3. Πάντα ῥεῖ als formales Prinzip der organischen Natur

[24] Wir kommen auf das andere, man kann sagen äußere Anwendungsgebiet des heraklitischen Bewegungsprinzips, die sichtbaren und handgreiflichen Veränderungen in der Natur, die uns umgibt. Der in der Formel Πάντα ῥεῖ enthaltene Grundgedanke tritt hier auf als formales Prinzip des Lebens und Geschehens jeder Art. Wir haben also zwischen dem nie erkennbaren Hintergrund der Dinge, dem eigentlichen Werden und Wirken, und seiner äußern Erscheinung als Welt der Sinne zu unterscheiden. Die Anwendung auf das letzte Gebiet ist die von allen anerkannte[24] und leicht begreifliche, meist allein unter πάντα ῥεῖ verstandene.

Unsichtbar ist nur die Ruhelosigkeit des energetischen Prozesses (wie es etwa auch die Ätherwellen des Lichtes sind); die Veränderungen der Erscheinungswelt sieht jeder, sie machen das aus, was man volkstümlich das »Leben der Natur« nennt. Der zweite Unterschied ist wichtiger. Dem Geschehen in der Natur fehlt der Anschein der Gesetzmäßigkeit, einer strengen, sich gleichbleibenden Regel. In dem Wachstum einer Pflanze, dem Wellenspiel der Brandung, dem Verlauf atmosphärischer Ereignisse pflegt der Mensch diesen Eindruck nicht zu haben. Man kann hier nicht von einer gleichmäßigen, nicht einmal einer unaufhörlichen Veränderung in allen Fällen sprechen. Im energetischen Prozeß ist die Bewegung denknotwendig, sogar eine Tautologie; hier ist sie möglich, höchstens die Regel. Vor Heraklit hatte niemand hier eine Regel bemerkt. Der einfache Augenschein lehrt, daß diesem Leben und Geschehen der Rhythmus fehlt. Deshalb gilt dem künstlerischen Blick Heraklits die Harmonie der Erscheinung (die er gleichwohl annimmt) weniger als jene andere, aus einer metrischen Regelmäßigkeit entspringende, nur vorgestellte (ἁρμονίη γὰρ ἀφανὴς φανερῆς κρείττων Fr. 54).

Die Verwandlung selbst entgeht niemandem, nur ihr Gesetz ist verborgen. Aber es ist da, wenn man es zu finden weiß. Und es ist dasselbe wie das des ewigen Wirkens.1 Das ist ein großer Gedanke. Es war Heraklits Meinung, daß die Natur wesentlich unter dem Eindruck dieser Veränderung steht, die ebenfalls eine vollkommene und allgemeine ist: ποταμῶι γὰρ οὐκ ἔστιν ἐμβῆναι δὶς τῶι αὐτῶι οὐδὲ θνητῆς οὐσίας δὶς ἅπτεσθαι κατὰ ἕξιν (Fr. 91). Dieser Gedanke hat, wie es einer allgemeinen Neigung Heraklit gegenüber entspricht, eine moralisierende, den einfachen Sinn ganz aufhebende Auslegung erfahren. Schuster erklärt ihn so, daß »kein Ding in der Welt dem schließlichen Untergang entgehe« (S. 201 f.) und Lassalle zitiert als Seitenstück den Vers:[25] »Alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht« (I S. 374). Damit ist gerade das Tiefste der Idee verkannt. Heraklit will einer teleologischen Auffassung des Seins widersprechen.2 Er sieht den »Lauf der Welt« ewig gleich, ohne Anfang und Ende: κόσμον τὸν αὐτὸν ἁπάντων οὔτε τις θεῶν οὔτε ἀνθρώπων ἐποίησε, ἀλλ᾽ ἦν αἰεὶ καὶ ἕστιν καὶ ἔσται κτλ ... (Fr. 30). Der Wechsel der Erscheinungen ist immer derselbe, immer sich wiederholend; diese Vorstellung verdichtete sich zu einer Lehre der ewigen Wiederkunft. Jeder Versuch eines Entwicklungsgedankens, wie ihn bereits Anaximander hat (biologisch), fehlt hier gänzlich, ebenso jede Heranziehung des Kausalitätsbegriffes. Es gibt für diese Vorstellung kein besseres Bild als das von Heraklit selbst gewählte: ποταμοῖσι τοῖσιν αὐτοῖσιν ἐμβαίνουσιν ἕτερα καὶ ἕτερα ὕδατα ἐπιῤῥεῖ (Fr. 12). Wir sehen den Verlauf der Welt, als stünden wir am Ufer eines Flusses; unaufhörlich fließt er vorüber, immer gleich, ohne Anfang und Ende, ohne Ursache oder Ziel. Wir können das Geschehen im Kosmos nur seinem Charakter nach begreifen, nicht als Ereignis im ganzen übersehen.

Heraklits Auffassung des Lebens ist ein merkwürdiges Beispiel für diese Idee: ὁ τῆς γενέσεως ποταμὸς οὕτως ἐνδελεχῶς ῥέων οὔποτε στήσεται.3 Statt des einzelnen Lebewesens nimmt er die ganze Folge eines Geschlechts als Individuum, dessen Phasen (das Leben des einzelnen) nur Augenblicke und Abschnitte einer großen und ununterbrochenen Metamorphose sind. Nach dieser mehr morphologischen als physiologischen Anschauung hat man sich das Leben als Wechsel von Jugend und Alter, von Zunahme und Abnahme an Kraft zu denken (Ἄνθρωπος,[26] ὅκως ἐν εὐφρόνῃ φάος, ἅπτεται ἀποσβέννυται nach Byw. Fr. 77, bei Diels verändert und ausführlicher). Diese Vorstellung läßt den Sinn der Wendung ζῆν τὸν θάνατον erst ganz deutlich werden. In einem andern Ausspruch: γενόμενοι ζώειν ἐθέλουσι μόρους τ᾽ἔχειν. μᾶλλον δὲ ἀναπαύεσθαι καὶ παῖδας καταλείπουσι μόρους γενέσθαι (Fr. 20) ist das Wort ἀναπαύεσθαι, ein Ausruhen zwischen zwei Abschnitten höchster Lebenstätigkeit, als Unterstützung dieser Auffassung wichtig.

Eine Konsequenz der beständigen Veränderung der Sinnenwelt – die folgerichtig auch auf den erkennenden Menschen ausgedehnt werden muß – ist der Zweifel an der Erkenntnis. Vor Heraklit hatte hier niemand ein Problem gesehen und es ist ein Beweis großer Energie des Denkens, den unbewußten Stolz überwunden zu haben, den eine Zeit, in der das philosophische Denken erst entsteht, darauf zu setzen pflegt. Aus den Grundzügen dieser Lehre hätte sich ein völliger Agnostizismus entwickeln lassen und Protagoras hat diesen Schritt wirklich getan, aber Heraklit war zu kraftvoll und positiv angelegt, um durch eine verneinende Stimmung seiner Philosophie eigentlich die Berechtigung zu nehmen, er konnte in den Hauptfragen nicht mißtrauisch und. ablehnend sein (wie es Lassalle durch Anführung jenes Faustzitats sagen will). Die Erkenntnislehre gehört nicht zu den wichtigen Problemen Heraklits. Nur weil sie den großen Hauptgedanken in ein schärferes Licht rückt, indem sie eine Einsicht in den ruhelosen, immer sich wandelnden Charakter der Welt und eine Überwindung des Augenscheins fordert, kann sie in diesem Zusammenhang Beachtung finden. (Fr. 21: θάνατός ἐστιν ὁκόσα ἐγερθέντες ὁρέομεν: die Außenwelt ist scheinbar ruhend. Arist. Metaph. I, 6: ὡς αἰσθητῶν ἀεὶ ῥεόντων καὶ ἐπιστήμης περὶ αὐτῶν οὐκ οὔσης. Diese Skepsis richtet sich nur gegen eine Wissenschaft, die bleibende Verhältnisse zugrunde legt. Fr. 107: κακοὶ μάρτυρες ἀνθρώποισιν ὀφθαλμοὶ καὶ ᾦτα βαρβάρους ψυχὰς ἐχόντων, d.h. für Menschen, die kritiklos bei der bloßen Sinneswahrnehmung stehen bleiben.)

