das nicht zwei Gruppen, sondern zwei Pole mit Übergängen!


65


Mit Vorbehalt nehme ich an, daß der indogermanisch grammatische Typ aus dem Solutréen stammt und [sich] in der neolithischen Bandkeramik zu bestimmten Sprachgruppen herausgebildet hat. Da der nordische Stil das Gebiet der Seele ist, nicht aus paläolithischer Form entstanden, sondern neu, so wird er vorgefundene Sprachen assimiliert haben: so vielleicht entstand die germanische Mischform als jüngste, fast posthum. Die Heldenvölker aber akzeptierten unterwegs die bandkeramischen Sprachen vom indischen, keltoitalo-[hethitischen] und ur-achäischen Typus. Die jüngsten Bildungen auf neuem Boden sind Persisch, Jonisch und Dorisch, Sabellisch.

Leichenverbrennung ist überall im Donaukreis entstanden (Menghin 815). Im 3. Jahrtausend bildet sich der mitteleuropäische Kreis aus: keltolatinisch im Westen, hellenisch im Osten.


66


Das ›Illyrische‹, satem (Reallexikon, Illyrer), [ist] ein Sammelbegriff altturanischer Dialekte, die mit der donauländischen Ornamentik bis China zusammenhängen. Sie haben Balkan [und] Italien erfüllt (Malta? Matera?). Im Finnisch-Ugrischen gibt es Entlehnungen daraus. Alle Centumsprachen sind Jugendbildungen. [Das] Keltolatinische[302] [ist] um 1200 entstanden, auf atlantischer (Achaier) und kaschitischer (Thessalien) Unterlage. Kaschitisch war die Unterlage weithin (Urhellas, Ägäis, Kleinasien, Picener-Villanova, Apulien?), aber als Verkehrssprache, das ›Englischpidgin‹ des 2. Jahrtausends! Also ›Hellenisch‹ 1500, Makedonisch etc. ›Keltolatinisch‹. Phrygisch, Hethitisch, Tocharisch 1200. ›Germanisch‹ 600. Verkehrssprachen werden oft zu offiziellen Landessprachen (Punisch, Assyrisch).


67


Indogermanische Sprachen. 2000: Wenn man bedenkt, daß sich der Unterschied der Satem- und Centumsprachen eigentlich auf die Aussprache beschränkt, die stets Merkmal des jeweiligen Rasseträgers ist, so komme ich zu dem Schluß, daß die ›westlichem‹ Dialektarten, soweit sie sich schriftlich erhalten haben, als Griechisch, Italisch, Keltisch, Germanisch entstanden sind, indem Stämme andrer Rasse durch geschichtliche Ereignisse irgendwie diese Sprachart empfingen und sie anders sprachen: diese Empfänger sind die hellen westlichen Menschenschläge. Die Arya sind schwarz.

Wie steht es mit den finnisch-ugrischen Sprachen, die dasselbe Gebiet haben? Im Wortschaft der einzelnen indogermanischen Sprachen sind Wortmassen aus andren, längst erloschenen Sprachen erhalten.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 290-303.
Lizenz:

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon