§ 59. Das Bezaubern der Frauen[469] 1.

Das Lehrbuch der Liebe ist abgeschlossen: wer nun aber nach den dort genannten Regeln das erwünschte Ziel nicht erreicht, der halte sich an diese Upaniṣad.

Schönheit2, Vorzüge, Jugend3 und Freigebigkeit4 bilden das Bezaubern. Eine Salbe aus Tabernaemontana coronaria, Costus5 und Flacourtia cataphracta-Blättern wirkt bezaubernd, Ebenso der (als Augensalbe verwendete) Ruß, den man aus eben diesen in einem Menschenschädel bereitet, nachdem man sie gut zerrieben und den Lampendocht mit dem Öle der Terminalia Bellerica6 bestrichen hat. Ebenso bildet eine (bezaubernd wirkende) Salbe das Sesamöl, welches man mit (den Wurzeln7 von) Boerhavia procumbens, Sida cordifolia (rhombifolia), Ichnocarpus frutescens, gelbem Amaranth und Blättern8 von blauem Lotus zubereitet. Auch damit versehene Kränze. Wer ein Pulver aus Staubfäden von getrocknetem Nelumbium speciosum, blauem Lotus und Mesua Roxburghii mit Honig und zerlassener Butter schluckt9, der wird reizend.[469] Eben diese, verbunden mit den Blättern von Tabernaemontana coronaria, Flacourtia cataphracta und Xanthochymus pictorius geben eine (bezaubernd wirkende) Salbe. – Man trage das Auge eines Pfauen10 oder einer Hyäne11, mit Gold bestrichen12, in der rechten Hand: das wirkt bezaubernd. Ebenso (trage man) ein Brustbeeren-13 und ein Muschelamulett14. Bei diesen15 bringe man die Praktiken des Atharva-Veda zur Anwendung.

Eine Dienerin, die unter Lernen und Unterricht in das jugendliche Alter getreten ist, halte ihr Herr von anderen nur ein Jahr lang fern. Dann gebe er sie demjenigen, der im Wetteifer um sie viel gibt16, unter den Besuchern, die voller Verlangen sind, da sie merken, daß das Mädchen ferngehalten wird. Das mehrt die Beliebtheit.

Eine Kurtisane halte ihre Tochter, die das jugendliche Alter erreicht hat, in sicherem Gewahrsam, mit der Bestimmung, daß, nachdem sie (die Liebhaber) ihrem17 Wissen, Charakter und Schönheit entsprechend versammelt hat, der Beste unter ihnen ihre Hand bekommen solle, wenn er ihr das und das gebe. Auch ohne Wissen ihrer Mutter ergötze sie sich fleißig mit den reichen Söhnen der Elegants. Mit diesen treffe sie sich bei dem Unterrichte in den Künsten, in der Konzerthalle, in dem Hause einer Bettelnonne und sonstwo. Diese lasse die Mutter, wenn sie wie vorgeschrieben zahlen, die Hand der Tochter ergreifen. Wenn sie aber einstweilen so viel Geld18 nicht bekommt, tue sie es von ihrem eigenen Teile dazu und sage der Tochter, daß jener das gespendet habe. Oder, wenn sie sich heimlich mit[470] jenen verbunden hat, wobei sie sich unwissend stellt19, melde sie es vor den Richtern, die ihr bekannt sind.

Wenn aber die Tochter mit Unterstützung einer Freundin oder Sklavin den Mädchenstand verlassen20, das Lehrbuch der Liebe erfaßt hat und in den Kniffen, die nur durch Übung zu erlernen sind, vorgeschritten ist, entlassen die Kurtisanen sie in vorgeschrittenem Alter und Glücke. – Das ist zunächst21 das passende Verhalten.

Die Ehe dauert ein Jahr ohne Untreue; danach sei (die Hetäre) frei in der Liebe. Wird sie auch nach Ablauf des Jahres von dem Gatten eingeladen, so gehe sie die betreffende Nacht sogar mit Verzicht auf einen Gewinn22 zu ihm. Das sind die Regeln für die Verheiratung der Hetären und die Mehrung der Beliebtheit. Damit sind auch die Mädchen der vom Theater Lebenden abgetan, nur mögen dieselben sie demjenigen geben, der ihnen besonders schöne Instrumente schenkt. – Soweit das Bezaubern.

Fußnoten

1 Die Anmerkungen zu den §§ 59–64 sind der Ausgabe des Kommentares des Yaśodhara entnommen, die Kedār Nāth 1905 veröffentlicht hat.


2 Die durch tägliches Baden und die sonstigen Mittel der Körperpflege gehoben wird. Vgl. § 4, S. 63.


3 Jugend hilft alles erreichen; ein Graukopf aber hat gerade bei den Frauen kein Ansehen. Wenn er jedoch zu Toilettemitteln, wie z.B. Haarfärben seine Zuflucht nimmt, erregt er keinen Abscheu mehr.


4 Das ist die Hauptsache: ein Häßlicher, Vorzügeloser und Alter wird von allen aufgesucht, wenn er nur freigebig ist.


5 Nach dem Kommentar ist weißer gemeint: kuṣṭhaṃ yac chvetam.


6 akṣatailena vibhītakatailena.


7 So nach dem Kommentare.


8 Man muß von den inneren nehmen, nicht von den äußeren.


9 Als Laxiermittel. Es wirkt aber erst nach einem Monat.


10 Dessen Schwanz nicht zerzaust ist.


11 Einer brünstigen. Ihre Brunst fällt in die heiße Jahreszeit. Es kann das rechte oder linke Auge sein.


12 Mit einem Blättchen aus lauterem Golde während der Konstellation puṣya umwickelt.


13 Eine Kugel, die man aus der oberen zarten Wurzel des badara-Baumes (Zizyphus Jujuba) herstellt.


14 Aus einer von links nach rechts gewundenen śaṅkanābhi-Muschel hergestellt.


15 Bei diesen Vorschriften über das Tragen von Amuletten.


16 durlabhaṃ hi priyam anvitaṃ ca bhavatīti prāyovādaḥ!


17 Der Tochter.


18 Wie ausbedungen war.


19 Sie will damit andeuten, daß sie den intimen Verkehr nicht gebilligt hat.


20 aṅgulikarmaṇā hāritakaumāravidhiḥ, sagt der Kommentar.


21 Kedār Nāth liest prācyopacārāt statt des prāpyo der Ausgabe.


22 Den sie von einem anderen Besucher haben könnte.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 469-471.
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