§ 45. Die Prüfung des Wesens.

[344] Die Frauen, welche selbst bei stattfindender Werbung fest bleiben und scharf auf die Probe stellen, die zeigen ihre Zuneigung nicht offen: ihnen gegenüber bedarf es doch wohl[344] keiner besonderen Werbung? – So wird jetzt von der »Prüfung des Wesens« gehandelt:


Der Werbende prüfe das Verfahren der Frau. Danach erkennt man ihr Wesen. Man wende dann die Werbungen an.


»Das Verfahren«, Tun und Treiben, »prüfe« man. Denn wenn das erkannt worden ist »erkennt man ihr Wesen«, da es dadurch bedingt ist.

Wie wird sie erlangt? – Darauf antwortet (der Verfasser):


Wenn sie ihre geheimen Gedanken nicht offenbart, gewinne man sie durch eine Botin.


»Wenn sie ihre geheimen Gedanken nicht offenbart«, ihre Neigung nach Liebesgenuß nicht verrät, »gewinne man sie durch eine Botin«, da eine solche dreist ist.


Wenn sie die Werbung nicht annimmt, aber immer wieder mit ihm zusammenkommt, so wisse man, daß sie unschlüssigen Sinnes ist: eine solche gewinne man nach und nach.


»Wenn sie die Werbung nicht annimmt«, die von dem Liebhaber entgegengebrachte zurückweist, »aber immer wieder«, nachdem sie einige Tage gewartet hat, mit dem Liebhaber »zusammenkommt«, seine Gesellschaft sucht, »so wisse man, daß sie unschlüssigen Sinnes ist«, da sie zu prüfen hat, ob sie es tun soll oder nicht. »Eine solche gewinne man nach und nach«.

Hier gibt (der Verfasser) einen besonderen Fall an:


Wenn sie die Werbung nicht annimmt, aber ganz besonders geschmückt sich wieder zeigt und so mit ihm zusammen trifft, so wisse man, daß sie am einsamen Orte mit Gewalt gewonnen werden muß.


»Ganz besonders«: gegenüber der Art, wie sie sich früher schmückte, hervorragend geschmückt. – »Sich wieder zeigt«, vor dem Liebhaber »und so mit ihm zusammentrifft«, so gewinne man die »am einsamen Orte« befindliche Liebhaberin »mit Gewalt«, »man wisse«, daß sie mit Ungestüm erobert sein will.


Die sogar viele Umwerbungen sich gefallen läßt, aber selbst nach langer Zeit sich nicht hingibt, die ist eine Kokette und durch das Zunichtemachen des vertraulichen Umgangs zu gewinnen.
[345]

Die aus Festigkeit »sogar viele Umwerbungen sich gefallen läßt«, alle, die ihr entgegengebracht werden, »aber selbst nach langer Zeit«, sogar nach vielen Tagen, »sich nicht hingibt, die ist eine Kokette«; deren Beschäftigung besteht darin, inhaltslose Werbungen anzunehmen, indem sie außerordentlich genau geprüft werden muß. Sie »ist zu gewinnen durch das Zunichtemachen«, das Aufgeben, »des vertraulichen Umganges.«

Wie kann sie durch Aufheben desselben glücklich erreicht werden? – Darauf antwortet (der Verfasser):


Wegen der Unbeständigkeit des Sinnes bei dem Menschengeschlechte.


»Bei dem Menschengeschlechte«: das gibt die Sinnesart deutlich an: »wegen der Unbeständigkeit des Sinnes«, der Wankelmütigkeit des Herzens. Daher versöhnt man sich von selbst wieder, wenn der Verkehr abgebrochen worden ist.


Auch wenn eine Frau umworben wird, hält sie sich zurück; kommt nicht mit ihm zusammen, weist ihn aber auch nicht zurück, wegen dessen und ihrer eignen Hoheit und Stolzes. Diese ist nur mit Mühe auf Grund eines außerordentlich vertrauten Verkehrs zu erlangen. Er gewinne sie durch eine Botin, die ihre Schwächen kennt.


»Auch wenn eine Frau umworben wird, hält sie sich zurück«: manche, die zwar die Umwerbung verschmähte, kommt doch wohl noch zur Vereinigung? Darauf sagt (der Verfasser): sie »kommt nicht mit ihm zusammen«, »wegen ihres eignen Stolzes«; »weist ihn aber auch nicht zurück«, den Liebhaber, durchaus; wegen der Hoheit und des Stolzes, den dieser Liebhaber besitzt. »Diese ist nur mit Mühe auf Grund eines außerordentlich vertrauten Verkehrs zu erlangen«: bei einer solchen, überaus Festen nämlich bringt man Hoheit und Stolz nur schwer durch außerordentlich vertrauten Verkehr zum Weichen. Sie ist zu gewinnen »durch eine Botin, die ihre Schwächen kennt«, weil sie einer solchen willfährt.