Alle Schöpfungen der Kultur, Staat, Gesellschaft, Sitten, Anschauungen, sind Produkte der Natur; sie unterliegen denselben Bedingungen des Daseins wie die übrigen, dem strengen Gesetz,[27] daß nichts bleibt und alles sich verändert. Es ist eine der größten Entdeckungen Heraklits, diese innere Verwandtschaft von Kultur und Natur bemerkt zu haben. Der Widerstand und Ausgleich entgegenstehender Spannungen bedeutet dasselbe für das energetische Geschehen, was der Krieg für das Dasein der Menschen. (Fr. 8: πάντα κατ᾽ ἔριν γίνεσθαι.) Der Krieg rechtfertigt die aristokratische Rangordnung, die Heraklit liebte. Es kann keine ewigen und bleibenden Verhältnisse geben, Götter und Menschen, Freie und Sklaven sind dem Gesetz einer notwendigen Wandlung unterworfen (Fr. 53). Heraklit wußte genau, daß die Aristokratie damals in Griechenland untergehen mußte.

Es kann in diesem Chaos der Verwandlungen keine bleibenden Werte geben; das ist die letzte Folge einer solchen Anschauungsweise. Diese Erkenntnis, gegen die sich der Geist am längsten wehrt, vertrat Heraklit nachdrücklich. Wir haben ein vollkommen zu Ende gedachtes System des Relativismus vor uns. In der Tat: wo es keinen Stillstand und Ruhepunkt gibt, können die Begriffe der Ethik und Ästhetik nur für den einzelnen geltend und nur von Fall zu Fall angewandt werden. So ist es mit den Wertschätzungen körperlicher Schönheit (Fr. 82, 83), der Klugheit (ἀνὴρ νήπιος ἤκουσε πρὸς δαίμονος ὅκωσπερ παῖς πρὸς ἀνδρός Fr. 79), des Kostbaren, Angenehmen, Nützlichen (ὄνους σύρματ᾽ ἂν ἑλέσθαι μᾶλλον ἢ χρυσόν Fr. 9; Fr. 37, 58, 61, 110–111). Die Werte und Eigenschaften der Dinge liegen zwischen zwei Extremen und sind nur einer subjektiven Anwendung fähig.

1

Der Ausdruck ὁδὸς ἄνω κάτω findet sich mit Beziehung auf die Erscheinungswelt: μεταβολὴν ὁρᾷς σωμάτων καὶ γενέσεως ἀλλαγὴν, ὁδὸν ἄνω καὶ κάτω, κατὰ τὸν Ἡ ... (Maxim. Tyr. XII, 4 p. 489).

2

Teichmüller (I S. 137) glaubt eine gewisse Teleologie zu entdecken, ohne sie jedoch beweisen zu können.

3

Plut. cons. ad Apoll. 10. (Vgl. Bernays Rh. Mus. Bd. I S. 50.) Die vorhergehenden Sätze enthalten heraklitische Gedanken und beweisen obige Auffassung: ταῦτό τ᾽ἔνι ζῶν καὶ τεθνηκὸς καὶ τὸ ἐγρηγορὸς καὶ τὸ καθεῦδον καὶ νέον καὶ γηραιόν· τάδε γὰρ μεταπεσόντα ἐκεῖνά ἐστι κἀκεῖνα πάλιν μεταπεσόντα ταῦτα ... Οὕτο ἡ φύσις ἐκ τῆς αὐτῆς ὕλης πάλαι μὲν τοὺς προγόνους ἡμῶν ἀνέσχεν, εἶτα συγχέασ᾽ αὐτοὺς ἐγέννησε τοὺς πατέρας, εἶτα ἡμᾶς, εἶτ᾽ ἄλλους ἐπ᾽ ἄλλοις ἀνακυκλήσει. καὶ ὁ τῆς γενέσεως ποταμὸς οὗτος ἐνδελεχῶς ῥέων οὔποτε στήσεται ...

Quelle:
Oswald Spengler: Reden und Aufsätze. München 1937, S. 24-28.
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