Hier gibt (der Verfasser) einen besonderen Fall an:


Wenn sie ihn bei der Umwerbung in rauher Weise zurückweist, ist sie zu verschmähen.


»Wenn sie ihn in rauher Weise zurückweist«, mit harten[346] Worten ihn abweist, unter Geringschätzung seiner Werbungen aufnimmt.

Auch hierbei gibt (der Verfasser) einen besonderen Fall an:


Aber selbst, wenn sie ihn hart angelassen hat, suche er sie zu gewinnen, wenn sie Liebe zeigt.


Selbst wenn sie ein hartes Wort gesprochen hat, »suche er sie zu gewinnen«, umwerbe er sie wieder, »wenn sie Liebe zeigt,« nach Liebeserweisungen verlangt, indem sie dann Reue empfindet.


Aus einem bestimmten Grunde duldet sie die Berührung, will aber nichts merken, da sie unschlüssigen Sinnes ist: eine solche muß durch Ausdauer oder Geduld erlangt werden.


»Aus einem bestimmten Grunde«, aus irgend einer Veranlassung, »duldet sie die Berührung«, die Umwerbung, d.h., sie ist keine Kokette; »will aber nichts merken«: gerade als verstände sie die Absichten des Liebhabers nicht, duldet sie die Berührung. »Eine solche«, von dieser Beschaffenheit, »die unschlüssigen Sinnes ist«, wegen der sorgfältigen Überlegung, »muß durch Ausdauer oder Geduld erlangt werden«, d.h., man muß Geduld üben, indem man die Berührung nicht unterbricht.


Wenn sie in der Nähe ruht, lege er wie schlafend die Hand auf sie. Ebenso beobachtet sie ihn, indem sie gleichsam schläft. Erwacht aber weist sie ihn ab, indem sie nach mehr Werbungen verlangt.


»Wenn sie in der Nähe ruht«, prüfe er ihr Wesen durch innerliche Werbung. – Indem sie sich verstellt, weist sie ihn zurück. Weshalb? Darauf erwidert (der Verfasser): »Indem sie nach mehr Werbungen verlangt«. Sonst entsteht der Zweifel: ›Hat er im (wirklichen) Schlafe seine Hand hergelegt? Oder hat er es wohl in geheucheltem Schlafe getan, um mich zu umwerben?‹


Damit ist auch das Legen von Fuß auf Fuß angedeutet.


»Damit«, mit dem Handauflegen.


Wenn dies in Gang gekommen ist, so verschreite man weiter zur Umarmung der Schlafenden. Wenn sie das nicht duldet und sich erhebt, aber am nächsten Tage ihr gewöhnliches Wesen zeigt, so wisse man, daß sie nach Werbung verlangt.[347] Läßt sie sich aber nicht blicken, so wisse man, daß sie durch eine Botin gewonnen werden muß.


»Wenn dies«, das Auflegen der Hand und des Fußes, »in Gang gekommen ist«, emsig getrieben worden ist, »so verschreite man zur Umarmung der Schlafenden«, zu Umarmungen der in erheucheltem Schlafe Liegenden, Küssen usw. – »Das«, die Umarmung. – »Wenn sie sich erhebt«, von dem Lager, »aber am nächsten Tage ihr gewöhnliches Wesen zeigt«, nicht erzürnt ist, »so wisse man, daß sie nach Werbung verlangt«; d.h., wenn sie sich wieder sehen läßt, so umwerbe man sie weiter, indem sie noch keinen festen Entschluß gefaßt hat. – »Läßt sie sich aber nicht blicken« in ihrem gewöhnlichen Wesen, »so wisse man, daß sie durch eine Botin gewonnen werden muß«, da sie dieser zukommt.


Wenn sie in der gewöhnlichen Verfassung mit ihm zusammenkommt, nachdem sie sich lange Zeit nicht hat blicken lassen, nähere er sich ihr, da sie ja gekennzeichnet und ihr Wesen durchschaut ist.


Wenn sie das aber nicht erträgt, sich erhebt und, nachdem sie »lange Zeit«, viele Tage, »sich nicht hat sehen lassen«, wiederum »in der gewöhnlichen Verfassung«, ohne zu zürnen, »mit ihm zusammenkommt«, seine Gesellschaft sucht: wenn es sich so verhält, dann »nähere er sich ihr«, umwerbe er sie, »da sie ja gekennzeichnet ist«, Gelegenheit bietet »und ihr Wesen durchschaut ist«, indem sie ja ganz außerordentlich unentschlossen ist.


Selbst nicht umworben verrät sie sich; in der Einsamkeit offenbart sie ihr Selbst; sie spricht unter Zittern und Stocken; sie hat schwitzende Finger und Zehen und schwitzendes Gesicht; zu dem Drücken des Kopfes und Massieren der Schenkel bietet sie sich selbst dem Liebhaber an; eine Kranke und Masseuse, die mit der einen Hand massiert, deutet die Berührung an und umarmt ihn mit dem anderen Arme; im Zustande des Erstaunens oder schlaftrunken steht sie da, indem sie ihn mit beiden Schenkeln und Armen berührt; sie legt eine Stelle der Stirn auf seine Schenkel; mit dem Massieren der Verbindungsstelle der Schenkel beauftragt ist sie nicht widerhaarig; dabei läßt sie die eine Hand unbeweglich liegen; erst nach geraumer[348] Zeit nimmt sie sie weg, nachdem er sie mit der Zange seiner Glieder gepreßt hat. Nachdem sie so die Werbungen des Liebhabers angenommen hat, kommt sie am nächsten Tage wieder, zum Massieren. Sie ist nicht übermäßig vertraut, weist ihn aber auch nicht zurück. Am einsamen Orte offenbart sie ihren Zustand und auch anderswo als an versteckten Stellen, offen, ohne Grund. Wenn sie nur von einem in ihrer Umgebung befindlichen Diener genossen werden kann und dabei verharrt, obwohl sie ihr Wesen verraten hat, dann ist sie durch eine Botin zu gewinnen, die ihre Schwächen kennt. Wenn sie aber auch diese zurückweist, dann ist sie verdächtig. Soweit »die Prüfung des Wesens«.


»Umworben« zeigt sie ein Wesen, welches ihre Neigung andeutet. Wenn sie dabei spricht, geschieht es »unter Zittern« und »unter Stocken«. – »Sie hat schwitzende Finger und Zehen und schwitzendes Gesicht«, indem ihre Erregung ganz besonders nahe ist. – »Eine Kranke«: einer solchen gegenüber kann man durchaus entschlossen sein. Trotz dieses Zustandes aber umwirbt sie den Liebhaber am einsamen Orte indirekt. »Masseuse«: manchmal zeigt eine, die unentschlossen ist, ihr Wesen mittels des Massierens. Sie »deutet die (Wonne der) Berührung an«, läßt den Liebhaber ihre eigene (Wonne) merken, »im Zustande des Erstaunens«: ihr Zustand ist der, den man das Erstaunen nennt. Die Berührung andeutend und auch ohne Berührung schon voller Erstaunen »umarmt sie ihn«, preßt sie ihn mit dem »anderen Arme«. – Das Wort »oder« bedeutet die Unterbrechung der Reihenfolge. – »Sie verweilt«, in erheucheltem Schlafe, »indem sie ihn mit beiden Schenkeln und Armen berührt«. – »Sie legt eine Stelle der Stirn«, den vorderen Teil. Während sie massiert, »ist sie nicht widerhaarig«: dieses Massieren finde statt. – »Dort«, an der Verbindungstelle der Schenkel, »läßt sie die eine Hand unbeweglich liegen«, sie tut nichts damit, ohne seinen ausdrücklichen Befehl (??), um nicht die Schamgegend zu berühren. – »Mit der Zange seiner Glieder«, mit der Zange der beiden Schenkel. »Erst nach geraumer Zeit nimmt sie sie weg«, nachdem der Liebhaber sie »gepreßt« hat; damit sein Verlangen nicht unterbrochen wird. – »Die Werbungen des Liebhabers«:[349] wenn sie bei dieser Gelegenheit oder ein andermal die Werbungen des Liebhabers gesehen, seine Neigung »angenommen hat, kommt sie wieder zum Massieren«, da das Ziel noch nicht erreicht ist. – »Nicht übermäßig«: bisweilen zeigt eine, die infolge ihrer außerordentlichen Festigkeit ihre Neigung verbirgt, ihren Zustand von selbst, ist aber dabei nicht übertrieben »vertraut, weist ihn aber auch nicht zurück«. – »Am einsamen Orte offenbart sie ihren Zustand«, damit es kein anderer merkt. »Auch anderswo als an versteckten Stellen«, im Menschengetümmel, offenbart sie ihre geheime Neigung. Wieso ist sie geheim? ...1


Hier gibt es einige Verse:

Zuerst knüpfe man Bekanntschaft an, darauf eine Unterhaltung; und mit der Unterhaltung vermischt erfolge zugleich die Ergründung des Wesens.

Wenn der Mann aus der Gegenrede ersieht, daß sein Wesen einen Widerhall findet, dann umwerbe er die Frau ohne Bedenken.

Die Frau, welche durch ihr Äußeres ihre Neigung früher zur Erscheinung bringt, die ist schnell zu umwerben bei dem ersten Sehen.

Eine aber, die nur wenig durch ihr Äußeres verrät, jedoch offen Antwort gibt, auch diese ist zu beurteilen als im selben Augenblicke zu gewinnen und als wollustverlangend.

Bei einer festen, unentschlossenen und prüfenden Frau gilt diese kurze Regel: nun ist es klar, wie die Weiber gewonnen werden.

Fußnoten

1 Von hier bis zum Anfang des nächsten Paragraphen Lücke im Kommentare.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 344-350.
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